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Periodical volume Nr. 97, 23. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

II 
Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
Veranlassung zu vielen heiteren Scenen, so gestaltete sich die 
Fahrt selbst, bei der der Bundesprasident Herr Wollschläger 
in bekannter liebenswürdiger Weise die Führung übernommen 
hatte, äusserst animirt. Die Kapelle der Garde-Pioniere, die auf 
dem ersten Schiff placirt war, liess populaire Weisen ertönen und 
lustig stimmten die Dampferpassagiere in dieselben ein, während 
von den Ufern her und aus den Häusern Hunderte herübergrüssten 
und den vorüberziehenden Schiffen zuwinkten. Nachdem die 
Dampfer noch die Insel oberhalb Treptow’s umfahren hatten, landeten 
sie am Nassen Viereck, wo die Fahrgäste von den mittels Bahn 
vorausgeeilten Beilegen begrüsst und nach dem Habel’schen Lokal 
geleitet wurden. Dort trat man nach eingenommenem Frühstück den 
Rundgang in der Ausstellung an, über welche sich die fremden Gäste 
mit höchster Befriedigung ausspraehen. Um zwei Uhr fand bei Habel 
das gemeinschaftliche Mittagessen statt, bei dem eine ausserordent 
lich angeregte Stimmung herrschte, verschiedene Toaste ausgebracht 
und ganz besonders des segensreichen Wirkens des allverehrten 
Präsidenten Obermeisters Wollschläger ehrenvollst gedacht wurde. 
Nach Aufhebung der Tafel begaben sich die Gäste gruppenweise 
wieder in die Ausstellung, worauf verschiedene Sehenswürdigkeiten 
in Augenschein genommen und Abends der Heimweg durch Schiff 
und Bahn angetreten wurde. 
V 
Der VH. deutsche Mechanikertag wird am 13., 
14. und 15. August d. J. zu Berlin im Vortragssaale des Chemie- 
Gebäudes der Gewerbe-Ausstellung stattfinden. Die Tagesordnung 
weist eine Reihe sehr wichtiger und interessanter Referate auf, so 
über die optischen Arbeiten der Phys.-Techn. Reichsanstalt, die 
neueren Fortschritte in der Glasfabrikation, die Berliner Hand 
werkerschulen, die Unfallverhütung u. dgl. mehr; auch für festliche 
Veranstaltungen ist Sorge getragen. — Der Mechanikertag wird 
alljährlich von der Deutschen Gesellschaft für Mechanik und Optik 
einberufen, jedoch nehmen nicht nur Mitglieder dieses Vereins an 
ihm Theil, sondern auch ausserhalb der Gesellschaft stehende Fach 
genossen und Freunde der deutschen Präcisionstechnik sind hierzu 
berechtigt Nähere Auskunft ertheilt der Geschäftsführer der 
Deutschen Gesellschaft Herr A. Blaschke, Berlin W., An der 
Apostelkirche 7 b. 
V 
Die Berliner Edelschmiedekunst, die Herr Professor 
Wiese in seinem jüngsten Vortrag so besonders lobend erwähnte, 
ist auf unserer Ausstellung durch eine grosse Anzahl von Kunst 
werken vertreten, die den höchsten Anforderungen entsprechen und 
bei Kennern und Laien rückhaltlose Bewunderung erregen. 
Sy u. Wagner, Vollgold u. Sohn, Hugo Schaper und zahl 
reiche andere Vertreter dieser altehrwürdigen Kunst haben darin 
Vorzügliches geleistet und mehrere Prachtstücke ihrer ausgestellten 
Collectionen fanden an dieser Stelle bereits eingehende Würdigung. 
Auch die Gebrüder Friedländer stehen mit ihren Arbeiten auf 
diesem Gebiet in erster Reihe und die von ihnen ausgestellte Tafel 
garnitur, bestehend aus dem Mittelaufsatz, zwei Armleuchtern und zwei 
Fruchtschaalen, ist von so hoher künstlerischer Schönheit und so aus 
erlesenem Geschmack, dass sie der Tafel des Kunst- und prunkliebendsten 
Fürsten zur vornehmsten Zierde gereichen dürfte. Von dem Bild 
hauer E. Boermel entworfen und modellirt, verkörpert das prächtige 
Werk zu dessen Herstellung zwei Centner Silber und zwei Jahre 
Arbeitszeit aufgewendet wurden, in seinem prächtigen Mittelaufsatz 
eine nordische Sage in geradezu packender Weise. Der gewaltige 
Nordlandsriese hat das Schiff der Tritonen geraubt, das er, auf 
einen der Fluth antragenden Felsen kletternd, mit starken Armen 
über sein Haupt hebt, um es davon zu tragen. Männliche und 
weibliche Tritonen umgeben ihn in einer malerisch bewegten Gruppe, 
um ihm den Raub wieder abzujagen. Die Einen bieten ihm 
schmeichelnd Gaben dar, Andere rüsten sich zu gewaltsamer Ab 
wehr, eine weibliche Gestalt hält den Fuss des Riesen um 
klammert, und zerrt angstvoll an einem Tau des Schiffes, ein 
kleiner Triton führt das prächtig modellirte Meerross Nep- 1 
tun's aus der Felsenöffnung hervor und hält den 
Dreizack des Gottes bereit, der sichtlich zur Bekämpfung des 
Räubers erwartet wird. Ganz vorzüglich gearbeitet ist das wild 
aufschäumende Meer und die ganze Gruppe spricht eine so beredte 
Sprache, dass jede nähere Erläuterung derselben überflüssig er 
scheint. Eine reizvolle und originelle Ausschmückung des Werkes 
bilden etwa hundert Glühlichter die zwischen den Blumen 
guirlanden des Schiffes, wie an den Leuchtern angebracht sind. 
