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Periodical volume Nr. 90, 16. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs- Nachrichten. S 
Wandfliessen und Majolika, die durch eine, glückliche Wahl 
der Farben und des Ornaments etwas sehr anziehendes hat. 
Die tiefblaue glatte Einfassung der Thürmchen hebt sich ele 
gant von den mattgelben Flächen ab; die den Kaum theilen 
den Brüstungen sind mit geschmackvollen Vasen besetzt und 
und die bildlichen Darstellungen des Bords und der hellbs- 
leuchteten Wandflächen sind von intimer Wirkung. 
P. Walle. 
Die Vorträge in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt.] 
Die sibirische Eisenbahn und ihr vermuthlicher 
Einfluss auf Handel und Industrie. 
Das Riesenwerk, die Eisenbahn durch Sibirien nach 
"Wladiwostok am Japanischen Meer, schreitet rüstig vorwärts, 
und die Zeit ist nicht mehr fern, da man eine Reise um die 
Erde zum grössten Theil mit der Eisenbahn zurücklegen 
kann. Wie seiner Zeit die Pacific-Bahn von New-York nach 
San Francisco, erregt heute die sibirische Eisenbahn die 
Aufmerksamkeit aller civilisirten Völker. Dass nähere Auf 
schlüsse über das Riesenwerk und seinen Einfluss auf Handel 
und Industrie das Interesse weiterer Kreise erwecken, bewies 
der Besuch des Vortrages, den Herr Redacteur G. 
Schweitzer über obiges Thema im Hörsaal des Chemie- 
Gebäudes hielt und dem reicher Beifall zu Theil wurde. 
Wenn man das gewaltige Werk in seinem ganzen Um 
fange würdigen will, muss man sich die Verhältnisse des 
Landes, durch das die Eisenbahn geleitet wird, vor Augen 
führen. Sibirien ist ein kolossales Reich von 12 000 000 qkm. 
Fläche, dabei aber nur sehr spärlich bevölkert, denn es zählt 
kaum 4'- Millionen Einwohner. Rauh und unwirthbar ist 
das Klima, bei 67 Grad n. Br. beträgt die tiefste Januar-Tem 
peratur — 50° Celsius, die höchste Juli-Temperatur + 15 ° 
Celsius. Die Bevölkerung muss deshalb, um einen solch 
grossen Temperaturwechsel ertragen zu können, abgehärtet 
sein. Dies gilt namentlich von der eigentlichen Einwohner 
schaft, aber auch die Sträflinge gewölmen sich bald an das 
Klima. Uebrigens ist das Loos der Deportirten kein so 
schlimmes, wie in der Regel angenommen wird, nur die schwe 
ren Verbrecher haben es schlecht. In neuester Zeit trans- 
portirt man diese auch, nicht mehr nach Sibirien, sondern 
bringt sie auf die Insel Sachalin, wo sie ein keineswegs be 
neiden swerthes Dasein führen. Der Confession nach über 
wiegt die katholische (namentlich die griechisch-katholische) 
bedeutend. Das Verhältniss stellt sich ungefähr folgender- 
maassen: 2 790 000 Katholiken, 4000 Protestanten, 7000 
Juden, 1 600 000 Mukamedaner und 27 000 Heiden. Die 
Lebensrnittel sind sehr theuer, obgleich, Sibirien ein reiches 
Land ist. Der Reichthum an Gold, Platin, Blei, Kupfer und 
Eisen ist bekannt, von Edelsteinen finden sich Diamant, 
Smaragd, Topas, Amethyst, Achat die Ernte von Weizen und 
Roggen ist ergiebig und die Viehzucht sehr bedeutend, auch 
liefert die Jagd auf Pelzthiere gute Erträge. Ein Hebel- 
stand ist nur, dass dem Lande ein gänzlich eisfreier Hafen 
fehlt. Trotzdem darf der Verkehr im Hafen von Wladiwo 
stok gut genannt werden, denn im Jahre 1894 liefen dort 
selbst 102 Dampf- und 9 Segelschiffe an. Die Ausfuhr stellte 
sich in demselben Jahre auf vier Millionen Rubel, die Ein 
fuhr dagegen auf 13H Millionen Rubel. 
