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Periodical volume Nr. 107, 2. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
Das Riesenfernrohr, dessen Besucherzahl sich bereits 
auf 5000 beläuft, wird heute über acht Tage bei der dann statt 
findenden Sonnenfinsterniss zuerst in Betrieb gesetzt werden. Einst 
weilen erregen auch die anderen Fernrohre, welche im Fernrohr 
gebäude untergebracht sind und am Tage die Sonnenflecke theils 
in directer Ansicht, theils in Projection zeigen und am Abend auf 
den Mond gerichtet werden, grosses Interesse. Angenehm für viele 
Besucher der Ausstellung, ist auch der Umstand, dass am Fernrohr 
gebäude jetzt täglich di£ Wetterkarten und Wetterberichte der Ham 
burger Seewarte angeheftet sind, sodass man sich über den voraus 
sichtlichen Gang der Witterung leicht orientiren kann. 
* 
Die Marine-Schauspiele werden in der heutigen 
[Abendvorstellung das gesummte Rüstzeug ihrer vielfältigen 
Manöver in das Feld führen, lorpedesprengungcn, Rammen, 
Scharfschiessen nach der schwimmenden Scheibe werden die 
üblichen Seemanöver ergänzen und vervollständigen. Aber 
auch zwei Neuheiten werden hei dieser Gelegenheit, ihre Auf 
wartung machen: die Schiffe werden mit dampfenden 
Schloten manövriren und vor der Yacht „Hohenzollern“ volle 
Flaggenparade führen, fliese geschickt erdachten Ergän 
zungen werden das Schauspiel noch interessanter machen 
als vorher; die Wirklichkeit hat nun nur noch die Grösse 
der Fahrzeuge und den Ernst der Handlung voraus. Den 
Rest des reizvollen Abends wird eine Extra vor Stellung der 
Girandola bilden, bei der es an effectvollen und niedlichen 
XJeberraschungen nicht fehlen wird. 
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Beim Kehraus. Gestern bot die Bühne des Theaters 
'Alt-Berlin einen recht trostlosen Anblick, nur ein schwacher 
Lichtstrahl fiel seitwärts durch eine offene Thür, durch welche 
Hecorations gegenstände hinausgebracht wurden. Her riesige 
Raum war fast leer, nur drei Arbeiter langweilten sich darin, 
um den Wagen zu erwarten, der die letzte leinene, gemalte 
Herrlichkeit für immer fortführen sollte, Soffitten und Pro- 
specte lagen zusammengerollt am Boden, viele Dutzende von 
Tauen und Leinen baumelten vom Schnürboden herab, der 
grosse Vorhang war aufgezogen und gestattete einen Blick 
in den mächtigen Zuschauerraum, der noch ganz unversehrt 
geblieben; hier stehen noch sämmtliche Möbel und die rothen 
Behänge mit den goldenen Adlern und Löwen erzählen von 
geträumtem Reichthum. Von der Bühne hingegen sind alle 
Versatzstücke verschwunden, nur im ungewissen Lichte des 
Hintergrundes schimmert die Reiterfigur des Grossen Kur 
fürsten, gespenstisch leuchtet die matte Bronze des Bildes, 
beim Nähertreten findet man, dass der hohe Reiter auf Rä 
dern steht und den Eindruck eines Riesenspielzeugs im Spiel 
zimmer von Riesenkindem macht. Etwa ein Dutzend hoch- 
lehniger Ledersessel stehen umher, darunter ein doppelsitzi- 
ger, der wohl als Thron gedient haben mag, ein Korb mit. 
leeren Bierflaschen, ein paar Blecheimer mit - schmutzigem 
Wasser, ein Besen und ein Häuflein Lattenwerk auf demFuss- 
tboden passen schlecht hierzu. Vorn am Eingang functio- 
nirt noch das Telephon; es wird angeklingelt, aber kein 
Menscht nimmt davon Notiz; Signalapparate, Signalglocken 
und Feuermelder sind noch vorhanden, auch ein Schaltbrett 
und zahlreiche Glühlampen für die Beleuchtung der Coulis 
sen und Soffitten, der Souffleurkasten hängt melancholisch 
nach einer Seite, oben sucht ein Sperlingspaar laut zwit 
schernd einen Ausgang aus dem ungastlichen Raume. Ein 
paar Neugierige stehen am Eingang, einer ruft bedauernd 
aus: „Schade um das grosse, sebpne Theater!“ „Ja,“ be 
merkt ein Arbeiter richtig, „jetzt heisst es schade, und als die 
[kostspieligen Ausstattungsstücke gegeben wurden, liess uns 
das Publikum im Stiehl!“ „Am besten ist’s“, sagte sein Ka 
merad, „Bühne und Zuschauerraum wird vereinigt zu einem 
Tanzsaal, Sie sollen mal sehen, was da für Menschen koinincn 
werden, ein Tanzsaal fehlt in der Ausstellung!“ Im ehema 
ligen Directionsbureau sass ein Beamter und schrieb. Ein 
^Passant rief ihm barsch zu: „Machen Sie, dass Sie raus 
kommen, hier habt Ihr nischt mehr zn suchen.“ — Man ath- 
gnete ordentlich auf beim Betreten des grossen, freundlichen 
Theater-Restaurants, an dessen Eingängen noch die Kassen 
stehen mit den Aufschriften : Kasse links, Kasse rechts. Sie 
waren schon geraume Zeit überflüssig. 
