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Volume Nr. 10, 4. April 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

OfftcieUc AnssteUungs-Uachrichtett 
15 
Abends widme ich mich gern meinen Freunden oder den Freuden 
des häuslichen Herdes. 
Seitdem nun der Massenandrang des Publikums nach dem 
Ausstellungsgelände stattfindet, seit acht.Wochen ungefähr, ist eine 
gänzliche Verschiebung meiner Tageseintheilung, ist eine schwere 
Schädigung meiner Geschäfts- und Familienverhältnisse eingetreten. 
Dabei bin ich an der ganzen Sache unschuldig; das Schicksal ist 
es, welches mich wider meinen Willen zum „Bärenführer" ge 
macht hat! > 
Lassen Sie sich einen einzigen Tag meines bisherigen Daseins 
schildern! 
Unsere Firma baut draußen im Ausstellungsterrain einen 
Pavillon. Ich beschließe, .auf eine Stunde, auf eine einzige Stunde 
nach der Ausstellung zu fahren. Ich verabrede mich für später 
im Geschäft mit mehreren Bekannten und Geschäftsfreunden, bestelle 
mir zu Hause mein Leibgericht, verabrede mit meiner Familie, 
Nachmittags mal bei dem schönen Wetter einen Spaziergang zu 
machen, und zum Abend mit einem Freunde eine Besprechung 
communaler Natur. Es ist mein fester Entschluß, wirklich nur 
anderthalb bis zwei Stunden auf die ganze Fahrt nach der Aus 
stellung zu verwenden. Um 9.58 besteige ich auf dem Potsdamer 
Bahnhof die Ringbahn, um nach Treptow zu fahren. Mir gegen 
über fitzt ein alter, graubürtiger Herr, welcher indeß noch sehr 
rüstig aussieht. An den Blicken, die der Herr bald nach rechts, 
bald nach links aus dem Wagenfenster wirft, erkenne ich den 
Fremden. Als mir an dem Tempelhofer Felde vorüber fahren, 
bemerke ich ein stets sich mehrendes Erstaunen aus dem Gesichte 
des Fremden, bis er schließlich in die Worte ausbricht: 
„Ja, ist denn die Ausstellung noch so weit zurück? Man sieht 
ja noch kein einziges Gebäude!" 
Es stellt sich heraus, daß der fremde Herr das Tempelhofer 
Feld für den Ausstellungsplatz hält, und ich mache ihm nun klar, 
daß wir bis zur Ausstellung noch ein tüchtiges Stück zu fahren 
haben. Wir kommen in ein Gespräch, und ich höre, daß der Herr 
ein Rentier aus einer großen Industriestadt des Westens ist, den 
der dortige Gewerbeverein zur Besichtigung und Beurtheilung der 
Ausstellung hierher gesandt hat. 
„Unser Verein hat siebenhundert Mitglieder," erzählt mir 
der alte Herr, der den Namen Arndt führt. „Natürlich hängen 
noch viele Hunderte Personen an dem Verein, und wenn das 
Resultat meiner Besichtigung ein günstiges ist, so würde das viele 
Besucher Ihrer Ausstellung zuführen. Ich halte heute über acht 
Tage einen Vortrag in unserem Verein und mist mir die Aus 
stellung zu diesem Zweck mal ansehen." 
Es war moralische Pflicht meinerseits, diesen einflußreichen 
Aüsstcllnngsbesncher, welcher uns eine Menge Seilte, ja vielleicht 
tausend Fremde der Ausstellung zuführen konnte, auf das Kräf 
tigste zu unterstützen. Ich verwandle mich deshalb schon von 
Rixdorf aus, wo man zur Linken die Gebäude der Ausstellung 
auftauchen sieht, in einen Bärenführer, wie man hier die Leute nennt, 
welche Besuche umherführen. In Treptow angelangt, gehe ich sofort 
mit Arndt nach dem Central-Verwaltungsgebüude und bringe ihn 
vor den Thron des nimmermüden Herrn Bacharach, des Vor 
stehers des Propaganda-Bureau. Der Fremde ist ganz außer sich 
über die Liebenswürdigkeit, mit welcher ihm Drucksachen, bunte 
Illustrationen, Hefte, Bilder zur Verfügung gestellt werden; er 
vernimmt mit Staunen und Dankbarkeit, daß man ihm einige der 
prächtigen bunten „Bilder aus der Vogelperspektive" nach seiner 
Heimath hinsenden werde, kurz, er ist hingerissen von der ganzen 
Organisation der Ausstellung, was er durch die Worte ausdrückt: 
„Ja, ja, die Berliner verstehen den Rummel!" 
Ich bringe ihn nach der Ausstellung; natürlich muß ich ihm 
alles zeigen, denn wenn er planlos umherirrt, sieht er nichts und 
kann nichts berichten. Es ist nöthig, daß der Mann gerade das 
Wisscnswerthestc sieht, denn er will ja in seinem Verein unter 
dem größten Zudrang über die Ausstellung sprechen. 
Herr Arndt ist ein sehr liebenswürdiger Mensch, der gern 
das anerkennt, was groß, schön und neu ist. Er begeistert mich 
dadurch zu immer schöneren Leistungen der Bärenführerei, er er- 
gnickt mein Herz durch das Interesse, welches er selbst für das 
kleinste Detail an den Tag legt, und als wir mit der Besichtigung 
der Ausstellung endlich fertig sind, habe ich einen Triumph sonder 
gleichen. Der alte Herr schreibt sofort eine Karte nach seiner 
Heimath und zwar: „Spart Geld, soviel Euch möglich ist! Jeder 
Mensch muß her nach Berlin kommen und die Ausstellung sehen; 
so etwas ist noch nicht dagewesen." 
