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Periodical volume Nr. 89, 15. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielie Ausstellungs - Nachrichten. 
Allerhand Bakteriologisches auf der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt.] 
Deutschland pflückt ein neues Ruhmesblatt für seinen 
Ehrenkranz, wenn auch diesmal kein auf dem Schlachtfelde 
errungenes. Wie in so vielen Dingen geht Deutschland auch 
in der bakteriologischen Forschung voran, und zwar mit Er 
folgen, die dem des Koch’sehen Tuberkulins weit überlegen 
sind. Die Bakteriologie ist die Wissenschaft von den aller 
kleinsten Lebewesen, welche an Arten ebenso zahlreich, 
wenn nicht weit zahlreicher sind als die uns aus Botanik und 
Zoologie bisher geläufigen. Und zwar hat sich diese For 
schung neuerdings auf ein sehr aussichtsreiches Gebiet be 
geben, mit dem dabei in’s Auge gefassten Zwecke, den Stick 
stoff der Luft in den Boden als Pflanzennahrung überzu 
führen. Es giebt eine ganze Klasse von Bakterien, die im 
Boden selbst gedeihen, sich mit den Wurzeln der Pflanzen 
asscciiren — d. h. mit ihnen in „Symbiose“ leben. Für die 
Nahrung, die sie dem Wurzel-Gewebe derselben entnehmen, 
führen sie diesen Pflanzen ihrerseits den Stickstoff in einer 
assimilirbaren Gestalt, oder Verbindung als Ausscheidungs- 
Product ihres mikroskopischen Organismus zu. Die Auf 
einander-Angewiesenheit dieser verschiedenen Organismen 
ist dabei so gross, dass gewisse Pflanzen nicht ohne gewisse 
Bakterien gedeihen können und umgekehrt. Zwei deutsche 
Gelehrte Dr. August Völker und Dr. Nobbe, Professor der 
Chemie in Tharandt, sind es, die nun unsere gesammten land 
wirtschaftlichen Methoden und Anschauungen revolutionirt 
haben und zu ihnen gesellt sich u. A. als hervorragender 
Praktiker der berühmte Lupinen-Schulz oder Schulz-Lupitg 
hinzu, der ja auch durch seine Thätigkeit als Abgeordneter 
dem Leser gewiss in guter Erinnerung steht. Es ist diesen, 
Männern gelungen, vollständig unfruchtbare Böden einfach 
dadurch ertragreich zu machen, dass sie ihn mit den für die 
Pflanzen nöthigen Bakterien imprägnirten oder befrachteten. 
Sie nahmen eine Quantität an Stickstoff - assimilirendeu 
Bakterien reicher Erde, zehn bis elf Centner pro Morgen, 
und breiteten diese über das traglose Land aus, indem sie 
dieselbe dann mit dem betreffenden Saatgut, besonders den 
Leguminosen und Schmetterlingsblüthlern zusammen ein 
eggten. Und sie schufen auf solche Weise eine Garantie für 
deren Gedeihen von stellenweise ganz ausserordentlicher 
Wirksamkeit. Denn es wurde das Doppelte, ja das Fünffache 
von der sonstigen Ernte dadurch erzielt. Es liegt indessen 
auf der Hand, dass man nicht gern ein Feld beraubt, um ein 
anderes vielleicht zu bereichern, und dass grössere Erdbe 
wegungen auch wegen der Kosten selbst die sicheren Erfolge 
financiell mindern, wenn nicht gar in Frage stellen. So ist 
mau eben dahin gelangt, die betreffenden Bakterien ihrer 
selbst wegen zu züchten und in concentrirter Form den be 
dürftigen Böden zuzuführen. Und es hat sich in Folge 
dessen ein schwunghafter Engros-Handel mit Bakterien pur 
et simple entwickelt, von dem wir uns noch vor einigen 
Jahren nichts träumen liessen. Er kann so<jar ähnliche Di 
mensionen annehmen wie der Handel mit Chilesalpeter und 
diesen in den meisten Fallen völlig verdrängen, was, da wir 
gern der Aufgabe überhoben sind, u. a. auch das chilenische 
Budget decken zu helfen, wie das nordamerikanische und 
englische (durch unseren billigen Zucker) auch sehr wün- 
sclieiiswerth erscheint. Vieles auf diesem Gebiet ist noch im 
Werden. Völker's concentrirte Inoculations- und Boden 
impf versuche sind noch nicht abgeschlossen, aber schon 
bietet Professor Nobbe sein „Nitragin“ den Landwirthen 
und Gärtnern an, welche über Kleemüdigkeit etc. ihrer 
Aecker klagen. Und zwar ist dieses Nitragin weiter nichts, 
als eine Cultur derjenigen Bakterien, welche in den Wurzeln 
eben des Klees wie auch der Bohnen und Erbsen, der Lu 
pinen etc. ihr scheinbar schmarotzendes, aber so ausseror 
dentlich nützliches Dasein führen. Für ein paar Mark er 
hält man diese fleissigen Stickstoff-Assimilirer auf Agar-Agar 
in versiegelten Flaschen, jede für einen Morgen Landes aus 
reichend. Man verdünnt den Inhalt mit Wasser und ver 
mengt ihn flaun mit dem Saatgut oder mit Erde, die man aus 
streut und drei Zoll tief unterbringt;. Voraussetzung des 
Erfolges ist natürlich, dass der Boden auch den übrigen Be 
dingungen des Pflanzenwachsthums entspricht, dass er also 
auch die nöthigen Nährsalze enthält, nämlich Phosphate, 
Kalk und Kali, die man ja billig in Gestalt von Thomas 
schlacke, Superphosphat, Abruumsulz, Kalkabfällen etc. er 
gänzen kann. 
