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Volume Nr. 9, 28. März 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

GfstcieUe AuslleUntigs-Llttchrichtctt. 
einzelne Partien prangen im frischesten Grün, neben verwelktem 
vorjährigen Eichenlaub, das sich von den Zweigen anscheinend nicht 
z>t trennen vermag, sproßt schon das junge, Helle Grün der Zier- 
sträncher, in dessen Zweigen zahlreiche Singvogel dem Nestbau 
obliegen, die Arbeit mit fröhlichem Gezwitscher begleitend. Noch 
können ja nicht alle Coniferen und die empfindlichen Exoten 
von der schützenden Winterhülle befreit tverden, denn die Nacht 
froste sind tückisch, doch der größte Theil ist befreit und erfreut 
das Auge durch vielfache Farbenschattirmigen vom hellsten bis znm 
tiefsten Grün, daneben werden niedere Rosenbeete angelegt. Das 
Ausstellungsbild hat ungeniein an Farbenreiz gewonnen, der blaue, 
neue See bietet dem Auge einen Ruhepnnkt in dem bunten, 
plastischen Gemälde, die Freude an den Schönheiten der Natur 
stimmt heiter, neue Lebenslust und Kraftgefühl schwellt die Menschen- 
brnst, seit es Frühling geworden, auch in der Ausstellung. Fröh 
liche Zurufe und Scherze erklingen aus den Arbeitergruppeu, die 
mit Wegebau, Sandkarreu und Umgraben des Bodens beschäftigt 
sind, der einen kräftigen, belebenden Erdgeruch ausströmt. Schmuck 
plätze, Rasen- und Blumenteppiche entstehen unter kunstfertigen 
Händen. — In der Gartenbau-Ausstellung hat auch eine große 
Erfurter Firma eine Ausstellungshalle, ebenso haben die vereinigter! 
Weinhändler einen hübschen Ausschank für Moselweine hier errichtet, 
V 
In der Ausstellung werden int Park und in den Ausstellungs- 
Hallen Tarameter-Fahrsessel verkehren. Die Ausstellungs- 
leituug hat Herrn Max Hahn, Motzstraße 76, für diesen Betrieb 
die Concession ertheilt. Die Fahrsessel werden von der Firma 
Max Böttcher jr,, hier, hergestellt, während der Director der 
Taxameter-Gesellschaft, Herr W. Brühn, die Construction und 
Lieferung der Apparate übernommen hat. 
Die Gendarmerie in der Ansstellung. 
^Abdruck untersagt,] 
Die Gendarmerie wird, wie nunmehr endgiltig entschieden 
ist, den Sicherheitsdienst auf der Ausstellung wahrnehmen, — 
diese durch die Tagespresse bereits bekannt gewordene Nachricht 
hat in den Kreisen, welche der Ausstellung nahe stehen, immerhin 
eine gewisse Ueberraschung hervorgerufen, Nicht als ob die dienst 
liche Tüchtigkeit der Gendarmen eineni ernsthaften Zweifel be 
gegnet wäre, nur die besondere Befähigung der ländlichen Polizei, 
in weltstädtische Verhältnisse erfolgreich und geschickt einzugreifen, 
wurde nicht ohne Weiteres zugegeben. Deshalb erhielt sich der 
Glaube, daß die Berliner Schutzmannschaft, welche eine tägliche 
Praxis auf diesem Gebiete hat, den Sicherheitsdienst auf der 
Ausstellung und insbesondere die Regelung des weltstädtischen 
Massenverkehrs an den Zugängen übernehmen werde. Diese An 
nahme hat sich nicht als zutreffend erwiesen. Der Königliche 
Landrath des Kreises Teltow, Herr Stubcnrauch, hat die Ansicht 
vertreten, daß er in seinem Amtsbezirk mittels der ihm zur Ver 
fügung stehenden Polizeikräfte schon selbst Ordnung schaffen werde. 
Die Berliner Polizei hat selbstredend, soweit ihr überhaupt eine 
Aeußerung in dieser Angelegenheit zustand, keinen Widerspruch 
erhoben; der oben mitgetheilte Beschluß hat sie der Verantwortung, 
für die Ausübung des Sicherheitsdienstes durch uniformirte Be 
amte zu sorgen, überhoben. Die Berliner Criminalpolizei jedoch, 
welcher durch das Gesetz vom 20. Juni 1892 die Wahrnehmung 
des Dienstes auch in den Vororten übertragen ist, wird durch 
diese Anordnung nicht berührt; sie rüstet sich vielmehr, den 
Taschendieben, Hochstaplern und verwandten Berufsgenosscnschaften, 
welche das Ausstellungsjahr zu einer Gastreise nach Berlin be 
nutzen, sowohl innerhalb der Berliner Bannmeile als auch im Aus 
stellungsgebiete scharf auf die langen Finger zu sehen. 
Wer an dem letzten sonnigen Frühlingssonntag Gelegenheit 
hatte, den Ansturm der Menge zu beobachten, welche sich durch 
den Tunnel des die Chaussee überbrückenden Empfangsgebäudes, 
des späteren Hanpteinganges, wälzte, um über den Ansstellnugs- 
zann hinweg wenigstens einen Blick auf die noch verschlossenen 
Herrlichkeiten zu werfen, der fragt sich bang: „Heute kommen 
Tausende; was aber will das werden, wenn an einem schönen 
Sonntag ihrer Hunderttausende anrücken? Wer wird sie in Ord 
nung halten und zurechtweisen, damit sie sich und Anderen keinen 
Schaden thun? Und wird nicht die Radaulust überschäumen, wenn 
erst in der Brust des Berliners die Gewißheit wohnt: „Hier hat 
der Schutzmann nichts zu sagen. Es ist kein Schutzmann da!?" 
