Path:
Periodical volume Nr. 88, 14. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

8 
Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 
Oie Photographie in der Ausstellung. 
(Abdruck untersagt). 
Die photographische Ausstellung im Chpmie-Gebäude 
trägt einen ganz bestimmten Charakter. Es war offenbar 
nicht das Bestreben der Veranstalter, den Besuchern der Aus 
stellung zu zeigen, was die moderne Photographie in ihren 
vielfachen Verzweigungen überhaupt leistet. So fehlt fast 
gänzlich die wissenschaftliche Photographie, es fehlt im 
Grossen und Ganzen die Landschafts-Photographie, deren 
Technik gerade in den letzten Jahren besondere Fortschritte 
aufzuweisen hat,, es fehlen völlig die Arbeiten der Amateure 
— nota bene, jener Amateure, die es in der Kunst und in der 
Technik zu höchster Vollendung gebracht haben und die nur 
als „Amateure“ bezeichnet werden, weil sie nicht Fach-Pho 
tographen sind — es fehlen vor allem die Effectstücke der; 
modernen Photographie, nämlich, die Producte der letzten 
zum Theil sehr gelungenen Versuche der Photographie in 
natürlichen Farben... kurz es fehlt sehr viel, was der Aus 
stellung den Charakter einer allgemeinen photographischen 
Ausstellung hätte geben können, wozu in Berlin auch die 
Mittel vorhanden gewesen waren. 
Welche Umstände für den Ausschluss all’ dieser ge 
nannten Elemente maasgebend waren, wissen wir nicht. Dia 
Veranstalter der Ausstellung hielten sich offenbar eng an das 
Wort „Gewerbe"-Ausstellung, und so trägt auch das, was 
man in der photographischen Abtheilung des Chemie-Ge 
bäudes sieht, den Charakter des rein Gewerblichen, des Be 
ruflichen. Es sind fast ausschliesslich Berufs-Photographen, 
die hjieT die Photographie repräsentiren. Das hat einen 
ebenso grossen Vorzug, wie einen empfindlichen Fachtheil. 
Der Vorzug besteht darin, dass man ein grossartiges und 
übersichtliches Bild von den Leistungen der Berufs-, oder 
sagen wir deutlicher, der Portrait-Photographie erhält. Nur 
blindes Vorurtheil könnte es ableugnen, dass die Ausstellung 
das Beste zeigt, was jetzt in der Portrait-Photographie ge 
schaffen wird. Die Berliner Photographie steht in ihren, 
besseren Vertretern unstreitig auf der Höhe der Zeit. Sowohl 
künstlerisch wie technisch leistet man in jedem Verfahren 
hier das Vollkommenste, was sich in der Portraitphotogra 
phie jetzt überhaupt erreichen lässt. Auch, die Architektur 
photographie und die Momentphotographie haben hier Ver 
treter, die es bis zur vollkommensten Virtuosität gebracht 
haben. 
Gerade dieser Umstand nun bringt den Nachtheil mit 
sich, dass man von der Landschaftsphotographie fast nicht» 
zu sehen bekommt. Die Aussteller sind fast durchgehend» 
Atelierphotographen, stillsitzende Grossstädter, in deren 
Reihen sich nur wenige Landschafter — nota bene Berufs- 
landschafter — verirrt haben. Dadurch bekommt die 
Ausstellung den Charakter einer gewissen Eintönigkeit, in 
die nur die Ausstellungen von Apparaten, Utensilien und 
Chemikalien grössere Abwechselung hineinbringen. 
Von besonders strengen Kritikern ist der Photographi 
schen Ausstellung noch ein weiterer Vorwurf gemacht worden. 
Penible Kunstkenner nehmen an jenen Arbeiten Anstoss, in. 
denen der Photograph mit dem Maler concurriren zu wollen 
scheint, an den übermalten und in Aquarell und Pastell aus 
geführten Portraits. Nun, so lange die Photographie in na 
türlichen Farben nicht so weit fortgeschritten sein wird, dass 
sie in der praktischen Arbeit mit der „gewöhnlichen" Photo 
graphie gewissermaassen in Concurrenz treten und das bis 
herige Verfahren verdrängen kann — und das wird, nebenbei 
gesagt, leider noch recht lange dauern — so lange ferner ein 
gutes Portrait eines guten Malers noch sehr viel Geld kosten 
wird — und dies wird hoffentlich auch noch sehr lange 
dauern — muss man sich mit dem begnügen, was die Photo 
graphie als künstliches Product mit ihrer Uebermalung bie 
tet. Es ist ja manches nicht sehr schön und nicht sehr ge 
schmackvoll, aber vieles ist vorhanden, dem man zugestehen 
muss, dass eine künstlerische Hand hier gewaltet hat und dass 
die Sache lange nicht so schlecht ist, wie ihr Bus. Es kommt 
dabei in letzter Instanz garnicht so sehr n.uf die Farbe an, 
wie darauf, ob der photographirende Portraitist ein 
Künstler war. Uebermalte photographische Portraits sind 
nun einmal eine Nothwendigkeit und ein vieibegehrter Arti 
kel. Und da in verschiedenen Berliner Ateliers in der far 
bigen Uebermalung in der That gutes geleistet wird, so würde 
man es als Lücke empfinden, wenn diese Arbeiten in einer 
gewerblichen Ausstellung fehlen würden. 