Die stilirische Eisenbahn beginnt bei der Stadt Tschelja 
binsk, berührt die Städte Omsk, Kolywan, Krasnojarsk, Ir 
kutsk, Chabarowka und mündet bei Wladiwostok. Die 
Länge der ganzen Strecke beträgt 7600 km, die Herstellungs 
kosten sollen sich auf 350 Millionen Rubel belaufen. Bei 
der grossen Eile, mit der die Bahn hergestellt wird, ist eine 
Heberschreitung des Budgets wahrscheinlich, obgleich die 
Arbeiten vielfach, durch Zwangsarbeiten und die recht billi 
gen Koreaner und Chinesen verrichtet werden. Man begann 
die Arbeiten an verschiedenen Stellen gleichzeitig, unter 
scheidet aber in der Regel nur drei Hauptstrecken. Die erste 
von diesen (Tscheljabinsk—Kolywan) hat eine Länge von 
1500 km und ist vollständig fertiggestellt. Die mittlere 
Strecke in Länge von 2000 km ist zum Theil dem Betrieb 
übergeben, es fehlt aber noch die Ob-Brücke bei Kolywan, 
welche eine Spannweite von 768 m erhalten soll (die Brücke 
Ofen—Pest hat eine solche von 390 m). Die Brücke bei Omsk 
über den Irtysch misst 860 m und ruht auf sipben mächtigen 
Pfeilern, welche sich 18 m über den höchsten Wasserstand 
erheben und 15 m tief in den Boden gebracht sind. Am 
weitesten zurück ist der östliche Theil. Man hatte die Ab 
sicht von Irkutsk südlich um den Baikalsee herumzugehen, 
doch taucht in neuerer Zeit der Plan auf, die Züge auf grossen 
Dampffähren über den See zu führen. Da der See aber nur 
einen Theil des Jahres eisfrei ist, müssten diese Fähren zu 
gleich, Eisbrecher sein, und an diesem Umstande wird wohl 
das Project scheitern. 
Der ganze Bau soll 1904 fertiggestellt sein, doch hofft 
man ihn schon 1901 beendet zu haben. Die grössten Schwie 
rigkeiten stellten sich dem Bau im westlichen Theil entge 
gen, wo die Bahn Höhen bis zu 550 m übersteigen musste. 
Hier wurde für Sprengung der Felsen über 150 000 kg Dy 
namit gebraucht. Die Geschwindigkeit der Züge, von wel 
chen in jeder Richtung (d. h. über die ganze Strecke) täglich 
einer abgelassen werden soll, wird 34 Werst in der Stunde 
betragen, zur ganzen Fahjrt wird man demnach acht Tage 
sechs Stunden gebrauchen. Als Heizmaterial wird man wohl 
oder übel zu den Kohlen greifen müssen, denn der Holzbe 
stand in Sibirien ist in den letzten Jahren so sehr vermindert, 
dass man auf die Erhaltung der Forsten die grösste Sorgfalt 
verwenden muss. 
Der Einfluss der sibirischen Bahn wird ein ganz eminen 
ter sein. Zunächst auf Sibirien selbst. Hier wird sie den 
Verkehr heben, dev bis jetzt noch wenig zu bemerken ist. 
Schon jetzt sind über 100 Pottstationen neu entstanden, die 
Ortschaften sind vergrößert, Tscheljabinsk hat sogar die dop 
pelte Einwohnerzahl erreicht. Dann wird auch der Einfluss 
auf den europäisch-russischen und damit den deutschen etc. 
Handel ein nicht zu unterschätzender sei. Die russisch- 
chinesischen Handelsbeziehungen werden zweifellos durch dis 
Bahn neue Anregung und Gestaltung bekommen und auch 
der Personenverkehr wird grosse Dimensionen annehmen^ 
da die Fahrt von Moskau nach Wladiwostok nur 125 Rubel 
kosten soll. Während man heute auf der Route Brindisi- 
Shanghay 36 Tage gebraucht, würde man mit der Eisenbahn 
in etwa 10 Tagen sein Ziel erreichen können. Entschieden 
bestritten werden muss aber ein Vortheil auf strategischem 
Gebiet. Auf einer eingeleisigen Bahn, und eine solche wird 
es nur, lassen sich mit der nöthigen Schnelligkeit keine 
grösseren Truppentransporte vornehmen und langsame Ope 
rationen stellen alle Erfolge in Frage. Die Vortheile der 
Bah,n liegen deshalb auf handelspolitischem Gebiet und die 
Vollendung des Werkes ist als ein Culturfortschritt von 
höchster Bedeutung zu begrüssen, A. Schach t. 
Der Grossherzog Friedrich Franz von Mecklen 
burg nebst Gemahlin und Herzog Johann Albrecht verweilten 
gestern Vormittag mehrere Stunden in der Kolonial-Ausstellung. 
Herr Graf Schweinitz und Herr von Beck führten die hohen Gäste 
durch die Hallen der Zanzibarstadt. Fast bei jeder Abtheilung 
blieben die Herrschaften stehen und musterten die Ausstellungs 
gegenstände. Besonders gefiel ihnen die Meyer’sche Elfenbeinsamm 
lung. In der Exporthalle lohten sie die ausgestellten Orchestrions 
und in der wissenschaftlichen Halle nahmen sie die Karten und 
wissenschaftlichen Sammlungen mit hohem Interesse in Augenschein. 
Während des Kundganges hatten sich sämmtliche Neger auf dem 
Platze vor dem Verwaltungsgebäude eingefunden und führten
	        
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