Dann schüttelte er mir tief gerührt die Hand, und ich konnte 
jetzt endlich nach dem Ausstellungspavillon gehen. Die Uhr be 
lehrt mich, daß das „Bärenführen" vier Stunden in Anspruch 
genommen hat. Der Vormittag mit meinen Plänen ist hin; zu 
Tisch nach Hause zu gehen, ist es jetzt zu spät, was natürlich 
einen kleinen ehelichen Zwist zur Folge haben wird. Als ich zu 
unserem Pavillon komme, finde ich vor demselben eine Gruppe von 
Herren und Damen, die aus dem Bau nicht recht klug werden. 
Es ist natürlich meine Pflicht, sofort den Erklärer zu machen; 
Erklärer sind aber während der Besuchszeit der Ausstellung ein 
sehr begehrter Artikel; während ich noch docire, sammeln sich 
dreißig bis vierzig andere Herren um Damen und mich, und als 
ich geschlossen habe, fragt eine Dame: „Bitte, mein Herr, was 
ist das dort drüben?" oder: „Können Sie uns nicht Auskunft 
über das und das geben?" Ich entschließe mich also noch, auch 
die in der Nähe unseres Pavillons befindlichen Gebäude zu er 
klären. Der Sck)warm der Besucher, welche sich nach und nach 
um mich gesammelt haben, ist bis auf hundert und mehr ange 
wachsen, und ich bringe es nicht über's Herz, diese Leute stehen 
zu lassen und fortzugehen. So streiche ich den ganzen Süd- 
und Nordpark noch einmal mit ihnen ab, was immerhin, trotzdem 
ich die Sache sehr abkürze, noch weitere zwei Stunden in Anspruch 
nimmt. Dann endlich kann ich in der Cantine ein wenig Essen 
zu mir nehmen und ein Glas Bier trinken. 
Als ich gerade den Ausstellnngsplatz verlassen will, kommt 
mein alter Freund M. und erklärt mir, er müsse unter allen Um 
ständen das Hauptgebäude ansehen. Natürlich muß ich mit ihm 
gehen und erklären, und so komme ich denn endlich um sieben Uhr 
vom Ansstellungsplatz fort, bin gezwungen, in der Stadt zu essen, 
da ich zu Hause doch kein ordentliches warmes Essen mehr be 
kommen kann. Im Restaurant finde ich einige Bekannte und 
komme erst Nachts zwölf Uhr, nach Hanse, nachdem ich von neun 
Uhr Morgens an unterwegs gewesen war. Daß meine Frau mir 
nicht glaubt, als ich ihr sage, ich sei ununterbrochen in der Aus 
stellung gewesen und hätte den Bärenführer gemacht, ist selbst 
redend und ihr auch nicht zu verdenken. 
Ein anderer Tag brachte andere Plage. Ich besitze Passepartouts 
für Alt-Berlin und Kairo, welche ans meine» Namen „mit Be 
gleitung" lauten. Meinen Freunden und Bekannten habe ich es zu 
verdanken, daß ich dort bereits wie ein bunter Hund bekannt bin. 
Ich habe meinem Freunde Semmler, seiner Frau und 
Tochter versprochen, sie eines Vormittags durch Ali-Berlin zn 
führen, und sic deshalb nach dem Ringbahnhof' der Potsdamer 
Bahn bestellt. Natürlich kommen Semmlers nicht allein; sic 
bringen noch drei Bekannte mit, worüber ich mich aber gar nicht 
mehr entrüste, da ich an derartigen Zuwachs bei solcher Gelegen 
heit schon gewöhnt bin. 
Mit Familie Semmler und Anhängsel komme ich also nach 
Alt-Berlin, wo man mich am Eingang schon nicht allzu freundlich 
ansieht, tveil ich eine ganze Volksversammlung mitbringe. Ich 
erkläre gewissenhaft Alles vom Spandauer Thor bis zum Georgen 
thor, spreche über historische Festaufzüge rc. re. Die ganze Gesell 
schaft ist entzückt, als ich sie nach einer Stunde wieder ans Alt 
Berlin herausbringe. 
Vor dem Thore von Alt-Berlin steht Meyer, mit dem ich 
im Bezirksverein zusammen im Vorstände bin. Meyer ist erstaunt, 
daß er mit dem grünen Passirschein nach Alt-Berlin nicht hinein 
kommt. Als er mich sieht, füllt er mir sofort um' den Hals, in 
dem er ausruft: „Sie sind zu meiner Rettung gesandt; ich habe 
meine Frau und meine Schwägerin bei mir, und mir müssen 
hinein. Können Sie mir nicht Ihren Passirschein borgen?" 
Das kann ich min nicht, denn ich bin in Alt Berlin, lute gesagt, 
bekannt wie ein bunter Hund, und Meyer würde beim Vorzeigen 
des Scheines sofort abgefaßt werden. Es bleibt mir folglich also 
nichts weiter übrig, als nun Meyer mit Gefolge eine Stunde 
lang in Alt-Berlin herum zu führen. Wieder nach einer Stunde 
komme ich heraus und fühle niich äußerst abgemattet, denn das 
fortwährende Erklären derselben Diilge ist keine Kleinigkeit. Jetzt 
erst begreife ich, was die Schauspieler und Schauspielerinnen 
empfinden müssen, wenn Sie ein und dieselbe Rolle in einem
	        
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