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Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
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Züge und stattliche Körperformen, sondern auch durch ihr liebens 
würdiges Benehmen, ihre Sittenreinheit und ihre Intelligenz aus. 
Sie sind, - wie schon erwähnt, die Kinder reicher und angesehener 
Leute und haben die Reise aus eigenen Mitteln bestritten. Der 
Eine von ihnen übergab Herrn v. Beck 2000 Mark in Verwahrung, 
die ihm seine Eltern als Taschengeld mitgegeben hatten. Auch 
die anderen Vier besitzen zusammen 2000 Mark, für die sie 
kleine Einkäufe machen wollen. Die Leute sind vollkommen frei 
und werden unter guter Führung alle Sehenswürdigkeiten Berlins 
in Augenschein nehmen. Herr v. Beck, der Director der Neu- 
Guinea-Gesellschaft, hat sich der Herero und Witbois besonders 
angenommen und wird sie persönlich jeden Sonntag zum Gottesdienst 
nach der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniss-Kirche führen. Diese Kirche 
wurde wegen ihres vorzüglichen Chors gewählt, da die Herero an 
guter Musik grosse Freude haben und selbst sehr musikalisch sind. 
Am Freitag Abend sangen sie mit guten Stimmen und mit edlem 
musikalischem Vortrag einen Choral, dem einige lustige Lieder in 
der Hererosprache folgten. 
V 
Die Special-Aus Stellung „Nordpol“ liegt der Ge 
werbe-Ausstellung gegenüber und ist mit dieser durch die 
Hauptbrücke nach dem Ausstellungsbahnhof verbunden. Sie 
bild t eigentlich eine Art Vergnügungspark für sich. Von 
der Gew erbe-Ausstellung führt auch die elektrische Schlitten 
bahn hinüber, deren Eis und Schneefelsen durch Staub und 
Hauch etwas gelitten haben. Der in diesem Theil befindliche 
Riesen-Elephant bietet von seinem Thurm aus eine ungeahnte 
Hab- und Fernsicht. Zunächst übersieht man das ganze Aus 
stellungsgebiet, schaut in die Höfe und Gassen Kairos und 
in die Arena hinein und darüber hinaus nach der Reiehs- 
hauptstadt. Die Gebirgsbewohner bekommen beim Anblick 
der Müggelberge liier eben leicht Heimweh, der Zecher Durst, 
wenn sie von liier aus die Brauereien am Horizont und zu 
ihren Füssen Bierhalle an Bierhalle sehen. Dem Elephanten, 
gegenüber liegt ein Restaurant, in welchem eine Speciali- 
tätengesellschaft sich bei freiem Entree producirt, hier treten 
abwechselnd Equilibristen, Chansonnetten, Schnellzeichner, 
Wiener und Berliner Komiker auf, zuweilen in unglaublich 
leichten Costümen, ohne sich besonders oft am „Nordpol” 
zu erkälten. Ein echt amerikanisches Unternehmen ist die 
Schönheits-Concurrenz. In zwölf Nischen- sitzen da wohlge 
baute und hübsche Vertreterinnen verschiedener Nationen 
in den entsprechenden Trachten, für jeden Geschmack etwas, 
gross und klein, schwarz, braun und blond, sie schweigen 
meist in allen Landessprachen, sprechen aber auch in ver 
schiedenen. Um Irrthümer zu vermeiden, befindet sich über 
jeder Dame in der Nische das entsprechende Landeswappen. 
An Musikbegleitung fehlt es auch hier nicht, die Besucher 
sind meistens alleinstehende Herren, die zu schüchtern sind, 
anderwärts Damenbekanntschaften zu machen, hier lieben sie 
platonisch und können sich einbilden, Gegenliebe zu finden. 
»Dicht nebenan ist ein amerikanisches elektrisches Theater, 
in welchem allerhand elektrische Beleuchtungs-Effecte etc. 
in anziehender Form gezeigt werden. Es gelangt eine Alpen 
partie mit aufziehendem Gewitter, Sturm und beweglichen 
Figuren zur Darstellung, im angrenzenden Raum ist die 
Welt-Ausstellung von Chicago zu sehen. Zu den weiteren 
Sehenswürdigkeiten gehört ein Riesenpferd von über 2 Meter 
'Schulterhöhe von englischer Abkunft, ein mächtiger Schim 
mel, dem als Gefährte ein Pony kleinster Art zugetheilt ist ;■ 
dem Riesenpferde wäre die Ausstellung bald sehr schlecht be 
kommen, es musste drei Wochen lang in thierärztlicher Be 
handlung nach Berlin gebracht werden. In der grossen 
freundlichen und hübsch ausgestatteten Concerthalle von 
Wippermüller producirt sich eine fesche Wiener Damen Ka 
pelle, die recht flott eingespielte Wiener Walzer, aber auch 
Märsche, Ouvertüren und Potpourris zu Gehör bringt. Das 
Lokal wird gern von Familien besucht, ebenso auch das 
grosse Cafe Union, in dem auch Concerte stattfinden. — Die 
Gefcirgsschänke bietet vom Balcon aus einen hübschen Ueber- 
blick über das abwechselungsreiche Leben und Treiben auf 
der Coepenicker Landstrasse. Rings um den „Nordpol“, in 
Melchern nych eine Wurstfabrik u?id eine Wafielbäckerei im 
Betriebe sind, gruppiren sich zahlreiche Bier- und Wein-, 
wirthschaften, die der billigen Preise wegen von kleineren 
Leuten gern aufgesucht werden. Das ganze Treiben in der 
Special-Ausstellung ist originell in seiner Art und erinnert 
in vieler Beziehung an den Vergnügungspark. Auch hier 
haben sicli’s die Aussteller ein hübsches Stück Geld kosten 
lassen, um den Besuchern etwas zu bieten. Hoffen und wün 
schen wir mit ihnen, dass sie auf die Kosten kommen und sich 
der'BesuchiX’echt reichlich und gewinnbringend gestaltenmöge. 
