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Volume Nr. 84, 10. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Äusstellungs- Nachrichten. 13 
privater und militärischer Seite aus mit der Aeronautik be 
fasst. In der Werkzeugkalle hinter der Edelmetallgruppa 
hat F, W. Müller jr. verschiedene eiserne Ballontheile, die 
mittels Schlosserarbeit angefertigt sind, ausgestellt. Ein, 
oberes Ventil für einen Ballon von 000 cbm Inhalt, dient 
zum Ablassen des Grases während der Fahrt und zur vollstän 
digen Entleerung nach derselben. Es wird durch eine Ven 
tilleine vom Korbe aus leicht gehandhabt und schliesst sich 
selbst wieder gasdicht durch eine Gummiliederung oder durch 
einen Metallteller, welcher gegen Gummipolster gepresst wird. 
Ferner sieht man hier untere oder Sicherheits-Ventile, welche 
den Füllansatz verschliessen. Sie sind nothwendige Be 
standtheile jedes Ballons, um den Feberschuss an Gas abzu 
lassen und zu verhindern, dass der Wind das Gas aus dem 
Ballon presst. Auch diese Ventile wirken automatisch, 
können jedoch gleichzeitig durch eine Leine bedient werden. 
Sie werden in den Füllansatz eingeknüpft und durch einen 
Schnallgurt festgehalten. Ventilatoren zum Aufblasen den 
Ballons mit Luft, Kabelschlösser für Fessel-Kabel, Kabel-Ver 
bindungsstücke, Gleitstücke für Anker und Puffer zum Ab 
halten Stosses bei der Landung vervollständigen diese inte 
ressante Sammlung von Ballontheilen. 
S 
Um einen Groschen. Ein grosser Auflauf entstand gestern 
in den ersten Vormittagsstunden vor dem Bier-Automaten vis-ä-vis 
dem Hefter’schen Pavillon. Ein edles Paar vom Lande, Vater und 
Sohn, »der eine grau von Locken, der andre blond von Haar«, 
wanderten um diese Stunde durch den Ausstellungspark, als sie 
beide ein menschliches Bühren fühlten, der Alte verspürte Hunger, 
der Junge Durst. Sie beschlossen darum, für kurze Zeit sich 
zu trennen, der Vater ging nach Hefters stolzen Hallen, der 
etwa 12jährige Jüngling, mit einem Groschen bewaffnet, trat an 
den Sielaffschen Apparat. Unerfahren mit den geheimen Künsten 
der Automatenmechanik behielt er den Groschen in der Hand, um 
wie gewöhnlich erst zu gemessen, dann zu zahlen. Er setzte das 
Glas unter den Hahn, er drehte den Griff — und siehe da, das 
gold’ne Nass sprudelte lustig schäumend in den Becher! »Er setzt 
ihn an, er leert’ ihn aus« — da aber nahte das Verhöngniss in Gestalt 
des Aufsichtsburschen; der packte den ländlich sittlichen Knaben an 
dem Kragen, beschuldigte ihn des Betruges. »Er hätte sehen müssen, dass 
bei dem Apparat der Geldautomat noch nicht eingesetzt sei«, und drohte 
mit Prügeln. Auf das Geschrei des Knaben stürzte der besorgte 
Erzeuger, eine halbe Wiener Wurst in der drohend erhobenen 
Rechten, herbei, befreite seinen Sohn und erkundigte sich nach 
dem Grund des Zwistes. Natürlich nahm er die Partei des 
Knaben in ziemlich heftiger Weise, auch das inzwischen sehr 
zahlreich herbeigeeilte Publikum nahm Partei gegen den Auf 
seher, mächtig tobte der Kampf, Ehrentitel wie »Affe« schwärmten 
'durch die Luft, bis endlich die feindlichen Parteien mit der 
Drohung einer gerichtlichen Klage auseinandergingen. — Und 
alles um ein Glas Bier! 
V 
Das physikalisch-chemische Unterrichtszimme 
im Gebäude für Unterricht und Erziehung verdient mit Recht 
als ein ganz hervorragendes Ausstellungsobject bezeichnet zq 
werden. Wenn man bedenkt, dass der Unterricht in Physik 
und Chemie vor 25 Jobren in Volks- und Bürgerschulen noch 
zu den Seltenheiten gehörte, wenn man sich die Entwickelung} 
dieser wichtigen Zweige der Naturwissenschaft vor Augerx 
führt und gleichzeitig an die primitiven Lehrmittel denkt, 
welche noch vor wenigen Jahren diesem Unterricht zu Gebote, 
standen, so muss man die Einrichtung des Zimmers als einet 
ideale bezeichnen. Hier wird auch den verwöhntesten An 
sprüchen genügt, und jedem Lehrer der Naturwissenschaften, 
würde das Herz im Leibe lachen, wenn ihm die Ertheilung des 
(Unterrichts in einem solchen Zimmer vergönnt wäre. Schon, 
die Anordnung der Sitzplätze ist eine ausgezeichnete. Je 
dem Schüler ist es möglich, die Versuche auf dem Experimen- 
tirtisch zu verfolgen, denn die Sitze erheben sich amphi 
theatralisch. Den höchsten Werth aber erhält das Zimmer 
durch die Vollständigkeit der Apparate. Kein Gebiet den 
Physik und Chemie ist vergessen ; die Lehre von der Wärme, 
vom Licht, vom Schall, vom Magnetismus, der Elektricität*, 
die organische und anorganische Chemie sind vertreten, und 
alle Apparate zeigen sauberste und beste Ausführung. Neben 
diesen vollkommenen Apparaten soll der physikalisch-che 
mische Unterricht durch Bildertafeln unterstützt wefrden. 
