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Periodical volume Nr. 96, 22. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
die Raupen der Frostsclimetterlinge, denn diese müssen an 
dem Stamm emporkxiecHen, um ihre Eier abzulegen, und 
werden so abgefangen. —- Die Xaclitschmetterlinge werden 
durch Licht angelockt und getödtet. Gegen den Traum- 
wickler werden in den Weinbergen Fanglämpchen aufge 
stellt, einfache Xaektlämpchen, die auf einem Teller mit Del 
stehen; die Wickler fallen in das Oel und sterben. Auch 
gegen die Wintersaat-Eulen, welche die Erdraupen erzeugen, 
werden grosse Lampen verwendet mit Glasrändern, 'die auf 
einen I) m hohen Bock gestellt werden. Auf dem Versuchs 
feld der landwirthschaftl. Hochschule wurden mit einer 
solchen Lampe in einer Xacht 4000 Thiere gefangen und ge 
tödtet, darunter 551 Eulen, und zwar gehen die Thiere gleich 
in der ersten Xacht, wenn sie aus der Erde auskriechen, zu 
Grunde, noch ehe die Begattung stattgefunden und die Eier 
abgelegt sind. — Auch durch, Geflügel, Hühner oder Enten 
können che Thiere, namentlich die Aaskäfer in den Rüben 
feldern vertilgt werden. Zuletzt wäre noch der Fang durch 
Menschen zu nennen, gegen Maikäfer bisher das beste Mittel; 
er muss in entsprechender Weise organsirt werden, Prämien 
darauf ausgesetzt, Schulkinder u. a. dazu herbeigezogen 
werden. 
Als zehntes und letztes Mittel zum Pflanzenschutz in nnen 
wir das allerradicalste, nämlich die Zerstörung der ‘von den 
Feinden ergriffenen Pflanzen; das ist wohl kein Heilmittel, 
aber ein vorbeugendes, und in Fällen, wo die Pflanzen mit 
dem schädlichen Object organisch verwachsen sind, unum 
gänglich^ So muss man die von der Reblaus befallenen 
Weinberge, die von der Zwerg-Cikade (einem kleinen 
schwarzen flokartigen Thier) inficirten Getreidefelder ver 
nichten, weil diese Thiere die Eier in die Blätter legen. 
Dr. C. Abels. 
In Alt-Berlin findet Freitag, 24. d. M., eine Wiederholung 
der so glänzend verlaufenen Blumen - Illumination statt. Die 
selbe erfährt durch zahlreiche neue Beleuchtungs-Effecte eine er 
freuliche Erweiterung. Namentlich dürften die illuminirten Tannen 
bäume, die das erste Mal nicht fertig gestellt werden konnten, die 
Wirkung des Beleuchtungs-Schauspiels wesentlich heben. 
o 
Die gestrige Fest-illumination, welcher der Himmel 
sich ausserordentlich günstig erwies, hatte wieder eine wahre Wall 
fahrt nach dem Ausstellungsgeliinde veranlasst. Ganz besonders 
machten sich viele Tausende von Fremden bemerklich, die un 
verhohlen ihre Anerkennung über das prächtige Schauspiel, das ihnen 
geboten wurde, aussprachen. Die Illumination war im Grossen und 
Ganzen dieselbe wie am vorigen Donnerstag, eine reizende Variante 
machte sich diesmal nur an den Bassins der grossartigen Licht 
fontaine bemerklich, die seitens der Firma Hoppenworth mit neuen 
effectvollen Beleuchtungskörpern eingesäumt waren. Die Fontaine 
selbst bildete den wirkungsvollsten Mittelpunkt des Ganzen. 
S 
Ein gewisser Wagemuth darf der weiblichen Soldateska 
der Heilsarmee nicht abgesprochen werden, wenn man sieht, wie 
sie sich allabendlich im Vergnügungspark, in Alt-Berlin und im 
»Nassen Viereck« unter die feuchtfröhliche Menge mischt und 
unbeirrt von den Scherzen derselben versucht, ihre Traktätlein und 
Zeitungen anzubringen. Viel Glück scheinen die uniformirten 
Weibsen damit nicht zu haben, aber es freut uns constatiren zu 
können, dass sie, einige schnodderige Berliner Redensarten ab 
gerechnet, im allgemeinen unbeiästigt ihrem »Heilswerk« nachgehen 
können. 
S 
Die Wiese hinter dem Riesenfernrohr entwickelt 
sich im Laufe der Ausstellungstage zu einem internationalen Sport 
platz ersten Ranges. Nachdem vorgestern die Kellner von 
Adlon & Dressel’s Haupt-Restaurant dort ein grossartiges Wettrennen 
veranstaltet hatten, stellten sich am gestrigen Morgen, offenbar durch 
den Bericht der »Ofticiellen Ausstellungs-Nachrichten« angeregt, 
eine grosse Zahl von Angestellten und Bewohnern aus allen Theilen 
der Gewerbe-Ausstellung zu frisch-frei-fromm-fröhlichem Wettkampf 
hier ein. Matrosen der Marine-Schauspiele, Kellner verschiedener 
Restaurants, Stuhljur.gen, Automatenbeflissene, die uniformirten 
Knaben der Kolonial-Ausstellung etc.; der Jubel erreichte seinen 
Höhepunkt, als gleichzeitig einige Neger der Black-America-Compagnie 
und einige Eseljungen aus Kairo anlangten, welche sich alsbald zur 
höchsten Verwunderung der Versammelten mit grosser Geschicklich 
keit an den Ttfrngeräthen tummelten. Auch bei dem Wettlauf 
zeichneten sich die im Rennen geübten arabischen Knaben aus. 
