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Volume Nr. 97, 23. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

IG 
Officielle Aussiellungs - Nachrichten. 
glichen, hei fünfmal kleinerer Einwohnerzahl die doppelte 
Fläche einnimmt. Für eine Eingemeindung im weitesten 
Umfange spricht auch, dass Berlin mit diesen 21 Vororten 
ein grosses Entwässerungsgebiet bildet. 
In welcher Weise eingemeindet werden soll, ist leicht 
zu beantworten. Es gehört dazu ein Akt der preussischen 
iLandesgesetzgebung, ein Specialgesetz. 
Die Verwaltung des künftigen Gross-Berlin endlich soll 
eine möglichst centralisirte sein. Keine örtlichen Bürger 
meistereien, die höchstens in wichtigen Fragen von der Cen 
trale kontrolirt würden! Decentralisation nur in materieller 
Hinsicht, d. h. Verstärkung der Machtbefugnisse der ein 
zelnen Verwaltungs-Deputationen! Auf keinen Fall wird 
auch nach einer so umfangreichen Einverleibung die Ver 
waltung Gross-Berlins bei allseitigem guten Willen unüber- 
steiglichen Schwierigkeiten begegnen. 
Die hygienische Bedeutung der Eingemeindung der Vor 
orte ist eine ganz unübersehbare. Mit Recht sind wir Ber 
liner stolz auf unsere Katakomben, auf unsere Sckwemm- 
kanalisaticu mit Rieselfeklerbewirthschaftung, das grosse 
Werk Hobrecht’s. Unzweifelhaft ist diese Einrichtung die 
beste in ihrer Art. Einige Vororte sind ja in dieser Be 
ziehung auch gut gestellt. So hat Charlottenburg eine eigene 
Kanalisation, an die noch, Wilmersdorf und Schöneberg an 
geschlossen sind. Kleine Theile von Vororten sind an Berlin 
angeschlossen. Andere Vororte aber, besonders die südöst 
lichen, also gerade die, durch welche unsere Spree hindurch- 
fiiesst, entleeren ihre Abwässer einfach in den Strom. Wenn 
nun hierdurch auch unser Trinkwasser nicht beeinflusst 
wird, so ist diese Thatsache wegen der zahlreichen Flussbade 
anstalten Berlins in sanitairer Hinsicht doch höchst bedenk 
lich. Die Keimzahl der Spree beträgt nach Koch in 1 cbm 
Wasser oberhalb »Coepenick 0,OS Millionen-Keime, oberhalb 
der Pankemündung schon Q,94, unterhalb derselben 1,80 und 
bei Charlottenburg 10,18 Millionen Keime. Erst bei dem 
Austritt aus dem Havelsee bei Sacrow hat sich das Fluss 
wasser wieder gereinigt. Diese Zahlen sprechen eine beredte 
Sprache für die Nothwendigkeit des Anschlusses der Vororte 
an die Kanalisation. Fine solche lässt sich aber nur in Ver 
bindung mit einer Eingemeidung durchführen. 
Aelmlich wie mit der Kanalisation stellt es mit der Was 
serversorgung; da unsere Wasserwerke ihr Wasser aus dem 
Tegeler See entnehmen, ist die Annexion von Tegel und Dall 
dorf würisehensWerth. Denn es ist für uns Berliner von 
hohem Werth, stets zu unseren Wasserwerken hinzuzukönnen 
und es in der Hand zu haben, Verunreinigungen zu verhüten. 
Eine Eingemeindung in weitem Umfange würde ferner 
Berlin die so 'nöthigen „Luftreseüvoirs“ schaffen. Es ist 
eine unbedingte Forderung der Hygiene, dass zwischen dem 
steinernen Häusermeer grosse unbebaute, mit Anlagen be 
pflanzte Flächen existiren. Andere Städte, wie z. B. London, 
gemessen die Wohlthat dieser Einrichtung, die die Ver 
schlechterung der Städteluft verhütet, schon längst. In en 
gen Strassen dagegen sind hohe Bäume von Uebel, denn sie 
nehmen den Bewohnern Luft und Licht; auch Baumpflan 
zungen auf Plätzen haben geringen Werth. 
Die Eingemeindung würde auch eine nicht gering anzu 
schlagende Gefahr beseitign. Berlin selbst hat obligato- 
rischeFleischschau und städtische Schlachthäuser. In vielen 
Vororten ist es anders. Dort schlachtet jeder Fleischer selbst; 
und so kommt es, dass zumal in den Abend- und Nachtstun 
den Fleisch von den Vororten nach Berlin transportirt wird, 
das sehr häufig unappetitlich und nicht selten geradezu ge 
sundheitsschädlich ist. Eine Eingemeindung würde auch 
diese Missstände beseitigen. Allerdings würde dann ein 
zweiter Schlachthof nothwendig werden. 
