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Volume Nr. 92, 18. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
hei Kamerunern, Massais, Suahelis, bei Hottentotten und 
Hereros schlagen wir für wenige Minuten unser Zelt auf, 
um dann unsere Reise nach Kairo fortzusetzen. An den Ufern 
des Nils machen wir wieder Rast, aber schon sengt die tro 
pische Sonne etwas gar zu arg unseren Scheitel, Abkühlung 
ist sehr nöthig. Darum auf nach Amerika, bis nach Grön 
land ! Eine kurze Schlittenfahrt zwischen hohen Schnee- 
und Eisbergen und ohne Nansen und Andree ist der Nordpol 
erreicht. Hier ist es doch zu kalt, darum wollen wir unsere 
Reise lieber im Australischen Erdtheil, in Neu-Guinea, be- 
schliessen, wo uns die Eingeborenen in ihren Hütten bewirthen 
und durch ihre Fest- und Kriegstänze unterhalten. 
V 
Auf den Brücken. Die berühmte Lästerallee in 
Helgoland, die Strandpromenade in Ostende sind kaum in 
teressanter als ein Spaziergang über die Hauptbrücken un 
serer Ausstellung, welche dem Verkehr über die Geleise der 
elektrischen Rundbahn oder über die Chausseen dienen, 
welche den Park durchschneiden. Besonders über die. 
Brücke aus Hauptportal fluthet an schönen Tagen oder an 
lauen Abenden ein ununterbrochener Menschenstrom. Bald 
schlagen englische, französische oder italienische Laute an 
unser Ohr, dann wieder vernimmt man die verschiedenen 
Provinzialdialekte, bald das ,,geiniedliche“ Sächsisch, bald 
das freundliche Süddeutsch und so fort in den verschiedensten 
Mundarten von Ost und West, von Nord und Süd unseres 
Reiches. Auch die Toiletten der Damenwelt zu mustern ist 
eine dankbare ind amüsante Aufgabe. Neben dem chic ge 
arbeiteten Costüm einer Französin mit den weiten Aermeln, 
dem dreisaitigen Steifrock und dem riesigen Blumenhut, ge 
wahrt man die altheirgebrachte Tracht der Spreewälderin 
oder das tiroler Gewand eines Münchener Madels. Auch 
die Temperamente kann (man studiren. Der Sanguiniker 
findet schon beim ersten Schritt in den Park alles entzückend), 
die Ketten von Illuminationskörpern, die am Brückengelän 
der befestigt sind, vergleicht er mit Krystallgeschmeide, das 
wie Demanten funkelt, und so fort bis zum höchsten Grade 
der Bewunderung. Der Choleriker schimpft über das Ge 
dränge und stürmt über die Brücke, um nur recht schnell 
alles zu sehen. Der Phlegmatiker geht langsam bedächtig, 
bleibt bei jedem Wegweiser stehen, befragt dann seinen Plan 
und orientirt sich mit weissem Bedacht. Der Melancholiker 
seufzt über die unbequeme Passage und bei dem Gedanken 
an die weiten Wege und die Anstrengungen eines Rundgan 
ges. Am Hauptpoital, an der Brücke sieht sich der Besucher 
sofort mitten in dem grossen Getriebe, der Ausstellung: 
„Officielles Programm aller Concerte und Festlichkeiten“ — 
„Stuhlbillets für den ganzen Tag gütig!“ — „Ausstellungs 
medaillen!“ schallt es* ihm entgegen; die - Fahrstuhlführer 
drängen sich heran, die Blumenverkäuferinnen bieten ihre 
Blumen an, mit denen er geschmückt durch den Park fahren 
oder wandeln soll. 
Nicht weniger bewegt ist das Treiben auf der grossen 
Brücke vom Ausstellungsbahnhof nach der Ausstellung, 
Kaum hat man die Bahnschranken passirt, so sieht man sich 
etwa in die Lage jenes Seefahrers versetzt, von dem es bei 
Vergil heisst: Incidit in Scyllam, qui vult vitare Charybdim. 
Auf der einen Seite locken die Thürme und Kuppeln 
von Kairo, auf der anderen glitzern und blenden die Gletscher 
des Nordpols. Verwundert bleibt man stehen und hört von 
allen Seiten komische und naive Fragen oder kritische Be 
merkungen über das schon Erlebte oder noch zu Erwartende. 
„Ist das wirklicher Schnee?“ fragt ein Knabe den Vater. 
