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Periodical volume Nr. 91, 17. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

8 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
Die Fett-Industrie. 
[Abdruck untersagt.] 
35s ist ein sehr weitverzweigtes Gebiet, welches wir hier 
mit betreten, denn der Chemiker versteht unter Fetten eine 
Reihe von Körpern, die sich den Gewerben in mannigfacher 
Gestalt darbieten. Von dieser Mannichfaltigkeit macht man 
sich einen Begriff, wenn man erfährt, dass auch die Aetlier 
und Alkohole, das Glycerin und die Aldehyde Derivate der 
Fette sind. Sie seihst sind Oxyde von Radikalen oder zusam 
mengesetzten Elementen und werden von den Chemikern als 
Säuren charakterisirt, deren Salze oder Verbindungen mit 
kaustischen Stoffen, also z. B. mit Soda oder Pottasche, die 
Seifen liefern. So sehen wir denn, dass fast die gesammte 
chemische Industrie, die sich mit ihren Erzeugnissen direct 
an das grosse Publikum wendet, also die der Parfumerieen, der 
Seifen, der Schmier- und Putzmittel, der Lichte, der Butter 
surrogate etc. Abzweigungen eines gemeinsamen Stammes 
sind. Geht man bis auf ihren chemischen Keim zurück, so 
findet man denselben im Aldehyd, einem lladical von je einem 
Atom Kohle, Wasserstoff und Sauerstoff (C HO). Es ist dies 
das einfachste organische Ding, das man sich denken kann 
und welches deshalb auch mit Recht als das dien isehe 
Wesen des Protoplasma und Kern der TJrzelle gilt. Unter 
dem Einflüsse des Sonnenlichts wird es zu CH 2 Ö 2 , und dies 
ist auch zugleich das Urfett, welches je nach Umständen 
durch „Polymerisation“, d. h. durch weitere Aufnahme oder 
Angruppirung von immer mehr Molekülen des Kohlenwasser 
stoffs CH a sich zu einer Serie entwickelt, die der Sprossen 
dier Leiter gleichen, auf welchen sämmtliche lebende Wesen 
sich gruppiren und über einander aufbauen. Jenes Urf'-tt 
erscheint uns als eine sehr scharfe Säure; es ist nämlich die 
der Ameise und spielt in deren Organisation dieselbe Rohe 
wie die Stearinsäure in dem unsrigen, oder die Melissen 
säure im Körper der Bienen. Alle diese Fettsäuren sind im 
Grunde genommen derselbe chemische Körper mit mehr oder 
weniger Kohlenwasserstoff und latenten Kräften, die aus der 
Sonne stammen (denn sie bilden sich unter Einfluss des 
Lichtes), begabt. Nachdem wir in einem früheren Bericht 
dem Leser bereits das Wesen dieser Serien und der modernen 
synthetischen Chemie überhaupt an dem Benzolring ver 
deutlicht und vor Augen gestellt haben, glauben wir von 
•einem weiteren Exctirs in’s Theoretische an dieser Stelle ab 
sehen zu sollen. 
Der Begründer der eigentlichen Fettindustrie und zu 
gleich auch, wenn auch anfangs unbewusst, dieser synthe 
tischen Auffassung war der berühmte Franzose Ch vr, ul, 
der seine Laufbahn Ende der zwanziger Jahre durch die 
Isolation des Stearins begann und erst kürzlich, 103 Jahre alt, 
gestorben ist, zum Beweise dafür, dass diese eigenthümliche 
ehemistische Lebonsamehauung - durchaus keine die Gesund 
heit unterminirenden seelischen Einflüsse ausübt. Die Ent 
deckung Ckevreul’s gab seiner Zeit Anlass zu der jetzt welt 
umfassenden Begründung der Motard’schen Stearinfabrik, 
die auf unserer Ausstellung durch einen besonderen Pavillon 
.vertreten ist, welchem wir einen Besuch bereits abgestattet 
haben. 
Es liegt in der Natur der chemischen Industrie über 
haupt, dass sie sich nicht wohl im Betriebe auf einer Aus 
stellung vorführen lässt. Die chemische Kraft ist etwas mo 
lekulares, und ihre Aeusserungen sind mit der Entwickelung 
von Wärmegraden und Dünsten verbunden, die sich auf dem 
Parkett der Pavillons nicht gut ausnehmen würden. Deshalb 
zeigen sich eigentlich nur drei unserer chemischen Industrie- 
Anlagen im Betriebe, neben der Motard’schen, die ihr ver 
wandte Spielhagen'sehe Kerzenfabrik und die Leichner’sche 
Fabrik für Poudre und Schminke. Bei allen übrigen muss 
man sich mit der Betrachtung der Resultate und Producte 
begnügen. Speciell an der Ausstellung von Seifen, Parfu 
merieen und Fetten sind 27 Firmen betheiligt, die zum 
grossen Theil der Vereinigung der Berliner Seifenfabrikanten 
angehören. 
