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Periodical volume Nr. 101, 27. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Gfficielle Ausstellungs- Nachrichten. 
durch aufgeklärt, dass Dr. Jeserich an dein Kleide einer Er 
mordeten sieben Haare fand, die bei 40000facher Linear ver- 
grösserung, deutlich denselben Bau zeigten, wie die des Ange 
klagten. Denn, und das ist nicht allgemein bekannt, ebenso 
wenig wie es zwei ganz gleiche Gesichter, Blätter oder der 
gleichen giebt, so sind auch die Haare der verschiedenen Men 
schen durchaus verschieden, sowohl in der Art und Lagerung 
des Markes, als auch in der äusseren Granulirung. So sehen 
wir an weiteren Bildern den Unterschied zwischen dem Haar 
der Frauen, das selten oder nie geschnitten wird und deshalb 
in eine Spitze auslauft, und dem Haar eines Mannes, das 
deutliche und scharfe Schnittflächen zeigt. 
Die nächsten Bilder zeigten den auffallenden Unterschied 
zwischen Tbier und Menschenblut, Der Unterschied zeigt 
sich in der Form und Grösse der Blutkörperchen, von denen 
in einem Tropfen circa 130 Millionen vorhanden sind. Diese 
Körperchen sind beim Vogel länglich, bei Säugethieren rund, 
ebenso, aber bedeutend • grösser beim Menschen, so dass, so 
lange das Blut frisch ist, ohne Schwierigkeit entdeckt wer 
den kann, ob es von einem Menschen oder Thier herrührt. 
Ein anderes Bild von einer Maske, die ein Baubmörder 
bei seiner That getragen hatte, diente zur Ueberführung des 
Thäters. Die Angegriffene, eine starke Bauernfrau, hatte dem 
Verbrecher im Kampf ein Stück der Maske abgerissen und 
im Hause des Thäters fand man ein ähnliches Stück. Die 
Photographie ergab nun, dass beide Stücke denselben Web 
fehler hatten, also unbedingt zusammengehörten. Gegenüber 
diesem Material gab der Thäter denn auch sein Leugnen auf 
und gestand die That. 
Eine Wechselfälschung zeigte das nächste Bild. Der 
Verbrecher hatte aus der Zahl 1200 einfach 20 200 gemacht, 
indem er eine 2 vorschrieb und aus der 1 eine 0 machte. 
Die Fälschung war so geschickt ausgeführt, dass bei gewöhn 
licher photographischer Vergrößerung nicht das Geringste 
zu sehen war. Dr. Jeserich photographiere nun den Wechsel 
nach seiner Art und da zeigte sich denn klar, dass die 2 und 
die 0 später und mit anderer Tinte gemacht war. Es wurde 
dann eine Haussuchung bei dem Angeklagten vorgenommen 
und da fand man etwas höchst überraschendes und originelles, 
nämlich eine ganze Anzahl „Skizzen“, auf denen der Gauner 
die Sache probirt hatte. Aehnliche Fälschungen zeigten die 
nächsten Bilder, von denen die eine mit dem Wortlaut: 
„Minna war treu und fleissig und zuverlässig“, stürmische 
Heiterkeit hervorrief. „Minna“ war nämlich „unzuverlässig“ 
und hatte das schlau geändert. Dies nützte ihr freilich nicht 
viel, am wenigsten gegenüber Dr. Jeserich's Verfahren. 
Die nächste Sache war tragischer. Da hatte man in 
einem schlesischen Dorfe ein junges geistesschwaches Mäd 
chen erschossen gefunden. An einen Raub- oder Lustmord 
war nicht zu denken und so blieb nur eine fahrlässige Tödtung 
wahrscheinlich. Im Körper der Todten fand man einen Ge 
wehrpfropfen, der aus einem Couvert gemacht war. Dr. Jese 
rich entzifferte mit seiner Photographie ein . . .irth und die 
Buchstaben Wojtk . . sky. Nun wohnte in der Nähp ein 
Gasthofsbesitzer Wojtkowsky und dieser hatte denn, wie sich 
herausstellte, Nachts auf dem Anstand — beim Wildern — 
das Mädchen für ein Stück Wild gehalten und erschossen. 
Ein beliebtes Mittel, um Büchereintragungen verschwin 
den zu lassen, ist ein grosser Tintenklecks, den man darüber 
macht. Aber heute nutzt das auch nichts mehr. 