„Dummer Junge, wo soll’n se denn den jetzt hernehmen, det is 
allens Mumpitz, Pappe und Kalk!“ — „Hier kann man ja 
warten bis man schwarz wird!“ Klagt ein Jüngling über das 
Gedränge an der Kasse von Kairo. „Na, denn passen Se ja 
jleicli zu die Neger da unten!“ wird ihm zur Antwort. Ist 
der Kreuzweg glücklich passirt, so gelangt man in die Aus 
stellung, begleitet von ähnlichen Bildern und Eindrücken, 
wie oben geschildert. Am Lautesten, vergnügtesten geht es 
auf der Brücke nach dem Vergnügungspark her. Viele freuen 
sich nach den Anstrengungen des Schauens auf Zerstreuung, 
andere kehren in animirtester Stimmung zurück. „Also 
erst nach die Eisbären, dann mit die Thurmbahn und vor 
allem der Harem darf nicht seiden,“ meint ein lustiger Onkel 
aus der Provinz. „Nein, die Bussen bei Schippanowski, din 
sind doch zu originell!“ schwatzt munter ein Backfischciien, 
tanzen alle Leute so in Russland?—das ist doch zu komisch !“ 
„Na, der Sect war etwas theuer!“ näselt ein Herr, dem der 
Champagner anscheinend zu gut geschmeckt hat. „Du bist 
also auch auf der Stufen bahn gefahren?“ fragt ein Dämchen 
ihren etwas corpulenten Begleiter. „Ich habe sogar druf 
jelegen, ich ging nämlich nach die verkehrte Seite und setzte 
mir ziemlich feste hin !“ 
V 
Schwarze Geschichten. Unsere schwarzen Brüden 
aus den deutschen Kolonnen, die in der Kolonialausstellung 
untergebracht sind, haben sich recht gut eingebürgert. Na 
mentlich die Togoleute .und die Suaheli stehen in lebhaf 
testem Verkehr mit dem Publikum, wobei sie sich der deut 
schen Sprache theilweise schon mit grosser Fertigkeit be 
dienen. Einige haben daheim in den Missions- oder Ge 
meindeschulen Deutsch gelernt, andere mit dem gerade denn 
Neger eigenen Sprachtalent sich erst hier soweit im Deutschen 
fortgebildet, dass sie sich ganz gut verständigen können. 
Sehr gern unterhalten .sie sich mit Kindern, denen sie lachend 
ihre Kenntnisse im Schreiben und Zeichnen zeigen. Sie 
schreiben meistens in lateinischen Buchstaben und gegen ihre 
Orthographie ist wenig einzuwenden. Im Zeichnen wendet 
sieh ihr Talent mit Vorliebe menschlichen Figuren zu, dio 
sie stets nach dem Aeusseren ihrer Stammesverwandten, d. h. 
ohne Bekleidung oder mit einem Lendenschurz wiedergeben. 
Sie bevorzugen dabei die Profilstellung und haben für dies 
Proportionen des Kopfes Und der Gesichtszüge einiges Ver 
ständniss, während ihnen die übrigen Körpertheile Schwierige 
keiten bereiten. Die Zeichnung eines Negers von einer 
menschlichen Figur ähnelt den altegyptischen Hieroglyphen 
bildern. Die Neger sind stolz und sehr empfindlich. Das 
erfuhr dieser Tage ein Herr, der einem der Schwarzen eine 
Cigarre im Nacken unter das Hemd steckte. Der Beschenkte 
war wüthend, und es hätte nicht viel gefehlt, so hätte er den 
spasshaften Geber seine Fäuste fühlen lassen. Der Herr ent 
schuldigte sich damit, dass er ihm eine Cigarre habe schenken 
wollen, worauf der Togobewohner selbstbewusst antwortete 
„ Wenn ich will rauchen Cigarre, kann ich mir selbst kaufen. 
Brauch’ nix Geschenken !" In einem anderen Falle lud einer 
der Togoleute einen ihm bekannten Berliner zu einem 
Glase Bier ein. Ein anderer Herr setzte sich zu den Beiden 
an den Tisch und fragte den bedienenden Kellner, ob das 
Bier schon bezahlt sei, in der guten Absieht die Zeche zu tragen. 
Der Neger entgegnete schnell, dass alles berichtigt sei, was der 
Ganymed bestritt. Nun machte sieh, das heftige Tempera 
ment des Schwarzen in einer Fluth von Schimpfreden Luft. 
„Spitzbube“, schrie er, „siechte Spitzbube, wir sind ehrlich. 
Wenn ich sage, is bezahlt, is bezahlt. Hab’ ich Geld ge 
geben an dem Tisch dort!“ Thatsächlich hatte der Neger 
schon am Buffet bezahlt. Es gelang nur mit Mühe, ihn zu 
beruhigen ; er fühlte sich in seiner Wahrheitsliebe und Frei 
gebigkeit tief gekränkt. Zu seinen, Freunden meint de,r 
Neger es gut noch seiner Art. So lud ein Suaheli einen 
weissen Freund ein, ihn einmal in seiner Heimath zu be 
suchen. Scherzhaft meinte der Geladene: „Ach, Ihr fresst 
Einen ja ans.“ „Ach wie dumm!“ war die Antwort, „wir 
essen nix Menschen. Wenn Du kommst zu mir, sollst Du 
haben alles, was willst. Schenk ich Dir meine Schwester. 
0 — schönes Mädchen !“ 
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In der Sanitätswache wurden in den letzten 24 Stunden 
33 Fälle behandelt. In 21 Fällen handelte es sich um kleinere 
Verletzungen, in den übrigen um innere Erkrankungen. Ein An 
gestellter aus dem Chemiegebilude wurde von heftigem Unwohlsein 
befallen und musste längere Zeit auf der Sanitätswache bleiben, ehe 
er sich einigermaassen erholte. —- In den letzten 24 Stunden sind 
in der Unfallstation 20 leichte Fälle behandelt worden.
	        
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