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Periodical volume Nr. 103, 29. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
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funden; ein Beweis dafür ist die Thatsache, dass seit jenem 
Tage die Wetterkarten in unserem Depeschensaai stets von 
einem die Wetterlage des Tages eifrig studirenden Publikum 
umgehen sind. Aber, wie schon Herr Professor van Bebber 
betonte, haben diese meteorologischen Wettervorhersagungen 
nur eine summarische Giltigkeit; aus der Betrachtung grös 
serer Länder-Complexe hervorgegangen, beschäftigen sich 
diese Prognosen auch nur mit grösseren Veränderungen. Ab 
weichungen von dieser allgemeinen Wetterlage in einzelnen 
Landstrichen sind durch specielle locale Verhältnisse bedingt, 
und darum wird neben der wissenschaftlichen Vorher-Bestim- 
mung die auf langjährige Erfahrung beruhende Wetter 
regel des Eingeborenen stets ihre Bedeutung behalten. 
Speciell die Landschaften der Oberspree leisten sich den 
Luxus ganz eigener Wetterverhältnisse, welche sowohl für 
die Unternehmer als für die Besucher der Treptower Gewerbe 
ausstellung von grosser Wichtigkeit sind. Um so erfreuli 
cher ist es für uns, durch die Liebenswürdigkeit eines erb- 
gessenen Urtreptowers in Besitz einiger Treptower Wetter 
regeln gelangt, zu sein, welche wir hiermit unseren Lesern 
zur Beachtung mittheilen. Das Bild des Sonnenauf 
gangs giebt Anhaltspunkte für das Wetter des betreffenden 
Tages. Dringt die Morgensonne durch horizontal übereinan 
der gelagerte streifige Wolken — ein für die Frühjahrs- und 
Herbststimmungen der ganzen Mark charakteristischer An 
blick — dann giebt es viel Wind. Malt die aufgehende Sonne 
den Horizont gelb-roth, dann bringt der Tag Regen; und 
scheint die Sonne durch den grauen Himmel blutroth mit 
deutlicher Peripherie durch, dann kommt sehr viel Regen. 
Dagegen giebt es schönes Wetter, wenn die aufgehende 
Sonne vom klaren durchsichtigen Himmel ihre blitzenden 
Strahlen sendet oder wenn sie allmählich den fallenden 
•Nebel zertheilt, um endlich am wolkenlosen Himmel zu 
leuchten. Fallender Nebel bedeutet überhaupt für Treptow 
schönes Wetter; besonders wenn am Abend, auch bei an 
dauernd strömendem Regen, über Wald, Wiesen und Wasser 
sich wolkiger, grauer Nebel senkt, wird der folgende Tag ge 
wiss schön. Dagegen bedeutet steigender Nebel schlechtes 
Wetter. Der Sonnenuntergang lässt auf schönes Wetter 
scbfiessen, wenn auf blauem Grunde schwimmende kugelige 
Wölkchen sich roth färben ; der folgende Tag verregnet, 
wenn die Sonne mit grellem gelbrothem Flammenspiel 
hinabsinkt. Viele Wetterbeobachtungen, welche auf klei 
neren Merkmalen fassen, lassen sich nicht so leicht wieder 
geben, sie erfordern ein geübtes Auge. Für die Besucher 
der Ausstellung dürften die mitgetheilten Regeln genügen, 
um danach ihr Programm zu entwerfen; den Ausstellungs 
leitern aber, die sich vor verregneten Illuminationen, Feuer 
werken etc. sicherstellen wollen, wird nichts übrig bleiben, 
als bei den Treptower Landwirthen oder Seglern in die Leb,re 
zu gehen oder aber — sich, auf ihr gut Glück zu verlassen, 
das ihnen ja bisher ziemlich treu geblieben ist. 
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Die religiösen Begriffe und Gebräuche der Ein 
geborenen in unserer Kolonial-Ausstellung bieten dem Eth 
nologen manche Gelegenheit seine Kenntnisse zu erweitern. 
Die Suaheli sind Muhammedaner und halten die Vorschriften 
des Korans, namentlich was Speise und Trank betrifft, ziem 
lich genau; sie leben hier fast ausschliesslich von Hammel 
fleisch und Geflügel, dem Reis in Wasser gekocht als Zu 
speise dient. Sie schlachten die Thiere selbst und müssen 
sich den Genuss von Rindfleich, welches daheim von ihnen 
sehr begehrt ist, hier nur deshalb ver sagen, weil sic die Thiere 
nicht nach ihren ritualen Vorschriften selbst todten können. 
'Auch was das Getränk betrifft, sind sie gläubige Bekenner 
Muhammeds, indem sie Wein und Spirituosen vermeiden. Tief 
scheint jedoch die Lehre von Allah und seinem Propheten bei 
ihnen nicht zu wurzeln, denn der Fetischmann mit seinen 
Zaubersprüchen, seinen Talismans, seinen Liebestiränken und 
Wunderkünsten spielt bei ilmen eine kaum minder wichtige 
Holle als der Medicinmann bei den Indianern. Der Fetisch- 
mann vermag, was doch selbst dem berühmten Wettermacher 
des Abendlandes, dem Prof. Falb noch nicht gelungen ist, — 
durch die Kraft seiner Künste Regen zu machen, er verhextf 
das Vieh des bösen Nachbars oder zaubert diesem selbst aller 
lei Krankheiten und Gebrechen an. Die jungen Schönen; 
der Suaheli erbitten in ihren Liebesnötbpn vom Fctischmann 
einen Liebestumk für den ungetreuen Geliebten. Der junge; 
Krieger lässt sich von ihm einen Kugelschutz geben, einen! 
