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Periodical volume Nr. 98, 24. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

8 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
Diebessichere Geldschränke, Safes und Stahl 
kammern. 
[Abdruck untersagt] 
Ein grosser Mann soll mal gesagt haben, wenn wir halb 
so viel Witz auf die Lösung der socialen Frage verwendeten, 
wie darauf, diebessichere Geldschiänka zu construiren, dann 
gab’ es weder jene, noch brauchten wir diese. Dieser gross» 
Mann (entweder also Li-hung-Tscha.ng oder Bismarck) hat 
ausnahmsweise den Nagel auf den Kopf getroffen, soweit es 
nämlich den erstaunlichen Grad von Scharfsinn zu kenn 
zeichnen gilt, der auf die Herstellung absolut diebessicherer 
Schränke, Safes, Tressors verwendet worden ist. Ursache zu 
diesem ungewöhnlichen Aufwand ist andererseits wieder der 
ausserordentliche Grad von Verschlagenheit und Energie, 
mit denen neuerdings die technisch hochgebildeten Kassen 
brecher Amerikas und Englands ihre Feldzüge gegen das 
unter Verschluss gehaltene Eigenthum der zahlreichen Dol 
larmillion aire nicht nur, sondern auch des continentalen 
Banquiers in Scene setzen. Es gilt die Abwehr gegen eine 
kosmopolitische Zunft, die das Einbrechen zur Wissenschaft 
gemacht hat. Es sind die Nachkommen der aller- 
schlauesten und unternehmendsten, zehnfach durchgesiebten 
Menschheit des Far-West, die wie die Zigeuner der Entfüh 
rung alter Mähren und lahmer Gänse, so ihrerseits der Er 
öffnung minder patent gearbeiteter Geldschränke und Bank 
gewölbe mit einer gewissen Monomanie ergeben sind, anstatt 
lieber Minister oder Professor zu werden. Es ist geradezu 
ein Kapitel Darwinismus, dieser Kampf zwischen dem Geld 
schrank und dem Vernichtungswerkzeug. Die Erfinder dieser 
Werkzeuge ziehen von Staat zu Staat, von Land zu Land, 
von Grossstadt zu Grossstadt, leben als Barone, spielen ihre 
Holle auf den Rennbahnen nach dem exquisitesten Vorbilde 
des Prinzen von Wales, geben Depots auf, ziehen Wechsel 
und Checks, legen Geld an, wobei sie die Schwächen der ver 
schiedenen Standplätze ausbaldowern und zur rechten Zeit 
ihren Coup machen. Hundert gegen eins hätte mancher 
Krösus gewettet, dass sein „Patent-Safe“ durchaus diebes 
sicher wäre, (die Fall- und Feuersicherheit versteht sich am 
Rande), und siehe da, eines schönen Morgens — gewöhnlich 
nach einem doppelten Fest- und Feiertage — war er demolirt 
und ausgenommen wie ein Nonnenkloster anno fünfzehnhun 
dert und noch was. Irgend ein noch unbeachtet gebliebener 
weil minutiöser Angriffspunkt, eine Vertiefung oder Erhaben 
heit an dem patentirten Geldschrank hatte genügt, um dem 
neuerdings hauptsächlich mit Nitroglycerin und Dynamit 
arbeitenden Diebesingenium den Weg in das Innere offen 
zu legen. Früher, in den Tagen relativer Unschuld, arbeitete 
die Zunft mit Centrumsbohreren und Brecheisen nach dem 
Recept des Archimedes, das nur einen festen Punkt brauchte, 
um die Welt aus ihren Angeln zu heben. Nous avons change 
tont cela! Jetzt suchen sie umgekehrt nach einem schwachen 
Punkt, und wäre er nur so gross wie ein Stecknadelknopf. 
Die Bänder, die Angeln, die Nieten, die man absprengte, 
das Knallgasgebläse, mittels dessen man dem Panzer zu Leibe 
ging, das Schlüsselloch, durch welches man stundenlang 
Pulver einblies und dann den Kasten, gut mit Decken und 
starken Stricken umwickelt, platzen liess, sind längst passirt 
und vergessen, wenigstens, wenn auch nicht bei uns und in 
der noch ahnungsloseren „Provinz“, so doch im klassischen 
Lande der Safe-Vernichtungs-Virtuosen, die sich sogar durch 
unterirdische Gänge unter Strassen hinweg den Zugang zu 
den grossen Bankgewölben verschaffen. Eine mikroskopische 
Spalte zwischen zwei Verbandtheilen genügt. Mit 
zinnernen Miniaturkeilen, damit die Arbeit keine Funken 
erzeugen kann, führen sie hier Nitroglycerin oder Dynamit 
ein, das bringen sie mit ein wenig Knallquecksilber zur Ex 
plosion. Und diese einfache Procedur wird mit bewunde 
rungswürdiger Geduld wiederholt bis ein Riss entsteht, aus 
dem Riss ein Spalt, aus dem Spalt ein Loch — und fertig ist 
die Laube! In dem Monatsbericht der Vereinigten Staaten 
seitens der Enquete-Coiömission des Jrcsorwesens, die um 
fangreiche Experimente anstellte, wird dargethau, dass man 
bei einem Zwischenräume von 0,024 Zoll zwischen zwei 
dicken, aufgenietheten Panzerplatten diese und sämmtliche 
Schrauben und Bolzen auf die angegebene Weise absprengen 
kann und dazu höchstens gegen vierzig Minuten brauche. 
