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Periodical volume Nr. 91, 17. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

10 OfficieHe Äusstellungs-Nachrichten. 
Persischer'Gebetesteppich altberühmten Musters war es, ohne 
viel zu feilschen zahlt’ ich höchste Preise des'Bazares. Seine 
Farben, satt und brennend, hab’ ich sorgsam mir ersehen, dass 
sie deines weissen Leibes Paradiesesreiz erhöhen” — etc. 
Von den Smyrnateppichen ist weniger zu sagen; ihr Ge 
brauch hat sich, bei uns so eingebürgert, auch werden sie 
in deutschen Fabriken so gut nachgeahmt, dass man in die 
sem Fall nicht nöthig hat, nach dem Stammland zu 
gehen. — Eine Gattung von Teppichen, die im Orient und 
neuerer Zeit auch in Europa vielfach fürVorhänge verwendet 
werden, sind die von Damaskus. Sie sind meist weissroth 
oder weissblau gestreift,, — Die Broderieen, reiche Goldsticke 
reien auf rothem, weissein, schwarzem n. a. Tuch,, Sammet 
oder Seide stammen zumeist aus Konstantinopel; Tisch 
decken, Läufer, Pantoffeln und Feze, dann Moschee-Portie 
ren u. a. werden daraus gemacht. Schliesslich sei der orien 
talischen Specialität der als Kopfputz verwendeten seidenen 
Shawls Erwähnung gethan, welche die Frauen mit der Spitze 
nach der Stirn, die Männer mit der Breitseite nach vorn 
binden. — 
Dass sämmtliche orientalischen Teppiche und Webereien 
Handarbeit sind, braucht wohl kaum gesagt zu werden; es 
ist bekannt, dass im Orient noch heute dieselben einfachen 
Geräthe in Gebrauch sind, auf denen schon in frühester Zeit 
die kunstvollsten Erzeugnisse angefertigt wurden. Diesel 
ben reichen, prunkvollen Gewebe, wie heute wurden schon 
vor 3—4000 Jahren auf den Thron des Assyrerkönigs gelegt; 
Homer in seiner Iliade erzählt von der Kunstfertigkeit der 
Orientalen in diesen Arbeiten: über dem heiligen Zelt der 
alten Juden waren Teppiche von gezwirntem Bissus und von 
Hyazinth, von Purpur und von zweimal gefärbtem Carmoisin, 
mit Stickwerk von allerlei Figuren ausgebreitet. Auf einem 
Bilde des Orientmalers Theodor Eifert, das in dem ,,Salon“ 
von Kairo ausgestellt ist, und das mit feiner Charakteristik 
und grosser Kenntnis* des Alterthums die Scene darstellt, wie, 
Moses und Aaron vor Pharao geführt werden, ist seitwärts 
des Thrones ein reicher geknüpfter Teppich mit rothem 
Grunde .und grünem Saume zu sehen; auch in Aufzählungen 
erbeuteter Schätze wird häufig in Schriften des Alterthums 
gewebter Teppiche zur Ausschmückung der Zelte Erwähnung 
gethan. — 
Die Muster der orientalischen Teppiche haben gleichfalls 
den Geschmack von Jahrtausenden überdauert. Im Gegensatz 
zu späteren Arbeiten, z. B. Rococo-Mustern, vermeiden die 
Orientalen eine Abbildung menschlicher, thierischer oder 
vegetabilischer Körner, sondern bedecken die Fläche mit viel 
fältigen Ornamenten, die sich in verschiedenartiger Wieder 
holung zu einem annnitheüden, besonders durch die Fnrben- 
zusammei!Stellung wirkenden Gesammtbild vereinigen. 
Mit diesen Angaben versehen, möge der wissbegierige 
Leser versuchen, sieh, in dem grossen Teppichbazar zu orien- 
tiren. Tun für denjenigen, welcher das eine oder andere 
Stück zu kaufen beabsichtigt, eine Handhabe für ungefähre 
Werthschäfzung zu gehen, sei folgender Maassstab mitge 
theilt. Bei Smyrnateppichen, welche in Geschäften nur neu 
gekauft werden, richtet sieh der Preis neben der Güte des 
■Materials und der Schönheit des Dessins hauptsächlich nach 
der Grösse, bei Perserteppiehen zunächst nach dem Alter; 
alte Perser haben unter jeder Bedingung mehr Werth als 
neue; die Preise sind da meist Liebhaberpreise; nach dem 
Verhältniss von Schönheit der Farbe zum Alter, und nach 
'dem Dessin variirt der Werth; Muster auf hellem, gold 
gelbem oder weissem Grunde werden, weil schwer herzu 
stellen, besonders hoch bezahlt, auch sind gewisse Muster, 
wie die „Mekka-Muster” auf den Gebetsteppicheh mit den. 
prachtvollen Farben-F eborgüngen vom tiefsten in’s heilste 
Grün und Blau etc. verlaufend, hochgeschätzt. Selbstver 
ständlich beeinflussen das Material .sowie die Grösse gleich 
falls die Preise, aber erst in zweiter Linie. 
D r. L. Abel s. 
