Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

OfficieUe AnssteUnngs -Uirchrichten. 13
Fürsten zujubeln; ritterlicher Glanz, strahlende Pracht wird von
ihnen ausgehen, wenn sie hoch zu Roß in dem Turnierzug ein-
herrciten werden, der allmählich hinter den Theatermauern ver
schwinde! und die scenische Ouvertüre zu dem auf der Bühne des
Theaters Alt-Berlin auflebenden Ringelstechen bildet. Und das
Alles für 45 Mk. monatlich! Die zwei Hundert unter den vielen
Hunderten, welche für die Statisterie angeworben wurden, fühlten
sich so glücklich, als ob ihnen Fortuna einen Treffer geschickt
hätte, wußten sie doch sich . für die Sommermonate versorgt,
hatten sie doch ein für einen Statisten ungewöhnlich hohes
Einkommen. Aber die anderen Hunderte, die sich voller Hoffnung
im (bedränge aufgestellt und Stunden lang geharrt hatten, sie zogen
betrübt und verzag! von dannen, sie waren um eine Hoffnung
ärmer, um eine Enttäuschung reicher, —
Den nicht uninteressanten Hintergrund dieser Massenscenen, in
denen diejenigen, die" man auch als Statisten des Lebens be-
zeichnen kann, statistirten, bilde! die sich an allen Ecken und Enden,
immer und überall oordrängeude Existenzfrage, deren naturgemäße
Beziehung zur Ausstellung von Tausenden und Tausenden in theils
pessinnstischer, mehr aber noch optimistischer Weise discutirt wird,
Ein hoffnnngsfroher Zug belebte die Massen, die da hofften und
harrten, daß die Ausstellung, die bereits vielen Tausenden Be-
schäftignng geboten hat und fernerhin bieten wird, auch ihnen
Unierkunst gewähren werde. Aus den verschiedensten Ständen hatten
sie sich herangedrängt, Schauspieler, deren langer, bis zu den Füßen
reichender Kaisermantel alle defecten oder nicht vorhandenen
Kleidungs- und Wäschestücke klug und liebevoll bedeckte, alte, ge
schminkte Damen, die bereits im Tempel Thaliens wirkten, aber
eines unverzeihlichen Fehlers wegen, der in ihrem Alter besteht,
zu den heilig unheiligen Räumen keinen Zutritt mehr erlangen
können, junge, frischwangige Mädchen, welche erst durch die Pforte
des gleißnerischen Tempels schlüpfen wollen, Studenten, die keiner
ehrlichen Beschäftigung ans deni Wege gehen, uni Mittel für ihre
Studien zu erlangen, stellenlose Kaufleute, beschäftigungslose Hand-
tverker, arme Fabrikmädchen, weißhaarige Modelle, ja selbst zarte
Kinder hatten sich aufgestellt, um die traurige Statisterie ihres Da
seins durch die Statisterie in Schminke und Costüm zu verbessern.
Natürlich fehlte es auch nicht an Elementen, ivelche sich einen be
sonderen Genuß von der Statisten Beschäftigung versprachen
und durch die letztere ihre Zugehörigkeit zum Theater be-
tveisen möchten; ein Vertreter dieser Elemente schien eine ganz
besondere Vorliebe für die „Zugehörigkeit" zn haben, er entnahm
dem Ueberzieher des Theater - Secretairs, ohne den Eigenthümer
erst durch eine Anfrage zu belästigen, ein seidenes Taschentuch und
eine Cigaretten Tabakrolle. Als Ersatz ließ der unbekannte Taschen
künstler, der mit dieser Rolle seine Carriere am Theater vorläufig
abgeschlossen haben dürfte, einen in dem Ueberzieher vorgefnndenen Zettel
zurück, der nur die Worte enthielt: „Nehmen ist seliger denn Geben",
Der Statisten-Andrang in der Mittelstraße hat eine allgemeinere
Bedeutung, er illnstrirt die Hoffnungen, die mit der Ausstellung
verknüpft iverden. Wenn die Wünsche, die dem Gedeihen des Riesen-
ivcrkes gelten, in Erfüllung gehen, wenn die ihm gewidmeten
Arbeiten und Mühen ihren gerechten Lohn finden, dann wirb auch
die Verwirklichung der Hoffnungen nicht ausbleiben. Das Fest
des Höffens und Friedens steht vor der Thür, neues Leben, neuer
Glaube durchzieht die Menschheit, Im Menschen tvird von Neuem
die Gottheit lebendig, von der die Geschicke der Welt, das Schicksal
des Einzelnen abhängig sind. Ehrlicher Wille und selbstbewußte Kraft,
fester Glaube und zuversichtliches Vertrauen, nicht zu den Anderen,
nein zu sich selbst, bestimmen neben der Alles lenkenden Gottheit
unser Geschick, lassen in uns aufleben verheißungsvolle Hoffnungen,
stärken in uns das Bewußtsein, daß unser Sehnen, unser Recht,
unser Mühen nicht vergebens sein können. Noch wenige Wochen,
und, umgeben von der zu verjüngtem Dasein erwachten Natur, feiert
die machtvolle Schöpfung, für die Tausende gearbeitet und gedacht
haben, ihr Auferstehungsfest, Ehrlicher Wille und selbstbewußte
Kraft, fester Glaube und zuversichtliches Vertrauen waren die
Leitmotive, tvelche das machtvolle Werk von seinem Entstehen an
durchzogen. Die Erfüllung unserer Hoffnungen und Wünsche,
welche diese. Großthat friedlicher Arbeit begleiten, steht vor der
Thür; und unser Hoffen und Sehnen wird sich verwirklichen, weil es sich
mit unserem festen Glauben, unserem zuversichtlichen Vertrauen eint.