Dr. Jeserich liest durch den Klecks hindurch. Audi bei 
Banknotenfälschungen war es ihm vorbehalten, einen neuen 
■Triumph über das alte Verfahren zu feiern. Vor einigen 
Jahren cursirten hier falsche 1000 Lirescheine die so täu 
schend nachgeahmt waren, dass alle Banken sie anstandslos 
in Zahlung nahmen. Erst als man bei der Convertirung dig 
Coupons an einzelnen Banknoten anpasste, zeigte sich, dass 
die Scheine gefälscht waren. Dr. Jeserich wies nach, dass es 
10 Lireschfine waren, die in 1000 Lirenoten umgeändert wur 
den. Bei Patronen fand Dr. Jeserich unter 80 diejenigen 
heraus, die aus einem bestimmten Gewehr abgeschossen wa 
ren ; an Altersrenten-Marken wies er nach, dass sie schon ein 
mal benutzt waren, und mit Hilfe seines Verfahrens wies er 
nach, dass ein Mann, der aufgehängt gefunden war, sich nicht 
selbst gehängt hatte, sondern erst erdrosselt und dann aufge 
knüpft war. Es zeigte sich, dass ein Riemen, an dem der 
Mann —- es war ein armer Handwerksbursche — hing, an 
der einen Seite angeschnitten war, und es stellte sich heraus, 
dass zwei Collegen mit dem Burschen gewandert waren und 
ih,u wegen einiger Pfennige ermordetet hatten. Um ihre 
That zu verdecken, hingen sie ihn auf und schnitten den 
Riemen halb durch, so dass es schien, als ob der Todte, nach 
dem der Riemen riss, vom Baum gefallen sei. Die Photo 
graphie zeigte deutlich die Schnittfläche und die Zerrungs 
linien. Eine andere Schnittfläche zeigten Rosenstöcke, die 
muthwillig zerstört waren. Die vergrösserte Photographie 
zeigte kleine Scharten im Messer und diese hatten sich, dem 
Holze deutlich eingeprägt. Auch hier ward durch Jeserich's 
Verfahren der Thäter überführt. 
Neben interessanten Daumenabdrücken, die die Linien 
genau zeigten und neben prachtvollen Bildern von Diatomeen 
die in einer Mordsache zur Entdeckung des Thäters führten, 
zeigte Jeserich dann eine noch ebenso amüsant wie pikante 
Photographie, die in einer Ehescheidungsklage ausschlag 
gebend war. Eine kurz verheirathete Frau .stand im Verdacht 
der Untreue. Der Gatte stöberte ihren Schreibtisch durch 
und fand ein Löschblatt, auf dem ein Brief abgedrückt war. 
Dr. Jeserich untersuchte ihn nach seinem Verfahren und ent 
zifferte die Worte : „Mein lieber Max — geküsst 
Deine ewig treue, aber unglückliche Emmy.“ — Nun hiess 
aber zufälligerweise der Gatte nicht Max und die gute Emmy 
wurde frei. 
Dr. Jeserich,'s Erfindung stellt einen ungeahnten und 
kaum für möglich gehaltenen Fortschritt in der (Kriminalistik 
dar und die Bahnen, die er der Polizeiwissenschaft gezeigt 
hat, werden das tiefe Dunkel, das über so manchem Ver 
brechen lag, lüften. Karstensen. 
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Die Kaiser Wilhelm- Gedächtnisskirche hatte 
gestern seltenen Besuch. Eine kleine Anzahl von Hotten 
totten und Herero wohnten dem Gottesdienste bei. Am 
Portal erregte ihre Ankunft begreifliches Aufsehen, da nie 
mand etwas davon wusste. Aufseher Richter führte sie vom 
Stadtbahnhof „Am Thiergarten“ aus zur Kirche; sie mar- 
schirten in Reih und Glied, den Schluss bildeten die drei 
Frauen. Der Platzinspector der Kolonial-Ausstellung Herr 
Lieutenant von Jaczewsky empfing sie an der Mittelthür 
und schritt ihnen voraus bis direct vor den Altar, wo sje auf 
der ersten und zweiten Bank der linken Seite Platz nahmen. 
Das prächtige Gotteshaus selben ihnen zu imponiren, sie be 
trachteten es mit grossem Interesse. Als nach dem Vorspiel 
die Klänge eines Chorals erklangen, blieben sie bei den ersten 
Strophen stumm, setzten aber dann sicher ein und sangen 
die Melodie und den Text mit lauter Stimme, nur die Frauen 
und die Herero schwiegen, wohl weil sie des Deutschen we 
niger mächtig sind. Die schönen kräftigen Hottentotten je 
doch schlugen sofort jede angeführte Bibelstelle nach, um sie 
mitzulesen. Während der erhebenden Predigt des Herrn 
Pastors Mauff verwandten die farbigen Christen kein Auge 
von der Kanzel und zeigten überhaupt während des ganzen 
Gottesdienstes Anstand, Würde und Ruhe. Zu Ende des 
selben begrüsste sie der zweite Vorsitzende der Kolonial-Aus- 
stellung Herr von Beck, worüber sie sehr erfreut waren. Viel 
Publikum drängte nach, als sie die Kirche verliessen, und 
ihr Abmarsch glich fast einer Wachtparade, denn Hel Volks 
marschirte mit. Im Kluge’schen Gartenrestaurant erhielten 
sie Erfrischungen, die Meisten Kaffee, einige tranken Bayeri 
sches Bier. Der Platz-Inspector, welcher sie hierher begleitete.
	        
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