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Periodical volume Nr. 174, 8. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 13 
bereits erlöschende Pracht der Rosen schadlos halten. Von diesen 
letzteren stehen freilich eine Reihe von Neuheiten und Specialitäten 
in herrlichster Entfaltung da. So namentlich in der berühmten 
Späth'sehen Baumschule die schneeweisse, lilienhaft an wüthende 
Kaiserin Auguste Victoria, eine Remontanten-Neuheit ersten Ranges; 
Miniatur-Mignonettes bilden reizende Beet-Einfassungen, und eine An 
zahl von Beeten und Rabatten des Red pet und des 
Capitain Christy prangen in üppigster Massenentfaltung, ähnlich 
wie dies auch auf den Rosenbouquets von Buntzel und von 
Gör ms der Fall ist. Allerdings treten auch hier die mannich- 
faltigsten Formen der Spirea und vor allem die riesigen Lilien, 
die man auf dem Stahl’schen Bilde in der Internationalen Kunst-Aus 
stellung dem Maler nicht glauben möchte, mit der Königin der 
Blumen in Concurrenz. Auch die Fuchsien melden sich bereits in 
den verschiedensten Zuchten. Natürlich weidet sich das Auge, 
speciell auf dem Späth’schen Terrain auch an den 
»Goliath-Stachelbeeren« und an den Davidskirschen, wie wir die 
kleinen Bäumchen in Kübeln nennen möchten, die mit dieser röth- 
lich schimmernden Frucht überdeckt sind. In der Nähe, ebenfalls 
am linken Wandelgang neben der Säule zum Dom fallen uns 
namentlich die verschiedenen Canna-Arten der Firma C. van der 
Smissen auf, von denen die Neuheiten Iderabos prächtig goldgelb, 
Königin Charlotte gelbgetigert, le Tigre, aus Frankreich stammend, 
Legeonire mit stumpferen, dunkleren Blättern, Kaiser Wilhelm in 
angemessenem Purpur uns grossen Respect für diese in unseren 
Gärten alteingebürgerte Zierpflanzen-Familie einflössen. Sophie Büchner 
hält sich noch zurück, wird uns aber später durch Massenhaftigkeit ent 
schädigen, ebenso wie die Iris Kaempferi, welche seit fünf Jahren den 
Markt beherrscht und welche auch in C. Gebber’s Anlage von Moor 
beetpflanzen aus der Wiesenburger Baumschule am Theatrophon in 
Massen mobil macht. Von den Dahlien, vulgo Georginen, blühen 
bei vorgenannter Firma v. d. Smissen bereits die röthliche Prin 
zessin Louise Victoria, eine Neuheit des laufenden Jahres, und die 
»echte Cactus-Dahlie« Kaiserin Auguste Victoria. Auch die karge 
Lucca und die amerikanische Agave stehen bereits in 
Blüthe. Eine Lilie mit betäubendem Dult und goldpurpur 
farbigen sich dem Auge aufdrängenden Staubfäden, Lilia aratum, 
wird hier gewiss kein Besucher unbeachtet lassen, so wenig 
wie die Scarlet-Pelargonie und die in Beeten roth blühende 
Gladiole »Meteor«, eine Neuheit dieses Jahres. Die Nicotiana 
colopea variegata, eine Tabakspflanze mit grossen stellenweise röth- 
lich-weiss entfärbten Riesenblättern liefert den Beweis für die hohe 
Entwicklungsfähigkeit auch des Tabaks als Gartengigerl. Die 
eingestreuten Lademann’schen Gartenmöbel, Pavillons und 
Terraeottafiguren sollen nicht unerwähnt bleiben. Wendet man 
sich nun zurück und verfolgt den Wandelgang nach dem Haupt 
gebäude zu, so empfehlen sich zunächst die herrlichen Hortensien 
der Firma Paul Nickel in drei auffallenden grossblumigen und, 
man möchte sagen, modern gefärbten Nuancen,' wie auch so 
manche Specialität der Gebrüder George und der Firma 
Hübner & Schuchart, ehe wir uns in die sich täglich prächtiger 
entfaltende Lorberg’sche Baumschule verlieren, an deren Rande 
das dunkelbraune Nass des Tueher’schen Pavillons uns winkt, wo 
wir bei dreitausend Grad — oder dergleichen Celsius, im Schatten 
kühler Denkungsart für heute die Feder an den Herrn Kellner 
abliefern. B. 
» 
Der Besuch der Ausstellung mittels Fahrrad 
hält sich bis jetzt in verhältnissmässig sehr bescheidenen Grenzen, wenn 
für die bezügliche Berechnung die Zahl der Räder maassgebend ist, 
die in dem Aufbewahrungs-Institut neben dem Hauptportal einge 
stellt werden. Der Pächter desselben ist mit dem Geschäft sehr 
unzufrieden, seine Einnahmen bewegten sich bis jetzt zwischen 
2—18 Mk. täglich, wobei die Monatseinnahme noch nicht 200 Mk. 
erreichte. Der beste Tag war der verflossene Donnerstag, an dem 
93 Fahrräder ä 20 Pfg. eingestellt wurden. Dieser bescheidene 
Preis erscheint, wie man uns mittheilt, noch vielen Fahrern zu hoch 
und sie täuschen häufig die Wachsamkeit der Aufseher, indem sie, 
trotz des Verbotes, weiter fahren, um ihr Rad in irgend einem 
Pavillon oder einem Restaurant kostenlos unterzubringen. Schön 
können wir das nicht finden und sind der Ansicht, dass, wer sich 
den Luxus eines Fahrrades leisten, auch den kleinen Aufbewahrungs 
preis bezahlen kann. Die zweite Aufbewahrungshalle im Ver 
gnügungspark musste übrigens wegen allzugeringer Benutzung be 
reits geschlossen werden. 