Der RiefenfelfeUmllon in der Ansstellnng.
^Abdruck untersagt,!
Eine der interessantesten Unternehmungen der Ausstellung,
ivelche wohl geeignet erscheint, einer ihrer Hauptanziehungspunkte
zu werden, geht jetzt seiner Vollendung cntgegeu. Der Riesen-
fessclballon konnte nicht an einem und demselben Orte hergestellt
werden; verschiedene Städte theilen sich in den Ruhm, sein Geburts
ort zu sein. Schwierig wie die finanzielle Begründung eines so
großen Unternehmens, welches im Vorhinein in der Luft schwebt
nnd somit den rechnenden Finanzkreisen keine allzu sichere Basis
für die Calculation bot, war auch die technische Ausführnng.
Wenn der Riesenballon zum ersten Mal seine hehre Fahrt in die
Lüfte unternehme» wird, dürfte ein Gefühl stolzer Befriedigung
in die Brust aller derjenigen einziehen, welche ungeachtet der
größten Hindernisse das einmal gesteckte Ziel verfolgten, bis das
schöne Werk zur Freude Aller vollbracht wurde.
Folgende authentische Daten, die uns von geschätzter Seite
zugehen, geben ein genaues . Bild von der Herstellung der
Ballontheile und ihrer soliden Ausführung: Tie Ballonhülle
wurde in Hannover erzeugt. Die Continental Kautschuk- nnd
Gnttapercha-Cvmpagnie daselbst, in deren Händen die Herstellung
der Ballonhüllen für die Militair-Lnftschiffer-Abtheilnngen ruht,
hat auch die Hülle des Riesenfesselballons erzeugt. Diese besteht
ans über 7500 Meter mit Kautschuk belegtem, dreifachem Stoff :
der Kostenpreis erreicht die ansehnliche Stimme von 28000 Mk.,
mit welchem Betrage jedoch nur die äußere Gewandung des
Ballons bezahlt ist. Das Netzwerk des luftigen Fahrzeugs wird
in Schöneberg hergestellt; Fabrikantin desselben ist die Firma
F, Troitzech. Auch die Herstellung dieses Netzes, an welchem
im eigentlichsten Sinne des Wortes Leben nnd Gesundheit
der Lnftsegler hängt, ist, wie schon früher bemerkt, mit allen
Mitteln der modernen Technik ans das denkbar Sorgfältigste
überwacht worden. Jedes Millimeter des aus bestem italienischen
Hanf gefertigten Netzes ist von einem der ersten deutschen Fach
männer auf seine Zugstürke und nicht minder aufseine Bruch
festigkeit nach den Grundsätzen berechnet, welche durch die Wissen
schaft und die praktische Erfahrung aufgestellt werden. Es kann
mit gutem Gewissen versichert werden, das; nach dieser Richtung
alle nur möglichen Vorsichtsmaßregeln getroffen wurden. Das
Netz des Ballons hat eine Tragfähigkeit von nicht weniger als
1000 Ccntnern, Maschen giebt es im Netz über 35 000; das
Gewicht des Netzes betrügt etwa 14 Ccntner. Dgs zum
Netz gehörige Strickwerk würde, in gerader Linie aus
gebreitet, ungefähr 24 250 Meter lang sein. Das Draht
seil, mit welchem daH Ballon-Ungeheuer gefesselt bleibt,
damit es nicht etwa unprogrammmäßig mit der Mannschaft und
den Passagieren in die Lüfte entweiche, ist aus verzinkten! Tiegel-
Gußstnhldraht hergestellt; seine Länge beträgt 600 Meter. Auch
dieses Drahtseil hat, bevor es als passend und brauchbar erklärt
wurde, eine Probe auf die zehnfache Sicherheit aushalten müssen,
so daß nach menschlichem Ermessen ein Unfall ausgeschlossen ist.
Die Füllung des Ballons erfolgt auf dem AusstellungSplatz
mittels Wasserstoffgas. Dasselbe wird auf einem dicht an das
Baüonterrain grenzenden Grundstück in einer eigens zu diesem
Zweck errichteten Gasanstalt erzeugt. Die Herstellung wird
durch eine Capacitüt in diesem Fache, den Professor Ravnl Pictet
in Berlin, überwacht. Die Gasanstalt, die zu derselben gehörigen
Apparate nnd Anlagen werden von der Potsdamer Firma Henry
Halls Nachfolger gebaut und eingerichtet; allein der Ban der
Gasanstalt erfordert 36 000 Mark. Die bewegende Kraft für den
Fesselballon wird durch eine Dampfmaschine von 50 Pferde
kräften geliefert; die Maschine wird von R. Wolf in Magdeburg-
Buckau gestellt. Die Ballonventile werden in Berlin erzeugt;
die Firma F. W. Müller junior, welche als Lieferantin für die
Militairschifferabtheilnng in der Branche eine besondere Erfahrung
besitzt, hat diese wichtigen Theile der Ausrüstung übernommen. Noch
sei erwähnt die Sicherung, welche das Drahtseil, an dem der
Ballon schwebt, erhält. Dasselbe wird über eine Winde von
kolossaler Größe von der Dampfmaschine aus bis zum Anfstiegplatz
des Ballons durch einen etwa 50 Meter langen Tunnel geleitet, um
über eine bewegliche Scilschcibevvn 1'/, Meter Durchmesser geführt zu
werden, die durch das denkbar stärkste Mauerwerk verankert wird.
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