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Periodical volume Nr. 100, 26. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Offioielle AussteHungs ° Nachrichten. 
Schönes, dass nicht oft genug' auf dieselbe hingewiesen werden 
kann. Kenner und Liebhaber der Edelschmiedekunst wer 
den allzeit mit höchster Befriedigung die daselbst aufge 
stapelten Schätze in Augenschein nehmen, aber auch in wis 
senschaftlicher Beziehung hat eine der ausstellenden Firmen 
ganz Bedeutendes geleistet, Herr Hofgoldschmied Paul Teige, 
Liessen Kamen nicht nur bei den schmuckliebenden Damen 
der hohen Aristokratie, sondern auch bei den Männern der 
anthropologischen und archäologischen Wissenschaft einen 
guten Klang hat. Betritt man die Edelmetallabtheilung, sq 
stösst man gleich vorn in der Mitte auf die Vitrine des Herrn. 
Teige, der sich seit einer Reihe von Jahren dem Studium der 
Anthropologie so eingehend widmete, dass er in allen tech 
nischen Angelegenheiten von zahlreichen grösseren Museums- 
directionen zu Rathe gezogen und von der Niederlausitzer 
Gesellschaft für Anthropologie zuim Ehrenmitglied ernannt 
wurde. Unser Blick fällt in der Vitrine sofort auf eine An 
zahl goldener Gefässe, Geräthe und Schmuckstücke, deren 
Eigenart seltsam berührt. Es sind Theile, eines grossen und 
berühmten Goldfundes aus Pietroassa in Rumänien, der 
als der Schatz des Westgothenkönigs Athanarich erkannt 
wurde. Mit diesem reichenFund und dessen Schicksalen hat es 
eine ganz eigene Bewandniss. Im Jahre 1837 sliessen 
Bauern des Dorfes Pietroassa bei Buzen, bei ihren Erdarbei 
ten auf eine Anzahl MetaWgegenstände, von deren kolossalem 
Werth — die Gefässe und Schmuckstücke im Gewicht von 
etwa 110 Pfund reinen, 21 karätigen Goldes waren mit Tau 
senden von Edel- und Halbedelsteinen besetzt — sie keine 
Ahnung hatten. Sie theilten den Fund unter sich, schenk 
ten die kleineren Stücke ihren Kindern zum Spielen und 
tauschten grössere bei herumziehenden Zigeunerbanden gegen 
Kupfergefässe ein. Erst zwei Jahre später erkannte ein wan 
dernder Grieche den Werth der Gegenstände, den er natür 
lich verschwieg, um für wenige Francs alles aufzukaufen, 
dessen er habhaft werden konnte. Die noch vorhandenen 
Steine brach er aus und zermeisselte die grösseren Goldtheile, 
um sie leichter an den Mann bringen zu können. Nun ge 
langte endlich die Sache zur Kenntniss des damaligen Mi 
nisters des Innern Fürst Ghika, des Bruders des regierenden 
Fürsten der Wallachei, der schleunigst die eifrigsten Nach 
forschungen anstellen und retten liejss, was noch zu retten 
war. So gelangte nach und nach ein grosser Theil des Fun 
des in den Besitz der fürstlichen Sammlungen in Bukarest, 
wo er leider in den fünfziger Jahren mittels eines kühnen 
Einbruchs durch den durchbrochenen Plafond des Saales 
grossentheils gestohlen wurde. Vieles wurde allerdings wie 
der herbeigeschafft, allein wieder hatten die Diebe die grös 
seren Stücke, darunter auch den grossen Halsring des Gothen 
königs und zwar inmitten der Runen-Inschrift zermeisselt. 
Glücklicherweise blieb die von Herrn Teige ausgestellte, reich 
mit getriebenen Figuren geschmückte Goldschaale tadellos 
erhalten. Anfangs der 80 er Jahre wurde der Fund zur Er 
gänzung und Reparatur nach Paris geschickt, allein von den 
damit beauftragten Goldschmieden eher noch mehr zerstört 
als wiederhergestellt. Endlich berief der kunstsinnige Kö 
nig Carol Herrn Teige zur Restauration des werthvollen 
Fundes nach Bukarest. Wie dieselbe dem durch und durch 
archäologisch gebildeten Meister gelang, können unsere Aus 
stellungsbesucher aus dem hier ausgestellten königlichen 
Schatz ersehen, über den sich auch der Kaiser gelegentlich 
seines Rundganges in Gruppe VII eingehend Bericht erstat 
ten liess und Herrn Teige seine wärmste Anerkennung über 
diese und seine anderen prähistorischen Arbeiten aussprach, 
die von ebenso grosser Schönheit, wie Originalität sind. 
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Ein freudiges Familienereigniss hat heute in früher 
Tagesstunde in der Ausstellung Kairo stattgefunden. Dort wurde 
die hübsche E'ischa Said, des trefflichen Muftach Anad erste Frau, 
von einem niedlichen Mädchen entbunden, das zu grösserer Ehre 
Deutschlands auf den Namen Berlina getauft wurde. Die sechs- 
zehnjährige Mutter war heute früh um acht Uhr schon wieder 
munter und wohlauf. Der Vater dagegen liegt krank darnieder. 
krank, weil es kein Sohn ist. Er hatte versprochen hundert Mark 
zum Besten zu geben, wenn ihm ein Sohn geboren würde, und 
nun ist er bitter enttäuscht. 
