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Periodical volume Nr. 104, 30. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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OfficieVe Äusstelhings - Nachrichten. 
fünfmal so schnelle, als die des Zu<yes, und deshalb sehen wir 
in diesem System nur eine Anwendung- des physikalischen 
Gesetzes „was an Geschwindigkeit (Zeit) verloren geht, ge 
winnt man an Kraft.“ Eine Versuchsstrecke von 2,3 km 
Länge wurde in den siebziger Jahren bei Lang-le-Bourg am 
Mont Cenis in Betrieb gesetzt, Ins 1884 die obenerwähnte 
Bahn zur Superga, einer Gletschermuräne bei Turin, eröffnet 
wurde. An diesen Aussichtspunkt bei Turin knüpfen sich 
auch geschichtliche Erinnerungen, denn von der Höhe aus 
übersah 1706 Eugen von Savoyen das Schlachtfeld. 1717 
wurde hier eine Kirche errichtet, welche die Grabeskirche der 
Herzöge von Savoyen geworden ist. 
Ein anderes System findet bei den Bahnen Luzerii- 
Gütsch und Temtet-Glion. am Genfersee Anwendung. Diese 
haben die di recte Seilleitung, Da bei den Bahnen in der 
Hegel der absteigende Wagen zum Aufziehen des aufstei 
genden mit verwendet wird, müssen sich beide Wagen in der 
Mitte der Strecke begegnen. Entweder muss die Bahn zwei 
geleisig sein oder es muss sich in der Mitte der Strecke eine 
Ausbuchtung für die Begegnung der Wagen befinden. Die 
Fortbewegung der Wagen geschieht in der Weise, dass man 
eine feste Triebmaschine an irgend einer Stelle zur Aufstel 
lung bringt, von wo aus das Treibseil nach beiden Richtun 
gen aufwärts und abwärts bewegt, werden kann, indem eine 
oder mehrere grosse Treibscheiben des Motors von dem Seil 
umschlungen werden. Bei einigen Bahnen verwendet man 
als Triebkraft neben dein Motor auch Wasser, welches sich 
unter dem Wagen befindet (Seilbahn Temtet-Glion). 
Durch die Seilbahnen können bedeutend grössere Stei 
gungen überwunden werden (bis 600 pro Mille), wenn auch 
oft von der geraden Verbindungslinie abgesehen werden 
muss. 
Eine Seilbahn, welche sich an. die Kettenlinie (jene 
Linie, welche von einer in schräger Richtung aufgehängten 
Kette gebildet wird) eng anschliesst, ist die Bahn von Lugano 
auf den Monte Salvatore am Comersee. Beachtung verdient 
auch, die Seilbahn von.Lauterbrunn nach Mürren, welche sich 
zu-einer Höhe von 674 m erhebt. 
In Amerika ist die bekannteste Seilbahn in der Nähe 
von New-York auf die Catskill-Berge, den beliebten Aus 
flugsort der New-Yorker Bevölkerung. Sie besitzt eine Länge 
von 2V 7 km und erreicht eine Höbe von 497 m. Bei der 
selben muss man erst in einem Aufzuge zur eigentlichen Ab 
gangsstation gebracht werden. 
Die zahlreichen Lichtbilder, durch die der Vortrag unter 
stützt wurde, erläuterten mehr als die Worte die eigentliche 
Einrichtung der Seilbahnen und der lebhafte Beifall am 
Schluss des Vortrages doeumentirte die Befriedigung der 
Zuhörer mit dem Inhalte der interessanten Ausführungen. 
S. 
Buntes Allerlei vom zweiten Fünfundzwanzig- 
Pfennigtag. 
Der Himmel meinte es gestern gut mit der nach Treptow in 
dichten Schaaren pilgernden Menschheit, die den Vortheil des Fünf 
undzwanzig - Pfennig - Entree gemessen wollte. Von Zeit zu 
Zeit setzte er zwar eine etwas drohende Miene auf, allein dies 
war nur ein Schreckschuss, denn bis zur Stunde, wo wir 
diese Zeilen niedersehreiben, zeigte sich noch keine Spur von 
dem in der Wetterprognose prophezeiten Hegen — allerdings 
auch nichts von der kühleren Witterung und den verheißenen 
Winden. Unerbittliche Sonnengluth lag bleischwer über dem 
Park und die Hunderttausend, die gestern die Herrlichkeiten der 
Ausstellung genossen, mussten dies im Schweisse ihres An 
gesichts thun, der, wohin man auch kam, in Hellen Strömen'floss. 