Eher hätte man schon jene Photographieen sehr gerne 
vermisst, die das Genre sin de siede repräsentiren. Die 
Bilder der Gigerl aller Arten, der Volkssänger und Chanson- 
nettensängerinnen und aller der nur sehr lose mit der Kunst 
zusammenhängenden Herren und Damen, die in excentrischen; 
Stellungen, mit frechem oder stupidem Gesichtsausdruck in 
unmöglichen Costümen in der Ausstellung paradiren, mögen 
ja recht gute photographische Arbeiten sein — schön sind 
sie nicht. Der gesunde und feinere Geschmack wendet sich 
mit einem Achselzucken davon ab, ohne zu untersuchen, wie 
weit es der betreffende Photograph in seiner Technik ge 
bracht bat. 
Im grossen und ganzen ist die photographische Ausstel 
lung — wenn man ihr rein gewerbliches Princip gelten lässt 
— wie gesagt, sehr interessant. Es giebt da, wie schon oben 
erwähnt, Arbeiten, welche zu den besten Leistungen der 
gewerblichen Photographie gehören. Sehr schöne Portrait- 
arbeiten siebt man in der grossen Collection von J. C. Scliaar- 
wäehter, in dessen Atelier die photographische Portraitir- 
kunst schon künstlerisches Raffinement erreicht bat. Sehr 
hübsch und mit künstlerischer Feinheit sind auch die in 
Pastell und Aquarellfarben ausgeführten Photographieen, 
Das beste lässt sich auch sagen von den colorirten Photogra 
phiern! von Albert Grundner und ebenso von seinen Vergrös- 
serungen, die ganz meisterhafte Leistungen darstellen. Vor 
züglich schöne und lebensvoll ausgeführte Charakterköpfe 
stelltW. Fecbner aus. Das Genre ist durch Loescher & Petsck 
vertreten, die besonders in der idealen Auffassung des Genre 
bildes ganz vorzügliche Leistungen bieten. Auch die Pig 
mentbilder zeigen in ihrem Ton sehr feine Ausführung. Sehr 
interessant ist die Ausstellung von C. Brasch, namentlich die 
Natnralphotographieen und die Aufnahmen in Lehensgrössa. 
Hübsche und effectvolle Portraits und Kinderaufnahmen zeigt 
die Ausstellung von Otto Lindner. Geschmackvolle Ausfüh 
rung der Photographieen sieht man in den Arbeiten des Atelier) 
„Victoria”, ferner in der Ausstellung von Bernhardt & Lindner* 
Pflaum & Co., Albert Meyer etc. Ueberhaupt zeigt der Durch 
schnitt respectable Leistungen, wenn sich auch manche dar 
unter befinden, die lieber nicht hätten ausgestellt werden 
sollen. 
Sehr schön sind einzelne Architekturen- und Innen- 
raum-Aufnahmen, wie die vorzüglich gelungenen Arbeiten 
von F. Albert Schwartz, die sehr schönen Interieurs und Ar 
chitekturen von Franz Kullrich und die ungemein fein aus 
gearbeiteten Interieurs von Hermann Rückwardt. Die Mo 
ment-Photographie ist durch M.Ziesler vertreten, dessen Auf 
nahmen eine sehr feine Durcharbeitung zeigen. 
Werfen wir nun noch einen Blick ans die Ausstellung) 
der Hilfsmittel der Photographie. Sie ist zwar nicht beson 
ders reichhaltig, sie hat aber viele Objecte aufzuweisen, die 
eine Würdigung verdienen. Recht gut ist es mit den Mate 
rialien und Chemikalien bestellt. Da ist vor allem die che 
mische Fabrik auf Actien (vorm. E. Schering), die ihre welt 
berühmten Chemikalien aufstellt und mit ihrem neuen Gela- 
toid-Papier debutirt, das grosse Vorzüge besitzt. Sehr in 
teressant. ist auch die Ausstellung der Aktiengesellschaft für 
Anilin-Fabrikation, die als Illustration für die Qualität ihrer 
patentirten Chemikalien für Photographie, Diapositive midi 
Negative ausstellt, die, von überraschender Brillanz und 
Schönheit sind. Sehr kräftige Diapositive und hübsche 
Glasstereoskopen zeigt auch die Firma Dr. J. Steinschneider, 
deren bekannte Specialität das Schippang’sche Collodium ist. 
Platinpapier mit effectvollen Bildern von schöner Schwärze 
bringt Dr. Richard Jacoby. Dr. Stolze u. Co. sind durch; 
vorzügliche Bilder auf ihrem Bromsilber-Mattpapier ver 
treten. Kräftige Diapositive von grosser Brillanz und Plastik 
zeigt R. Gaedicke- dessen monochromatische Dunkelkammer-
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.