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Periodical volume Nr. 84, 10. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

öfficielle Ausstedungs-Nachrichten. S 
- ~ 1 . —« 
Als Aussteller des Deutschen Papiervereins haben auch 
zwei auswärtige Firmen ein reiches Lager von Maleratensilien 
zur Schau gestellt: A. Schneider, Patschkau in Schlesien und 
Günther Wagner, Hannover und Wien. Der Erstere brachte 
Paletten und Malkasten, Reissbretter und Reissschienen, 
Maassstäbe, Winkel, Lineale und ähnliche Artikel in reicher 
Auswahl zur Ausstellung, während von der letztgenannten 
Firma vornehmlich Künstlerfarben und Tuschen, Farbkasten, 
Tinten und andere Mal- und Zeichenutensilien ausgestellt 
wurden. Eine Specialität für Maler sind die von der Berliner 
Firma Paul Naegele hergestellten Bronzefarben zur Bronze 
malerei. Dieselbe Firma stellte ausserdem verbesserte Pan- 
tographen eigener Construction aus, welche für manchen 
echten Künstler ein unentbehrliches Hilfsmittel, für manchen 
zeichnenden Laien ein angenehmes Beschäftigungsmittel ge 
worden sind. Endlich verdienen noch die Paus- und Poly 
graphiepapiere. sowie.die Lichtpaus-Utensilien der Firma 
•Senzig & Mellis, Berlin, Erwähnung, die für die verschie 
densten Berufszwecke auf künstlerischem Gebiet unentbehr 
lich geworden sind. — 
Ist die Zahl der Aussteller nicht gerade sehr gross, so 
haben die vorhandenen Firmen doch das Beste ihrer Branche 
zur Ausstellung gebracht. Hierzu kommt der vornehme 
Stil, den die Aussteller bei dem Arrangement ihrer Aus 
stellungsobjecte innegehalten haben, und der der Gruppe, ein 
freundliches und gediegenes Aussehen verleiht. Wir die 
Gruppe XYI eine der ersten war, die fix und fertig sich den 
AusstiRungsbesuchern zeigte, so wird auch die Papier-In 
dustrie alle Zeit einen der ersten Plätze im Berliner Gewerbe 
einnehmen. P. Kunzendorf, 
Kunstgewerbliche Arbeiten aus Leder. 
[Abdruck untersagtj. 
Die Leder-Industrie Berlins befindet sich in einem Ue- 
bergangs-Stadium. Wie in jeder Krise treten auch in der 
gegenwärtigen Epoche dieses Arbeitszweiges die beiden Ex 
treme der überschwänglichen Hoffnungen und der Unter 
schätzung so lebhaft auf, dass eine richtige kritische 
.Schätzung schwer wird. Von der einen Seite hört man mit 
dem Brustton der Ueberzeugung ausrufen: „Die Leder- 
Kunst-Industrie hat in Berlin ihren Hauptsitz. Sie hat die 
, rivalisirenden Productionsstätten Wie m und Offenbach, 
namentlich in der Albumfabrikation. überflügelt und gilt 
als tonangebend auf dem Weltmarkt“ — auf der anderen 
Seite vernimmt.man die Klage, dass durch die Tagesmode 
.und die Sparsamkeit des kaufenden (?) Publikums nur das 
Billigste einen Verdienst abwerfe, und dass bei solchen Ge 
genständen, welche, zum grössten Theil mit Hilfe der Ma 
schine hergestellt, als Handelsartikel für den allgemeinsten 
Gebrauch bestimmt sind, „vielfache Ausschreitungen und Ge 
schmacklosigkeiten statthaben, denen sich die Industrie um 
so weniger zu entziehen vermag, als sie hei der zur Ver 
fügung stehenden vollständigen Beherrschung der techni 
schen Mitte, derselben nachzugeben leicht* y im Stande ist.“ 
Wie wenig Klarheit über die kunstgewerbliche Ver 
werthung des Leders heutzutage herrscht, kennzeichnet sich 
schon in der von Urgrossmutters Zeiten herüberkommenen Ein 
schachtelung dieser enorm wichtigen Branche in die Gruppe 
„Kurz- und Galanteriewaaren“; also es giebt in Berlin eine 
„Metall-Industrie“ — siehe Gruppe VII — alter keine Leder 
industrie ! — Wer sich für den heutigen Stand dieses Aiv 
beitszweiges in Berlin interessirt, ist gezwungen, die ausge 
stellten Objecte in verschiedenen Sälen zusammenzusuchen; 
und zwar: Ledertapeten und Möbelbezüge in Gruppe Holz 
industrie, bei den Wohnungseinrichtungen, und im Wohl- 
fahrtsgebäude (Ministerzimmer) ; die Taschnerwaaren (auch 
ein Theil der Riemerarbeiten gehört hierher) unter X\ 
Leder- und Kautschuk-Industrie; endlich in folgenden Un 
terabtheilungen der Gruppe VI: Buchbinder-Arbeiten, Al 
