Path:
Periodical volume Nr. 94, 20. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officiesle Ausstellungs- Nachrichten. u 
,,Wer denn Tante Lina,” ? 
„•Johannes. Johannes Viedt. Es war -wohl seine Frau, 
die neben ihm. Es war seine Frau.” 
„Sie müssen sich geirrt haben, wo soll denn der her 
kommen ?” 
„Er ist es. Ich las seinen Famen unter den Besuchern 
des Tempels, ganz deutlich Johannes Viedt aus St. Louis. 
Ich hab’ in allen Zeitungen die Fremdenlisten nachgesehen, 
sein Hotel herauszubringen, ich fand ihn nicht. Da habe ich 
auf dieser Bank gewartet, jeden Tag. Ich wusste, er würde 
kommen”. 
„Und das that er auch”. 
„Er sah mich und ich sah ihm in die Augen, wie damals 
als er ging. Er hat mich nicht wieder erkannt. Ficht 
wieder”. 
Sie. weinte. Stille Thränen, schwere Thränen. 
„Tante Lina, wollen wir nach Hause?” 
„Ja. Und morgen reise ich. Ich habe alles in Ordnung; 
mein Sterbekleid liegt im Schubkasten unten im grossen 
Spinde”. 
„Ficht doch Tante Lina. Ich lasse Sie nicht eher, als 
bis Sie wieder froh und munter sind. Weg mit so trüben 
Gedanken. Sehen Sie, wie schön und golden die Sonne auf 
all’ die Kuppeln und Thürme scheint.” 
„So?” fragte sie theilnahmslos. „Ich hatte eine Sonne, 
hier drinnen, die ist untergegangen. — Ob er wohl glücklich 
ist mit seiner Frau? Ob wohl Kinder da sind? Viedt’s 
haben mir nie gesagt, dass er sich verheirathet hat. Sie 
wollten mir’s wohl verheimlichen. Ja, A iedt’s sind gut und 
Johannes ist der Beste”. 
Sie erhob sich müde und wankend. 
„Liebe Buchholz” sagte sie sanft. „Haben Sie Dank, 
dass ich bei Ihnen sein konnte, dass ich ihn noch einmal sah. 
Ihm sreht es gut; ich bin zufrieden.” 
Wir verliessen die Ausstellung und nahmen eine Droschke. 
Das Gewühl auf der Eisenbahn war nichts für Tante Lina. 
Sie sprach unterwegs kein Wort. Ich glaube, sie begrub 
die Vergangenheit. "Wilhelmine Buchholz. 
Die Vorträge in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt] 
Die Technik der Edelschmiedekunst. 
Herr Professor Wiese aus Hanau, der über das obige 
Thema vor einem zahlreichen Hörerkreis sprach, machte dem 
Schreiber dieses gegenüber die Bemerkung, dass es eigentlich 
sehr schwer für ihn sei, seinen Stoff wirksam zu gestalten. 
Diejenigen, die mit der Edelschmiedekunst zu thun hätten, 
wüssten schon, was er sagen könne, und die Laien interessirten 
sich wahrscheinlich nicht dafür. 
Vielleicht wäre das zutreffend gewesen, wenn der Redner 
sich lediglich darauf beschränkt hätte, nur über die nackte 
Technik allein zu sprechen. Allein er flocht so viele interes 
sante Momente aus der Entwickelungsgeschichte der Edel 
schmiedekunst in seinen Vortrag ein, dass derselbe immer 
wieder interessirte und schliesslich mit starkem Beifall ge 
lohnt wurde. 
IIMT Professor Wiese bedauerte in seiner Einleitung, 
dass das schönste und bedeutendste Gebiet des Kunsthand 
werks, die Edelschmiedekunst, lange Zeit in Deutschland 
gegenüber anderen handwerklichen Betrieben so wenig Be 
achtung gefunden habe. Erst neuerdings zeige sich darin 
eine erfreuliche Wendung und eine Anzahl interessanter 
Schriften lasse auch den Laien tiefere Blicke in die herrliche 
Kunst der Edelschmiede thun, was hoffentlich zur Folge habe, 
den Sinn des Volkes für diese zu heben und die Begüterten zu 
veranlassen, unsere so weit vorgeschrittenen Goldschmiede 
mit Aufträgen nach eigenem Geschmack zu bedenken, an 
denen diese ihre Künstlerschaft zeigen könnten. Für durch 
«eiche Einzelbestellungen könne das Kunsthandwerk geför 
dert werden. Die stete Uebung im Lösen von interessanten, 
sinnig erdachten Aufgaben allein führe zur höchsten Meister 
schaft, die ja den Künstlern früherer Zeiten so sehr eigen 
war, während die heutige Massenproduction absolut ver 
flachend wirke. In dem hohen Liede auf die Goldschmiede-« 
kunst, in der „Renata“ von Julius Wolfs, tritt der fremde 
.Geselle in die Werkstätte des Hildesheimer Meisters Roter- 
mund nach Vorschrift mit den Worten ein : 
-Mit Gunst, grüss’ Gott den ehrbaren Meister. 
