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Periodical volume Nr. 98, 24. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Öfficielle Ausstellungs - Nachrichten. 
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afficlären. Man trete ohne Scheu näher. Die Hüter dieser 
Safes, Tresors und Depositengewölbe sind gute Menschenken 
ner und wissen den „Specialisten“ vom ehrlichen Besitzer 
obdachloser Kapitalien gut zu unterscheiden. Die eine Firma 
ist Hoflieferantin, und beide gemessen das Vertrauen der 
grossen Geldfürsten. Die Reichsbank, die Ministerien und 
Behörden, die Disconto-Gesellschaft, Deutsche Bank, Bleich 
röder, Mendelssohn, Krupp, Finanzinstitute des In- und Aus 
landes vertrauen ihre Depots, Reserven, Actien, Kassen 
scheine nach wie vor den sprichwörtlichen „Arnheims” und 
„Fabians“ an, welche letztere, mit ganz neuen Systemen 
debutirende Firma bereits 1200 ihrer „Invincibles” 
für das Finanzministerium geliefert hat. Neben Herrn Mir 
quel sehen wir auch den Fürsten Bismarck unter der grossen 
Zahl ihrer Kunden, von Baron Rothschild, dem verdienstvol 
len Gründer der Bayerischen Hypothekenbank und anderen 
Commissarien pupillarischer Sicherheiten uar nicht zu reden. 
Die Herren Vertreter der beiden Firmen setzen einen berech 
tigten Stolz darin, uns die Vorzüge ihrer Patente, Erfindun 
gen und Leistungen auseinander zu setzen. Wir erfahren, 
dass es nur zwei Fabriken giebt, Harkort und Eicken, die 
im Stand sind, die erforderlichen Panzer von geschweiften 
Platten unzertrümmerbaren weichen Eisens und undurchbohr- 
baren Stahls herzustellen, welche unter einem kalt ge 
bogenen Eisenmantel durch undurckbohrbare Stahlschrauben, 
verbunden werden, um keine dem Diebeswerkzeuge expo- 
nirten Ecken, Ränder und Zapfen auszuweisen. Solch ein 
Stahlrumpf ist so unnäthig wie der Rock zu Trier und völlig 
undurchbrochen. Hinter diesem Doppelmantel be 
findet sich entweder die gesiebte Buchenholzasche oder eine 
Cementart, die felsenfest und dabei sehr stark wasserbindend 
ist, im Feuer also abkühlend wirkt. Die ponderablen Thüren 
sind schräg eingeschliffen und mit zahlreichen, zum Theil 
aufgsohweissten Falzen versehen, die hinter die entsprechen 
den Hinterhakenleisten an dem Thürrahmen eingreifen. Das 
Einführen von Nitroglycerin, eines noch so feinen Instru 
ments, ja selbst das Eindringen von brenzlicher Luft ge 
legentlich eines Brandes, ist auf solche Weise unmöglich ge 
macht. Die vulnerable Karrte ist natürlich, die, wo die An 
geln sitzen und welche ohnehin durch das Gewicht der Thür* 
eineFabian’sche wiegt 80 Ctr.—stark beeinträchtigt werden 
Diesem allgemeinen Uebelstande begegnet die Firma Fabian 
mit neuen Patenten, welche sie zum Theil ihrem Ingenieur 
verdankt, der in Amerika die „hohe Schule“ durchgemacht 
hat. Ihre sogenannten „Deutschen Invincibles” weisen über 
haupt keine Angeln auf. Die sogenannte Sattle, um welche 
die Thür schwingt, ist nach Innen verlegt. Es ist 
klar, dass dank dieser Vorkehrung jedes Wuchten selbst mit 
den gewaltigsten Hebeln und Schrauben, die Thür nur immer 
fester in ihre Befestigungen hinter dem Brustrahrnen hinein 
treibt. Sogar ein Brechen ihrer Stab lzapfen wü rd * hier an nichts 
ändern. Und hinzu kommt die Möglichkeit, die Thür weit 
stärker* zu construiren, als eine in langen Angelbändern 
schwingende. Der einzige Angriffspunkt des „Invincible“ 
mit welchem unsere Industrie im klassischen Lande der 
Diebe und Millionär re Fuss fassen dürfte, ist also das eine 
einzige ScMüselloch,. Deniu auch wo mehrere Schlüssel 
löcher* vorhanden sind und unter Umständen sein sollen, so 
werden sie doch alle von einem einzigen aus hermetisch 
zugeschoben, ähnlich wie die Riegel selbst, welche von einem 
Punkte ausstrahlend regiert, werden. Am gebräuchlichsten 
ist zwar noch immer das sogenannte Brahma-Chubbschloss 
mit der eingeschnittenen Röhre und Miniatur-bart am Schlüssel. 
Auch dies dürfte indessen dem neuen Fabian'sehen Patente 
den Platz räumen, dessen Schlüssel jeder Nachbildung durch 
Diebeshand spottet. Er* zeigt einen einfachen, glatten Bart. 