bums, Galanteriewaaren ans Leder und in den Pavillons 
ym Georg Halbe und Burda. —- 
Eine weitere Schwierigkeit entsteht für den Beurtheilet 
dadurch, dass einige der grössten und wichtigsten Finnen in 
der Ausstellung nicht vertreten sind. Ein Theil 
dieser Fabrikanten hat sich aus Indolenz und Sparsamkeit 
ferngehalten, in dem Gedanken: Unser Geschäft geht ohne 
hin gut, was sollen wir uns in die Unkosten der Platzmiethe 
stürzen; ein anderer Theil soll von deg auswärtigen Firmen, 
besonders Frankreichs terrorisirt worden sein, welche — in 
der Angst, m,an könnte ihre Einkaufsquellen errathen, den 
deutschen Fabrikanten mit dem Boycott drohten, falls sie 
ausstellen würden. —• Es resultirt aus allem diesem, dass die 
Leder-Kunstindustrie auf der Berliner Gewerbeausstellung 
J89G gegen frühere Weltausstellungen im allgemeinen nicht 
gerade einen Fortschritt bedeutet. Es sind wunderhübsche 
Portemonnaies und Portefeuilles da, es zeichnen sich einige 
Fabriken in unerschöpflicher Erfindung neuer praktischer 
Tressors und Necessaires aus; für die eigentliche „Galante 
rie“-Waare aus Leder hat der Norddeutsche nicht so viel In 
teresse, wie der Wiener und Pariser, hei denen die Ball- und 
Festattrapen, sowie Salon-Nippes etc. ejne grössere Rolle 
spielen und dem Fabrikanten stetig wechselnde Anregung 
geben. Dagegen finden sich vorzügliche Leistungen nn 
Prachtbändt n, Albumdecken, Gassetten und Etuis. In der 
Bearbeitung des Leders, in Fa^on und zarter Farbenge 
bung können manche Spinden, wie die von Schwalbe und 
Foerste als Muster dienen. Nur einem Tadel können auch 
diese Industriellen nicht, entgehen: Warum vermeiden sie 
alle wie auf Verabredung einen wirklichen Maler mit einem 
Auftrag zu betrauen? Welcher himmelweite Abstand 
zwischen unserer heutigen bildenden Kunst — und den süss- 
lich sentimentalen Garten- und Schäferscenen auf den 
Deckeln der Albums und Gassetten! — Geht doch die Me 
tall-Industrie Hand in Hand mit der Kunst der Plastik; 
giebt es doch auch Fächerfabrikanten, die beispielsweise 
einen Fritz Stahl mit einem Auftrag beehren. Warum 
muss nur auf dem dauerhafteren Leder künftigen Genera 
tionen der Abhub, die „Gespenster“ der heutigen Kunst 
überliefert werden? — 
Derjenige Zweig des Leder-Kunstgewerbes aber, welcher 
auch auf unserer Ausstellung in imponirender Weise vertre 
ten ist, die Kunst des Lederschnittes und des Punzens, be 
deutet auch die erste Etappe des wahrhaft weltbedeutenden 
Fortschrittes der Berliner Industrie. Georg Hulbe ist be 
kanntlich der bedeutendste Vorkämpfer dieser wiederor- 
rungenen echt deutschen Kunst. In sinnvollster Anpassung 
an die Eigenschaften des Ledermaterials, mit geschicktester 
Ausnutzung seiner Vorzüge entstehen in diesen Kunstwerk- 
stätten Objecte, welche trotz ihre hohen Preise reissenden 
Absatz finden; denn auf die Dauer erhält sich eben doch nur 
das Gute. — 
Von den „Staats“ - Angelegenheiten der Berliner 
Industrie. 
[Abdruck untersagt ) 
In dem weiten Gebiete des Berliner Gewerbefleisses nimmt 
die Hut-Industrie einen bemerkenswerthen Rang ein. Es 
ist, wie man weiss, ein grosses Arbeitsfeld, das sich in zwei 
UnterabtKeilungen gliedert : die Herrenhut-Fabrikation mit 
ungleich grösserer industrieller Ausdehnung und die Dainen- 
hut-Branche mit erheblich zahlreicheren Product ions-Olfi- 
jecten. 
Lassen wir — galant- wie immer — den Damen den Vor 
tritt und halten wir uns zunächst an das, was unsere Aus 
stellung von der Damenhut-Fabrikation bietet, ä orweg sei 
festgestellt, dass die Damenhut-Ausstellung entschieden ersten 
Ranges ist, soweit die Qualität in Frage kommt. Das ist 
um so erfreulicher, da die Quantität leider manches zu wün 
schen übrig lässt, Es sind nur wenige Firmen vertreten, 
und auch diese wenigen mit relativ kleinen Räumen. Abei 
welche Summen von erlesenem Geschmack, von feiner Kunst 
fertigkeit der Ausführung werden hier von jedem Quadrat* 
me«er Raum repräsentirt!
	        
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