3 
Eine Meerspinne und ein Krokodil wurden, nicht 
etwa in traulicher Vereinigung, sondern jedes einzeln und an ver 
schiedenen Tagen, im Park gefunden und im Fundbureau abge 
liefert. Erstere, jedenfalls eines der originellsten Fundstücke, ist 
ein grosses, prächtig conservirtes und präparirtes Exemplar seiner 
Gattung. Wie es sich in die Ausstellung verirrte, ist uns nicht 
fasslich, — noch unfasslicher, wie es verloren werden konnte. 
Das Krokodil ist zierlich in Holz geschnitzt und entstammt wahr 
scheinlich einem Bazar in der Sonder - Ausstellung »Kairo«. 
Hoffentlich dienen diese Zeilen dazu, die Verlierer wieder in dea 
Besitz ihres absonderlichen Gethiers zu setzen. 
S 
Neuestes vom Nordpol. Das amerikanische elektrische 
Theater, die daneben befindliche Welt-Ausstellung von Chicago und 
das Hundetheater in der Special-Ausstellung »Nordpol« sind seit 
gestern geschlossen und das Handwerkszeug ist theilweise beschlag 
nahmt. Es weht überhaupt eine scharfe Luft am Nordpol. Die 
Eingeborenen erzählen sich und anderen, dass noch über manchen 
dortigen Unternehmungen drohende Wetterwolken schweben und 
der Gerichtsvollzieher den Nordpol leicht ohne Ballon, zerlegbare 
Schiffe und Schlitten oft erreicht, nicht gerade zur besonderen 
Freude der dortigen Bewohner. Der Wappen-Adler scheint sich 
unter den Eisvögeln zu acclimatisiren. 
S 
Eine moderne Buchbinderei wird in der Halle der 
Papienvaareu-Industrie dem grossen Publikum in vollem Betriebe 
vorgeführt. Auch für den Buchbinder sind die Zeiten dahin, wo 
die Geschicklichkeit der Hand allein maassgebend war, auch in 
seiner Werkstatt ist der eiserne Gehilfe, die Maschine, jetzt viel 
beschäftigt und nutzbringend. Die Buchbinderei von Lüderitz und 
Bauer arbeitet mit der vollendeten maschinellen Technik, die der 
Buchbinderei zu Diensten ist. Eine Falzmaschine legt die grossen 
Druckbogen in die gehörigen Falten, worauf eine grosse Drahtheft 
maschine die einzelnen Bogen an Gazebänder oder -Bücken heftet. 
Das Heften mit Draht hat den unleugbaren Vorzug der Festigkeit, 
die freilich wieder der durch Feuchtigkeit leicht entstehende Rost 
an den Drahtklammem sehr beeinträchtigt. Darum wird in vielen 
Fällen das Heften mit Fäden vorgezogen, was gleichfalls eine sehr 
sinnreich construirte Maschine besorgt. Die Maschine heftet je 
nach der Länge des Buchrückens 3 bis 6 mal die Bogen 
an die Bänder. Ist das geschehen, so wird das Buch 
geschnitten und dann auf einer anderen Maschine gerundet, das 
heisst der Rücken wird convex gemacht, sodass der Schnitt concav 
erscheint. Nunmehr ist der Deckel um das brochirte Buch zu be 
festigen. Die Bücher-Einbände erhalten einen der Mode und dem 
Inhalt entsprechenden Farbenschmuck, nachdem die Leinenwand- 
oder Lederdecke mit dem unterlegten Pappdeckel durch Walzendruck 
fest verbunden ist. Das Gold wird zuerst auf heissein Wege ein 
gepresst, dann folgen die anderen Farben. Für jede einzelne Farbe 
wird auf der eisernen Druckplatte ein je nach der Begrenzung des 
Farbenbildes geformtes Zinkrelief befestigt und dann der Druck auf 
gewöhnlicher Handpresse hergestellt. Auf diese Weise wurden hier 
u. a. die Deckel zum Ausstellungs-Katalog und die zum Technischen 
Souvenir angefertigt, während augenblicklich eine Einbanddecke zurc 
»Deutschen Soldatenhort« in Arbeit ist. 
V 
Ein Lever bei den Kolonial-Negern. So ein 
sorgenloses, fideles Dasein, wie es die Kameruner, Massai, 
Togo etc. diesen Sommer in Rerlin führen, ist selten einem
	        
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