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Periodical volume Nr. 86, 12. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

OfficieHe Ausstellungs-Nachrichten. n 
Poesie aber wurde der nüchterne schottische Matrose umwe 
hen von dem Schriftsteller Daniel Defoe, der mit dem Talent 
des Dichters für den Abenteurer gleichsam eine neue Welt 
schuf und seine Leiden und Erlebnisse in einer neuen poeti 
schen Beleuchtung zeigte. Wie sich dann in der Erzählung 
Defoe's Alexander Selkirk in Robinson verwandelte, so ist 
auch der Schauplatz vertauscht Defoe versetzt die Handlung 
auf einei'Inselder Antillen» also in den Atlantischen Ocean, wäh 
rend Juan Fernandez wie gesagt im Stillen Ocean liegt. Die 
grosse Entfernung der Insel vom festen Lande — sie beträgt 
90 geographische Meilen --- schliesst es auch aus, dass sie, 
wie in der Robinson-Erzählung, Besuch von Indianern er 
hält. Im fiebrigen aber sind die Vegetations-Verhältnisse 
der Antillen denen von Juan Fernandez so ähnlich, dass die 
Aenderung des Schauplatzes nur eine ganz Untergeordnete 
Rolle spielt. 
Selkirk war nicht der erste Mensch, der diese Insel betre 
ten hatte. Schon lange vor ihm war sie entdeckt und be 
kannt, lange ehe der schottische Matrose sich der Einsamkeit 
und Verlassenheit bewusst werden konnte, haben furchtbare 
Kämpfe auf dieser Insel stattgefunden. Schon die Ent 
deckung der Insel war von Folgen begleitet, die in ganz eige 
ner Weise den Geist früherer Jahrhunderte charäkterisiren. 
Im 16. Jahrhundert dauerte die Fahrt von Callao nach Val 
paraiso ein halbes Jahr, da sich die Schiffer stets an der Küste 
hielten. Da wagte es der Seefahrer Juan Fernandez im 
Jahre 1563 in das offene Meer hinauszusegeln und gleichsam 
in gerader Linie nach Süden zu fahren. Er stiess dabei auf 
den aus drei Inseln bestehenden Archipel, der nun den Namen 
des Entdeckers — Juan Fernandez — trägt und langte nach 
kurzem Aufenthalt bei dem von ihm entdeckten Archipel in 
Valparaiso an, nach einer Fahrt, die von Callao aus im Ganzen 
80 Tage gedauert hatte. Diese kurze Dauer der Reise er 
schien so ungeheuerlich, dass man zur Ueberzeugung kam, 
Juan Fernandez müsste mit dem Teufel im Bunde stehen. In 
der That wurde der muthige Seefahrer wegen Zauberei in 
Anklagezustand versetzt und nur mit vieler Mühe konnte 
es ihm gelingen — nachdem auch das Schiffsbuch und die 
Matrosen für ihn gezeugt hatten — die Freiheit zu erlangen. 
Der Archipel — er besteht aus der grossen, der eigent 
lichen Robinson-Insel Mas-a-tierra, die etwa 2.f deutsche 
Meilen lang und eine Meile breit ist, aus den kleineren In 
seln Santa Clara — der Ziegeninsel — und der 23 Meilen 
westlich entfernten Insel Masafuera — wurde schon kurz 
nach seiner Entdeckung wiederholt von Seeräubern besucht. 
Erst nachdem die spanischen Schiffe aufhörten das von den 
Indianern erpresste Gold nach der Heimath zu führen, als 
die neue Welt von den Spaniern bereits völlig ausgesogen 
war und die Schiffe keine Schätze mehr hatten, die zu capern 
sich der Mühe verlohnt hätte, hörte das Seeräuberunwesen 
etwas auf und damit gerieth auch der Archipel Juan Fer 
nandez so ziemlich in Vergessenheit. 
Für die grosse Welt ist die Insel Juan Fernandez ge- 
v issermnassen erst durch das Werk Defoe’s entdeckt worden. 
Aber so bekannt auch diese Inseln mit einem Schlage ge 
worden sind, so scheint es doch ihr Schicksal zu sein, noch 
lange „Robinson-Inseln“ zu bleiben. Eine Zeit lang waren 
sie allerdings ziemlich stark bevölkert. Besonders die Haupt 
insel diente als Deportationsort für Verbrecher und Mörder. 
Es ist nicht leicht, aus Juan Fernandez zu entkommen, da 
die Felsenwände der Insel steil in das Meer hinabfallen 
und nur ein Hafen vorhanden ist, der den Verkehr mit der 
Welt ermöglicht. Aber die Deportationen dauerten nicht 
lange. Bald lag die Insel wieder unbewohnt und verlassen 
da, und die chilenische Regierung — Juan Fernandez ge 
hört zu Chile — suchte unternehmende Leute, die für Ueber- 
lassung des Archipels die Aufgabe übernehmen sollten, das 
Land urbar zu machen, es zu cultiviren. 
