Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

16 OffirieUe Ausstcltungs Nachrichten.
Stück, welches vielleicht fünfhundert Mal gegeben wird, hinter
einander spielen müssen!
Vor dem Portal von Alt-Berlin steht eine sehr distinguirt
aussehende Gesellschaft von älteren Herren und Damen. Man
sieht ihnen die Liebenswürdigkeit und Vornehmheit an, und eine
ver Damen, wie ich ausdrücklich bemerke, eine ältere, wendet sich
an mich und fragt, ob es nicht möglich sei, Eintritt zu erhalten.
Die Dame zeigt sich so liebenswürdig, daß es grausam von
mir wäre, wenn ich mich nicht sofort noch einmal erböte, einen
Rundgang durch Alt-Berlin zu machen. Es erfolgt gegenseitige
Vorstellung, und ich habe mich nicht geirrt, als ich die Gesellschaft
zu den besten Kreisen gehörig taxirte. Es ist meine Pflicht als
Aussteller, als Geschäftsmann, als ein kleines Organ der Aus
stellung solchen Leuten gegcnliber möglichst liebenswürdig zu sein.
Ich führe auch diese Gruppe durch Alt-Berlin, indem ich
dabei an mir eine sonderbare Wahrnehmung mache. So oft ich
nämlich nach etwas gefragt werde, steigt bei mir eine Art Wuth auf.
Es konunt mir geradezu wie eine persönliche Beleidigung
vor, wenn mich jemand fragt, wie der dicke Thurm heißt; zeit
weise tritt Gedankenschwund bei mir ein; ich weiß selbst garnicht
mehr, was die Leute interessiren könnte; mir erscheint alles schaal
und gleichgiltig.
Auch das geht vorüber, wir gehen durch den Südpark und
sehen Kairo in der Ferne, wieder ist es eine der Damen, welche
sagt: „Schade schade, daß Kairo auch nur durch einen besonderen
Passirschein zugänglich ist; wie gern hätten wir uns das auch an
gesehen, aber man hat ja nicht immer das Glück, einen so liebens
würdigen Führer zu finden."
Ich werde darauf von den Herrschaften nnt einer Flut von
Dankesbezeugungen überschüttet, und selbstredend gab es große
Freude, als ich erklärte, daß ich auch einen Passirschein für Kairo
besäße und es mir ein Vergnügen sein würde, die Herrschaften
hindurch zu führen. Wirklich, diese netten Leute erdrückten mich
mit Dankesbezengungen! Anderthalb Stunden geht es durch Kairo.
Als ich mit der Gesellschaft endlich herauskomme, steht vor
dem Portal Günther mit einer älteren und einer jüngeren Dame.
Günther ist früher Buchhalter bei mir gewesen, und hat sich seit
noch nicht langer Zeit etablirt. Ich weiß, er schlägt sich, so gut
es geht, durch; er war immer ein anständiger und achtbarer Mensch.
Als er meiner ansichtig wird, leuchtet es freudig auf in seinen
Augen; er kommt auf mich zn und sagt: „Hochverehrter ehemaliger
Chef, Sie erscheinen mir geradezu als Lebensretter: ich muß nach
Kairo hinein! Borgen Sic mir Ihren Passepartout!"
Das kann ich nicht, da man ihn sofort festnehmen würde.
„Aber ich muß hinein", sagt er mit Verzweiflung in der
Stimme. „Sehen Sie die beiden Damen, meine zukünftige Schwieger
mutter und meine zukünftige Braut. Bis jetzt ist es noch nicht
zur Erklärung gekommen, aber morgen oder übermorgen wird die
Sache spruchreif. Sie wissen, wie nöthig für mich eine reiche
Partie ist. Wirklich, es handelt sich um meine Existenz, meine
Zukunft, ja mein ganzes Leben. Die beiden Damen sind auf der
Durchreise und fahren übermorgen wieder ab!"
Man müßte doch ein Barbar sein, wenn man einer so
dringenden Bitte gegenüber hart bleiben könnte! Fünf Minuten
später bärenführe ich also Günther mit seinen beiden Damen durch
Kairo und selbst die beiden Esel, die auf dem Bauplatz vorläufig
noch als Rentiers leben, grinsen mich schadenfroh an.
Als ich mit dieser Gruppe herauskomme, ist wieder ein Tag
vergangen.
So ist es mir zwanzig, ja dreißig und vierzig Mal er
gangen. Ich führte das Leben eines Bagabonden, habe mit
meiner Bärenführerei meine Freunde vernachlässigt, habe mir
Geldauslagen gemacht, sehr viel Aergernisse zugezogen und mich
meiner Familie entzogen.
Daß ich jetzt durch den neuesten Ukas des Arbeits-Aus
schusses von dieser Pflicht befreit bin, kann ich nicht dankend
genug anerkennen.
Nach Eröffnung der Ausstellung werde ich nur noch in
seltenen Fällen die Bärenführerei fortsetzen. Dann giebt es in
der Ausstellung angestellte Führer, welche vorzüglich über Alles
orientirt sind, und Bedürftige können sich dann an diese wenden.
Bei den Vorbesuchern aber hielt ich es für meine Pflicht, meine
Kenntniß der Verhältnisse der Ausstellung in den Dienst von
Freunden und Bekannten, wenn es darauf ankam auch in den
Dienst Fremder zu stellen.