Freilich schreckte dies Einheimische und Fremde nicht ab — von 
Stunde zu Stunde schwoll die Fluth der Besucher an, die von allen 
Seiten hereinströmte, so dass der pecuniaire Erfolg des Tages 
jedenfalls als ein ausserordentlich günstiger nicht nur für die Aus 
stellungskasse sondern auch für die Schaustellungen und Re 
staurants bezeichnet werden darf. Viele der letzteren waren um 
die Mittagsstunde namentlich geradezu unheimlich überfüllt, so 
beispielsweise die Adlon & Dressel’sche Fischkosthalle, wo der 
Andrang zu gewissen Stunden nur mit Aufgebot aller Kräfte zu 
bewältigen war und bis gegen 4 Uhr Nachmittags über 70 Centner 
Fische, etwa 12000 Personen, servirt wurden. Das Bild, das die 
Volksemährung bot, war ausserordentlich interessant. Jedes Plätz 
chen des weiten Raumes innerhalb und ausserhalb der Hallen war 
besetzt und ausserdem‘lagerten Hunderte im Grase, die Teller auf 
den Knieen haltend und in allen möglichen und unmöglichen 
Stellungen essend und trinkend. Dass die Automaten glänzende 
Geschäfte machten, versteht sich von seihst, war doch des Riesen- 
durstes kein Ende, und soviel steht fest, dass gestern im Treptower 
Park alles in allem Tausende Tonnen voll Bier diesem Moloch 
zum Opfer flössen. 
H * 
Im Gegensatz zum ersten Fünfundzwanzig Pfennig-Tag wunje 
der gestrige vielfach von Schulen zu corporativgm Besuch 
benutzt, und zwar wählten viele derselben, um auch die Fahrt füi 
.die Zöglinge angenehm und lehrreich zu gestalten, meist den Wasser 
weg. Schon kurz, nach acht Uhr Morgens fuhren mehrere Dampfer 
mit Knaben schwer beladen stromaufwärts, die . sich bereits von 
weitem durch militairische Musik von Trommeln und Pfeifen 
bemerkbar machten. Jeder derselben war vom Bugspriet bis zum 
Steuer dicht mit Knaben besetzt, von denen ein grosser Theil die Fahrt 
stehend mitmachte, um auf Verdeck bleiben zu können. Drei bis 
vier Personen waren an ihrem mächtigen Bart und ihrer würdigen 
Haltung als Leiter der jugendlichen Heerde erkennbar. Ganz vorn an 
der Spitze des Schiffes stand ein Knabe im Turneranzug mit rothweiss 
gestreiften Epauletten und hielt den Tambourmajor-Stock hoch; 
vier Knaben in der gleichen Tracht bliesen die Pfeife und ein 
anderer Held bearbeitete die Trommel. Das Spiel klang völlig wie 
wirkliche militairische Marschmusik. Die Dampfer fuhren zumeist 
um die »Liebesinsel« im Bogen herum und landeten bei den 
Brücken des Zenner’schen Gartens, von wo aus sich die Schüler 
unter Führung ihrer Lehrer durch das Portal II, welches die Trep 
tower Chaussee abschließt, nach dem Ausstellungsparke begaben. 
* . * 
* 
In des Wortes verwegenster Bedeutung »belagert« war den 
ganzen Tag über der grosse Obocoladen-Obelisk der Firma 
Mauxion in dem Gebäude für Nahrungs- und Genussmittel, den 
bekanntlich derjenige gewinnt, der das Gewicht am annäherndsten 
erräth. Die allezeit gefällige Repräsentation hätte ein Dutzend 
Häridö und zweimal so viele Bleistifte besitzen müssen, wenn sic 
dem ungestümen Andrang der lieben Jugend hätte genügen wollen, 
die den Riesen mit begehrlichen Augen prüfend, nach Taxirkarten 
verlangte, um dieselben mit den unglaublichsten Zahlen — dieselben 
differirten ungefähr zwischen zehn Pfund und hundert Centnem — zu 
bedecken. Na, in der Mitte wird ja das Richtige liegen. Aber auch die 
Grossen hielten sich wacker an das Geschäft des Taxirens und ein 
robuster Spree-Athener war seiner Sache so gewiss, dass er bei Abgabe 
seiner Taxe triumphirend zu seiner Ehehälfte äusserte: »Na, Olle, 
die Kosten von beite haben wir raus! Verlass Dir druff!« 
Stürmische Heiterkeit erregte ein etwa siebenjähriger Knirps, der 
mit Bleistift und Karte bewaffnet der dicht umlagerten Repräsentantin 
zuflüsterte; »Du, Fräulein, sag’ mirs, Du kriegst ooeh wat ah!« 
Leider konnte die liebenswürdige Dame dieses Compagniegeschäft 
nicht machen, und wünschen wir dem schlauen Kleinen, dass er 
ans eigene Rechnung Glück hat. 
* 4 
* . , 
Eine der wichtigsten Rollen spielte am gestrigen Tage der 
bekannte und beliebte Esskober in jeglicher Gestalt. Wir sahen in 
den Händen junger, lichtgekleideter Damen zarte, weisse Körbchen, 
aus denen verrätherisch die Stullenumhüllung hervorschaute, aber 
auch Körbe von der Grösse eines »vierzehntägigen« Reisekoffers, 
die von zwei kräftigen Familienmitgliedern geschleppt ganze Berge 
von Butterbroden enthielten, an denen die holde Familienweiblich
	        
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