Sieht man aber genauer Irin, so bemerkt man in demselben 
eine Reihe von Kanälen, in denen sich Bolzen bewegen. Bei 
der Einführung in das Schlüsselloch erhalten diese durch einen 
darin befindlichen Dorn eine bestimmte Figur, die ihm erst 
sein "W irksamkit verleiht. Das Schloss selbst ist ohne Feder 
construirt und geräth daher nicht so leicht in Unordnung,. 
wie ein solches mit Feder, welche mit Vorliebe springt oder 
sich in ihrer Lagerung* lockert. 
Das Riegelwerk an diesem Staunenswerthen Schloss, 
welches hier u. a. einen 200 Ctr. schweren Depositenschrankj 
sichert, wird von einem Centralpunkte aus strahlenförmig; 
regiert, welcher wieder durch ein sogenanntes amerikanisches 
Combinationsschloss gegen fraudulente Eingriffe verwahrt 
wird. 
Das ganze kolossale System von Riegeln bewegt sich 
nämlich nach Wunsch auf eine Drehung der sogenannten 
„Olive“ hin, welche wieder nur eingreift, wenn ein System 
von Scheiben im Innern des Schlosses mathematisch genau 
in eine bestimmte gegenseitige Stellung gebracht wird. Und 
dazu dient eine graduirte Scheibe über der Olive. 
Das System ist gewiss bewunderungswürdig. 
. Ich konnte aber nicht umhin, dem Herrn Vertreter ein 
Pröbchen meines eigenen Ingeniums abzulegen. 
„Sehen Sie,“ sagte ich „eine Stahlstange, ein Ring, mit 
welchen ich dieselbe auf ihrer Olive befestige, ein Druck der 
Hand, und der ganze Mechanismus ist ausser Rand und 
Band.“ 
Der Herr lächelte. „Auch dies ist bedacht. Eine Drehung 
des Schlüssels bewirkt, die „Olive“ aus ihren inneren Ver 
bindungen zu lösen, und nun bewegt sie sich ohne Hinderniss 
um sich selbst. 
„Das Brahma-Chubb-Schloss,“ sagte er, „ist bisher noch, 
niemals von illegitimer Hand geöffnet worden, so vielen An 
griffen es auch von der Zunft schon ausgesetzt war. Es ge 
nügte allen Ansprüchen, auch denen der Dauerbafikeit. Unsere 
Schlösser bilden aber ein ganzes System solcher Schlösser. 
Was wir im Auge haben, ist, dass die Riegel festliegen und 
nicht zurückgeschlagen werden können und hinter dem, wie 
Sie sehen, enorm starken Brustrahmen eingreifen und nicht 
in den Umschweif, der bei anderer Bauart zu diesem Zwecke 
ausserordentlich geschwächt werden muss. 
Ich war sehr befriedigt von dieser Darlegung, meinte 
aber, ob denn irgend ein Vermögen, welches einem gestohlen 
werden könnte, hinreichend wäre, um eine solch’ musterhafte 
Einrichtung zu bezahlen? 
Mein Staunen war nicht gering, als ich erfuhr, dass ein 
moderner Safe billiger wäre, als ein gewöhnlicher Kasten mit 
Eisenbeschlag und Vorlegeschlössern, wie ihn unsere Gross 
väter zu benutzen pflegten. Man möchte sagen, sie werden 
nach Gewicht verkauft wie die Butter, nur sehr viel billiger. 
Durchschnittlich kosten sie pro Kilo eine Mark,. Und da ein 
solcher Safe genügt, um einer grossen Anzahl von Deponen 
ten (in dem ausgestellten Schrank deren 47) je einen Abtheil 
zu gewähren, der wiederum unter vierfachem Verschluss 
steht, so kann man nur sagen, dass mit deren Hilfe und dem 
neuen Depötgesetz das Kapital so gesichert ist wie 
noch nie zuvor und höchstens durch sich selbst noch ge 
fährdet werden kann. 
Wir wollen uns von den grossen Schränken und den Ge 
wölben der beiden genannten Firmen nicht blenden lassen. 
Sie passen ihre Erzeugnisse ja ebenso wie die anderen für 
die haute banque arbeitenden Firmen u. a. Carl Ade allen 
Bedürfnissen und Dimensionen an. Ganz vornehm 
lich für die „Todte Hand“ scheint dagegen C. Fuhr 
mann zu arbeiten, dessen mit Halb-Edelsteinen und ge- 
Ganz vornehmlich für die „Todte Hand“ scheint dagegen C. 
Fuhrmann zu arbeiten, dessen mit Halb-Edelsteinen und ge 
triebenen Platten verzierter Kirchenschrank hinter den pro 
saischen Amheim’s byzantinisch zwar, aber nicht unange 
nehm in che Erscheinung tritt. Sehr zierliche Fassetten 
von 0. Schleiff und die mit einem dem oben beschriebenen 
ähnlich fungirenden schlüssellosen Variationsschloss versehe 
nen 0. Lindner’sehen Schränke verdienen besonderer Erwäh 
nung. Das Patentschloss „Integritas“ der letzteren Firma ist 
nur schliessbar, wenn der Schlüssel sich nicht im Innenraum 
des Schrankes befindet, d. h. der Schrank kann nicht aus Ver 
sehen zugeworfen werden, was ja allerdings Eigenschaft aller 
modernen Safeschlösser ist. Auch bei dieser Firma begegnen
	        
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