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Periodical volume Nr. 91, 17. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle ÄussteHungs - flachrichten. 
nicht hoch genug zu schätzende Hilfsmaschine geliefert hat. 
Mit gerechtem Staunen seh/en wir, wie die Maschine mit 
spielender Leichtigkeit, von einem Arbeiter dirigirt, alle 
Arten von Stoffen, Tuch, Leinen, Drell, Tricot etc. in ge 
raden, gebogenen oder kreisrunden Formen, wie es das auf 
der obersten Stofflage aufgezeichnete Muster verlangt, in bis 
zu hundert übereinander liegenden Lagen so glatt und an 
standslos durchschneidet, als handle es sich um einen Bogen 
Papier. Wahrend des mit rapider Schnelligkeit vor sich 
gehenden Zuschneideproeesses ruhen die Stoffe fest auf dem 
Tisch, dass ein Verschieben derselben absolut unmöglich, und 
dadurch die vollständigste und praktischste Ausnutzung der 
selben erzielt wird, Die mit grossem technischen Geschick 
erreichte Beweglichkeit des Maschinenarmes gestattet das 
Schneiden rings um die Mittelsäule, so dass der Arbeiter an 
mehreren Tischen gleichzeitig zuschneiden und verschiedene 
Stoffe ohne besondere Vorrichtung nadelfertig stellen kann. 
Die Maschine ist für Hand- und Dampf- resp. für elektrischen 
Betrieb construirt, nimmt wenig Raum ein und kann in 
jedem beliebigen Saume aufgestellt werden. Der Kaiser, der 
sieb für die neuesten Errungenschaften der Technik lebhaft 
interessirt, liess sich die Maschine seinerzeit im Betriebe vor 
führen und nahm als Zeichen seiner vollen Befriedigung das 
Anerbieten der Fabrikanten an, dass dieselbe probeweise in 
einer grösseren Militairwerkstätte in Gebrauch genommen 
wurde. Das Resultat fiel so günstig aus* dass die Einfüh 
rung in die staatlichen Betriebe beschlossen wurde und die 
Zuschneidemaschine beute bereits in sämmtlichen preussi 
schen, bayerischen und sächsischen Militairwerkstätten, so 
wie bei der österreichischen Marine eingeführt ist. Auch 
der Vice-KönigLi-hung-Tscbang, der bekanntlich bei seinem 
Besuch in der Ausstellung der Maschine, die daselbst per 
manent in Thätigkeit vorgeführt wird, grosses Interesse wid 
mete, wird, wie man der Firma, mittheilte, deren Einführung 
in China befürworten — ein neuer Sieg der deutschen In 
dustrie, der nicht hoch genug zu schätzen ist. 
V 
Ausstelhmgsgäste. Wie bereits früher mitgetheilt, 
werden im ersten Drittel des August dis Mitglieder des Ver 
bandes der österreichisch - schlesischen gewerblichen 
Genossenschaften die Ausstellung in corpore besuchen. Die 
Anzahl der Theilnehmer an dieser Fahrt war ursprünglich auf 
900 festgesetzt, dürfte sich aber jetzt auf 1500—2000 steigern, 
da es der Fest-Commission gelungen ist, eine ganz namhafte Fahr 
preis-Ermässigung für die österreichischen Gäste zu erwirken, indem der 
preussische Eiscnhahnminister auf Antrag derFest-Commission die 
Genehmigung ertheilt hat, dass die Eisenhahndircction in Kattowitz 
den Vorständen des obigen Verbandes auf ihr Ansuchen Billets 
zum Einpfennigtarif pro Kilometer für ihre .Mitglieder bewilligen 
kann, wodurch der Fahrpreis für das Retourbillet auf 10 Mark 
ermässigt wird. Ferner hat die Fest-Commission mit der Firma 
Stangen ein Abkommen getroffen, laut welchem den öster 
reichischen Gästen Wohnung und volle Pension für vier Mark 
täglich beschafft wird, und haben sich ausserdem die Innungs 
meister der Berliner Innungen bereit erklärt, den Verbands 
mitgliedern für die Dauer der Ausstellung als Führer zu dienen und 
ihnen alle grösseren gewerblichen Betriebe Berlins zugänglich zu 
machen. Im Uebrigen geht aus dem betreffenden Schreiben des 
Herrn Eisenbahn-Ministers noch die erfreuliche Thatsache hervor, 
dass man bezüglich der Vergünstigung des Einpfennigtarifs für 
deutsche Arbeiter die einschränkende Bestimmung, wonach die 
Arbeiter einer Fabrik angehören müssen, hat fallen lassen. 
Es sollen vielmehr auch die Arbeiter mehrerer Betriebe 
zusammen auf den Einpfennigtarif fahren können, sofern 
dies unter einer Leitung geschieht. 