Als ich einem der stattlichen Gendarmen, mit deren blanken 
Pickelhauben die Frühlingssonne kokettirre, meinen Gedankengang 
mittheilte, meinte er etwas geringschätzig: „Und wenn wirklich 
hunderttausend kommen? Deshalb regen wir uns doch nicht auf! 
DaS Berliner Publikum verlangt gar nicht, daß es von einem 
Beamten jeden Augenblick darüber belehrt wird, wie es marschiren 
soll, die Leute wissen das ganz von selbst! Je weniger sie an 
geschrieen werden, desto besser wickelt sich die Polonaise ab. Aber 
selbst wenn wir überhaupt nur daran dächten, in dieser Weise 
ans das Publikum einzuwirken, wie das anderswo geschehen inag, 
— hier wies sein Finger nach einer ganz bestimmten Himmels 
richtung — was kommt dabei heraus? Ich glaube nichts Gutes. 
Wir markiren die Richtung, in der sich der Verkehr entwickeln 
soll, »nd unsere berittenen Kameraden nehmen sich der Wagen 
an, damit keine Stockung eintritt; entsteht Skandal, so wird, wenn 
nicht in Güte Ruhe zu schaffen ist, energisch eingegriffen: — was 
darüber hinaus geht, ist aber von Uebel. Je weniger bei dem Massen 
verkehr cvmmandirt wird, desto glatter geht es. Ich fürchte mich vor 
dem Ausstellungsdienst soweit garnicht; ich habe eine ganz andere 
Sorge, Die Bettler, die Krüppel, die Leierkastenmänner, mit einem 
Worte alle die Leute, welche ans das Mitleid ihrer Mitmenschen 
speculiren, werden uns zu schaffen geben. Sie werden sich an 
den vielen Eingängen festsetzen und sich breit machen. So sehr 
einem aber auch die Leute leid thun, unter denen sich wirklich 
Bedürftige befinden, so dürfen diese Personen doch unter keinen 
Umstünden gelitten werden. Was würden die Fremden sonst für 
einen Eindruck von der Ausstellung erhalten? Also vor diesen 
Leuten, welche das Mitleid der Ausstellungsbesucher wachrufen wollen, 
habe ich Angst; die werden in hellen Hansen kommen und in Ordnung 
gehalten werden müssen. Aber die Ausstellungsbcsucher brauchen 
nicht gemaßregelt zu werden; die wissen allein, was sie zu thun haben. 
Und wenn eine Million kommt, es wird alles glatt gehen! Ich 
habe die Ehre!" 
Diese Auffassung des schneidigen, selbstbewußten Mannes 
fand ich an höherer Stelle bestätigt, als ich mich nach der Ord 
nung des Sicherheitsdienstes ans dem Ausstellungsplatze erkundigte. 
Man zeigte sich dort einigermaßen darüber erstaunt, daß man der 
Gendarmerie nicht zubilligen wollte, was man von der Schutz 
mannschaft ohne Weiteres erivartete. Ich wies auf den Gegensatz 
zwischen der ländlichen »nd weltstädtischen Straßenpolizei und 
ihren verschiedenartigen Wirkungskreis hin. Hierauf folgte die 
Antwort, daß die Gendarmerie in der Umgebung Berlins durch 
aus nicht in dem Sinne als ländliche Polizei gelten könne, wie 
etwa ein zwanzig Meilen von Berlin stationirteS Commando, 
„Unsere Beamten stehen in stetem, regelmäßigem Verkehr mit der 
großstädtischen Bevölkerung und dem Berlinerthnm, Sie sind 
durch die tägliche Praxis nicht nur im Umgänge mit der honetten 
Bevölkerung und den gelegentlich radaulustigen Elementen, sondern 
auch mit dem gewerbsmäßigen Verbrecherthum vertraut, das 
mit Vorliebe seine Wohnung in der Berliner Peripherie 
und in den Vororten nimmt. Unsere Gendarmen in der Um 
gebung Berlins sind, was besonders betont sei, an selbst 
ständiges Handeln gewöhnt, da jedem ein größeres Revier 
zugetheilt ist. Es kann init einem gewissen Stolze gesagt werden, 
daß wir über ein sehr gutes, intelligentes Material verfügen. In 
Rixdorf, Weißensee, Schöneberg u. s. w., wo die socialen Ver 
hältnisse oft recht schwierig liegen, haben die am Orte stationirten 
Beamten stets ohne fremde Hilfe die Ordnung aufrecht zu erhalten 
gewußt. Warum soll dies aus dem Ausstellungsterrain nicht 
möglich sein?" 
Hier erinnerte ich an den zu erwartenden enormen Massen 
verkehr und sprach mein Bedenken dahin aus, ob die Gendarmerie 
des Kreises Teltow eine genügende Anzahl von Beamten zur 
ständigen Wache auf dem Ansstellungsplatze werde abgeben können. 
„Alle vorläufigen Anordnungen sind bereits getroffen. Ein Ober 
wachtmeister und je nach Bedarf 25 bis 40 Gendarmen zu Fuß 
und zu Pferde werden auf dem Platze bezw, in dessen unmittel 
barer Umgebung Tag und Nacht stationirt sein. Wir hoffen, mit 
dieser Anzahl von Beamten vollständig auszukommen; sollte es 
jedoch nothwendig sein,, so sind Vorkehrungen getroffen, um in
	        
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