Spruch aus dem Koran, auf einer Metallscheibe eingekratzt,, 
der durch seine Kraft alle feindlichen Geschosse und Kugeln; 
spurlos abgleiten lässt. Interessant ist, dass die Suaheli fast; 
davon überzeugt sind, ein Fetischmann sei allein durch das; 
Vorlesen bestimmter Koranverse im Stande, vor dem Zuhörer 
bestimmte Personen erscheinen und verschwinden zu lassen, 
Die Massai haben keine Religion, wenigstens ist es trotz eif-! 
rigerForschungen nicht, gelungen, irgendwelchen Cultus, der 
sich mit Anbetung von Naturgewalten oder eines göttlichen We 
sens beschäftigt, bei ihnen zu entdecken. Sie sind krasse Mate 
rialisten und der Reichthum an Rindvieh ist ihr Ideal und 
Lebenszweck. Der grösste Genuss bei ihnen ist, recht viel 
Rindfleisch zu essen, und am Blut des Rindes berauschen sie! 
sich, wenn sie zum Kriege oder zum Viehraub ausziehen. 
In ihren Tänzen und Gesängen verherrlichen sie den Kampf 
um das Vieh und den Besitz desselben; und der Gedanke,; 
zahlreiche Rinder sein eigen nennen zu können, sei es durch 
Zucht, Erbschaft oder Raub, begeistert den Massai so, dass 
ihm vor innerer Erregung beim Tanz oder Gesang häufig der 
Schaum vor den Mund tritt. Die Togoleute und die Batanga 
sind Christen; in ihren Gebieten haben sich seit Jahren zahl 
reiche Missionen angesiedelt, welche die Verbreitung des, 
Christenthums bei dem harmlosen, gutmüthigen Volke mit 
wachsendem Erfolge betreiben. Noch frommere Christen, 
sind die Herero und Hottentotten. 
Ueber die Religion der Neu-Guinea-Eingeborenen weiss 
man so gut wie gar nichts. Selbst Findsch, der die Südsee 
Inseln zum Specialgebiet seiner Forschungen gemacht hat, 
wejiss von irgend welcher Vorstellung göttlicher Wesen bei 
den Eingeborenen wenig zu berichten. Der Ahnen-Cultus, 
dem wir in Neu-Guinea begegnen, scheint mit einem reli 
giösen Gebrauch nichts gemein zu haben. Es besteht bei 
den Eingeborenen ein so inniges Familienverhältniss, dass 
die Hinterbliebenen sich selbst von der Leiche eines theueren 
Dahingeschiedenen nicht zu trennen vermögen. Sie wird in 
in der Hütte aufgehängt, bis die trockene tropische Luft im 
Verein mit dem Rauch vom Herd die Mumificirung besorgt 
hat. Auch die Ausschmückung der Hütten mit Masken, Fi 
guren in den buntesten Farben scheint nur in dem natür 
lichen ästhetischen Gefühl der Leute seine Ursache zu haben, 
ohne dass ein Götzendienst damit in Verbindung steht. 
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Eine fliegende Ansiedlung von Beduinen 
in einer Oase der arabischen Wüste oder der Sahara ist seit 
Kurzem in dem Palmenhain der Ausstellung Kairo nachge 
bildet worden. Während die Hauptmasse der nach dem 
Treptower Kairo verpflanzten Araber in den hölzernen An 
bauten hinter der Pyramide und der Arena ihre Wohnungen 
gefunden haben, wurde einigen Fellachenfamilien von An 
fang an der Aufenthalt in den orginalgetreuen Lehmhütten 
angewiesen, theils um auf ihre Gewohnheiten Rücksicht zu 
nehmen, theils um die Originalität des Städtebildes zu er 
höhen. Nun wurde aus denselben Rücksichten auch den 
Beduinenfamilien ein solcher Ausnahme - Aufenthalt ge 
währt. Unter den hochragenden Palmen, die von einem ge 
malten Prospect im Hintergrund abgeschlossen die Anhöhe 
am Nilufer beschatten, sind aus grauer Leinwand Zelte ge 
spannt und kleine Höfe abgesteckt ;dort hausen die Frauen 
und Kinder der wilden Beduinen, schlanke braune Gestalten 
in dürftiger Kleidung, um das dunkle Haupt mit der fein 
geschnittenen, starken Nase und den schwarzen blitzenden 
Augen ein buntes Tuch geschlungen. Während der Gatte 
hoch oben auf den Felsblöcken der Pyramide hockt und sich 
mit seinen Freunden über wilde Abenteuer unterhält oder in 
der Arena um die Wette das Pferd tummelt, waltet die züch-
	        
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