Und das alles geschieht annähernd so geräuschlos, dass auch 
Leute in nächster Nähe, die ad hoc angestellt sind, wahr 
scheinlich aber mit gut abgerichteten Complicen der wohlor- 
ganisirten Einbruchsunternehmung derweil, wie in den Ka 
jüten der britischen Kohlenschiffe, Poker spielen oder sonst 
wie, etwa mittels des Revolvers unschädlich gemacht werden, 
davon nichts merken würden. 
Die Aufgabe des Fabrikanten solcher Geldschränke ist 
also gerade in Folge der modernen Diebesteebnik se.bst 
wesentlich vereinfacht. Gegeben die 500 000 Teufel 
des Graben - Hoffmann und sein Geldschrank. Wie 
muss dieser construirt sein, damit jene ihn nie und nimmer 
aufsprengen können ? Indessen mit der einen sehr schwer 
wiegenden Bedingung, dass er gleichzeitig der legitimen 
Hand sich willig öffnet wie die Höhle der vierzig Räuber dem 
Wörtchen „Sesam“. Ersteres wäre weit leichter, wenn nicht 
auch dieses letztere als conditio sine qua non hinzuträte. 
.Denn man hat ja längst hoch vollendete Schränke, die nur zu 
einer bestimmten Stunde sich durch inneren Mechanismus 
ä la Thomasuhr ominösen Angedenkens von selb rt öffnen. 
Diese haben aber immerhin das Bedenkliche, dass sie den 
Banquier zwingen, auf den gegebenen Augenblick warten zu 
müssen, was unter Umständen wenn auch ihm, doch seinen 
Kunden nicht passen würde. Time is money! Millionen 
können inzwischen verloren gehen! Jemand will am Sonn 
abend spät nach Geschäftsschluss in aller Eile seine Depots 
erheben, um ein Kaufgeschäft abzuschliessen oder mit dem 
nächsten Steamer nach Kimberley abzureisen. Wie steht der 
Banquier dann da, wenn er sagen muss : „Dear Sir! Mein 
Safe öffnet sich erst um 9 Ub,r 3 Minuten 2 Sekunden Montag 
früh.” ? Bei uns würde der an ein solches Uhrwerk ge 
bundene Banquier viele Deponenten verlieren. Es lässt sich 
auch denken, dass das Uhrwerk durch einen Sturz des Geld 
schranks selbst oder in Folge des Versagens irgend eines Be 
triebs in seinem Mechanismus überhaupt unwirksam würde. 
Dann wäre also der Banquier gezwungen, an sich selbst zum 
Einbrecher zu werden und stünde vor einer Aufgabe, die er 
dem wirklichen Einbrecher zur Unmöglichkeit zu machen 
suchte. Man hat freilich dieser Fatalität dadurch vorge 
beugt, dass man das Uhrwerk im Innern des Schrankes ver 
doppelte, ja verdreifachte, und zwar so, dass stets die eine 
Uhr als Compensation eintritt,, wenn die andere versagt. Aber 
das ist eine sehr kostbare Einrichtung-, auch bleibt dabei im 
mer noch das Desideratum unerfüllt, dass die legitime Hand 
zu jeder Zeit Eingang zu den eigenen Schätzen und anver 
trauten Depots haben solle. Andererseits bietet jedes Schloss 
wenigstens doch jedes Schlüsselloch, abgesehen von dem leicht 
imitirbaren Schlüssel selber einen Angriffspunkt, von wel 
chem aus der Adept der modernen Einbruchstechnik sich den 
Behälter der eingesperrten Freiheit — denn Geld ist ihm 
Freiheit — zu öffnen vermag, wie die sprichwörtliche Auster 
William Shakespeare’«. 
Das ist die „Proposition“. Und es sind eine Reihe von 
grösseren Instituten, welche auf verschiedenen Wegen die 
Lösung derselben anstreben. Und zwar finden wir unter den 
16 Firmen, die in der Abth.eilungVII mit Geldschränken und 
Gassetten debutiren, deren vier, die besonders- auch grösserer 
Anlagen von „Stahlkammern“ und „Safes“ sich befieissigen. 
Man begiebt sich die grosse Treppe im Hauptgebäude hinab 
und wird gleich in einer der ersten Nischen rechter Hand 
von dem zum Theil riesigen Aufbau überrascht, den nament 
lich die beiden bewährten und seit 1833 resp. 1838 thätigen 
Fabriken 8. J. Arnheim und M. Fabian der Aufgabe wid 
meten, den Milliarden der Millionaire und den pupillarischen 
Sicherheiten der ärmeren Reichen Unterkunft zu bereiten. 
Man kann sagen, es seien zwei Hotels, die sich hier gegen 
überliegen, deren einzelne Kammern sich als „vermiethbar“
	        
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