Path:
Volume Nr. 98, 24. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

12 Officieile Ausstellungs-Nachrichten. 
kenpflegerinnen legen Zeugniss dafür ab, welche Bedeutung 
für die Krankenpflege, ja für die öffentliche Gesundheitspflege 
die Thätigkeit edler Frauen gewonnen hat. Schwer und 
mühevoll ist der Beruf der Pflegerinnen. Vielen Freuden, die 
ihre Schwestern gemessen, müssen sie entsagen. Neigung, 
Lust und Liebe zum Beruf muss vorhanden sein, stark genug 
das Peinliche gewisster Verrichtungen ohne Widerwillen zu 
überwinden. Takt, Umsicht und Beobachtungsgabe, eine 
zarte Hand dürfen gleichfalls nicht fehlen. Selbstbeherr 
schung und Geduld, peinlichster Gehorsam auch nichtver- 
standeüen Anordnungen des Arztes gegenüber, Sauberkeit, 
im Sinne der modernen Wund- und Infectionslehre, ein kräf 
tiger Körper und — die Hauptsache —- ein gutes Herz sind 
für das arbeitsreiche Amt einer Schwester unerlässlich. 
A. S—nn, 
i— “ 
Sonntags-Gottesdienst. Nächsten Sonntag wird beim 
Vormittags-Gottesdienst im Hörsaale des Chemie-Gebäudes Herr 
Pfarrer Hiecke aus Bargischow bei Anklam in Pommern die An 
sprache an die Besucher halten. 
Das zweite grosse Feuerwerk, das am gestrigen 
(Donnerstag) Abend auf dem zu diesem Zweck dreifach überbrückten 
Neuen See stattfand, hatte eine grosse Anziehungskraft ausgeübt, 
und strömte namentlich gegen Abend das Publikum in dichten Schaaren 
in den Park, der sich gestern, dank der herrlichen Witterung, wieder 
in seiner vollen Schönheit präsentirte. Dem wilden Kampf um die Plätze 
an den Ufern, der das letzte Mal einen hässlichen Missklang in 
das pyrotechnische Schauspiel brachte, hatte man diesmal durch 
die Anbringung von abgesperrten Sitzreihen vorgebeugt. Dieselben 
waren sehr begehrt, da Tausende gern einen Extraobulus opferten, 
um ungestört der schönen Veranstaltung anwohnen zu können. 
Herr August Zeidler, der Schöpfer derselben, ist den Berlinern 
kein Neuling auf diesem Gebiet. Er hat mit seinen grossen 
Feuerwerken in Schloss Weissensee bewiesen, dass er von seiner 
Kunst viel versteht und stets bestrebt ist, sich in derselben mehr 
und mehr zu vervollkommnen. Auch seine gestrige Leistung be 
wies, wieviel er seit seinem letzten Auftreten hier gelernt hat und 
namentlich, dass er das Gebotene dem vornehmen Rahmen unserer 
Ausstellung anzupassen wusste. Unter den 24 Nummern des ge 
schmackvollen Programms, die durchweg sehr interessant und effect 
voll waren, gefielen ganz besonders die Feuertöpfe mit vulcanartigem 
Ausbruch, die pyrotechnische Flora, ein Lichtertableau von prächtigem 
Farbenreiz, die Springbrunnen in Lyoner Brillantfeuer, die sich in 
bengalische Flammen verwandelnden Fontainen, die Glorienfront und 
ganz besonders das farbenprächtige Schlusstablcau, das Ausstellungs 
wappen, die hammerbewehrte Hand darstellend, zu dessen beiden 
Seiten ein »Hoch Berlin!« erglänzte. Auch zwei komische Inter 
mezzos fanden lebhaften Beifall. Herr Zeidler hat seinen guten 
Ruf als Pyrotechniker auch auf dem neuen Schauplatze wieder voll 
bewährt und darf mit seinem Erfolge wohl zufrieden sein. 
V 
Das Sportfest in der Ausstellung. Hie Vorberei 
tungen für das grosse sich über die Woche vom 20.—27. Sep- 
’tember ausdehnende Sportfest sind schon in umfassender; 
Weise in Angriff genommen worden. In dem Gesammt- 
Comite sowie in den Einzel-Comites für das Fest, dessen Pro- 
tectorat Prinz Aribert von Anhalt und Prinz Albert von 
Schleswig-Holstein übernommen haben, sind die hervor 
ragendsten Spoitmänner (und Sportliebhaber Berlins ver 
einigt. Nach den Anmeldungen, die jetzt vorliegen oder in 
bestimmter Aussicht stehen, ist eine sehr rege Betheiligung 
der Sportkreise nicht nur Berlins, sondern auch ganz 
Deutschlands und der befreundeten Länder zu erhoffen. 
