Path:
Periodical volume Nr. 94, 20. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

8 Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 
[Abdruck untersagt.] 
Wenn Geliert in seinem viel citirten Gedicht von der 
Entstehung des Hutes dessen „Erfindung” in die „kluge 
Hand” des Erfinders verlegt, so mag das nicht blos um des 
Gleichklanges willen hingehen, sondern so in denVorstellungen, 
wie Leistungsfähigkeiten seiner Zeit berechtigt gewesen sein. 
Und nicht blos seiner Zeit, sondern nach einer langen, ziem 
lich öden Zeitfolge darauf, deren Culturspuren auf dem Ge 
biete des Handwerks, das dem täglichen Bedürfniss dient, 
bis zur Armseligkeit dürftig sind. In allem und jedem war 
man von jener Genügsamkeit der Ansprüche an Form 
und Art des Hergestellten, die sich immer wieder auf das „per 
sönliche Ansehen” verlässt, das jedermann seinem Kleide zu 
geben wusste. Allenthalben hingen „die Krempen schlaff 
herab und dennoch wusste er ihn zu tragen, dass ihm der 
Hut ein Ansehen gab”. — 
Du lieber Gott, ja, auch heut noch kommt es darauf an, 
wie man sich zu tragen versteht; gewiss, aber was wird uns 
heut von der Industrie geboten, um uns damit „ein Ansehen.” 
geben zu können. Und dazu bedarf die Industrie, seit sie 
eben aus dem simplen Handwerk eine solche geworden ist, 
die „kluge Hand” schon lange nicht mehr. An ihre Stella 
ist zunächst der dirigirende. Kopf getreten und dessen Exe- 
cutoren sind ein Maschinen-System, das in seinem vielver 
zweigten, complicirten Apparat zu den interessantesten Ma 
schinentechniken der Neuzeit gehört» 
Eine kleine Maschinenwelt für sich, so eine neuzeitige! 
Hutfabrik, in der jene Herren-Wollfilzhüte ihren Werdegang, 
von der ungewaschenen Höh-Wolle bis zum fertig garnirten, 
etiquettirten und exportmässig verpackten Hut nimmt. Ein 
Wollfilzhut! Unsere „Vornehmen” können die Achseln gar 
nicht hoch genug ziehen, um die ganze Fülle ihrer Gering 
schätzung auszudrücken. 
Gemach, meine Herren! Haben Sie .sich solch einen 
„Wollfilz” schon einmal auf seine äussere Ansehnlichkeit, 
auf seinen „innern Werth” hin angeschaut? Davon noch 
ganz abgesehen, dass zwar ihr eleganter „Haarfilz” dreimal 
so viel kostet, aber nicht den hundertsten Theil so viel Men 
schen in wohlbestellter Arbeit ernährt und ihnen zu gefesteter 
Existenz verhilft wie jener. Abgesehen davon, dass nicht 
blos zu der Herstellung des Objectes, sondern zu der coinmer- 
ciellen und industriellen Führung solcher Etablissements 
eine Summe von allgemeiner Intelligenz neben Fach- 
Wissen gehört, wie sie bei mancher der vielgerühmten „aka 
demischen“ Berufsarten vergeblich gesucht weiden möchten. 
Denn nicht weniger als zwei der universellsten Wissen 
schaften der Gegenwart müssen mit weiser Benutzung dessen, 
was sie zum Werke bieten können, in seinen Dienst gestellt 
werden: die Maschinentechnik zum Gesammtbetriebe, die 
Chemie zu seinen einzelnen Theilen; und daneben erst die 
genaue und ausgebreitete Kenntnis.? aller der feinen Werk 
geheimnisse, die das wohlbehütete Eigenthum eines erhöhten 
Productionsvermögens sind. Und das Alles eines Wollfilzes 
wegen! Allerdings! Das Alles teines Wollfilzes wegen. 
Nur, dass es sich hier nicht um „einen” Wollfilz handelt, 
sondern um Hunderttausende von „Dutzenden, die all jährlich 
von der gesammten Berliner Industrie nach allen Theilen 
Deutschlands, Europas und endlich der ganzen Erde ver 
schickt werden. Denn der Berliner Wollfilzhut gehört ein 
mal zu den TV eltmarkt-Artikeln, die herrschend geworden sind, 
dann zu denen, die mit am frühesten der deutschen Fabrik» 
marke zu Ansehen und Achtung im Auslande verhelfen haben. 
Gegenwärtig erweisen die Register der Reichs-Statistik, 
dass der Export in \\nilfilzhüten von Berlin aus ungefähr 
1§ mal so gross ist, wie der des ganzen übrigen Landes. 