Es ist die edelste Kunst auf Erden, 
Dass Gold und Silber geschmiedet werden.“ 
Und weil dem so sei, glaubt Redner, dass auch eine ein 
gehende Betrachtung der Technik dieser „edelsten Kunst“ 
wohl angebracht wäre. Freilich können wir an dieser Stella 
dieser Betrachtung nur oberflächlich folgen und müssen uns 
damit begnügen, zu constatiren, dass Herr Professor Wieset 
unter Benutzung zahlreicher Werkzeuge, Modelle, fertiger 
und halbfertiger Arbeiten eine eingehende und anschaulich« 
Geschichte der Goldschmiedetechnik von ihren Anfängen bis 
auf die heutige Zeit gab. Diese Technik ist so alt, wie di« 
Funde von Gold und Silber, denn gar früh schon erkannt« 
der Mensch, dass sich diese Metalle durch Hämmern dehnen 
und formen und deshalb auch zu Verzierungen an Waffen, 
Costümen, Hausrath etc. verwenden liessen. Dass dies in. 
umfassender Weise geschah, beweisen die zahlreichen Funde 
in den Gräbern von Hissarlik. in den Pyramiden von Mem- 
phis und den germanischen Hünengräbern, aus denen wir 
(he einzelnen Stadien ersehen, welche die Behandlung des 
Edelmetalls durchlief, bis es eine kunstgerechte Form an 
nahm. Diese, von dem Redner eingehend erläuterten Sta 
dien sind: 1) Die Herstellung des Bleches durch Hämmern 
und Walzen, 2) die Umziehung der zu bildenden Form durch 
eine vertiefte Linie, 3) die Erhöhung der Form durch Bueke- 
lung und 4) die weitere Bearbeitung von oben. Als ein 
Meisterstück der Edelschmiedekünst, an dem alle Arten der 
Technik, auch die prächtige Farbengebung, gleichmässig an 
gewendet sind, zeigte Herr Professor Wiese den von uns 
jüngst bereits eingehend gewürdigten „Maigrafen-(Renata)-« 
Becher“ des Hofgoldschmiedes Herrn Hugo Schaper vor, der 
allgemein bewundert wurde. Redner erläuterte die Herstel 
lung der Email und des Filigrans, die Erzeugung der ver 
schiedenen Farbentöne durch Mischung der Metalle, die Fas 
sung der Brillanten und die Fabrikation der Massenartikel 
mittels Maschinenpressung, die sich durch ihre Billigkeit 
leider ein allzugrosses Feld erobert habe und die künstlerische 
Handarbeit, welche einer solchen Concurrenz nicht gewachsen 
sei, verdränge. An die «Stelle des Goldschmiedes trete der 
Mechaniker, glücklicherweise seien diesem aber gewisse Gren 
zen gezogen, die den künstlerisch arbeitenden Kunsthand 
werker nicht genirten, trotzdem in seiner Werkstätte nur 
zwei Maschinen stehen, die Blech- und die Drahtwalze. 
Herr Professor Wiese geht nun auf die Geschichte der 
Edelschmiedekunst über und gedenkt dabei ganz besonders 
der alten Berliner Zunftmeister. Die Goldschmiede des Mit 
telalters waren meistens Künstler, die auch des Malens und 
der Holzschnitzerei kundig waren; aber auch andere grosse 
Künstler wie Albrecht Dürer und Hans Holbein setzten 
ihren «Stolz darin, für die Goldschmiedekunst Entwürfe und 
Modelle zu schaffen, denn diese Kunst war eine hochgeehrte 
und ihre Meister bei Fürsten und Edlen besonders wohl gelit 
ten. Und im Strahle.dieser Fürstengunst entstanden jene 
ungezählten Kostbarkeiten, welche die Kirchen und Schatz 
kammern der Reichen füllten, von denen uns aber die Raub 
züge des 30 jährigen Krieges nur wenig übrig gelassen haben. 
Ein grosser Umschwung in der Goldschmiedekunst, von der 
wir erst seit 1400 sichere Kunde haben, macht sich von 1530 
ab geltend. Die gothische Form fällt und die deutsche Re 
naissance erringt die Herrschaft. Dann erhalten die Italiener 
Einfluss auf Mode und Geschmack und endlich finden die 
durch die französischen Religionskriege vertriebenen, fran 
zösischen Kunsthandwerker Aufnahme an vielen deutschen 
Höfen. Graf Philipp Ludwig II. baut diesen Emigranten 
1597 die StadtHanau und wird so Begründer der dort blühen 
den Goldindustrie. Joachim II. bringt zu dersellien Zeit 
französiche Künstler nach Berlin, denen ganz besonders aber
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.