Trotz dieser relativ geringen Zahl gehört die betreffende 
Abtheilung zu deuGlanzgebieten der Ausstellung und machn 
auch, da sie ihre Producte gut appretirt und sich einer ga 
lanten Dame ähnlich dem Auge wie der noch empfängliche 
ren Nase empfiehlt, gute Geschäfte. Und das ist hocherfreu- 
lieh. Denn was giebt es besseres, um die Culturhöhe einer 
Bevölkerung zu bemessen, als einen discreten, nicht raub 
thierartigen Wohlgeruch, Reinlichkeit und Licht? A\ir 
Schliessen desshalb den Moschus, der auf die Nerven mancher 
Menschen einen geradezu gefährlichen Einfluss ausübt, von 
den Wohligerüchen ausdrücklich aus (und er ist auch officiell 
in dieser Abtheilung in keiner Weise vertreten). Im fiebri 
gen gereicht es uns zur grossen Genugthuung sagen zu kön 
nen, dass Berlin in Deutschland und Deutschland in der Welt 
bereits einen ersten Rang in diesen Industrieen einnimmt 
und, um uns sportlich auszudrücken, bereits England und 
Frankreich an die Gurten kommt. 
Ohne Theorie keine Praxis, und es ist die hohe Entwick 
lung- der ersteren, die dem Aufschwünge der verschiedenen 
Industrieen, so auch derjenigen der Fette und Essenzen in 
Deutschland zu Grunde liegt. Hierüber hat Herr Professor 
Tieman, der Schüler des verewigten A. W. von Hoff- 
mann und Entdecker des synthetischen Vanille- und Veil 
chenduftes uns ja auch die erfreulichsten Aufklärungen ge 
geben. Es ist die discrete, ungemein sorgsame und geheim- 
n iss volle Arbeit in den Laboratorien, welch,t zuerst unsere 
Berliner Apotheken zu hohem Ansehen brachte und dann 
Anlass gab, dass' sich aus diesen die grossen, viele Tausends 
von Menschen beschäftigenden Fabriken entwickelten, welche 
nun die Welt mit mancherlei Specialitäten versorgen und 
deren Vitrinen und Nischen wir in der Abtheilung für 
Chemie gerechter Weise anstaunen. 
Wie alle diese Zweige zusammenhängen, das wird einem 
nun schon angesichts der schönen Motard’schen Gruppe er 
sichtlich, die unabhängig vom Pavillon, sich im Hauptge 
bäude befindet. Beim Kaltpressen des Stearins gewinnt 
derselbe ein flüssiges Fett oder Gel, deshalb Olein, welches 
wieder für die Seifenfabrikation ein höchst schätzbarer Be 
standtheil ist. Und andererseits entsteht bei der weiteren 
Behandlung des Stearins ein Reductionsproduct, das Glyce 
rin. welches nichts ist als ein dreiatomiger Alkohol C 3 H s 
(0 Hl,,, der aber die Vorzüge des Alkohols und des Fettes in 
sich vereinigt und dazu noch die des Zuckers. So kommt es, 
dass dieses Nebenprodukt jetzt geradezu ein Hauptproduct 
■geworden- ist, dessen Verwendungen in der Technik, 
Pharmacie, Weberei, Conditcrei, Chocoladenfabrika- 
tion, Appretur, Leim- und Gelatinefabrikation, Parfümerie, 
Buchdruckerei, Eisengiesserei als Kitt-, Schmier- und 
Feuchterhaltungsmittel (weil es selbst schwer flüssig, aber 
sehr wassergierig ist) u. s. w. fast unzählige, sind. 
Endlich sehen wir auch noch ein drittes Nebenproduct, 
den Pechgummi, der als Ersatz für den kostbaren Kautschuk 
eine Rolle spielt. Ihm nahe steht fast das Erdwachs oder 
Cerotin, wenn es auch mineralischen Ursprungs ist. Es 
hat zur Entstehung der Berliner Ceresin-Fabrik von Graeb & 
Kranich geführt, welche in einem besonderen kleinen Pavil 
lon einen grossen Kegel dieses Stoffes ausstellen, das in elf 
verschiedenen Schichten die allmählige Raffinade und Ver 
edelung des Rohmaterials demonslrirt. Da es sich bei dieser 
Raffinade oder Reinigung um eine Säure handelt, so wird 
diese natürlich am besten durch eine noch stärkere Säure her 
beigeführt und dazu dient in der That auch die stärkste von 
allen, die Schwefelsäure. Mit dieser wird das Erdwachs 
immer wieder im Dampfbade erhitzt, filtrirt, durchgeknetet, 
bis der Stoff durcheinander als Özokerit, orange, naturgelb und 
weiss immer mehr und in verschiedenen Nuancen entsteht. 
Es ist dann ein schätzbares Ersatzmittel für das Bienen 
wachs (die Melissensäure). Es wird zu Kerzen verarbeitet, 
in der Pharmacie, Appretur verwendet und ist unserm Sol- 
daten.staate für mancherlei Zwecke hochwillkommen, welche 
die Militairwerkstätten mit Geheimnis« umhüllen. 
Allen Fettkörpern voran steht natürlich das gewöhnliche!
	        
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