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Periodical volume Nr. 84, 10. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

öfficielle Ausstellungs-Wachrichten. n 
sind. Auf diese feinen Instrumente folgen wieder anscheinend 
gröber gebaute Mechanismen jedoch von ebenso grosser Ge 
nauigkeit. Blechsortirwaagen, nach dem System der Brücken 
waagen gebaut, dienen wie schon derName ergiebt dazu, gleich 
grosse Bleche nach dem Gewicht zu sortiren. Eine ähnliche 
Construction dient zum Abwiegen von Pappe. Man weiss 
ziemlich genau, wieviel Bogen Pappe auf ein bestimmtes 
Gewicht anzunehmen sind und ersetzt deshalb das Durch 
zählen des Materials durch das bedeutend einfachere und 
schneller erfolgende Abwiegen. Den Schluss der Dopp’sehen 
'Ausstellung bildet wiederum eine Personenwaage mit Zeiger- 
zifferblatt, welche jeder, der Lust hat, gegen Entrichtung 
eines halben Eickels benutzen kann, ohne dafür jedoch einen 
„Loosungsschein” zu erhalten. 
Ausser diesen Instrumenten und einer grossen zum Fest 
stellen des Gewichts an Lastwaagen dienenden Brücken 
waage der Firma II. Bockhacker .hat sich A. 0. Hermann mit 
Fabrikaten dieser Branche an der Ausstellung betheiligt. 
Sein Ausstellungsplatz ist in der offenem Halle, die in dem 
Hofe hinter der Maschinenhalle liegt. Neben verschiedenen 
Centesimal- und Deeimalwaagen führt er eine vollkommen 
automatisch wirkende Waage für Feldfrüchte vor. Eine 
EisenbahnwaggQnwmage mit einer Tragfähigkeit: bis 8000(1 
Kilo und ein Billetdruckapparat, welcher das Gewicht gleich 
niederschreibt, eine Personenwaage mit Jjitz und eine Vieh 
waage, kenntlich an dem von einem Gitterverschlag gebil 
deten Standort-für das Vieh, fehlt ebenfalls nicht. 
Im allgemeinen ist aus sämmtlichen Ausstellungs 
objecten die vollendete Technik, mit welcher die Gegenstände 
gebaut werden, klar ersichtlich. Wenn auch keine gewöhn 
lichen Dinge vorhanden sind, so weisen doch die ausgestellten 
Erzeugnisse eine vorzügliche praktische Brauchbarkeit auf 
und dieses wird wohl von allen Kennern und Fachleuten be 
stätigt werden. G. Jacob. 
Vorträge in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt.] 
Obergärig'e Biere, insbesondere Berliner Weissbier. 
Das Gebäude für Chemie steht diese Woche im Zeichen 
des Gambrintis. Während wir am Montag über die Kunst 
des Bierbrauens im allgemeinen belehrt wurden, behandelte 
gestern Herrilr. Reinke in seinem Vortrage über ober- 
gartige Biere,, insbesondere Berliner Weiss 
bier, speciell die Herstellung derartiger Getränke. 
Bier im eigentlichen Sinne ist ein Getränk, welches nur 
die durch Hefe vergorenen Bestandtheile wässeriger Gersten- 
auskochung und Hopfe jiextractivstoffe enthält. Je nach der 
Art der Gärung unterscheiden wir unter- und obergäriga 
Biere. Die ersteren, die sogenannten Lagerbiere; erfordern 
eine längere Garung bei niedriger Temperatur, während bei 
den letzteren die Gärung hei 18 bis 20 Grad in wenigen Ta 
gen beendet ist. Während die Lagerbiere kohlensäurearm 
ujhI klar d. h. blank sind, besitzen die obergärigen Getränke 
einen hohen Kohlensäuregehalt und sind in den seltensten 
Fällen von absoluter Klarheit. 
Die Darstellung dieser Biere ist eine bedeutend ein 
fachere und erfordert nicht in dem Maasse die sorgfältige Be 
handlung. weche zur Herstellung der anderen nöthig ist. In 
Folge davon sind solche Getränke schon bei den alten Cul 
turvölkern bekannt gewesen. Bereits die alten Egyptcr fa- 
bricirten aus Gerste ein berauschendes Getränk und die altem 
Bewohner des Kaukasus versuchten Stärke-Abkochungen 
durch freiwillige Gärung geniessbar zu machen. Auch in 
Afrika wird aus Bananen unter Zusatz von Hirse ein Getränk 
von den Einwohnern verfertigt, das in primitiver Weise her 
gestellt, doch den Xamen Bier verdient. Noch heute -wird 
in vielen Ländern obergäriges- Bier erzeugt durch spontane 
Gärung, d. h. ohne Hefezusatz. Die Gärung wird hier ein 
geleitet durch Sporen von Schimmel- und Spaltpilzen, welche? 
