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Periodical volume Nr. 90, 16. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

8 Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 
Aus dem Bau- und Ingenieurwesen. 
[Abdruck untersagt ] 
Seit ihrer Vollendung in allen Theilen, die in Anerkennung 
der gebrachten Opfer auch der Gruppe III einen eigenen 
Eingang links am Hauptportal errang, erfreut sich die bis 
her vernachlässigte Fachausstellung für Bauwesen eines 
merklich regen Besuches. Es ist schon früher gesagt wor 
den, dass die Architektur als solche mit Rücksicht auf die 
bedeutsamere Kunst-Ausstellung in Moabit hier keinen rech 
ten Boden gefunden. Indessen sind doch mehrere bekannte 
Baumeister und Baukünstler mit Projeeten und Entwürfen 
verschiedener Art vertreten. Von grösseren modernen Bau- 
Ausführungen hat man übrigens den Wohnhaus- und Villen 
bau beachtet, worin Regierungsbaumeister C. Lange an der 
Spitze steht mit einigen guten Entwürfen für Villa Bauer im 
Gnmewald, Haus Burckhardt in Genthin, Gutshaus Mötzow 
und Villa Stolte im Grunewald. Max Bel ist der Architekt 
der gross angelegten Villa Hippe in Quedlinburg, die bei 
solider Sandstein - Ausführung in Renaissance besonders 
im Innern mit vielem Geschmack eingerichtet ist. 
Neben dem nicht uninteressanten Bebauungsplan Carc- 
linenhof, welchen unter Beigabe einiger hübscher Villen- 
Ansiehten Härtel und Jeschal in Rixdorf ausstellen, giebt 
Emil Bopst eine recht flotte Zeichnung des schmiedeeisernen, 
Uhrgehäuses, das die! Kunstschmiede Semmler u. Bleiberg 
als einen der Hauptgewinne für Gruppe III ausführten. 
In effectvoller Federmanier sehen wir von Sols u. AVi- 
chardsi die vornehme Hauptfront des Wohn- und Geschäfts 
hauses Mohrenstrasse 11, das nach ihrem Entwurf durch 
Regierungs-Baumeister Stapf und Maurermeister C. Bäsel 
aufgebaut wurde. In unmittelbarer Nachbarschaft finden 
sich dann noch mehrere Fagaden von Jost u. Gottlob, sowie 
ein mit grosser Liebe bearbeiteter Plan für einfache Familien- 
häuse/r von. verschiedener Grösse von Maurermeister A. Es- 
mann, dem stellvertretenden Vorsitzenden dieser Gruppe. — 
Als letzte in Rahmen ausgehängte Blätter seien drei Zeich 
nungen von F. Immerkerberg erwähnt, die sich auf eine 
unter Nr. 66 066 pateistirte Tiefbohrmaschine mit Schutz- 
schrämer für elektrischen Betrieb beziehen. Da diese Ma 
schine ein gesichertes Vortreiben von Schächten und 
Strecken in schwimmendem Gebirge, für Kanäle, Tunnel und 
Eisenbahnen gestatten soll, würde die praktische Erprobung 
dieses Systems gewiss von grosser Bedeutung sein, zumal die 
oft genannte Untergrundbahn, die den Treptower Park unter 
der Spree her mit dem Stralaus? r Ufer verbinden soll, noch 
immer mit unerwarteten Schwierigkeiten zu kämpfen scheint. 
Alle Versuche auf diesem Gebiete können nur mit grossem 
Danke entgegengenommen werden, solange die Stadt Berlin 
auf eine durchgreifende Ergänzung und Vermehrung der Ver 
kehrsmittel angewiesen ist. Dass Untergrundbahnen tech 
nisch durchführbar sind, das ist sicher; es fragt sich, immer 
nur, was der Spass kosten darf ! 
Die architektonische Abtheilung ist nun in der letzten 
Zeit um eine in diesen Blättern schon erwähnte Abtheilung 
iles Kreises Teltow erweitert worden, die neben dem grossen 
Krankenhause in Britz durch einige weiteren Modelle die hu 
manen und künstlerischen Bestrebungen der betreffenden 
Behörde, wie des Landrathes zur Anschauung bringt. Wir 
haben hier recht gute Nachbildungen des vornehmen Kreis- 
hauses in der Victoriastrasse (von Franz Schwechüjn), des 
Krankenhauses in Zossen (von Baurath Schmieden) und eines 
mit einfachen Mitteln gefällig gestalteten Chausseehauses 
(mit Eckthurm) ebenfalls nach dem Entwurf von Schwächten. 
Der Architektur der Bauausstellung geschickt eingefügt 
sind die hübschen von Emil Bopst entworfenen Thore, Gitter, 
Gandelaber und Kronen von Semmler & Bleiberg, sowie die 
Portalthürme der Georgenkirche und mehrere sonstige Ar 
beiten von der strebsamen Werkstatt Ford. Paul Krüger. 
