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Periodical volume Nr. 105, 31. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

10 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
nicht einen Weinkeller wie vorher, sondern die viel prosa 
ischere Einrichtung einer Waschküche. Dieselbe weicht in 
ihrer Physiognomie Vortheilhaft ab von ihren (Kolleginnen, 
wie sie gegenwärtig noch zu finden sind. A'or allem fehlt 
das grosse Waschfass, an welchem die Waschfrau sonst man 
chen Schweisstropfen mit in die Wäsche bringt. Und es geht 
auch ohne dasselbe viel besser. Die heutigen Waschin aschinen 
sind so vollkommen, dass sie die Leistungen am Waschfass 
um ein Bedeutendes übersteigen und die vorurtheilsvoll ge 
hegte Furcht des AVäschezerreissens unnöthig machen. Ne 
ben der vorhandenenWhisehmasehine steht dieAA äschemangel, 
der Auf bewahrungsschrank, vor allem die Wringmaschine 
u. 8. w. Mit den Vorrichtungen, wie sie hier gezeigt sind, 
wird das AVaschgeschäft der Hausfrau zur Freude und dem 
Ehemann, welcher sonst gewöhnlich bei „grosser Wäsche*' 
ausrücken musste, zur Erleichterung (aber nicht für den 
Geldbeutel, hierin spart es). Als originell will ich bei dieser 
Firma noch die auf dem Küchentisch ausgestellten Flaschen- 
propfen, welche oben die Faust mit dem Hatmmer tragen, 
und eine Küchenfee, zusammengesetzt aus Putzlappen, das 
Gesicht aus einem Schwamm* das Haar aus Schauerrohr 
u. s. w. gebildet, welche mit liebeglühendem Herzen auf der 
Wichsbürste in ihrem Arm eine Gesangsarie zu begleiten 
scheint. 
Gegenüber diesem Ausstellungsplatze hat die Firma 
C. Fi AV. Lademann Söhne ihre Objecte zur Schau gestellt. 
Die in gelber Tönung gehaltenen Küchenmöbel werden fast 
verdeckt von den zahlreichen nothwendigen Gebrauchsgegen 
ständen. Hier gefällt einem alles, nirgends findet man einen 
Grund zum Tadeln. Reizend fallen die zahlreichen Tab 
lettes mit Kaffee- und Theeservices in’s Auge. Hauptsäch 
lich sind hierzu Nickel und Kupfer zur Verwendung ge 
kommen. Gefällige, leicht gebaute Servir- und Anrichte 
tische, Etageren, schöne Sätze von Tablettes, Desserttellern 
lenken die Aufmerksamkeit auf sich. Praktische Tellerhal 
ter u. s. w. fehlen nicht; kurz und gut, es ist unmöglich, all’ 
die vorhandenen Sachen einzeln anzuführen. Ebenso geht 
es in der daneben liegenden Wasch -und Plättküchen-Ei n- 
richtung. Hier will ich nur besonders den grossen Plätt 
tisch und den hinten aufgehängten Spannrahmen zum gleich 
mässigen Trocknen und Plätten von Gardinen oder sonstigen 
leichten Geweben anführen. 
AVeiter folgt jetzt der Hoflieferant Ihrer Königlichen 
Hoheit der Frau Prinzessin Friedrich Karl Louis Hirschberg 
mit einer sehr hübschen Küche, welche das Praktische mit 
dem Schönen verbindet. Die freundlich grasgrüne Farbe 
der Spinden, Tische u. s. w. wird reizend ausgeschmückt 
durch eingelegte Blumen in zartem Weiss und Hellblau. 
Jedes Ueberladene ist vermieden, so dass der Gesammt-Ein- 
druck ein vorzüglicher ist. Auch das Tafelgeschirr, ausge 
führt. in den modernen Metallen Nickel, Kupfer, Alfenide, 
sowie in Porzellan zeugt von gutem Geschmack. 
Die Musterküche von C. Raddatz & Co. zeigt, was ihr 
Name bezeichnet. Die Möbel sind hier wieder in gelblich 
brauner Farbe gehalten. Neben praktischer Anordnung 
fällt die saubere Arbeit angenehm in’s Auge, auch das Ge 
schirr lässt nichts zu wünschen übrig,. 
Leberblickt man das Gebotene, so .weiss, man wirklich 
nicht, welche Firma Besseres leistet. Die Objecte sind so 
reichhaltig, dass es ein Lnding ist, in dem eng bemessenen 
Rahmen einer Abhandlung alles anzuführen. Man kann 
eich nur aut kurzes Skizziren beschränken. Daher sei es 
allen, namentlich der lieben Damenwelt, welche sieh ja hier 
für besonders interessirt, eindr inglichst empfohlen, den 
Musterküchen einen Besuch abzustatten. Es verlohnt sich 
schon der Mühe, denn die Leistungen der Berliner Industrie 
auf diesem Gebiete verdient volle Anerkennung. 
G, Jacob. 
Arabische Volks- und Tanzmusik. 
[Abdruck untersagt-! 