aus der Luft in die Flüssigkeit fallen, und gleichzeitig auch 
durch säurebildende Bacillen, die dem Getränk einen mehr 
oder weniger hohen Milchsäuregehalt verleihen. Zu den 
Bieren mit spontaner Gärung? gehören das Danziger Bier, die 
Braun Schweiger Mumme, das Seefahrerbier, das Lichtenhai-.; 
ner und die Leipziger Gose. Alle diese Biere, welche für' 
einen gesunden Magen nichts Bedenkliches haben, bilden 
doch für schwächliche Naturen und Reconvalescenten vom 
hygienischen Standpunkt aus kein ganz einwandfreies Ge 
nus-mittel, da durch die ungezählten Bakterien leicht zu 
weiterer Zersetzung der Stoffe Gelegenheit gegeben ist. Ne 
ben diesen auf ganz primitive Art hergestellten Bieren haben 
wir eine Reihe solcher, die durch Zusatz reiner Hefe herge 
stellt sind, so das Lübbener, das Werdersehe Bier, English 
Porter und Ale und das Grätzer Bier, welches durch das Ab- 
darren seines Malzes in Rauchgasen seinen bekannten Rauch- 
Geschmack erkält. 
Allen diesen Bieren ist ein grosser Milcbsäuregebalt 
eigen, der ihnen als Erfrischungsmittel ihren besonderen Cha 
rakter giebt. 
Der Hauptrepräsentant obergäriger Biere, welche durch 
Hefegärung hergestellt sind, ist das Weissbier, dessen Pro 
duction in Berlin die bedeutendste ist. In Berlin werden, 
allein 900 000 Hektoliter Weissbier hergestellt, zu deren Fa 
brikation 117 000 Doppelcentner Weizen verbraucht werden. 
Die Darstellung ist ähnlich wie bei den Lagerbieren, nur dass 
wir es nicht mit einem Gersten- sondern Weizenmalzbier zu 
thun haben. Das Weizenmalz wird entsprechend der lichten 
Farbe des späteren Productes bei geringer Temperatur ge 
darrt, dann bei 40 bis 60 Grad eingemaiselit und die Würze, 
ohne mit Hopfen versetzt zu werden, geklärt. Der chemisch. 
Vorgang ist ganz derselbe wie bei den untergärigen Geträn 
ken, indem durch das Keimen und spätere Einmaischen des 
Weizens, durch die Diastase oder Verdauungs-Enzyme die 
Stärke in Zucker umgesetzt wird. Dann wird die Gärung 
ebenfalls durch Hefe hervorgerufen, welche aber durch Stäb 
chen-Bacillen enthält, die geeignet sind, das Bier bis zu einem 
gewissen Grade (0,8 pCt.) milchsauer zu machen. Die Gä 
rung, welche bei 18 Grad verläuft, ist eine sehr starke und in 
wenigen Tagen beendet. Durch die lebhafte Zersetzung des 
Zuckers wird die Hefe durch die Kohlensäure an die Ober 
fläche der Gärungsflüssigkeit befördert, ein Process, der des 
halb auch diesen Bieren den Nymen der obergärigen einge 
bracht bat. Da die Hauptgärung das Gärmaterial fast ganz 
verbraucht und das Weissbier nur als Flaschenbier consumirt 
wird, ist es nöthig, wenn es in lebhaft moussirendem Zu 
stande und klar verlangt wird, dasselbe mit frischem, unver- 
gorenem Hefebier noch zu versetzen, um die Nachgärung in 
Flaschen eintreten zu lassen. Man kann auch dieses Auf 
frischungsmittel in Form von Zucker zusetzen ; und es reichen 
höchstens .10 gr Zucker auf ein Liter Flüssigkeit aus, wenn 
nicht durch zu starke Entwicklung der Kohlensäure die 
Flaschen zertrümmert werden sollen. Der Consum des Ber 
liner Weissbieres auch ausserhalb seiner Productionsstätte 
ist ein sehr bedeutender. Durch ein jetzt zum Patent ange 
meldetes V erfahren, welches der Vortragende leider noch nicht 
angeben durfte, wird es auch für den überseeischen Trans 
port haltbar gemacht werden, wie dies bei den Lagerbieren 
durch die PastcnrWrung schon längst geschieht. Dann 
wird auch das Berliner Weissbier, dessen Ruf längst über die 
engen Grenzen seiner Vaterstadt hinausgedrungen ist, dem 
Auslande zeigen, zu welch’ hohem Grade der Vervollkomm 
nung auch auf dem Gebiete der obergärigen Getränke es 
die deutsche Braukunst und Wissenschaft gebracht hat. 
Dr. E. J. 
Der Besuch der Kaiserin war für gestern Nachmittag 
in der Ge werbe-Ausstellung angesagt. Wie verlautete, wollte die 
Kaiserin auch zum Feuerwerk in der Ausstellung verbleiben. Gegen 
4 Uhr Nachmittag kam jedoch vom Hofinarschallamt die Mittheilung, 
dass der Besuch abgesagt sei.
	        
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