Durch eine eigenthümliche nicht immer zweckmässige „Thei 
lung der Arbeit” sind diesem hervorragenden Factor der 
Berliner Baukunst, der Kunstschmiedetechnik, viele hervor 
ragende Leistungen an dieser Stelle wenigstens entzogen 
worden, wie die im Mittelgang des Industriegebäudes aufge 
stellten Portale für den neuen Landtag und für Jacob Ra 
rere & Sohn (von Eduard Puls), ebenso die prächtigen Gitter 
und Geländer von Schulz & Holdefleiss, die reizvollen Stand 
leuchter, Kamin schirme u. s. w. (nach Entwürfen der ersten 
Architekten von Paul Marcus ausgeführt) und das sehr! 
tüchtige Gitter an dem Vorgarten des Schulgebäudes von 
Langer & Methling. Bemerkenswerth sind die Kup 
fertreibarbeiten eines barocken gutgezeichneten Kuppel 
daches vom Hofkjempnermeister Thielemann, dann deq 
offene nach einer Zeichnung von Baumeister Schilling aus 
geführte Pavillon mit decorativen Auflagen (von F. Die 
trich) und die Treibarbeiten in Walzblei, die Hofklempnen 
Peters als einen interessanten Versuch (ebenfalls in dem 
Mittelgang des Industriegebäudes) vorführt. Peters hat 
ausser einem Ritter Georg mit dem Drachen zum Vergleich] 
zwei monumentale Krönungen auf Kuppeln oder Thürmen, 
einmal in Kupfer, das andere Mal in einer namentlich in Eng 
land und Frankreich sehr verbreiteten Manier in Walzblei 
getrieben. 
Darf man so unvermittelt, wie es auch in der Ausstellung 
geschieht, von den Kuppeln und Thürmen zur Erde zurück 
greifen, so macht uns der angenehme Belag des Bodens in 
einem grossen Theile der Ausstellung bemerkbar, dass wir 
uns an einem Centralpunkt der Linoleumfabriken be 
finden, Ein grosses Arrangement im Maurischen Stil, das 
recht in die Augen fallend aufgebaut ist, beherbergt in der 
Haupthalle dieser Gruppe die umfangreiche Ausstellung der 
Coepenicker - Linoleumfabrik, die in einer beson 
deren Koje auch die zur Bearbeitung kommenden Rohmate 
rialien in kleinen Kästen veranschaulicht. Die im Jahre 
1882 begründete Fabrik, die neuerdings Inlaid-Linoleum- 
Läufer und Linoleum - Paneele für Wandbekleidung und 
Treppen besonders pflegt, lieferte allein für die Berliner Ge 
werbe-Ausstellung an 30 000 Quadratmeter ihrer Erzeug 
nisse und versah mit ähnlichem Belage u. A. den Mess 
palast in der Alexandrinenstrasse, das Kaiserliche Patent- 
Amt, die Kgl. Eisenbahndirection Berlin am Schöneberger 
Ufer und das Neue Theater. — Fast noch grösser ist der Auf 
wand , mit welchem die, Rixdorfer Linoleumfabrik 
ihre Auswahl von Linoleum und Wachstuchen zum Vor 
trage bringt. Die unter tüchtiger Leitung stehende Fabrik, 
die unter Anwendung von Maschinen neuester Coiistructiom 
in der Hauptsache die Massenerzeugung zu relativ massigen 
Preisen verfolgt, um auch weniger bemittelten Klassen die 
Annehmlichkeiten eines leicht zu reinigenden und hygienisch 
rationellen Bodens zu gestatten, bringt trotzdem etwa 150 
verschiedene Entwürfe und Muster für Teppiche, Mosaik 
belag und Läufer, die nach einer Zusammenstellung der bis 
herigen Ausführungen bis nach Konstantinopel, Bukarest, 
Wien u. s. w. Verbreitung gefunden haben. — Dicht vor der 
Rixdorfer Ausstellung erhebt sich das Modell der Villa der 
Frau Lilli Lehmann im Gnmewald, die mit allen hygie 
nischen Neuheiten versehen wurde und in den meisten Räu 
men mit Inlaid - Linoleum, d. h. mit Linoleum, dessen. 
Muster in der ganzen Stärke des Stoffes durchgehen, belegt 
ist. Die Ausführung in dieser dauerhaften Weise erfolgte 
durch Quantmeyer & Eicke, die Vertreter der Delmen- 
horster German Linoleum-Company,'die mit grossen Opfern] 
Granit-Linoleum, Adler-Linoleum und ähnliche Erzeugnisse 
herstellen. Der podiumartige Unterbau des Modells der 
Villa Lilli Lehmann ist mit den schönsten Proben derartiger 
Fabrikate überzogen. 
Die dort vorgeführten mosaikähnlichen Arbeiten geben 
Veranlassung, nochmals kurz die Dortmunder Mosaiken von 
R. Leistner zu erwähnen, der soeben eine grössere Platte mit 
wirksamen Ornamenten den schon erwähnten Arbeiten zu 
fügte, nachdem durch das Reichsamt des Innern die Fuss- 
borde für das National-Denkmal Kaiser Wilhelms I. in dieser 
Technik in Auftrag gegeben war. 
Eine ende® Art der monumentalen Boden- und Wand- 
bekleidung findet sich bei N. Rosenfeld & Comp., die 
auch den Belag in Erdgeschoss des „Freihauses” stellten. 
Eine Arbeit von hohem Reiz und trefflichster Ausführung ist 
ihre Decoration eines Toiletteziinmcrs mit Badenische in
	        
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