Lnd das für jene Wollhütt, die wir auf unserer Aus 
stellung dort in dem Collectiv-Pavillon bei J. Bambus & Co. 
sehen, in so prächtigen Mustern aller Modeformen, in allen 
den fein abgetönten Nuancen aller Modenfarben, mit einem 
Glanz der Filzbehandlung, einer Eleganz der inneren 
Ausstattung, die den Hut ausserhalb jeden Verhältnisses zu 
seinem Preise stellen. Und das alles ein Ergebnis? eben 
jenes eingangs erwähnten weitschichtigen Maschinen- und 
chemischen Apparates. Das Material kann naturgemäss 
nur das bescheidenste, sein, weil es sich eben um; 
Export, also billige Waare handelt. Denn bei aller Fabri 
kation, die auf den Export sich richtet, ist der Calculator 
wichtiger, als der Erfinder. Die Ziffer steht hier vor der 
Ide Di> Billigkeitsproduction übt einen. Zwang aus auf 
alle Factoren, die dabei betheiligt sind, von dem Grund 
material bis zum letzten Schliff der feilenden Ausführung. 
Um so grösser aber der Triumph, wenn dessen ungeachtet 
auch das Einfachste mit Sicherheit erkennen lässt, wie aus- . 
nehmend Treffliches man zu leisten im Stande wäre, wo man 
auch berathendem Schönheitssinn Freiheit geben dürfte, sich 
nach Gefallen auszuleben. Eine überzeugend deutliche 
Anschauung davon gewinnt man vor der Hut-Collection von 
Gebrüder Gattei, deren Specialität die Pflege des elegantesten 
Wollhutes für Engros-Vertrieb ist. Die Firmen, die wir 
hier sehen, sind alle sowohl bei weichen wie gesteiften 
Hüten von vornehmer Liniengebung, natürlich ganz im Ge 
schmack der „letzten Modenwahl“ und von tadelloser Correct- 
heit der Ausführung, wie vom nobelsten Chic in allem, was 
man mit „Aufmachung“ technisch, bezeichnet. Hier sehen 
wir auch an einigen Wol 1 -Kraus-Wiekeln und Stumpen, 
(ebenso wie bei der erstgenannten Firma) etwas von den An 
fangsstadien aus dem Werdeprocess des Wollhutes, der vor 
nehmlich durch ausgezeichnete Lustrirmaschinen ein An 
sehen erhält, das ihn von den oft 4—5 mal so theuren fran 
zösischen und englischen Haar-Fabrikaten kaum noch wahr- ( 
nehmbar unterscheidet. 
Das nämliche gilt den wunderhübschen Hüten der Firma 
Silbermann & Co., deren geschmackvoller Sonder-Pavillon 
mit seinem reichen Inhalt von dem berechtigten Selbstbe 
wusstsein seiner Aussteller mittheilsame Kunde giebt, Hier 
sehen wir alle modernen Formen und Farben in Herren- und 
Knaben - Hüten von Wollfilz und den Steierischen Woll- 
Loden, während der Muster-Pavillon von Silber & Brandt 
nicht blos eine weitsichtige Collection fertiger Herren- und 
Knaben-Hüte, sondern den Ursprung des Hutes bis auf die 
noch nicht geschorene Rohwolle, d. h. also eine Anzahl 
Schafe „in ganzer Figur“ von den renommirsten Woll-Cul- 
turen zeigen — allerdings ein bischen „weit hergeholt“. 
In ungefähr gleichem Genre halten sich die Aus 
stellungswerthe der Firma -I. Bambus, erweitert durch | 
Phantasie-, Reise- und Damenhüte, ähnlich wie die 
Berlin - Rüdersdorfer Hutfabriken, die ihre schön ge 
pflegte Specialität in Herren-, Damen- und Knabenhüten von 
weichem Wollfilz vorführen. Noch mehr specialisirt schein» 
der Betrieb der beiden Firmen Heinrich Bock und Zechelius 
& Bertow zu sein, die nur vornehmlich fertige confectionirto 
Damen-Filzhüte und Damenhut-Stumpen, beide in auser 
lesen schöner Arbeit, sehen lassen. 
Und damit könnten wir zu der Detail-Fabrikation von. 
Seiden-, Manchen-, Klapp- und Haarfilz-Hüten übergehen, 
von denen allen sehr bemerkenswerthe Arbeiten vorhanden 
sind in den Ausstellungen von Philipp Neubauer (Engros- 
und Detail-Vertrieb) der vornehmlich durch schlichten, nob- 1 
len Geschmack angenehm auffällt; Carl Schilling, Hofliefe 
rant, dessen elegant ausgestattete Seiden- und Mechanik- 
Hüte von vollendeter Ausführung erscheinen ; Julius Rother, 
dessen prächtige Ausstellung?-Werthe einen besonderen, 
Reiz in den beigelegten Damen - Reit- und Reise-Hüten 1 
elegantesten Genres ausüben; J. F. Reiser, der nicht ininder 
reizvolle Damen - Sport-Hüte und das eleganteste Genre 
Herrenhüte ausstellt, die in der Collection von C. W. Borehert 
ein ebenwerthes Gegenbild finden, während Oskar Bluth un 
sere Aufmerksamkeit von seinen famosen Fabrikations-De 
tail-Artikeln auf einen Seidenhut lenkt, den laut Beglaubi 
gung des Hofmarschallamts Kaiser Wilhelm I. kurz vor 
seinem Tode von der Firma bezogen und getragen hat. Bei 
der Detail-Firma H. Nickel dagegen finden wir nur weiche 
Die Herrenhut-Industrie.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.