Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

GfstrieUe AirssteUnngs Nachrichten.
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seine Blontirnng im Allgemeinen noch nicht V* Million Mark in
Anspruch nahmen. Bei unserem Fernrohr hat dasselbe eine metal
lische Schutzhülle erhalten, welche seiner eigenen Form angepaßt
und mit ihm fest verbunden ist, sodaß sie sich mit ihm zugleich
in jede gewünschte Lage bewegt. Dadurch ist erreicht, daß für
die Aufstellung des Fernrohres wirklich nur die Kosten seines
eigenen Aufbaues und die der Linsen wesentlich in Betracht kommen,
sodaß der Preis des Ganzen Vr Million Mark nicht übersteigt.
Wird dieses Princip überall angenommen, so wird sich zunächst
der Preis der Riesenfernrohre ungeheuer ermäßigen, und es ist
klar, daß sowohl die Fernrohr-Industrie als auch die astronomische
Wissenschaft davon einen wesentlichen Nutzen zu erwarten haben.
In einer weiteren Einrichtung unterscheidet sich das neue
Rohr ebenfalls Vortheilhaft von den bisher gebauten. Wie alle
großen Fernrohre steht es auf einem von Grund aus ausge
mauerten Pfeiler, damit es von den leichteren Erschütterungen der
übrigen Theile des Gebäudes unberührt bleibt. Der Pfeiler hat
eine Höhe von 12 Metern, eine ebensolche Länge und ist 8 Bieter
breit. In diesem Pfeiler ruht die 150 Ctr. schwere sogenannte
Polarachse, welche die Richtung der Weltachse hat und nur um
ihre eigene Mittellinie drehbar ist. Diese Achse bildet gewisser
maßen das Rückgrat des ganzen imposanten Instrumentes.
Ist das Fernrohr nun auf ein Gestirn eingestellt, so folgt
cs dem Laufe desselben, weil die Achse durch ein Uhrwerk in
24 Stunden einmal herumgedreht wird. Das Rohr selbst ruht
auf einem kastenförmigen Viereck, welches auch die Lager für die zweite
Achse, die sogenannte Declinationsachse, trügt und mit dem gesammten
Rohr um dieselbe drehbar ist. Auf diesem Kasten ist auch die Schutz
hülle befestigt, sodaß sic jede Bewegung des Rohres mitmachen muß.
Die Glocke umschließt einen Raum, dessen Inneres als Be-
obachtungszimmer für wissenschaftliche Messungen mit dem
Fernrohr eingerichtet ist. Weiter trägt der Kasten die seitlich von
ihm wegragenden 200 Centner schweren Gegengewichte. Dieselben
bewirken, daß das Rohr, welches ein Gewicht von 80 Centncru
hat, sobald es nicht in einer bestmimten Stellung festgeklemmt
ist, einem müßigen Druck der Hand nachgiebt und in jede ge-
wünschte Lage gebracht werden kann.
Es bedeutet somit das neue Fernrohr durch die eigenartige
Cvnstruction einen Fortschritt von großer Bedeutung in optischer
Hinsicht gegenüber allen bis jetzt existirenden Fernrohren.
Für die Größe der Bilder, welche das Fernrohr enttvirft,
ist nicht die Größe der Objectiv-Linsen maßgebend, sondern vor
allem der Brennweite. Es wird dies deshalb ausdrücklich be
merkt, weil die Größe der Objectiv-Linsen des Archeuhold'scheu
Fernrohres hinter der der Fernrohre von Chicago und der Lick-
tvarte zurückbleibt. In Bezug auf die Brennweite aber übertrifft
das neue Riesenrohr alle Fernrohre der Welt. Es entwirft ein
Svnnenbild, welches 19—20 Zentimeter im Durchmesser hat.
Dieses Bild wird natürlich alle Details mit größerer Deutlichkeit
zeigen, als kleinere Bilder es vermögen.
Schließlich sei noch bemerkt, daß die Glasblöcke zu den
Linsen des Fernrohres von der Firma Dr. Schott u. Gen.
in Jena geliefert wurden, während ihre Verarbeitung zu Linsen
in München bei der Firma C. A. Stcinheil geschah. Tie
Hauptmontirung des Instrumentes wurde nach den Angaben und
unter der Leitung des Herrn F. S. Archen hold von der Ber
liner Maschinenbaufirma C. Hoppe ausgeführt, welche in der
Fein-Mechanik von der Firma G. Meißner unterstützt wurde.
Nach Beendigung der Ausstellung wird das Fernrohr aus
schließlich für die wissenschaftliche Forschung Verwendung finden.
Die Besichtigung kann den ganzen Tag bis zum Schluß der
Ausstellung stattsiudcn. Das Eintrittsgeld betrügt 50 Pf., für
Kinder unter 14 Jahren die Hälfte, Sonntags 30 Pf., Montags
1 Mk. Für Schulen und Vereine u. s. w. wird nach Ueber-
einkunft ein besonderer Preis festgesetzt. M. H.
Neues aus „Kairo".
(Abdruck untersagt.)
Aus Gibraltar langt die Nachricht ein, daß Dienstag stüh der
große Dampfer „Tinos" der deutschen Levante-Linie eingetroffen
sei', auf dem 3000 Tonnen großen Schiff befindet sich der größere
Theil der nach Berlin zur Gewerbe-Ausstellung reisenden Araber,
Fellachen, Beduinen. Auch die Militairkapelle des Khedive ist schon
mit auf dem Schiffe, während die Kameelreiter demnächst nachfolgen
werden. Ueber Hamburg, wo sie einige Tage rastet, gelangt dic
bunte Gesellschaft um Mitte April nach Berlin.
