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Periodical volume Nr. 98, 24. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. n 
Zähne zürn Zwecke der Täuschung hin und wieder mit gol 
denen Plomben versehen sind. Ja, wenn man nicht einmal 
plombirte Zähne mehr für echt halten soll! G. Jüterbock 
führt neben zierlich gearbeiteten Gebissen und Brückenar 
beiten noch als Specialität 16-karätige Geldeinlagen als Ver 
stärkung von Kautschukplatten zur Verhütung von TJn- 
glücksfällen durch Zerbrechen im Munde vor. Theuer dürf 
ten die Zähne der Ehegesponsen dem Gatten zu stehen kom 
men, wenn das, was Herr L. Ch>. Fischer unter anderem in 
seinem Kasten ausstellt, Mode würde. Denn für den Geld 
beutel des Ehemanns wäre es immer noch besser, wenn die 
Frau Haare auf den Zähnen hätte, als Brillanten. Jawohl, 
Brillanten! Ob das schon irgend wo Mode ist oder nur eine 
Spielerei des Ausstellers, weiss ich nicht. Jedenfalls bewahre 
uns der Himmel davor. Aber vielleicht kommen wir noch 
einmal dazu, dass anstatt des schon zu sehr abgeklapperten 
Verlobungsringes die liebliche Braut einen demantgezierten 
Verlobungszahn „angesteckt“ erhält. Ein completer Schädel 
ziert das Schränkchen von Julius Ehricht. An ihm wird un 
ter Anlehnung an Vorbilder die Behandlung .der gröberen 
chirurgischen Affectionen der Kieferknochen demonstrirt. So 
trägt der Oberkiefer einen Verband „nach einer bei Wörth 
erlittenen Verwundung“, der Unterkiefer zeigt die bei ge 
wöhnlichen Brüchen dieses Knochens übliche Schiene. Auch 
die Herstellung einer künstlichen Wachsnase kann man hier 
bewundern. 
Otto Maass zeigt in lehrreicher Form die Einwirkung des 
Tabakrauches auf das Gebiss. Der Querschnitt der tiefbrau 
nen Zähne zeigt das Eindringen des Farbstoffes in die inne 
ren Schichten. Auch die verderbliche Wirkung mangelhaft 
construirter Ersatzstücke, bei denen durch die Art der Be 
festigung die noch unversehrten Zähne ruinirt werden, ist 
dargestellt. Der Unterschied in den Goldfüllungen der 
früheren und der jetzigen Zeit, die unvergleichbar grössere 
Beständigkeit der Hammelfüllungen wird gleichfalls ad ocu- 
los demonstrirt. In markanter Nebeneinanderstellung zu 
Mutz und Frommen aller derer, welche sich einer Zahnbürste 
bedienen, zeigen zwei Gruppen von Zähnen die schädlichen 
Folgen des zu scharfen und des zu wenig gründlichen Zahn- 
bürstens. Auch hier ist demnach die goldene Mittelstrasse 
die beste. Zu erwähnen ist auch die gleichfalls ausgestellte 
Anfertigung einer Porzellanfüllung. Ein Modell desselben 
Ausstellers stellt den Längs-Durchschnitt eines stark ver- 
grösserten Backenzahnes dar, dessen Höhle infolge einer Zahn 
erkrankung entzündet ist: das Bild des sogenannten „unteren 
Zahnschmerzes.“ Wilhelm Auschner endlich führt die Her 
stellung eines Kautschuk-Gebisses vorn Abdruck des Mundes 
an bis zur Fertigstellung vor, ebenso die Anfertigung eines 
Goldgebisses. A. 8—nn. 
Die Vorträge in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt] 
Krankenhaus und Krankenpflege. 
Professor Dr. Humps, der Director des vor wenigen 
Jahren errichteten Neuen Allgemeinen Krankenhauses zu 
Hamburg, behandelte am Mittwoch die innig miteinander 
verknüpften Themata des Krankenhauswesens und der Kran 
kenpflege. 
Je höher die sittlichen und religiösen Anschauungen 
eines Volkes oder Einzelner in demselben .sich entwickeln, 
um so vortrefflicher und ausgedehnter wird auch die Für 
sorge für die Armen und Kranken werden Es ist deshalb 
nicht zu verwundern, dass die Krankenpflege mit dem Vor 
wärtsdringen der christlichen Anschauungen den ersten ge 
waltigen Aufschwung nahm. Wohl hat es auch heidnische 
Völker gegeben, die aus tiefer innerer Religiosität heraus 
sich ihrer Annen und Elenden in humaner Weise annahmen. 
Vor allen anderen haben sich hierin von jeher die Inder aus 
gezeichnet. Die Römer dagegen besassen an solchen Ein 
richtungen kaum mehr als Gesundungshäuser für verwundete 
oder kranke Soldaten.. 