S 
Charles Goodyear. Es wird unseren Lesern gewiss 
interessant sein, zu erfahren, dass der Urheber der im Haupt 
gebäude im Betriebe gezeigten amerikanischen Schuh- und Stiefel- 
Fabrikation Charles Goodyear vor einigen Wochen auf einem 
seiner vielen Landhäuser in Amerika gestorben ist. Die Familie 
Goodyear hat überhaupt eine Bedeutung in der Industrie, die von 
wenigen Berlinern geahnt wird, während sie in Amerika, wo die 
Goodyear-Compagnie eine Macht ist, sich eines grossen Rufes er 
freut. Der Vater des Charles war es, der das Verfahren entdeckte, 
den an sich wenig verwendbaren Kautschuk durch Vulcanisirung, 
Behandlung mit Schwefel und Mischung mit widerstandsfähigeren 
Körpern nutzbar zu machen und als plastisches Material ersten 
Ranges zu der Bedeutung zu erheben, die er heute besitzt. Es giebt 
kaum einen Menschen, der nicht mit irgend einem Kautschukartikel tag 
täglich zu thun hätte oder in Berührung käme. Ziergegenstände aus 
Kautschuk, namentlich Ketten aller Art, wurden früher hergestellt, 
während jetzt fast nur Gebrauchsartikel, namentlich chirurgische, 
aus diesem Material gefertigt werden. AIs Isolator elektrischer 
Ströme ist es zur Zeit, trotz des Ambroins, noch unersetzbar. Ebenso 
ist es für wasserdichte Geräthe und Gewebe noch das alleinige 
Material. Es widersteht auch den Einflüssen von Säuren, der 
Kälte und Wärme, da es sich stets gleich bleibt und als schlechter 
Wärmeleiter die Hand nicht belästigt. Es ist vor allen Dingen; 
nach Wunsch und Bereitung elastisch, widerstandsfähig und leicht. 
Die Verwendbarkeit dieses elastischen Materials par excellence 
für die Fussbekleidung war es, welche die Goodyear’s darauf 
brachte, auch diese Industrie zu erobern. Unendliche Mühen und 
ein unglaublicher Aufwand von Capital gehörten dazu, um die 
Schuhfabrikation mit ihren vielen complicirten Apparaten zu der 
jenigen Vollendung zu bringen, in welcher sie uns heute auch 
auf der Ausstellung entgegentritt. 
Das musterhafte Leben und die vielfachen Erfindungen 
von Charles Goodyear, des Vaters, haben übrigens den Pfarrer 
Bradford K. Pierre zu einem starken Bande begeistert, welcher 
sich betitelt: »Trials of an Inventar« (Die Mühsale eines Erfinders), 
»Leben und Erfindungen Charles Goodyear’s«, mit dem Motto: 
»Der Eine säet, der Andere erntet«. Damit soll angedeutet 
werden, dass dieser Charles sein Vermögen seinen Erfindungen zum 
Opfer brachte und Schicksale durchmachte, die eines Hiob würdig 
waren. Er war einer der Hauptträger des ersten Pariser Welt 
ausstellungsgedankens, vertrat die amerikanische Industrie in Paris 
und musste, durch gute Freunde arg geschädigt, in einem fran 
zösischen Schuldgefängniss schmachten. Das lehrreiche Buch ist 
bei Carlton & Porter, New-York, erschienen. Und wenn es auch, 
ebenso wie der Gegenstand desselben, von der Schuhmacher-Innung 
auf die Liste der verfehmten Bücher gesetzt werden soll, so giebt 
es uns doch ein Bild nicht nur des Wesens moderner Erfindung, 
sondern auch eines echten Gentleman, wie sie selbst im Heimath- 
lande des Gentlemanthums, in England, selten zu finden sein dürften. 
Er hinterliess zwei Söhne, von denen nun auch der zweite das 
Zeitliche gesegnet hat. 
V 
In der Sanitätswache wurden in den letzten 24 
Stunden 20 Personen behandelt. Ein Mädchen wurde von einem 
Blutsturz befallen. Ein Kutscher erlitt durch Sturz von einem 
Wagen eine Verrenkung der linken Schulter, sowie verschiedene 
Hautabschürfungen an der Hand. Nach Anlegung von Noth 
verbänden wurde er mittels Droschke in das Krankenhaus am 
Friedrichshain transportirt. — In den letzten 24 Stunden kamen 
18 leichtere Fälle zur ärztlichen Behandlung nach der Unfall 
station. Gestern Abend liy 4 Uhr wurde der Gastwirtb 
Mücksch-Treptow, Kaiserhad, mit einem Revolverschuss im Kopf 
und noch anderen erheblichen Kopfwunden dahin gebracht. Nach 
dem der Patient verbunden, brachte man ihn nach seiner Wohuunss,
	        
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