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Volume Nr. 93, 19. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

10 Officieile Aussteilungs- Nachrichten. 
per 'Kenntnis» bekommen. Der Geruchssinn unterscheidet 
sich von den anderen Sinnen dadurch in ungünstiger Weise, 
dass wir einen Geruch nicht definiren' können. Während 
wir die Farben in objectiver Weise sehen und die Töne ob 
jectiv bestimmen können, beruht der Geruch lediglich auf 
subjectiven Wahrnehmungen. • 
Bis vor noch nicht langer Zeit waren wir gezwungen, 
unsere Riechstoffe aus der Natur zu nehmen, wie z. B. den 
Mosch,us und die Ambra, indem wir- aus den getrockneten 
Pflanzen durch strömenden Wasserdampf den Stoff zu isoli- 
ren versuchten. Auf diese Weise wurde die ganze Reihe 
der ätherischen Oele gewonnen, die, weil leichter als Wasser, 
sich von demselben ohne Schwierigkeiten trennen lassen. 
Bei anderen Riechstoffen versuchte man dieselben in Fett 
oder Oel zu fixiren. Durch Ausziehen der so mit Riechstof 
fen angereicherten Fette mit starkem Alkohol bei möglichst 
niedriger Temperatur erhielt man die sogenannten Extraits. 
Das waren aber alles nicht chemisch reine Stoffe, charakte 
ristische chemische Körper, sondern Gemenge der verschie 
denen in den Pflanzen sich vorfindenden geruchreichen Ver 
bindungen. 
Erst der Entwickelung der organischen Chemie im Taufe 
dieses Jahrhunderts war es vorbehalten, auch hier wie auf 
anderen Gebieten bahnbrechend zu wirken. Welchen Um 
schwung seither die künstliche Riechstoff-Industrie genom 
men, dass zeigte uns am Freitag Herr Professor Ferdi 
nand T i e m a n n in seinem sehr anregenden Vortrage über 
die Herstellung der künstlichen Riechstoffe. 
Man stiess beim Studium der organischen Verbindun 
gen, welche sich im grossen und ganzen aus Kohlenstoff, 
Wasser- und Sauerstoff aufbauen, auf Verbindungen, die den 
in der Natur vorkommenden dem Geruch nach auf’s schärfste 
ähnelten. So gelang es mit der Zeit durch die Synthese, d. h. 
durch, die allmähliche Aneinanderreihung von Elementen 
und Elementengruppen die künstlichen Riechstoffe aufzu 
bauen. Wir haben da zunächst die lange Reihe der Frucht 
äther, deren Prototyp, der Essigsäureester, aus der Essigsäure 
und dem Alkohol durch Wasserentziehung dargestellt wird. 
Durch Ersetzen der Essigsäure oder des Alkohols durch eine 
beliebige andere organische Säure oder Alkohol, z. B. die 
Baldriansäure, die Ameisensäure, den Amyl oder Propyl- 
flkohol sind wir jetzt im Stande, uns jede Combination eines 
Fruchtesters zurecht zu stellen und auf diese Weise u. a. die 
Pfirsich- und Ananas-Essenz künstlich im Laboratorium her 
zustellen. Der schon seit Jahrhunderten bekannte Peru 
balsam ebnrakterisirt sich so als ein Ester der Zimmtsäure. 
Weit reichlicher sind jedoch diejenigen künstlichen 
Riechstoffe, welch? uns der Steinkohlentheer, das Abfallpro- 
duct der Gasbereitung, liefert. Der Ausgangsstoff für alle 
diese Körper ist das Benzol. Behandeln wir dieses mit star 
ker Salpetersäure, so entsteht ein Körper, das Nitrobenzol, 
das die Parfumerie-Industrie Mirbanöl genannt hat und das 
mit seinem Geruch eine täuschende Aehnlichkeit mit dem 
Bittermandelöl besitzt, ohne jedoch zu diesem Körper in naher 
chemischer Verwandtschaft zu stehen. Wir sehen daraus, 
dass wir nicht immer aus dem gleichen Geruch auch auf 
stoffliche Identität Schliessen können. 
Das Bittermandelöl oder der Benzaldehyd, der sich aus 
einem zweiten Kohlenwasserstoff des Steinkohlentheers, dem 
Toluol, durch Oxydation bildet, spielt nun eine ganz hervor 
ragende Rolle in der Herstellung künstlicher Riechstoffe. 
Wir sind jetzt im Stande durch Combination desselben mit 
dem gewöhnlichen Aldehyd den Riechstoff des Waldmeisters 
herzustellen. 
Durch Ueberführung des Aldehyds in die bekannte 
Benzoesäure und durch Behandeln derselben mit verscliie- 
denen Alkoholen erhalten wir eine Reihe von Benzoesäure- 
Estern, die sich durch ausserordentlich aromatischen Geruch 
auszeichnen und in der Parfümerie die weitgehendste Ver 
wendung finden. 