Durch das Entgegenkommen der Ausstellungsleitung und 
die Bereitwilligkeit zahlreicher sportlicher Vereinigungen, 
wie auch vieler Privaten ist bereits eine grosse Anzahl werth 
voller Preise für die verschiedenen Zweige des Sports gestiftet 
resp. zugesagt. Das Fest wird sich auf alle liier vorzüglich 
in Betracht kommenden Arten des Sports erstrecken und da 
rum jedem Sportfreunde etwas bieten können. Veranstal 
tungen auf dem Gebiete des Flach- und Hinderniss-Remi- 
sports, des Trabersports und des Fahrens sind ebenso in Aus 
sicht genommen, wie auf dem des Radfahr-, Ruder- und 
Segelsports. Auch dem Fechten sowie einigen der belieb 
testen Rasenspiele, Lawn Tennis, Fussball, Golfspiel, ist ein 
Theil des umfangreichen und interessanten Festprogramms 
gewidmet. Es ist anzunehmen, dass dieses Fest, dessen nä 
here Einzelheiten in kürzester Zeit genau bekannt gegeben 
werden, die Sportfreunde aus ganz Deutschland in Berlin zu 
sammenführen wird. 
V 
Der Besuch der Ausstellung. Das »Officieile, inter 
nationale Pressbureau« versendet folgende Notiz: »Die Ausstellung 
nähert sich nunmehr auch in ihrer Besucherzahl den Erfolgen von 
Weltausstellungen. Die vorige Woche hatte einen ausserordentlich 
starken Besuch aufzuweisen, ein Tag derselben brachte ihr einen 
Besuch von insgesammt 150 000 Personen. Namentlich die grossen 
Lehrinstitute des Landes fangen jetzt an, die Ausstellung in corpore 
zu besuchen.« 
V 
Die nächste Girandola, findet in den Marine-Schau 
spielen am Sonnabend, 25. Juli, im Anschluss an die 9 Uhr- 
Vorstellung statt. 
S 
Die Illumination in Alt-Berlin findet nach neueren 
Bestimmungen am Sonnabend, 25. d. M., nicht am Freitag statt. 
Der Eintrittspreis beträgt an diesem Abend 50 Pfennige. 
V 
Am Portal VI ist seit Mittwoch Abend 6 Uhr eine Kasse 
eingerichtet worden. Das Publikum kann jetzt auch diesen Ein 
gang zur Ausstellung benutzen. Auf dem bisherigen Kassenschilde 
ist das Wort mit gekauften Billets vorläufig überklebt worden. 
In den nächsten Tagen wird ein anderes Schild angebracht v/erden. 
o 
Die Ausstellung im Gewitter ist eine Fundgrube 
für interessante Beobachtungen; Malern, Psychologen, Schuhmachern, 
Wäschehändlern und solchen Rentiere, welche ihren wohlverdienten 
Müssiggang als »stille Beobachter« gemessen, seien derartige Vor 
falle wie der vom Mittwoch Abend dringend empfohlen. Durch 
die andauernd schöne Witterung waren grosse Mengen von Be 
suchern nach der Ausstellung gelockt worden, als gegen sechs Uhr 
unvermuthet von allen Seiten sich schwarze Gewitterwolken zu 
sammenzogen und bis 11 Uhr Nachts ununterbrochene Regen 
güsse auf die Ausstellung herabsandten. Alsbald flüchtete das im 
Park spazierende Publikum unter die Wandelhalle und drängte 
von da, als sich der Regen hartnäckig zeigte, in die Ausstellungs 
räume des Hauptgebäudes, wo man um die siebente Stunde sich 
kaum vorwärts bewegen konnte. Noch grösser wurde die Platz 
noth, als das Hauptgebäude geschlossen wurde. Das Cafe Bauer 
wurde gestürmt, durch mehrere Stunden war nicht ein Platz zu 
erlangen. Hochinteressant war die Einwirkung des Gewitters 
auf die Gedächtnisskunst und das Schreibtalent der Menschen. 
Fast jeder, der an den Räumen des Postamts vorbeigeschoben 
wurde, erinnerte sich plötzlich irgend eines briefhedürftigen 
Verwandten oder Gläubigers, besetzte einen Platz an den Schreib 
pulten und schrieb drauf los. Was für welterschütternde Gedanken 
in diesen zwei Abendstunden des Mittwoch in dem Seitenrund der 
Wandelhalle zu Papier gebracht worden sein mögen! Ob nicht ein 
Gelehrter einen tiefen Zusammenhang zwischen Witterung und 
Schreibwuth herausfinden und in einer epochemachenden Abhandlung, 
etwa unter dem Titel »Der Einfluss des Gewitters auf die Grapho- 
manie« veröffentlichen dürfte? — Einen noch fesselnderen Anblick 
gewährte die »Regatta in den Wandelgängen«. Bekanntlich 
dringt in die beiden Wandelgänge der Ausstellung der Regen zwar 
nicht durch das Dach, dafür strömt er aber in vollen Bächen von 
dem höher liegenden unbedeckten Weg nach diesem Nothpfad und 
macht ihn nach wenigen Minuten für Fussgänger unpassirbar.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.