9 
Ausstellungs-Literatur. Schnitze und Müller auf 
der Berliner Dewerbe-Ausstellung 1896. (A. Hofmann 
& Comp., Bureau des Kladderadatsch, Berlin.) Gleich allen früheren 
Productionen dieser Firma ist auch die obige von jenem echten 
Humor durchtränkt, der erheitert, aber nicht verletzt, trotzdem der 
Geist scharfer Satire zuweilen zwischen den Zeilen sein Wesen 
treibt und ganz besonders jene Ausstellungsbesucher geisselt, die 
über allen Vergnügungen, die der Treptower Park bietet, nur Eines 
vergessen — die eigentliche Ausstellung selbst. Man lacht herzlich, 
wenn man am Schluss des witzigen Büchleins erfährt, dass die 
Helden desselben mit ihren Begleitern nach einem langen abenteuer 
reichen Rundgang am späten Abend plötzlich darauf kommen, dass 
sie das Hauptgebäude gar nicht zu Gesicht bekamen und sich da 
mit trösten: »Wir kommen ja wohl mal wieder her!« . Einige 
Kapitel des reizend illustrirten Werkchens sind ganz köstlich, so 
der »Schreibebrief des Afrikaners Bimbi an seine Frau Bumbi in 
Kamerun«, »In der Volksernährung« und »Auf der Stufenbahn, 
ein furchtbares Abenteuer«. Für Einheimische und Fremde dürfte 
diese Darbietung des rührigen Verlags eine der anheimelndsten Er 
innerungen an den Ausstellungsbesuch bilden. 
9 
In den Strassen Alt-Berlins figurirt seit wenig Tagen 
auch ein junger Italiener als Portraitmaler in Oel. Als Atelier 
dient meist ein grosser Tisch unter einer Kastanie an der Apfel 
weinhalle von Freyeisen in der Georgenstrasse. Die Oelportraits 
kann man gleich mitnehmen, und kosten dieselben 15 Mark. Die Ver 
käuferinnen Alt-Berlins lassen sich, mit Vorliebe als Italienerinnen 
malen und sitzen geduldig stundenlang, zuweilen sitzt daneben ein 
schnurrbärtiger Herr, der sich von einem andern Italiener in Thon 
modelliren lässt und Apfelwein dazu trinkt. Das liebe Publikum 
bleibt selbstverständlich stehen, um zuzusehen und Witze zu machen, 
sodass es bei den Sitzungen recht vergnügt hergeht. 
9 
Obst. Es fängt im Treptower Park an zu fruchten. 
Nicht nur, dass auf den verschiedenen Gartenbauanlagen 
ostensible Strippen gezogen werden, um die 200 000 Gäste 
von den Stachelbeeren und sich röthenden Pfirsichen abzu 
halten (was diesen Gästen, wie wir glauben, schon ihre sich 
noch in jedem Falle glänzend bewährt habende gute Sitte 
verbietet), sondern die Werder’sehen haben die Halle in- 
vadirt und machen uns, jedenfalls unsern für Obst empfäng 
licheren Mitmenschen den Mund wässern wie einst die 
Schlange im Paradiese — auf dessen Genüsse wir gern ver 
zichtet haben Würden — der armen Eva. Der Obstbau 
verein zu Werder, dem durch seine Baumblüthe bekannten 
havelländischen Culturcentrum für Johannis- und andere 
Beeren, hat mobil gemacht. Die Züchter unter Führung 
des Herrn C. Raus können sich über ihre heurige Operations 
basis, das Treibhauswetter des Juli, nicht beklagen. Es hat 
Früchte gezeitigt, die nach ihrer leicht zu begründenden An 
sicht einer besseren Menschheit würdig wären. Wir sehen 
in der Seitenhalle (hinter der Späth’schen Baumschule) ganze 
Büschel von Kirschen, je zu ca. 30—50 an einem Reis, wenn 
es nicht weniger waren, und eine Traube von Iohannisbeeren 
weisse Holländische, die dem gelobten Lande Kanaan Ehre 
gemacht haben würde. Besonders aber die Stachelbeeren' 
Ganz abgesehen von ihrer Qualität, denn einige sonst ganz 
trunkfeste Herren erklärten sie für Pflaumen. Man mache 
sich also eine Vorstellung von ihrem Umfange. Aber sie 
übertreffen sich selbst durch ihre Namen. Denn sie kommen 
in vielen, vielen Sorten vor und jede will doch auch als beson 
dere Varietät im hprticulturellen Standesamtsregister figu« 
rireü. Also vom gelben Löwen bis zum rothen Elephanten 
und vom süssen Jungen (sweet boy) bis zum grünen König 
(green king) ist solch einem Nomenclaturisten der Garten 
baukunst nur ein Schritt. Wir sehen davon ab, ihm auf 
diesem Wege weiter nachzugehen. Uebrigens tritt H. 
Maurer (Beeren- und Schalenobstschule zu Jena) mit unseren 
ausserdem für ihre Höflichkeit berühmten Weiderichen in
	        
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