Eine nicht minder grosse hygienische Bedeutung hätte 
auch die Eingemeindung für die Regelung der Fragen der 
Strassenfluchten, der Volksbadeanstalten, der Krankenhäuser 
und Schulen, des Desinfectionswesens, des Rettungswesens, 
der Strassenreinigung und Müllabfuhr. 
Gross ist demnach die Arbeit, die Berlin bevorsteht ; 
allein wir Berliner, auch die der Vororte, haben arbeiten ge 
lernt, und eingedenk des alten hannoverschen Wahlspruches ;J 
Nec aspera terrent, werden wir uns den Erfolg erkämpfen. 
A. 8 -— n n. 
Der zweite Fünfundzwanzigpfennig-Tag. Mit 
Rücksicht auf den grossen Anklang, welchen der Ferientag in der 
Ausstellung am letzten Sonnabend gefunden hat, und in fernerer 
Berücksichtigung, dass der um die Mittagszeit eingetretene starke 
Regen Tausenden die Möglichkeit abgeschnitten hat, ihre Ab 
sicht auszuführen, die Ausstellung an diesem Tage mit ihren 
Kindern zu besuchen, hat der Arbeits-Ausschuss beschlossen, vor 
dem Schlüsse der Ferien noch einen zweiten Ferientag einzu 
setzen und dafür Mittwoch, 29. Juli, bestimmt, an welchem 
Tage der Eintrittspreis durchweg für Erwachsene und Kinder auf 
25 Pfg. herabgesetzt ist. Mit den Eigenthümern der Special 
veranstaltungen und Restaurants sollen dieselben Abmachungen ge 
troffen werden wie am Sonnabend. 
« 
Das Riesenfernrohr, dessen Vorbesichtigung seit einigen 
Tagen dem Publikum gegen 25 Pf. Entree gestattet ist, erfreut 
sich eines regen Zuspruches; gegen 3000 Besucher haben bereits 
die Construction des Rohres, die astronomische Sammlung, dia aus 
gestellten grossen Linsen mit regem Interesse in Augenschein ge 
nommen. Die Sammlung wird noch ständig durch neue Ein 
sendungen von astronomischen, interessanten Abbildungen und 
Instrumenten vergrößert, so dass der Besuch sich immer lohnender 
gestaltet. Heute werden im Vortragssaale des Gebäudes eine Reihe 
von Projectionsvorträgen stattfinden, für welche ein erhöhtes Eintritts 
geld zu bezahlen ist; in denselben soll die Bildung der Sonnenflecke 
erläutert und auf die Sonnenfiiisterniss vom 9. August hingewiesen 
werden, zu deren Beobachtung das Rieseninstrument selbst in Be 
nutzung genommen und dem Publikum vorgeführt werden wird. 
N 
Das eigenartige Fest einer „arabischen Hoch 
zeit“ wird sich am heutigen Donnerstag Nachmittag den Besuchern 
der Special-Ausstellung »Kairo« bieten. Der Hauptakt der Feier 
lichkeit, welche um 5*/ s Uhr ihren Anfang nehmen soll, und gegen 
8 Uhr ihren Abschluss findet, besteht in der sogenannten »Bade- 
procession« der jungen Braut, ein Zug, bei welchem arabische 
Musikanten und Tänzer natürlich nicht fehlen dürfen. Nach dem 
»Badegang« füllen Spiele und Gesänge eine geraume Zeit aus und 
schliesslich findet der Zug der Braut zur Wohnung des Bräutigams 
unter Entfaltung besonderen Pompes statt. Das ganze Fest endet 
mit einer solennen Schmauserei im Harem des jungen Ehemannes. 
Das Publikum, welches mit eintretender Dunkelheit dem Feuerwerk 
in der Gewerbe-Ausstellung beizuwohnen beabsichtigt, hat somit 
vollauf Zeit, vorher der bemerkenswertsten »Hochzeit« sein Interesse 
zu widmen. Hierbei möge gleichzeitig bemerkt werden, dass am 
morgigen Freitag Abend eines jener grossen orientalischen Feste 
in »Kairo« stattfindet, welche bisher so ganz ausserordentlichen 
Beifall beim grossen Publikum gefunden, nnd dass die damit ver 
bundene reiche Illumination der Strassen, Plätze, Moscheeen und 
Minarets sich an diesem Freitag Abend noch ganz besonders effect 
voll gestalten wird. 
* 
Die deutschen Barbiere, Friseure u. Perrücken 
macher, deren Verbandstag gegenwärtig hier stattfindet, besuchten 
am gestrigen Mittwoch in corpore die Ausstellung. Um 10 Uhr 
versammelten sich die fremden und einheimischen Theilnehmer der 
Fahrt mit ihren Damen an der Jannowitzbrücke, wo mehrere 
grosse Dampfer der Stern gesellschaft für sie bereit lagen. Gab 
schon die Einschiffung der etwa 800 Personen starken Gesell 
schaft — Hunderte waren schon mit der Bahn vorausgetahren —
	        
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