Wenn auch der Experimental-Unterricht in der angewandten 
Naturwissenschaft das Erstreben sw ertheste ist, so nehmen 
doch viele durchaus wichtige Erscheinungen zu ihrer Vor 
führung einen Raum ein, der die Ausdehnung eines Schul-, 
zimmers weit überschreiten würde, oder bedingen Anlagen, 
deren Einverleibung in die Schule zu den Unmöglichkeiten 
gehört. Deshalb sind die Bildertafeln geschaffen, und man 
darf getrost behaupten, dass bei einer solchen Ausführung, 
wie sie uns in diesem Unterrichtszimmer gezeigt wird, das, 
Fehlen der Experimente weniger empfunden wird. Bei der 
Betrachtung des Zimmers erinnert man sich unwillkürlich 
des Unterrichts, der fiüher in den heute für die Menschheit 
so wichtigen Fächern Physik und Chemie, ertheilt wurde, und 
mit der Bewunderung der herrlichen Ausführung verbindet 
sich der Wunsch, solche Einrichtung jeder Schule zugäng 
lich gemacht zu sehen, 
o 
Eine kostbare Tischplatte wird von den Besuchern 
der Ausstellung in der Holzindustriegruppe sehr beifällig beurtheilt. 
Durch Intarsien aus verschiedenfarbigen und künstlich gefärbten 
Hölzern hat Ernst Nast auf einer Tischplatte die genaue Zeichnung 
der Wartburg wiedergegeben. Das Bauwerk selbst, seine nächste 
landschaftliche Umgebung und Einzelne das Bild belebende 
Figuren sind durch die peinlich saubere und feine Einlegearbeit 
zu edelster malerischster Wirkung gelangt. Auch in den übrigen 
Intarsien aus den Ateliers der bewährten Firma offenbart sieb 
künstlerisch abgeklärter Farbensinn neben geschmackvoller Behand 
lung der Hauptmaterialien, Holz, Schildpatt in mehreren Färbungen 
und Perlmutter. 
S 
F.in kunstvoller Kirchenschlüssel ist in der Halle 
für Schmiede- und Schlosser-Arbeiten im Hauptgebäude zu sehen. 
Der Meister, Schlosser Wilhelm Scheidenrecht, verwandte für seine 
nach dem Entwurf vom Regierungs- und Baurath Spitta angefertigte 
Arbeit Eisen und Messing. Aus dem ersteren Metall besteht der 
Schlüssel selbst mit dem Bart, während der Schlüsselgriff aus Messing 
gravirt und ciselirt ist. Auf der Vorderseite des Messingmedaillons 
ist die bekannte Scene, wie Jesus dem im Meer versinkenden Petrus 
die Hand zur Rettung reicht, eingravirt, die Reversseite ist mit 
gothischem Muster geziert. Der Schlüssel ist für die Erlöserkirche 
zu Rummelsburg bestimmt. 
S 
Der Chocoladenblock in der Ausstellung für Nahrunsg- 
und Genussmittel, dessen Gewicht bekanntlich geschätzt werden soll, 
nimmt lebhaftes Interesse in Anspruch. Am Mittwoch wurde die. 
100 000. Schätzung abgegeben. Dem Ueberreicher des Schätzungs 
zettels und seiner Familie wurden von Herrn Andre Mauxion An-, 
denken überreicht, welche sie hocherfreut im Pavillon des »Berliner 
Lokal-Anzeiger« vorzeigten. 
V 
Das Taufbecken für die Stadtkirche in Riesa. 
hat der Klempnermeister Heinrich in der Metallgruppe des 
Hauptindustriegebäudes ausgestellt. Die Zeichnung entwarf 
Architekt Kröger und Meister Heinrich hat das Kirchenstück 
in Kupfer getrieben und durch saubere Ciselirnrbeit ge 
schmückt. Das ganze zeigt den romanischen Stil. An den 
vier Seiten des Fusses sieht man die Symbole der Jünger Jo 
hannes, Lucas, Matthäus und Marcus. Der Aufsatz erhebt 
sich auf einem starken Mittelpfeiler und vier Eckpilastörn 
und ist reich mit Ornamenten geziert. Um das eigentliche 
Taufbecken aus Neusilber ist die Inschrift in gothischen 
Buchstaben „Lasset die Kindlein zu mir kommen” einge 
trieben. Die auffallend schmucke Arbeit wird von den Be 
suchern sehr aufmerksam in Augenschein genommen. 
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In der Sanitätswache wurden in den letzten 24 Stunden 
25 Personen behandelt. Ein Kellner trat beim Baden auf ein 
Stück Glas und zog sich eine über die ganze Fusssohle sich er 
streckende Wunde zu. Ein Angestellter wurde von einem Ketten 
hunde in den Oberschenkel gebissen. — In den letzten 24 Stunden 
wurden in der Unfallstation 15 Patienten behandelt; es 
waren theils innere, theils äussere Erkrankungen.
	        
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