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Volume Nr. 87, 13. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Aussteüungs- Nachrichten. n 
„Der ist längst wieder kreuzfidel. Aber der Rath möchte 
noch grollen.“ 
„Ren lad’ ich auf Krebse ein. Ausgesucht, lauter 
Hengste und er kriegt die grössten. Da wird er fromm. 
Und Du willst noch eine Mark fünfzig heraus haben?“ 
„Ja Mama. Soll ich Dir jeden Posten einzeln vorreiten?“ 
„Kein, nein, lass nur. Aber merke Dir eins: Weiss 
bier und kalte Milch vertragen wetterfeste Landbewohner 
kaum, viel weniger gebildete Stadtkinder.“ 
Ich gab ihr die Groschen, die sie schmunzelnd in ihr 
Portemonnaie knippste, wobei ich sofort ahnte, dass sie mich 
um eine heimliche Provision überlistet hatte, aber was hilft 
die richtigste Rechnung, wenn sie nicht bezahlt wird ? Ich 
lag drin, jedoch es blieb in der Familie. — 
Mit diesem Kummer hatte ich mich abgefunden, nicht 
aber mit dem Verdruss, den Ottilie mir durch ihre Neigung, 
zu Kriehberg bereitete. Nie wäre es dahin gelangt, wenn 
ich sie straff unter meiner Aufsicht gehalten hätte, anstatt 
sie während meiner Abwesenheit Tante Lina anzuvertrauen, 
von der ich alles erwartet hätte, nur nicht die Begünstigung 
eines Liebesverhältnisses, das, wenn auch nicht direct in s 
Armenhaus, so doch nicht weit davon führt. 
Denn die. Sache liegt so. 
Kriehberg hatte noch eine kleine, mit dem Bauwesen 
verknüpfte Stellung, Ausbesserungen zu leiten, wenn die Be 
dachung undicht geworden und was es sonst gab, denn wenn 
auch alles ein Ende nimmt, die Reparaturen an einem Neu 
bau hören nie auf. Und die ganze Ausstellung ist ein Riesen- 
gesammtneubau. 
Man sagte mir, wtil das richtigste hei einem vor der Ver 
lobung Stehenden ist, seine Verhältnisse zu erkunden, er 
wäre, nicht ohne Fähigkeiten, aber die Häuser, die er ent 
würfe, ständen schon irgendwo. Mit der blossen Verlegung 
von Fenstern und Thüren, dass nachher die Treppe nicht hin 
einpasste oder ganz dunkle Räume erzielt würden, sei ein be 
sonderes Fortkommen unmöglich. Man würde ihn seines 
Fleisses wegen in zweiter und dritter Linie beschäftigen, 
wenn er nicht die Manier hätte, sobald er sich warm fühlte, 
alles besser wissen zu wollen. Das könnte er ja auch, aber er 
müsste seine Weissheit bei sich behalten. 
Was thut jedoch mein Kriehberg? Er hat nicht auf 
den Bureau-Maulkorb geachtet und eigene Meinung gehabt 
und Kränkungen ausgestossen. Da war denn die Laube 
fertig. 
Was hat er auch über das Thorhaus zu quesen und zu 
sagen, es wäre nicht viel dahinter? Und wie sie ihn fragen, 
wie er sieh erdreisten könne, einen gothisch-romaniseh-alt- 
deutsch-renaissanoenen Bau so zu despeetiren, hat er geant 
wortet. es wäre man auch nicht viel dahinter, nämlich blos 
ein Stück Treptower Chaussee. 
Da liess sich freilich nicht viel drauf antworten, weil die 
Eingangsfluren zur Ausstellung einen überraschend nuttigen 
Eindruck machen, gegen den das rechts und links kommende 
Bedeutende stark zu kämpfen hat, um die erste Enttäuschung 
allmählich zu verwischen. 
Und auch was er über die Gitterthür beim Haupt 
portal geänssert hat, ist nicht ohne Berechtigung. Er sagt: 
Für einen Hühnerhof eignete sie sich einigermaassen, für eine 
Ausstellung, die der Welt zeigen sollte, was Berlin ver 
möchte, ist sie belemmert. Diesen Ausdruck haben sie ihm 
besonders verargt. 
Und dabei stehen in der grossen Halle im Schatten, als 
vertrügen sie weder Sonne noch Regen, die schönsten Thor?, 
die man sich denken kann, der Stolz der Berliner Kunst 
schmiede, deren Arbeiten es nicht nur siegreich mit jeder 
Concurrenz des Auslandes aufnehmen, sondern auch mit dem 
berühmtesten Mittelalter. „Wie man sich so im Lichte 
stehen kann!“ hat Kriehberg gesagt. Und da kriegte er 
Feierabend. 
