Path:
Periodical volume Nr. 91, 17. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Öfficielle Ausstellungs-Nachrichten. 9 
Tal»', dessen Verkochung zu Seife unter Zusatz von Lauge 
ja ein gewöhnliches Haushaltungsgeschäft bildete. Aber ein 
solches Product ist unserer Zeit nicht mehr angemessen. Es 
wäre, wie aus obigem ersichtlich, Glycerinverschwendung. 
Die Seife ist wie das Bier u. s. w. das Monopol der grossen 
Fabrik geworden, und Berlin allein fabricirt an 300 000 Ton 
nen. Deshalb baut sich die Oollectivaussteilirag der Vereini 
gung der Berliner Seifenfabrikanten auch als Pyrainidenbau 
auf und die Darbietungen der leitenden Firmen, Treu & Nug- 
'lisch, C. F. Grossmann, Hauche & Knutze, G. Heine, Jünger 
& Gebhardt, Gustav Lolise, Moldenhauer & Co., S. Salomon 
Söhne gehören zu den umfangreichsten. 
Treu & Xug'liseh schwingen sich in- das Historische 
empor. Die Firma entstand im Jahre 1823, und sie führt 
uns zu Gemüthe, welche Mannichfaltigkeit seit jener Zeit, 
erstens durch das Auftauchen neuer Fette, z. B. des Kokos 
öls, in diese Industrie gefahren ist. Palmkern und Kokosöl, 
welches G. Zimmermann auf anschauliche Weise in der Aus 
stellung irepräsentirt. Zweitens durch die Loslösung von 
Frankreich auf dem Gebiete der Essenzen und Parfumerieen 
Wir bauen unsere Blumen, sogar die Hosen, jetzt selber 
oder entrathen der Blumenöle auf Grund der Präponderanz 
deutscher -Riechstoff.Synthese. In der Region der von uns be 
reits besonders gewürdigten Firmen L. Leich,ner, J- C. F. 
Schwartze, J. F. Schwarzlose Söhne, F. Schröder, Ackermann 
u. Wachtel, H. Meyer machen sich denn auch die Heliotropin, 
Vanillin, Iridin und last not least als stärkster Blüthen duft 
dass sonst so bescheidene Ideal-Veilchen nach neuester Tie- 
manu’s.cher Duftsynthese auf das angenehmste bemerkbar. 
Und dass-diese Düfte nicht ungesund sind, das beweisen die 
zarten Hüterinnen dieser Bezirke, denen der Aufenthalt in 
diesen durchdufteten Ausstellungsräumen ausserordentlich 
gut bekommt. O. B. 
Orientalische Teppiche in Kairo. 
(Abdruck untersagt ] 
Wer keine fremde Sprache versteht, versteht die eigene 
nicht, sagt Goethe in seinen Sprüchen in Prosa ; das gilt eben 
so für Kunst und Industrie. In den Rückschlüssen, die aus 
fremder Arbeit auf die eigene sich ziehen lassen, liegt der 
enorme praktische Werth der Weltausstellungen; und es ist 
gut für die Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896, dass wenig 
stens in den Annexen und Specialausstellungen derselben der 
Blick über das bloss lokale hinausgeführt, geweitet und ge 
schärft wird. Eine willkommene Ergänzung der im Haupt 
gebäude ausgestellten Teppiche bilden die Teppichwaaren und 
Broderieen Kairos, besonders in dem , Salon der Weltfirma 
Habis freies. — Die Berliner Fabrikate (in Gruppe I) sind 
zum grössten Theil Nachahmungen der Smyrna-Teppiche, 
darunter einige ganz wundervolle Stücke, wie der für Sa. Ma 
jestät den Kaiser angefertigte Teppich (er liegt in d r Kup 
pelhalle, neben der Ausstellung der Kgl. Porzellan-Manu 
faktur) und einige gleichfalls vorzüliche und »geschmack 
volle Arbeiten, welche für die Ausstellungslotterie ange 
häuft wurden. Perser sind in geringerer Zahl ausgestellt, 
einige Gebetsteppiche (in Gruppe I Abtheilung 2, seitwärts 
und oberhalb der Thür) zeigen sehr hübsch die Farbenüber 
gänge vom dunkelsten zum hellsten Ton. welche für diese 
Gattung charakteristisch ist. Von den Gobelins und Tep 
pichen mit Rococomuster— wenn sie gleich von den Fabri 
kanten mit einem „lucus a non lucendo“ Smyrnateppiche 
genannt werden — muss hier völlig abgesehen werden. 
Wer Teppiche verstehen will, der muss in’s Land der 
Teppiche gehen, in den Orient; dort, wo man nicht nur den 
Fussboden, sondern auch die Sophas, die Wände, die Thü 
ren mit diesen kunstvoll farbigen, reichen Geweben ver 
kleidet, wo für verschiedene Lokalitäten, für verschiedene Be 
schäftigungen auch verschiedene Teppiche in Verwendung 
kommen, lernt man den Werth, die Schönheit und den Sinn 
jlieser Decorationsgegcnstände kennen. 