V 
Dass die Bronzetechnik auf der Gewerbe-Ausstellung 
besonders glänzend vertreten ist, kann man nicht sagen, aber unter 
so vielen Lampenträgerinneu, Zierfiguren, Nippessachen, die wir in 
diesem Theile der Ausstellung finden, ohne aus einer gewissen 
Allgemeinheit der Eindrücke heraus zu kommen, müssen ein paar 
echte Kunstwerke hervorgehoben werden, vor denen der Kunstfreund 
unwillkürlich stehen bleibt. Es sind das mehrere Arbeiten aus der 
Bronzegiesserei von Hugo Spangenberg in Berlin. Ein »trinkender 
Knabe« von Tübbecke modellirt, in reichem Bronzeguss vortrefflich 
gerathen, entfaltet alle Reize dieses schwer zu behandelnden Materials 
und frappirt durch die erstaunliche Lebendigkeit der Formenwirkung. 
Der nackte Knabe hält einen antiken Flascbenkrug mit beiden Armen 
fest und trinkt weit zurückgebogen aus dem unhandlichen Gefäss. 
Dieses Kunstwerk ist an sich schon vom Bildhauer entzückend be 
wegt, voll von Lebens Wahrheit und naiver Beobachtung. Der Bronze- 
giesser ist selbstverständlich immer abhängig von dem Tact des 
Bildhauers, der versuchen muss, sein Modell schon so zu behandeln, 
dass es hinterdrein wirklich dazu dient, die Schönheiten der Bronze 
selbst zu entwickeln und dieser als Originalschöpfung erscheint, die aus 
dem Material selbst charakteristisch herausgewachsen ist. Das ist 
hier der Fall, und unter diesen Umständen erscheint denn auch die 
technische Arbeit des Kunstgiessers besonders glücklich. Ueberaus 
naturalistisch und klar empfunden wirken sich die Formen des 
munteren Bengels aus dem Metall heraus. Die malerische Rauh 
heit der Flächentechnik hebt die lebendige Wirkung. In polirter 
Technik ist ein »Ruhender Alexander der Grosse* nach Professor 
Herter’s Entwurf von derselben Firma ausgeführt. Hier erfreut die 
grosse Eleganz der Behandlung in der Art antiker Bronzen; ausser 
ordentlich weich und biegsam trägt sich derStoff vor; es ist jedenfalls auch 
in dieser Manier eine der besten Arbeiten auf der Ausstellung. Ganz 
entzückend aber sind ein paar Miniaturbronzen in Natur-Patina 
nach Modellen von Professor Wiese-Hanau. Reitende Kalmücken 
auf flott bewegten Gäulen. Alle Reize der Bronze in ihrer male 
rischen Formenenergie mit allen zierlichen Details der Klein 
technik sind hier sozusagen blossgelegt. Man hat in norddeutschen 
Bildhauerirreisen und demgemäss unter den Bronzetechnikern nicht 
allzu viel Sinn für diejenigen Formencharaktere, in denen das 
Material seine eigentliche Schönheit entwickelt; um so mehr ist es 
lehrreich, an den genannten Meisterstücken nicht achtlos vorüber 
zugehen. 
9 
Perl - Lampenschirme. Eine eben so originelle, 
wie interessante Industrie vertritt im Hauptgebäude (Gruppe VII) 
die Firma L. Wendelburg ge>\ Hei.uts mit ihren reizenden 
Perl- und Steinlampcnschirmen, die bereits auf mehreren grossen 
Ausstellungen, so u. a. in Brüssel und London prämiirt sind und 
sich auch hier allgemeiner Anerkennung erfreuen. Aus geschliffenen 
buntfarbigen Perlen- und Edelstein-Imitationen mit ebenso sorgfältiger 
Technik, wie vornebnem Geschmack zusammengesetzt, vereinigen 
diese Schirme das Nützliche mit dem Angenehmen, indem sie 
einestheils dem Auge den nöthigen Schutz gewähren, anderntheils 
dasselbe durch die prächtigen und doch milden Farbeneffecte er 
freuen, welche durch die Lichtbrechung an den Perlen- und Stein 
behängen der Schirme erzeugt werden und gleich einem Kaleidoskop 
wirken. Die sämmtlichen Fabrikate der Finna, unter denen ein 
grosses Prachtstück ganz besonders in das Auge fällt, sind ausser 
ordentlich solide und dauerhaft gearbeitet und geeignet, jahrelang 
einen vornehmen Schmuck jedes Salons oder eleganten Wohnzimmers 
zu bilden. Auch in Perlblumen, sowie in Krausblumen in Gold 
und Silber leistet die Firma sehr Anerkennenswerthes und zeichnet 
auch diese Arbeiten vorwiegend die höchst geschmackvolle Farbeu- 
zusammenstellung sowie die gründliche technische Behandlung aus. 
9 
Hermann Ganswindt’s Motore. In Schöneberg, 
fernab von den eleganten, modernen Strassen des freundlichen 
■Vorortes, auf freiem Felde, hat sich der Erfinder Hermann 
Gonswind t eine eigene Ausstellung erbaut. An den Ufern 
eines künstlich ausgeschachteten Kanals, um welchen sich
	        
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