Aus dem Terpentinöl erhalten wir durch Behandeln mit 
■iner Säure z. B. Essigsäure eine feste geruchlose weisse Sub 
stanz, die mit Wasser behandelt und destillirt uns den Riech 
stoff des Flieders und der Maiglöckchen liefert. 
Bei dem Vanillin, dem Stoff aus der Vanille, haben wir 
ein sprechendes Zeugniss für die Wichtigkeit der künstlich 
hergestellten Stoffe. Die Vanilleschote wird wie bekannt 
angewendet, um verschiedenen Genussgetränke und Nah 
rungsmitteln den angenehmen und lieblichen Geschmack zu 
gehen, den wir so hochschätzen. Nun richtet sich aber die 
Qualität der Vanille wesentlich nach dem Boden, auf dem sie 
angebaut wird, und ist der Gehalt derselben an dem wirksamen. 
Stoff äusserst wechselnd. Durch die künstliche Herstellung 
des Vanillins aus'dem Saft unserer Coniferen, in welchem das 
Coniferin enthalten ist, können wir dasselbe in jeder ge 
brauchten Quantität herstellen und zwar so chemisch rein, 
dass nur Spuren desselben genügen, den gewünschten Effect 
zu erhalten. 
Die Darstellung der künstlichen Riechstoffe ist Aufgabe 
der Chemie, Sache der Parfümerie ist es jedoch, die Bedingun 
gen aufzufinden, unter denen dieselben sich erst voll und ganz 
entwickeln können. Haben wir es bei den natürlichen Stoffen 
nur mit einer Substanz zu thun, so ist ihr künstlicher Ersatz 
kein schwieriger. Anders ist es aber, wenn wir es mit Com 
binationen verschiedener Riechstoffe wie z. B. im Rosenöl 
zu thun haben. Da lässt uns bis jetzt die Kunst der Chemie 
im Stich ; denn man kann wohl einzelne Stoffe feststellen, 
welche im Rosenöl enthalten sind, aber nicht alle Substanzen, 
und ihre gegenseitige Menge. Die Riechstoff-Chemie ist 
eben noch eine zu junge Wissenschaft. Wenn man aber die 
grossen Fortschritte derselben überblickt, die sie in dem, 
letzten Jahrzehnt gemacht hat, so liegen wir die berechtigte 
Hoffnung, dass es dieser Wissenschaft gelingen wird, auch 
auf dem Gebiete der Riechstoff-Industrie weiter bahnbrechend 
vorzugehen und immer tiefere Einblicke in diese so duftende 
Welt zu erschlossen. Dr. E. J. 
Der erste Fünfundzwanzig-Pfennigtag. 
Wieviel Tausende von Kindergesichtern wohl am Freitag 
Nachmittag eben so trübe dreingeschaut haben mögen, als der 
Himmel, aus dem so beharrlich »unendlicher liegen« herabströmte, 
als wolle er seine Schleusen für die nächsten Tage nimmer 
Schliessen. Und wie eifrig am Abend die Wetterprognose der 
Tagesblätter studirt und die ängstliche Frage aufgeworfen wurde, 
ob sie auch diesmal eintreffen werde. Und es schien, als ob sie 
eintreffen wolle. »Zunächst ziemlich trübe nnd regnerisch, nachher 
aufklärend«, hatten die weisen Männer der Wetterkunde prophezeit 
und allem Ansei ei l nach sollten sie Beeilt behalten. Dunkle Wolken 
umhüllten am Morgen den tausendfältig beobachteten Horizont 
allein mehr und mehr verzogen sie sich, und gegen 12 Uhr 
lächelte Frau Sonne zum ersten Male auf die Menge herab, die 
sich vorwiegend um diese Stunde nach dem Treptower Park be 
wegte, nicht nur alle Verkehrswege benutzend, sondern diesmal 
auch besonders zahlreich per pedes ihrem Ziele zupilgemd. Fest 
lich gekleidet zogen diese Fussgänger »mit Kind und Kegel«, fast 
alle, wie die wohlgefüllten Kober bewiesen, stark verproviantirt, ihre 
Strasse. Aber auch Stadtbahn, Dampfschiffe und die Pferdebahn 
brachten grosse Menschenmassen, die in voller Strassenbreite über 
die Brücke des Haupteinganges an der Treptower Strasse flutheten, 
ein buntes, bewegtes Bild bietend. Zahlreiche Kinder trippelten 
inmitten ihrer erwachsenen Angehörigen mit freudig bewegten 
erwartungsvollen Gesichtern, hatte man ihnen doch schon so viel 
von den Herrlichkeiten der Ausstellung erzählt. Die Menge zer 
theilte sich sofort nach dem Eintritt auf die Nebenwege, die 
Meisten gingen direct in das Hauptgebäude, um die dort aufge 
stapelten Schätze in Augenschein zu nehmen, während andere sich 
an dem Concert am Neuen See ergötzten. Helle, billige Baum-
	        
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