Wir laden unsere Leser ein, uns in den grössten Bazar- 
Kairos für Teppiche, Broderieen und Decorutionsgegenstände 
zu folgen. Es ist das der geräumige Salon am Kliediveplatz, 
im Besitz der Gebrüder Habis aus Damaskus, welche in 
Konstantinopel, Beyrout und Mossoul, für Deutschland in 
Köln am Rhein ihre Verkaufslager haben, In jener male 
rischen Ordnung, die beinahe wie Unordnung aussieht, liegen 
und hängen hier die prächtigsten Gewebe aller orientalischen 
Industriestätten. Durch ihrj entzückenden, harmonischen 
Muster fallen uns aus der grossen Menge vor allem die Perser 
in die Augen. — Das Volk der Perser bat von den ältesten 
Zeiten bis auf den heutigen Tag den Ruf besessen, die 
schönsten und mänichfaltigsten Teppiche und Gewebe her 
zustellen. Aus deu noch vorhandenen Denkmalen, sowie aus 
der Tradition des „Alten Testaments“ und anderer Werke 
geht hervor, dass sie diese Kunst schon im 2. Jahrtausend vor 
Christus ausgeübt haben; auch sind alte persische Teppiche, 
wenn auch nicht gerade aus so früher Zeit, gerade heutzutage 
sehr gesucht und werden sehr hoch bezahlt, denn nicht nur 
sind sie aus vorzüglichen PÜanzenstoffen und mit unzerstör 
baren Earben gearbeitet, auch die Farbenwirkung ist durch 
den Einfluss der Zeit eine ausgeglichenere. 
Vier Hauptarten dieser Teppiche wären hier anzuführen : 
Erstens die leichten Gewebe, meist zur glänzenderen und 
reicheren Ausstattung mit Handstickerei versehen, die so 
genannten Djidjems. Sie werden in langen Streifen oder 
Bändern gewebt und dann in bunter Zusammenstellung an 
einander genäht. Verwendung: Vorhänge, Decorationen. 
Zweitens die schweren Gewebe, welche aber glatt 
sind, die sogenannten Kelims: sie sind auf beiden 
Seiten gleich und werden ebenfalls zu Vorhängen, 
als auch zu Decken verwendet. Drittens wären die schweren 
Gewebe anzuführen welche rauh sind; unter diesen finden 
sich einige der schönsten und berühmtesten Arbeiten aller 
Zeiten, die in kunstgewerblichen Werken angeführt und ab 
gebildet wurden: je nach Grund und Dessin nennt man sie 
Ferahan (nach der persischen Stadt; diese sind die anerkannt 
schönsten: der Grund meist mattblau, roth oder grün, mit ge 
blümtem Muster), Afghanistan und Beludsehistan ; eine Ab 
art mit gleichmässigen rechtwinkligen Zeichnungen auf ein 
förmigen dunklem Grund nennt man Sultan. — Endlich ge 
hören zu den Persern die sogenannten Gebetsteppiche, für be 
stimmten Gebrauch in der Moschee gearbeitet, gleichfalls von 
Kennern sehr geschätzt und mit enormen Preisen bezahlt. 
Die Gebetsteppiche sind aus» Wolle oderSeide geknüpft, oblong, 
kaum 2 Meter lang, mit bestimmter Zeichnung; sie enthalten 
nämlich fast immer das Triangel-Ornament, oft auch wei 
eingewebte Hände, und einen Saum, häufig mit kunstvoll 
verschlungenen Koransprüchen. Seihn Habis besitzt einige 
Exemplare, aus Seide geknüpft, mit sehr schönem Dessin; 
der eine ist auf mattblauem, der andere auf mattgrünem 
Grund gearbeitet, jeder im Werthe von 3000 Mark An diesen 
kleinen Teppichen lässt sich die orientalische Kunst der Kar 
ben Zusammenstellungen und der Uebergänge am besten be 
obachten,. Der sanfte Gesammtton, welcher diesen Geweben 
bei aller Tiefe und Pracht der einzelnen Farben eigen ist, 
rührt, wie Semper nachgewiesen hat, daher, dass die zur 
.Belebung der Fläche verwendeten Farben räumlich nicht 
gleich vertheilt sind, sondern im umgekehrten Verhältnis,-; 
zu ihrer Leuchtkraft. Eine aus Gelb, Rotb und Blau zu 
sammengesetzte Zeichnung enthält also acht Theile Blau, 
fünf Theile Roth und drei Theile Gelb. Ueberdies lehrt die 
persische« Weber eine lebenslängliche Uebung' und viel- 
tausendjährige Tradition, wie die einzelnen Farben und 
Muster sich am günstigten verwenden lassen, besonders aber 
die schwierige Wissenschaft, wie eine Farbe wirkt, nachdem 
die Wolle oder Seide geschoren ist. — Der Schönheit per 
sischer Gebetsteppiche bat ein deutscher Dichter Eduard 
Grisebach in seinem berühmten „Neuen Tannhäuser’’ ein sehr 
hübsches, orientalisch empfundenes Denkmal gesetzt: „Einen 
jungfräulichen Teppich hab’ ich eigens mir erhandelt, dass 
ihr, vielgeliebte Füsse, weich auf seinem Sammet wandelt.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.