Dass diese letzteren, sowie die Fruchtschaalen genau im Charakter 
des Hauptstückes gehalten sind, darf als selbstverständlich er 
scheinen. Die Tafelgarnitur, die sowohl die anerkennendste Be 
wunderung des Kaisers, wie aller fürstlichen Herrschaften fand, 
welche die Ausstellung besuchten, kostet die Kleinigkeit von 
79000 Mark und dürfte daher wohl nur auf dem Tisch eines 
der oberen Zehntausend eine bleibende Stätte finden. 
S 
Einen Götzen aus Lehm haben sich die Batanga bei 
ihren Hütten in den Eingeborenen-Dörfem der Kolonial-Ausstellung 
modellirt. Der ungeschlachte Riese ist in sitzender Stellung ab 
gebildet. Haar, Schnurr- und Kinnbart sind aus Borsten, zwei 
Kauri-Muscheln stellen die Augen dar, aus dem offenen Munde 
ragen die Zähne, weisse Kieselsteine, hervor. Vor dem Götzenbilde 
stehen zwei Leuchter aus Bambusrohr mit Feuerplatten. Das Ganze 
überwölbt ein Dach aus Matten. Der Götze wird von den Aus- 
Stellungsbesuchern viel betrachtet. 
? 
Die Gewerbe-Ausstellung auf Reisen. Wer in 
diesen Tagen des Ferienbummels Gelegenheit hatte, von 
Berlin aus hierhin und dorthin zu fahren und von hierher 
und dorther nach Berlin zurückzukehren, der konnte allerlei 
über unsere Ausstellung hören. In jedem der vielgenannten 
und vielgerühmten D-Züge findet sich stets eine bunte, cha 
rakteristische Gesellschaft zusammen, und wie es dank der 
Einrichtung dieser comfortablen Dampf Vehikel nicht anders 
sein kann, sind sämmtliche Abtheile dieser Züge bald nach 
Abfahrt nur noch ein einziger, harmonisch unter sich ver 
kehrender Allerweltsaugenblicksclub — woher auch der Name 
Harmonikazüge stammen soll, würde nämlich Hans Tinten- 
klex sagen, beileibe nicht wir. Genug, mögen zwanzig, 
sechs oder hundert Menschen dort beisammen sein — die 
Berliner Gewerbe-Ausstellung bildet im Handumdrehen den 
Mittelpunkt des Gespräches. Gemeinhin sind die Berlin seit 
Monatsfrist verlassenden Züge unvergleichlich leerer als die 
nach Berlin eilenden. Dafür giebt es zwei Gründe: die Ber 
liner Familien sind thatsächlich in diesem Jahre nicht so 
zahlreich in die Sommerfrischen geeilt als sonst, sodann die 
Fremden nützen ihre Fahrkarten bis auf die letzte Minute 
aus. Diese und jenes eben dank der Ausstellung. Wie das 
nicht anders sein kann, hat jeder Besucher unserer Treptower 
Sehenswürdigkeiten seine mehr oder minder bedeutsamen 
Abenteuer gehabt, seinen mehr oder minder kleinen Aerger. 
Aber mit welchem Humor wird das erzählt und ist das über 
wunden — der Endrefrain lautet immer: es war schön und 
unvergesslich, das hat man Berlin doch nicht zugetraut. Und 
in der That, wie beneiden swerth sind die Menschen, welche 
unsere Ausstellung mit all' der Naivetät und Empfänglichkeit 
des Novizenthums betreten können; nur sie haben den 
wahren Genuss von einem Besuche der Ausstellung, nur sie 
können den wahren Maassstab an das Gelingen der reichs 
hauptstädtischen Veranstaltung dieses Jahres anlegen. ,,Be- 
rolinum locutum est!“ oder wie einer unserer witzigen Colle- 
gen sich ausdrücken würde : „Es is jut so !“ So wohl einem 
aber auch das Lob der Heimkehrenden im Interesse unserer 
Ausstellung thut, viel interessanter wird die Beobachtung, 
wenn man heimwärts strebt. Zunächst sind die nach Berlin 
abgehenden D- und Schnellzüge übervoll. Kaum ist man 
in einem Zuge ersterer Art wohl oder übel placirt, so spitzt, man 
unwillkürlich die Ohren. Richtig, gleich hat man wieder 
unsere Ausstellung am Wickel. Diesmal aber spricht die 
Ungeduld der Erwartung. Durch Augenzeugen und die Zei 
tungen hat man genug gehört, ja diesmal glaubt man sogar 
an die Ehrlichkeit des Gehörten und Gelesenen. Nun will 
man selbst — nicht prüfen, sondern bewundern, sich ergötzen. 
Die bevorzugteste Reiselecture ist augenblicklich in allen 
nach der Hauptstadt verkehrenden Zügen das bekannte rothe 
Büchelchen, welches einen sehr guten officiellen Führer durch 
unsere Ausstellung darstellt. Wenn auf den letzten grossen 
Stationen vor Berlin die bekannten Zeitungen und Führer
	        
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