« 
Die zahlreichen Diebstähle von Beleuchtungs 
körpern in der Ausstellung, über die wir schon früher berichteten, 
haben die Firma Hoppenworth auf das Empfindlichste geschädigt und 
sie veranlasst, eine strenge Wachsamkeit in allen Theilen des Parkes 
walten zu lassen. Der erfolgreichen Thätigkeit unserer Gendarmerie 
ist cs nun gelungen, eine Anzahl Persönlichkeiten, die sich des Dieb 
stahls von Illuminationsgläsern schuldig machten, zur Haft zu bringen, 
und ist bereits Strafantrag gegen die Betreffenden gestellt. Originell 
ist die Entschuldigung eines der Diebe: »er habe geglaubt, die 
Gläser gehörten der Ausstellung«. Die empfindliche Strafe, die ihn 
treffen wird, dürfte ihn belehren, dass in diesem Punkte zwischen 
»Ausstellung« und »Hoppenworth« kein Unterschied ist. 
V 
Die Technik der Lederpunzerei. Zu den inter 
essantesten Lederarbeiten gehört die Panzerei, deren sich auch der 
talentvolle Dilettantismus bemächtigt hat. Man verwendet dazu ziem 
lich starkes, besonders präparirtes Rindsleder. Nachdem die Linien 
des Musters eingeritzt, werden sie mit feinem Messer leicht ein 
geschritten, wobei darauf zu achten ist, dass der Schnitt auf der 
Rückseite nicht zu sehen sein darf. Die Linien reisst man dann 
mit einem stumpfen Instrument auf, so dass die Schnittränder sich 
scharf abheben. Nun beginnt die eigentliche Treibarbeit, zu welcher 
das Leder durch Anfeuchtung deijeuigen Stellen, die sich erhaben 
präsentiren sollen, geschmeidiger gemacht wird. Bei Mustern mit 
kleinen Ornamenten wird das Leder mit der Bildseite auf ähnlich 
gesonnte Lederringe gelegt und dann die Reliefs mit an der Spitze 
abgerundeten Eisenstiften durch Drücken und Klopfen heraus 
gearbeitet. Bei grossgemusterten Vorlagen geschieht dies, indem 
man auf der glatten Aussenfläche die Lederringe aufdrückt und 
dann von unten her das Reliefmuster herauspresst. Die entstandenen 
Höhlungen der rauhen Seite werden mit Kitt ausgefüllt, um zu 
verhindern, dass das Leder sich allmählich wieder glättet und so das 
Muster verschwindet. Der Grund der Zeichnung kann nun durch 
Schlageisen noch gerieft oder punktirt und durch Beizung dunkler 
gefärbt werden. Ist auch dies geschehen, so giebt man den Reliefs 
noch die Schattirung oder schmückt sie durch Bronze und Farben, 
bis die Arbeit das gewünschte Bild zeigt. Es lassen sich auf diese 
Weise Frucht- und architektonische Ornamente, sowie Figuren aus 
dem Leder herauspressen und die Lederpunzarbeiten gehören zu 
den beliebtesten Bekleidungen von Albums, Büchern, Truhen, Stuhl 
sitzen und -Lehnen etc. In der Ausstellung sind derartige oft 
künstlerisch ausgeführte Arbeiten im Haupt-Industriegebäude wie 
im Gebäude für Unterricht und Wohlfahrt ausgestellt. 
S 
Zusammenlegbare Kinderwagen. Nur wer selbst 
Familie hat, wird die Unannehmlichkeit oft empfunden 
haben, welche Kinderwagen auf Ausflügen, ja sogar schon hei 
kleineren Spaziergängen verursachen. Solange das Baby im 
Wagen sitzt, gebt alles sehr schön, aber heim Nackhause- 
komrnen verleidet der Transport des Kinderwagens treppauf 
jeden ferneren Ausflug. Macht nun die Familie gar weite 
Reisen, so wird das Mitführen des Kinderwagens zur Last. 
Diesem Uebelstande wird durch einen zusammenlegbaren 
Kinderwagen abgeholfen, den die Firma Thiele, und Dircksen 
in den Handel bringt. Durch wenige Griffe kann der Wagen, 
dessen Constrüction durch 11 eichspatent geschützt ist, voll 
ständig zusammengelegt werden. Die Räder kann man 1; icht 
abziehen und ihnen bequem neben dem Gestell in einer Tasche 
einen Platz anweisen. Da der ganze Wagen nur 11 kg 
schwer ist, scheint seine Verwendbarkeit eine grosse. Ausser 
diesem schon recht leichten Wagen stellt dieselbe Firma, 
einen anderen Kinderwagen aus, der ohne Räder 8!kg, mit 
diesen B’^kg schwer ist, aber nicht zusammengelegt werden 
kann. Das sonst aus Eisen oder Stahl gefertigte Untergestell 
besteht hei diesem Wagen aus dem sehr leichten Malaeca- 
Rohr, welches sich durch grosso Haltbarkeit auszeichnet. 
Beide Arten Wagen sind im Wohlfahrtsgebäude I. Stock aus 
gestellt. 
o 
In der Sanitäts wache wurden in den letzten 24 Stunden 
26 Fälle behandelt. Eine Verkäuferin erhielt einen Verband wegen 
eines Papageibisses. Um s / 4 10 Uhr wurde ein älterer Herr 
sterbend in die Sanitätswache eingeliefert, Wiederbelebungs 
versuche blieben erfolglos. Als Todesursache wurde Herzschlag 
festgestellt. Die Leiche wurde mittels Krankenwagen nach det 
Leichenhalle gebracht. — In den letzten 24 Stunden kamen 21 
Fälle zur ärztlichen Behandlung nach der Unfall-Station.
	        
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