Wenn man sich von der grossen Freitreppe, welche zu 
der Sonderausstellung Kairo führt, zunächst nach rechts 
wendet, dann seinen Weg an dem Rondel der Kapelle des Khe- 
dive vorbei fortsetzt, wird man bald auf der linken Seite eine 
Hausinschrift: „Bauchtanz“ finden. Hier ist von den 
Direetoren Georges E. Khouri & Co. ein originelles arabisches 
Chantant-Theater eingerichtet worden, in welchem gegen Er 
legung eines Obolus von 50 Pfg. der so merkwürdige Bauch 
tanz zu sehen ist. Fünf jugendliche Tänzerinnen führen, in 
kostbare Gewänder gehüllt und mit vielem Zierath ge 
schmückt, abwechselnd einen längeren Tanz auf, der sich 
von den uns bekannten gänzlich unterscheidet. Die eigent 
liche Pointe dieses Tanzes bestellt darin, den Bauch in ganz 
eigenthümliche Bewegungen, welche den Rhythmen der dazu 
erklingenden Musik genau folgen, zu versetzen, während der 
Oberkörper unbeweglich bleibt. Dabei markiren auch die 
Füsse je nach der Musik bestimmte Rhythmen, zuweilen er 
folgt eine Wendung des Körpers, manchmal „tanzt“ nur der 
Kopf allein. Diese merkwürdigen, bald rollenden, bald 
schnappenden Bewegungen des Bauches haben dem Tanz den 
obigen Namen gegeben. Wir Europäer sind sehr leicht ge 
neigt, gegen den Bauchtanz in ästhetischer Hinsicht ein A eto 
einzulegen ; auch wir möchten der Meinung Ausdruck geben, 
dass der Anblick keineswegs ein ideal-schöner ist. Aber wir 
haben es bei dieser choreographischen Production eben mit 
einer sonderbaren Landessitte zu thun, welche uns über 
etwaige Bedenken hinwegsetzt und uns lediglich als Gegen 
stand besonderen Interesses für orientalische Tanzkunst er 
scheinen muss. Und eine Tanzkunst liegt in der Ausführung 
des Bauchtanzes ohne Zweifel. AVir brauchen nur den A er 
such zu machen, den schönen Araberinnen ihre Kunst abzu 
lauschen und sie nachzuahmen, wir werden alsbald bemerken, 
dass wir „dieser“ Kunst nicht gewachsen sind. Offenbar 
macht auch hier grosse Uebung erst den Meister, eine 
Uebung, der wir uns freilich auf die Dauer nicht unterziehen 
würden. Sicher müssen durch viele Exercitien die Bauch 
muskeln derart ausgebildet werden, dass sie dem Willen des 
Tänzers nach jeder Richtung hin Folge leisten. Dass hier 
bei mit der Zeit sich eine übermässige Ausdehnung der Mus 
keln oder, wie derMediciner sagen würde, eine „Hypertrophie“ 
derselben einstellen wird, erscheint zweifellos. So lässt sich 
eben die grosse Beweglichkeit und Stärke der Bauchmuskeln 
am besten erklären. Wir bewundern die Ausdauer der Tän 
zerinnen und erkennen an, dass sie bestrebt sind, den an und 
für sich gewiss nicht ästhetischen Tanz möglichst decent auch 
in der Kleidung zu executiren. 
Fünf arabische Musiker spielen zum Tanz auf, echte 
Volks- und Tanzweisen mit jenen schwermüthigen Moll 
klängen, welche für die arabische Musik so charakteristisch 
sind. Selten bricht wie ein Sonnenstrahl in diese meist sehr 
einförmige Musik ein kleiner Dur-Satz hinein, um alsbald dem 
düsteren Moll zu weichen. Die Melodie ist wie stets bei der 
orientalischen Musik eine sogenannt» Monodie, d. h. ein 
durch alle Saiten- und Blasinstrumente gleichmässig zum 
Ausdruck gebrachter Einzelgesang, der häufig sich in abge 
rissenen, kurzen Rhythmen oder in charakteristischen Tön 
folgen derselben Art, sogenannte Sequenzen zeigt. Zuweilen 
liegt den eigenartig verschnörkelten Tonbildungen ein ste 
reotyper eintöniger Ostinatbass zu Grunde, wie dies z. B. 
mit geringer Abweichung höchst charakteristisch aber abend 
ländisch raffinirt Moszkowski in der Balletmusik (Orien 
talische Fantasia) seiner grossen Oper „Boabdil“ benutzt hat. 
In der hier im Chantant-Theater gezeigten Urform erhält 
diese Musik den typischen Charakter des Dudelsacks. Die 
Rhythmen werden besonders scharf durch Pauke, Tambou 
rin und Castagnetten markirt. 
Die Instrumente sind zum Theil höchst merkwürdig. 
AVir finden darunter eine Mandoline von bekannter Form, 
deren Saiten mit einem Federkiel angerissen werden, offenbar . 
um die Fingerspitzen zu schonen, welche bei der anhaltenden
	        
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