* 
Ein eigenartiger Apparat ist seit einigen Tagen 
in der elektrischen Ausstellung zu sehen. Es ist ein. 
Monstrum, ein Schau-Object, das seinesgleichen sucht und 
das jedem Besucher, den Fachmann sowohl als den harm 
losesten Laien zum Stehenbleiben zwingt. Dieser Apparat 
ist ein elektrischer Inductor, ausgestellt von der Firma Heiser 
u. Schmidt. Was in so hohem Grade, die Aufmerksamkeit 
auf diesen Inductions-Apparat lenkt, sind seine gewaltigen 
Dimensionen. Es dürfte kaum irgendwo ein wissenschaft 
liches Institut existiren, das über einen solchen Inductor 
verfügt, und es ist uns sehr zweifelhaft, ob Ruhmkorff, der 
erste Constructeur dieser Apparate, an solche Riesenapparate 
gedacht hat. Die Länge der Rolle beträgt ungefähr einen 
Meter, der Durchmesser, d. h. die Dicke erreicht etwa einen 
halben Meter! Man kann sich bei diesen Dimensionen un 
gefähr vorstellen, welche Menge von Kupferdraht zur Be 
wickelung der secundairen Spule erforderlich war. Während 
die primaire Spule eine Umwickelung von nur 67 Meter 
dicken Kupferdrahts hat, beanspruchte die secundaire Spule 
nicht weniger als 154 000 Meter Kupferdraht. Das ist eine 
Länge, die ungefähr der Entfernung von Berlin nach Dres 
den entspricht. Der Widerstand der primairen Spule be 
trägt 0,20 Ohm,der der secundairen Spule 100450 Ohm — 
man kann darnach ungefähr die gewaltige Spannung der 
Wechselströme dieses Riesen - Apparates ermessen. Seine 
Funkenlänge beträgt in freier Luft einen Meter. Das Ge- 
sammtgewicht erreicht, der Grösse entsprechend, etwa sechs 
Centner. Angesichts dieses Riesen-Inductors drängt sich 
von selbst die Frage auf, wie gross die Röntgenröhren sein 
müssten, wenn man, mit der vollen Kraft des Apparates 
Röntgenstrahlen erzeug;n wollte. Das Eine ist jedenfalls 
sicher, dass die grösste bisher erzeugte Röntgenröhre von den 
gewaltigen Funken sofort durchschmolzen werden wijrde. 
Wie man uns mittheilte , ist das Monstrum von einem 
Freunde der Wissenschaft um den Preis von 4500 Mark für 
ein Krankenhaus angekauft und diesem zum Geschenk ge 
macht worden. Das Ünicum wird den Aerzten des betreffen 
den Instituts jedenfalls noch manches Kopfzerbrechen be 
reiten. 
Die elektrische Thurmbahn im Vergnügungspark 
war am gestrigen Sonntag, dem ersten Tage ihres öffent 
lichen Betriebes, der Zielpunkt zahlreicher Ausstellungsbe 
sucher. Die späte Fertigstellung einzelne! Bauten und An 
lagen in der Ausstellung hat wenigstens das Gute, dass es 
immer wieder etwas .Neues zu sehen giebt. Speciell in der 
„Elektrischen. Thurmbahn” hat der ganze Vergnügungspark) 
erst den eigentlichen lokalen und Interesse-Mittelpunkt er 
halten. Das grossartig angelegte Etablissement besteht aus 
dem — schon seit einiger Zeit eröffneten — ringförmigen 
Restaurant, mit terrassenartigem eisernem Dach und vier 
hübschen Eckthürmcben, sodann aus dem in Eisenfachwerk 
geschmackvoll erbauten Aussichsthurm, auf dem sich in der 
Höhe von 60 Metern, mittels elektrischen Fahrstuhls erreich 
bar, ein zweiter kuppelfönniger Restaurationsbau befindet. 
Der Fahrstuhl, nach der geistvollen Idee des Ingenieurs Hugo 
Engel ausgeführt, bietet Raum für ca. 60 Personen und ent 
hält einen vertical nach aufwärts sich bewegenden Innenraum 
und eine auf Schienen sich drehende ringförmige Galerie. —- 
In der bestimmten Höhe angelangt, begiebt man sich durch 
eine Gitterthür in’s Innere des Thui nes und gelangt über 
eine Wendeltreppe nach dem Kuppelraum, von dem man aus 
eine herrliche Fernsicht geniesst. Auch die darüber befind 
liche Krone und das spitze Thürmchen sind mittels Leiter 
zugänglich. — Der Riesenbau, an welchen man enorm viel 
Zeit, Mühe und Geld gewendet hat, dürfte zu den interessan 
testen Anlagen der Ausstellung zählen. 
5S 
Die Feuerwehr wurde gestern Vonnittag um 10 Uhi 
nach der Maschinenhalle alarmirt. Die Firma C. H. Wulff hatte 
zur Anfertigung ihrer Reclamekarten, welche dem Publikum im
	        
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