Wir glauben schon erwähnt zu haben, dass besonders 
die Firma Dr. P. Lindner die Organismen in Reinculturen 
und Abbildungen aus der Culturensammlung des Instituts 
für Gärungsgewerbe und Chr. Bielecke eine Reihe von 
Erdproben für gärtnerische Culturen ausgestellt haben, wäh 
rend die speciell für Champignonzucht geeigneten Brutsteind 
ziemlich zahlreich sind. 
Zu bemerken ist, dass Professor Nobbe für jede Pflanzen 
art, speciell vorläufig für deren siebenzehn, besondere Nitro- 
gene bereit hält, die ebenso vielen besonderen Bakterien 
arten, entsprechen. Wenn sie auch ihre Wirksamkeit nicht 
auf je eine besondere Pflanze allein beschränken, so haben sie 
doch, wie, andere „höhere“ Lebewesen auch jede ihren beson 
deren Geschmack, was ihnen kein gebildeter Mensch wird 
verdenken wollen. 
Es giebt nun. freilich nichts neues unter der Sonne. 
Denn was ist diese neue Bodenbelebungsmethode weiter als 
der völlig identische Betrieb, den schon unsere entferntesten 
Urgrossväter und -Mütter mit ihrer „Bärme“, dem Hefe- 
oder Gärungszusatz ahnungslos auszuüben gewohnt waren, 
weim sie Brodteig zum Aufgehen brachten oder Bier und 
Spiritusmaische zum Gären durch Zusatz solcher Lebewesen 
culturen veranlassten ? 
Ueber die vegetativen Vorgänge hei der Biergärung 
haben kürzlich Herr Dr. O. Reinke und Herr Prof. Delbrück 
im Sinne der modernen Wissenschaft und der uralten Praxis 
im Auditorium des Chemiegebäudes gesprochen. Es er 
übrigt zu sagen, dass hierbei das Garungsproduet und zwar 
der Alkohol, in anderen Fällen die Ptomaine (Tuberkulin 
Mallein, wieder in anderen gewisse flüssige Substanzen (bei 
der Gärung des Tabaks) und scharfe Geschmackserreger 
(hei der des Käses) ebenso werth voll sind, wie die Gärungs 
erreger. Ueberall kommt man dahinter, dass es wesentlicher 
ist, den specifischen Edelpilz — sei es nun ein Coccus oder 
eine Kugelbacterie, ein Stäbchenpilz oder Bacillus, sei es eiue 
Vibrione oder Spirille zu isoliren und in Reinculturen zur 
Anwendung zu bringen, um besondere Zwecke zu erreichen, 
ähnlich wie es nun mit den Bodenpilzen als den Freunden, 
und Begleitern specieller Culturpflanzen gemacht wird. Die 
Zeit ist nicht mehr fern, wo die Kenntniss der Bakteriologie 
allen Branchen unerlässlich sein wird, di« in ihren Pro« 
ducten sicheren Zidlen nachstreben und ganz bestimmten Ge 
schmacksrichtungen entsprechen wollen. In der Medicin ist 
es nicht anders. Die Methoden sind vervielfacht worden, 
und die vornehmsten chemischen Fabriken, Anstalten und 
Institute beschäftigen sich mit der Herstellung solcher 
Zuchten. Mikroskopische) Organismen allqr Art, auch die 
jenigen, die unser Blut und sonstigen Säfte in Gärung ver 
setzen, werden gezüchtet, und zwar die letzteren entweder der 
Oculation wegen oder um ihrer Abscheidungsproducte, (der 
Ptomaine, wegen, welche man den gefährdeten Wesen, neuer 
dings auch den Hausthieren, subcutan injicirt, in der Vor 
aussetzung, sie gegen die betreffende Sorte von unange 
nehmen mikroskopischen Gästen selber unangenehm oder 
immun zu machen. Andererseits benutzt man solche Injec- 
tionen, besonders des Koch’schen Tuberkulins, um an der 
danach eintretenden Reaction des Organismus erkennen zu 
können, oh auch nicht die betreffenden Bacillen, Kokken 
oder Mikroorganismen in demselben vorhanden seien, also 
zum Zweck der Diagnose. Ob, es immer gelingt, darüber 
streiten sich die Gelehrten noch. Thatsache bleibt indessen, 
dass sogar unsere Gewerbeausstellung mit mancherlei Gegen 
ständen dieser Bakterienindustrie, den Brut-Apparaten und 
den Brutresultaten ziemlich reichlich versehen ist. 
Der verschiedenen Geräthe in der chemischen Abthei 
lung, z. B. der Brutkästen von Dr. H. Rohrbeck, haben wir 
schon gedacht. Man wird unter demselben Dache auch viel-
	        
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