Draußen im Treptower „Kairo" wird indessen alles vor
bereitet, was für die sechsmonatige Unterbringung der afrikanischen
Gäste erforderlich ist. Im westlichen Theil der so rasch in den
märkischen Sand hingezauberten Nilstadt ist auf einem Hügel ein
kleines Fellacheudorf erbaut worden. Zwischen der Arena und der
großen-Pyramide von Gizeh stehen unter himmelragenden Palmen
die niedrigen, saubereu Holzhäuschen. Kleine Höfe, von dichten
Planken —- zum Schutze der Hausthiere gegen die wilden Bestien
der Wüste — umzogen, schließen sich an die Hütten an, die, an
den Fuß der Jahrtausende alten Pyramiden geschmiegt, ein kurzes
Dasein führen. — Auch im Hintergrund des Platzes hat gegen die
Bahn zu eine Erweiterung des Terrains stattgefunden, um die Schlot
stätten der Araber nach Bedarf zu vermehren. Im klebrigen wird
die Pflege der braunen Gäste nicht viel Sorge machen: die Be
köstigung dieser genügsamen Menschen ist eine sehr einfache, sie
nähren sich zumeist von Reis, Fleischgenuß ist weniger üblich; vor
den: Genusse des Alkohols warut das Gebot des Propheten, das
allerdings durch vielfache Deutungen eingeschränkt wurde, wie denn
auch der Khedive von Egypten dem Weingenuß nicht imgern
huldigt. Nahe de» Wohnhäuschen der Araber befindet sich die
prächtige zweiihürmige Moschee El Muajid; dort werden die
Moslim ihre religiöse Andacht verrichten, durch ein Gitter von der
profanen Außenwelt abgeschlossen, die sich nur an dem Anblick
erbauen darf. In der engen, bunten Bazarstraße, welche bei der
Moschee beginnt, werden die türkischen Händler sich etabliren. An
dem Tschibuk saugend, iverden die braunen Bewohner Kairos vor
ihreir Läden >nid Bazaren auf dem Teppich kauern, mit krenzweiS
untergeschlagenen Beinen, werden Möbel und Stoffe, Shawls,
'Waffen, Geräthe und — türkische Pantoffeln feilbieten: arabische
Stiefelputzer werden uns umdrängen, um den Wüstenstaub der Trep
tower Chaussee von unseren Schuhen zu entfernen; Derwische, Gaukler;
Bauchtänzerinnen werden sich prodnciren. In dieser Straße werden
auch Original-Kaffeeküchen sich befinden, in denen der starke türkische
Mokka gebraut wird; tvohlverstanden: nur für das Volk Kairos,
den meisten Berlinern würde dieser Saft etwas zu stark und zu
unreinlich dünken. - Diese Straße, deren Häuser — sie sind zum
größteti Theil schon fertiggestellt — eine verblüffende Naturtreue
und sorgfältigste Ausführung zeigen, dürfte mit ihrem bunten Volks
gewimmel, ihren Sänften und Kamelen, über die der Sommer
1896 hoffentlich einen dunkelblauen Himmel ausspannen wird, einen
ganz wundervollen Farbeneffect erzielen. — Weiter gegen Norden,
gegenüber der Chaussee, erhebt sich die Moschee Kait Bey, van deren
Minaret — beiläufig gesagt, einem der höchsten Punkte der Gewerbe-
Ausstellung — die Muezzim den Gläubigen die Gebetstunden
verkünden iverden. — Um in all' dem Treiben Ordnung zu
schaffen, tvird bekanntlich die egyptische Ortspolizei, kamel-
beritten, von dem Khedive zur Verfügimg gestellt. — Die Ar
beiten an den großen Gebäuden der West- und Nordseile schreiten
sehr rapid vorwärts. Die Fayaden, in bunten, gefälligen Farben
tönen gehalten, meist gelb mit roth, mit reicher, kunstvoller
Stuckatur — nach Skizzen erster Künstler — geziert, mit Minareten,
Thürmen und Thürmchen, Giebeln, Kuppeln, Veranden, Erkern,
Muscharabiehs ausgestattet, sind bereits fertiggestellt. So das große
Hauptrestaurant, wo die Deutschen andächtig sein und die Moslim
das Zusehen haben werden; hier iverden schon die Jnnenräume
mit prächtigen Teppichen und Shawls geschmackvoll ausgekleidet.
Nebenan eine Nachbildung von Schephard's Hotel zu Kairo, in
dem ein Kaffeehaus untergebracht wird, — aber mit deutschem
Mokka. — Auch Weißbier wird in diesem Kairo zum Ausschank
gelangen, was nicht so ganz unegyptisch ist, denn ein verwandtes
weißliches Getränk mit Namen „Gruse" ist in Egypten sehr beliebt. —
Wahrend das — dem berühmten Bab el Zuwele nach
gebildete — Eingangsthor zur Arena nahezu vollendet ist, arbeitet
man gegenwärtig an dem großen Thor, welches den Eingang nach
Kairo von der Köpenicker Landstraße aus bilden soll; es ist nach
dem Muster des El Font, des großen Stadt-Thores von Kairo, ge
baut, enthält einen Mittel- und zwei Seitenbogen und wird das
Gesammtbild der Stadt nach der Straße zu in sehr wuchtiger Weise
abschließen.
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