Und was sagte er da ? 
„Es ist das Unglück der Comites, dass sie die Wahrheit 
nicht hören wollen.“ 
Draussen war er. 
Auf solche Aussichten hin ihm Ottilie zu geben, wäre 
eine Unverantwortlichkeit, gegen die Alpdrücken das rein; 
Gekose ist. 
Ich band mir Ottilie vor, sie müsste Kriehberg abge 
loben. 
Sie hätte ihn nicht ermuthigt, erwiderte sie, hoch von 
Thurme herab, als geschehe ihr wer weiss welche Be 
zichtigung. 
„Hast Du nie in seiner Gegenwart mit den Augen ge 
klappert ?“ 
„Ich verstehe Sie nicht.'* 
„Ottilie, es giebt verschiedene Sprachen, und eine davon 
ist die Augensprache, die ist in allen Dialekten die näm 
liche. Ein Blick sagt mehr als ein diekbändiger Briefsteller 
Ich frage Dich, ob Du auf die Art etwa zu viel geredet l.ast?’’ 
„Nein Ich beschäftige mich mit Idealerem, mit der 
Umgebung, di? täglich Neues und Grosses bringt, mit dem 
gewaltigen Pulsschlag des Residenzlehens und der geistiger 
Förderung durch die entzückenden Darbietungen des Ge wer 
bes und der Industrie.“ 
„Doch wohl nicht ausschliesslich. Reichliche Zeit ver 
bringst Du, Dich zu bewundern.” 
„Wer sagt das ?“ 
„Betrachte Dir den Teppich vor dem Spiegel, wie er ge 
litten hat und stets und immer mit frischen Fussspureu. Das 
ist auch eine Sprache ; Teppichsprache nämlich.“ 
Sie erröthote. 
„Du bist jung, Ottilie, Du weisst noch nicht, ein wie 
theurer Lehrer die Erfahrung ist. Nimm meinen Rath an 
und verkriehberge Dich nicht.” 
„Aber Tante Lina meinte, er müsse gut sein, gerade sc 
gut wie Johannes Viedt, an den er sie erinnere, der nach 
Amerika gegangen ist, weil er E n? nicht unglücklich » aclien 
wollte, di“ er liebte, und ohne den Fluch der Eltern nicht die 
Seine nennen durfte.” 
,,(»i sie das selber gewesen ist ?” 
„Ich glaube fast.” 
„Die Alten haben keinen Bürstenbinder als Schwieger 
sohn gemocht: natürlich, so liegt der Roman. Ottilie“, fuhr 
ich warnend fort, „und Kriehberg ist nicht mal Bürstenbinder 
. ... er ist augenblicklich garnichts." 
„Er hofft.“ 
„Ich auch. Ich hoffe, dass er einsehen wird, wie es 
keine grössere Selbstsucht giebt, als wegen kurz verküsster 
Flittervierzehntage ein leichtgläubiges Mädchen mit sich ii, 
endloses Elend zu ziehen. Das Lehen ist lang, Ottilie, und 
die Feuerung theuer. Mit Liebe allein kannst Du nicht ein 
heizen. Der Winter kommt, Kind, der Winter des Lebens. 
Liebst Du Kriehberg wirklich? Möchtest Du um seinet 
willen blos in Kattun geben und nie nach der Mode, immer 
denselben alten Alantei?” 
„Bas würde er doch nicht verlangen?” 
„Er nicht; aber die Noth und die hat kein Mitleid. Alan 
kann sie miteinander tragen, wenn sie hereinbricht, unerwar 
tet, ohne eigene Schuld und fest und innig verbunden den 
Kampf mit dem Schicksal aufnehmen. Aber Uebereilung 
ist eigene Schuld.” 
So redete ich und sie hörte zu, aber mich dünkte, sie 
wusste cs besser als ich. Wenn jemand an einer Unterhal 
tung kein Interesse nimmt, besieht er die Zimmereinrichtung 
und Ottilie liess ihre Blicke wandern, als wären alle Stuhl 
lehnen und Tischkanten ihr noch nie vorgestellt. 
Mir bleibt nur noch ein Ausweg. Mein Karl muss 
Kriehberg auf’s Dach steigen und ich — ich nehme Tante 
Lina in die Beichte. 
Dies muss geschehen, ehe Ungermann’s eintreffen, denen 
ich mich zu widmen habe. Ungei mann ist, wie es in der 
Geschäftssprache heisst, ein grossartiger Kunde. Der muss 
warm gehalten werden. 
In bekannter Hochachtung 
Wilhelmine Buchholz.
	        
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