Moderne Schulbänke, 
[Abdruck untersagt.) 
Eines der wichtigsten Kapitel der Schulhygiene ist die 
Hygiene des Sitzens beim Unterricht. Schon seit Mitte 
dieses Jahrhunderts haben Aerzte und Pädagogen zu dieser 
Frage Stellung genommen. Die erste Anforderung geht da 
hin, dass die Schulbank und das Sitzen der körperlichen Ent 
wickelung und der Gesundheit des Kindes, das in seinem 
Entwickelungsalter mindestens sechs bis acht Jahre in der 
Schule zubringen muss, nicht nachtheilig sein dürfen. Es 
sind für die Construction der Schulbänke gewisse Können 
bereits gegeben ; aber trotzdem etwa 80 Systeme im Befolg 
dieser Normen mit einander concurriren, dürfte es noch kei 
nem ganz gelungen sein, das Ideal zu erreichen und allen 
Forderungen der Schul-Hygiene zu genügen. Dass dieses 
Gebiet der Hygiene auf unserer Ausstellung Berücksichti 
gung findet, ist selbstverständlich. Wir sehen denn auch 
im Gebäude für Unterricht und Wohlfahrt Schulbänke in 
mehreren Systemen vertreten. 
Nach den von den bundesstaatlichen und provinziellen 
Regierungen aufgestellten Normen gehören zu den Haupt 
forderungen eine bestimmte Minus- und Plusdistanz. Minus- 
Distanz ist das Maass, mit welchem die Pultplatte über die 
Breite des Sitzbrettes vortritt; Plusdistanz ist der Raum, der 
zwischen dem äusseren Rand des Sitzbrettes und dem inneren 
der Pultplatte bleibe. Die Minusdistanz soll die gerade Hal 
tung des Oberkörpers beim Schreiben und Lesen ermöglichen 
und auch eine gehörige Stütze des Rückens durch Kreuz- und 
Volllehne vermitteln, indem diese recht nahe an die Pult- 
platte gebracht wird und so dem Oberkörper die Gelegenheit 
nimmt, sich nach hinten oder nach vorn eine zwar augen 
blicklich bequeme, aber für die normale Entwickelung des 
Knochenbaues schädliche Haltung zu gehen. Die Plus- 
Distanz dient zwar zum bequemen Erheben vom Sitz, lieht 
jedoch alle Vortheile der Miiiusdistanz wieder auf. Es bliebe 
also noch die sogenannte Nulldistanz. Bei dieser würde eine 
Senkrechte, von dem inneren Rande der Pultplatte aus ge 
fällt, genau den äusseren Rand des Sitzbrettes treffen. Den 
Anforderungen von Plus- und Minusdistanz, dem bequemen 
Sitzen und dem unbehinderten Erheben suchte man durch, 
den beweglichen Sitz und das bewegliche Pultbrett gerecht 
zu werden. Nach diesem System ist beispielsweise die Schul 
bank von Simon u. Co. gebaut, die in unserer Ausstellung zu 
sehen ist. Das etwas geschweifte und so der Sitzfläche des 
Körpers angepasste Sitzbrett tritt in Minusdistanz etwa fünf 
Centimeter unter das Pult. Beim Aufstehen des Schülers 
klappt die Sitzhank, die in einem Stützbügel pendelt, zurück, 
und der Schüler kann ungehindert innerhalb der Bank auf 
stehen. Auch die übrigen: Anforderungen der Sitzhygiene 
sind berücksichtigt; so ist die Sitzplatte so breit, dass die 
Oberschenkel in ihrer vollen Länge unterstützt werden, und 
in der Entfernung vom Boden so eingerichtet, dass der Fuss 
mit der ganzen Fläche den Boden berührt. Das Pult ist so 
hoch, dass das sitzende Kind bei aufrechter Haltung des 
Oberkörpers die Vorderarme bequem auf die Pultplatte legen 
kann, ohne die Schultern zu heben oder zu senken. Auch 
die Platte hat die erforderliche Länge und Breite. 
Aelnilicbp Vorzüge besitzt die Simplex-Schulbank von 
A. Zahn, der zum leichten Uebergang von der Minus- in die 
Plusdistaiiz noch die Pultplatte zum Aufklappen machte. 
Die hölzernen Schulbänke von Carl Schuster suchen das 
Räthsel von Plus- und Minusdistanz durch eine zweitheilige 
Pult-Platte zu lösen, deren oberes Brett heim Aufstehen zu 
rückgeschoben werden kann. 
Die Rettig’sche Schulbank, welche in einem besonderen 
Schulzimmer untergebracht ist, hat bis jetzt noch die wärm 
sten Anerkennungen der Hygieniker und Pädagogen gefun 
den. Diese zweisitzige Bank ohne einen beweglichen Theil 
zwingt che Schüler durch feststehende Miiiusdistanz beim 
Aufstehen seitwärts in den Zwischengang zu treten. Um 
dem Vorwurf zu begegnen, dass die zweisitzigen Bänke einen 
zu grossen Raum beanspruchen, verkürzte Rettij die Sitz
	        
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