Das erste Krankenhaus, welches nach unseren heutigen» 
Anschauungen den Namen eines solchen verdient, wurde in 
Caesarea von einem Bischof um das Jahr 370 nach Christus 
herum errichtet. Die wohlthätige Stiftung des frommen 
Kirchenfürsten fand Nacheiferung. Später reiche die Kraft 
einzelner gegenüber den gesteigerten Anforderungen nicht 
mehr aus: Staat und Gemeinde mussten Hilfe bringend ein 
springen. — Die Zeiten und Anschauungen ändern sich. 
Der Gegensatz zwischen einst und jetzt wird wohl durch 
nichts besser illustrirt, als durch die Thatsache, dass man 
sich noch vor 100 Jahren in dem berühmten Pariser Kran 
kenhaus Hotel Dien nichts dabei dachte, 3—4 Kranke zu 
sammen in ein Bett zu legen, ohne dabei einmal zwischen 
Leicht- und Schwerkranken einen Unterschied zu machen. 
Heute werden gar nicht so selten für einen Kranken zwei 
Betten in Anspruch genommen. Im Gegensatz zu früheren 
Zeiten, in denen man Hospitäler mit Vorliebe inmitten der 
Häuserviertel errichtete, sieht man ferner in der Gegenwart 
darauf, dass ein Krankenhaus frei und luftig, womöglich in 
mitten von Gärten und Anlagen liegt. Das Prototyp für alle 
modernen Krankenhäuser, für die man auch entgegen dem 
ehemals gebräuchlichen' Corridorsystem (Charite) das Pa 
villonsystem (Urban. Moabit) bevorzugt, ist das unter Mit 
wirkung von Rudolph Virchow erbaute Krankenhaus Frie- 
diichshain in Berlin. 
Daneben existiren natürlich noch viele Hospitäler alten, 
zum Theil sogar uralten, Ursprungs im Deutschen Reiche. 
Für viele derselben ist das von Papst Innocenz III. errichtete 
Hospital San Spirito zu Rom vorbildlich gewesen; sie führen 
noch jetzt den Namen: Zum heiligen Geiste. 
Die Krankenpflege selbst ruhte früher vornehmlich in 
den Händen der Geistlichen; sie galt als ein gottgefälliges 
Werk. Und widmete sich ilir eine weltliche Person, so ge 
schah dies aus religiösen Motiven. Bekannt ist die Geschichte 
der heiligen Elisabeth, Landgräfin von Hessen, welche nach 
dem Tode ihres Gatten, von ihrem geistlichen Berather Con 
rad von Marburg geleitet, ihr ferneres Leben diesem frommen 
Werke der Nächstenliebe widmete. Später traten halb welt 
liche, halb geistliche Orden den rein kirchlichen in der Kran 
kenpflege zur Seite: die Samariterwerke der sonst so kriege 
rischen Johanniter und Templerritter gehören der Geschichte 
an. Eine eigenthümliche Stellung nehmen im Mittelalter die 
gleichfalls der Krankenpflege sich widmenden Begrünen ein. 
In einfach weltlicher Tracht widmeten sie sich dem Dienst 
am Krankenbette, ohne sich strengen Ordensregeln zu unter 
werfen. 
Die Reformation schuf, wie in vielen anderen Dingen, 
auch in diesen Verhältnissen Wandel. Die Fackel des reli 
giösen Haders, der die Gemüther trennte, warf ihre Streif 
lichter auch in die Krankenzimmer. Protestanten mieden es, 
die Hilfe der katholischen Pflegerinnen in Anspruch zu neh 
men, und so schien denn die Gründung evangelischer 
Schw esterorden nur eine Frage der Zeit. Dennoch dauerte es 
lange, ehe eine geordnete Organisation geschaffen wurde. 
Endlich drängten Kriege und Seuchen die Fürsten und die 
Heerführer dazu, sich der Sache anzunehmen. Die Cholera 
epidemie von 1833, in welcher eine vornehme Hamburgerin 
Amalie Siebekind die von der vernichtenden Krankheit be 
fallenen in den Hospitälern verpflegte, gab mit diesem edlen 
Beispiele die Anregung zur Schaffung der evangelischen Dia 
konissenvereine. 
Seitdem sind mehr denn 60 Jahre verflossen. In diesen • 
hat sich die Frau in dem Berufe der Krankenpflege ein Feld 
segensreicher Thätigkeit erobert, geeigneter für sie, als jede 
gelehrte Thätigkeit, für die sich ja aus mancherlei Gründen 
nur immer einzelne wenige besonders energische und begabte 
weiblisehe Personen eignen werden. Die Namen der unzäh 
ligen, über das ganze Reich verbreiteten Diakonissenvereine 
vom Rothen Kreuz, des Vereins der Schwestern vom Augusta- 
hospital, des Victoriahauses, des Hamburger Schwesterver 
eins, vieler im Stillen, aber nicht minder segensreich wir 
kenden katholischen Orden und des Vereins jüdischer Kran-
	        
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