Und es fanden sich wirklich solche Unternehmer. Sie 
mussten ihren Muth mit ihrem Vermögen bezahlen. Nicht 
etwa, weil die Natur der Inseln ungünstig wäre. Im Ge 
gentheil, Juan Fernandez erfreut sich einer prachtvollen und 
üppigen Vegetation. Besonders die östliche Hälfte der gros 
se« Tn«el — p-erade iener Thei< der von Selkirk bewohnt 
wurde — ist reich an Bäumen verschiedener Art, an üppigen 
Wiesen und dichten Waldungen, die am Hauptgebirge der 
Insei bis zu 500 Metern emporsteigen. Dann erhebt sich der 
höchste Berg der Insel, der Junque, zerrissen und zerklüftet 
von herabstürzenden Gewässern bis zur Höhe von 927 Metern 
über den Spiegel des Meeres, steil emporsteigend, auf seinem 
Gipfel meist eine dichte Wolkenkrone tragend, die ihn vom 
Meere aus den Blicken entzieht. Dieser Gipfel war der 
Punkt, von dem aus Selkirk an schönen Tagen sein kleines 
Reich übersehen und nach, Schiffen Ausschau gehalten hat. 
Trotz der grossen Fruchtbarkeit der Insel nun konnte 
es den „Pächtern“ nicht gelingen, nur auf ihre Kosten zu 
kommen. Der letzte Pächter, ein französischer Schweizer, 
wohnt noch, gänzlich verarmt, auf der Insel, von der er sich 
freilich nicht mehr trennen will. 
Ein weit besseres Loos ist einem anderen Bewohner be- 
sohiedon, dem Don Eduardo Schreiber, einem geborenen 
Deutschen, der auf Juan Fernandez eine, allerdings etwas 
primitiv eingerichtete Conserven-Fabrik errichtet hat und 
von da aus die sehr begehrten und hoch geschätzen Langu 
sten — grosse Krebse ohne Scheeren — in Conservenbüehsen 
versendet und starke Abnehmer findet. Dabei aber ist der 
Verkehr zwischen dem Festlande und Juan Fernandez sehr 
gering, so schwach» dass Herr Dr. Plate, der behufs biolo 
gischer Studien die Insel besuchen wollte, ein halbes Jahr 
warten musste, ehe er ein Schiff fand, das ihn von Chile nach 
Juan Fernandez brachte. 
Zwei volle Monate hat Herr Dr. Plate auf der Insel 
geweilt. Er hat in fleissiger und fruchtbringender wissen 
schaftlicher Arbeit viele tiefe und dauernde Eindrücke em 
pfangen und so manche schöne Erinnerungen mitgenommen, 
von denen sein ungemein fesselnder Vortrag uns interessant« 
Kunde und anregende Belehrung brachte. W. R. 
Frau Prinzessin Friedrich Leopold und ihre Mutter 
die Herzogin von Schleswig - Holstein waren gestern Nach 
mittag in der Ausstellung, wo sie Herr Director Huster empfing 
und zunächst nach dem Haupt-Industriegebäude führte. In der 
Edelmetall-Gruppe verweilten die Damen an der Vitrine des Hof 
juweliers J. H. Werner, in dessen Ausstellung ihnen ein kostbarer 
Smaragd auffiel, der genau zu einem Schmuck der Prinzessin passt 
Ebenso besichtigten die hohen Gäste die Vitrinen von Gebr. Fried 
länder und anderen Juwelieren, worauf sie sich nach der Längshalle 
wandten und die Trachten-Ausstellung in Augenschein nahmen. In 
der Maschinenhalle wurden die Wagen, sowie einige grössere Ma 
schinen-Anlagen besichtigt, hierauf begab sich die Hofgesellschaft am 
rechten Ufer des Neuen Sees entlang nach dem Edison-Pavillon und 
nahm hier mit grossem Interesse die Vorführung sowie Erklärung 
des Edison’schen Kinematograph entgegen. Ueber eine halbe Stunde 
blieben sie in dem Pavillon und verliessen ihn, hochbefriedigt von 
der wunderbaren Erfindung des amerikanischen Gelehrten. Die 
Herzogin liess sich nun in einem Fahrsessel nach der Kolonial-Aus- 
stellung fahren, während die Prinzessin und das Gefolge zu Fuss 
gingen. Herr' Graf Schweinitz und Herr Lieutenant v. Gaczinsky 
empfingen die Herrschaften und liessen in der Boma die Massai 
und die Neu-Guinea-Leute ihre Kriegstänze und Festgebriluchc vor 
führen, die ausserordentlich gefielen. In der Zansibarstadt folgte 
einem flüchtigen Kundgange im Tropenhaus die Besichtigung der 
Kolonialhalle, deren ethnographische und Naturalien-Sammlungen 
bewundert wurden. Nachdem die Damen dann noch eine Zeit lang 
den Aufführungen sämmtlicher Neger vor dem Gebäude des Arbeits- 
Ausschusses zugesehen hatten, verabschiedeten sie sich dankend von 
ihren Führern und gingen nach dem Vergnügungspark, um einer Vor 
stellung im Cirkus Hagenbeck beizuwohnen. Die seltene Dressur 
der Thiere erregte ihr Staunen und unverhohlen sprachen sie dem 
Vertreter des Herrn Hagenbeck gegenüber ihr volles Loh über das
	        
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