Gott sei Dank, daß diese „Bärenführerei" nun vorüber ist!
W. Piehlmann.
Herrn Friedrich I. Da Sie das Hammer-Placat der Ausstellung
sogar zum Dichten begeistert hat, bringen wir, obgleich wir sonst Gedichte
nicht veröffentlichen, wenigstens an dieser Stelle ausnahmsweise Ihr
Gedicht zum Abdruck.
Das Hammer-Placat.
Du deutest, wie mit treuem Fleiß
Der Handwerksmann den Hammer schwingt.
Und wie der rege Menschengeist
Die Erdenkruste kühn durchdringt.
Wie er aus tiefem dunklen Schacht,
Die rohen Schätze des Vulcan
Mit Händefleiß und Feuersmacht,
Zu nüy'gen Dingen formet an.
— £ möge nie der Tag erscheinen.
Wo du den Hammer mit dem Schwert
Vertauschen mußt, um zu vertreiben
Den Feind, zu schirmen deutschen Herd.
Sei du ein Bild von deutschem Schaffen,
Von Mannesmuth und deutscher Wehr;
Mög' nie die mark'ge Faust erschlaffen,
Zu Deutschlands Nutz und Dentschlands Ehr'.
H. W. P. in Berlin. Auch wir haben es gesehen, daß jene-:-
Correspondenzbureau für seinen Artikel „Gartenbau-Ausstellung" unseren
Artikel in Nr. 2 „Auf märkischem Sand" sehr stark benutzt hat. Für die
Berliner Fouilletonisten, welche Artikel für die deutschen Tageszeitungen
über die Berliner Gewerbe-Ausstellung schreiben, ist unser Blatt über
haupt eine Fundgrube. Jede unserer Nummern inspirirt die Herren zu
Feuilletons, die sie dann stolz „Original-Feuilletons" nennen.
Herrn D. M., Prinzenstraße (Vegetarisches Speisehaus).
Wenn sich solche Leute noch jetzt bei uns melden sollten, werden wir
ihnen Ihre Adresse angeben. Es dürfte wohl aber jetzt schon für der
artige Unternehmungen zu spät sein. In vier Wochen wird die Aus
stellung eröffnet.
Herr» Tischlermeister M. Pi. in Schroda. Sie können Ihre
Bienen-Völker auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung nicht ausstellen, weil
Sie Ihren Wohnsitz nicht in Berlin haben. Eine Annieldung käme über
haupt jetzt zu spät.
Geschäftliche Mittheilungen.
Ein Prachtaibum der Gewerbe-Ausstellung. Ern großes, vornehmes
und dennoch im Preise sehr niedriges Prachtw e r k rnit guten Illustrationen
nach Photographiern und einem gediegenen begleitenden Text unter betn
Titel Berliner Gewerbe-Ausstellnng 1896 befindet sich zur Zeit in
Vorbereitung bei einein namhaften hiesigen Verlage"), der, wie wir hören,
die alleinigen Reproductionsrechte für autotupischen Buchdruck (der eigent
lichen Photographie gleichkommendes Verfahren) von beut „Verband für
Photographie" erworben hat. Es wird somit dieses Buch das einzige
illustrirte Ausstellungswerk sein, welches die Errungenschaften, die sich in
der Berliner Gewerbe-Ausstellung verkörpern, durch eine absolut genaue
Wiedergabe für alle Zeiten festhalten kann. Den Reproductionen wird der
Text bekannter Schriftsteller beigegeben und damit ein unterhaltendes und
belehrendes, in jeder Weise erschöpfendes fesselndes Gemälde der gesamniten
Ausstellung geboten.
Das Buch soll gegen Ende Juni in einem hübschen Prachtbande zu
sehr mäßigem Preise und schon vorher in vier Theilen zu je. l.— Mt. er
scheinen und nicht nur das ganze Leben in der eigentlichen Ausstellung,
ihre sämmtlichen Gebäude, hervorragenden künstlerischen und technische»
Objecte, Garten-Anlagen u. s. w., sondern auch die sämmtlichen Sehens
würdigkeiten der Neben-Ausstellunge»: Alt-Berlin, Colonial - Ausstellung,
Kairo, sowie schließlich die Hauptpunkte unserer Reichshauptstadt enthalten.
Das Ganze wird so gehalten werden, daß es für den Besucher und Aus
steller eine dauernde Erinnerung sein wird und denjenigen, welchen es nicht
vergönnt ist, die Wunder der Wämderstadt selbst zu sehen, ein getreues Bild
derselben entrollen kann.
Der erste der vier Theile ist bereits soweit gediehen, daß er zur Er-
öffttung am ft. Mai fertig vorliegen tvird. Er umfaßt ungefähr 50 Seiten
großen Formats, von denen zwei Dritttheile Abbildungen der bis dahin
fertigen Sehenswürdigkeiten sind.
Wir werden auf seinen Inhalt im Einzelnen nochmals zurückkommen.
*) Der durch seine Publikation „Im Fluge durch die Welt" in weitesten
Kreisen bekannte Verlag The Werner Company. Diese Firma hat auch
seiner Zeit das große Werk über die Ausstellung in Chicago verlegt.
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