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Periodical volume Nr. 90, 16. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Alissfellungs - Nachri ' 
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suclis-Anstalt eine Bruchbelastung von ea. 20 000 Kilo auf- 
weisst. Diese sämmtlichen Hanf- und Drahtseil-Fabrikate, 
v,eiche sich nach Material und nach Stärke auf 50 verschie 
dene Arten belaufen und ohne Ausnahme Handarbeit' sind, 
hat die Firma ohne Verwendung auch nur eines Nagels zu 
einem ca. 4 m hohen ornamentreichen, pavillonartigen Auf 
bau vereint und mit einer künstlich geflochtenen Seil werk» 
Ueberdachung versehen, über welcher — ebenfalls nur aus 
Feilwerk hergestellt — die Deutsche Kaiserkrone schwebt. 
© 
Das Apollo-Theater hat seit gestern wieder ein neues 
Programm, das dem sehr zahlreich erschienenen Publikum 
— das prächtige Haus war fast ausverkauft — ausserordent 
lich gefiel. Es sind nicht alle Mitwirkenden für uns neu, 
aber sie bringen durchweg neue Kümmern und beweisen 
durch dieselbe wieder, dass selbst das Unglaublichste auf 
diesem Gebiet imnKjr wieder von Unglaublicherem überboten 
wird. Um die Scala des Lobes zu erschöpfen, müssten wir 
einfach das grosse Programm abschreiben, wir wollen uns 
daher dahin bescheiden, zu coastatirqn, dass der Schlager des 
Abends, die Mannstädt’sche Burleske „Ein Abenteuer im 
Harem“, mit auserlesenem Geschmack neu ausgestattet und 
■von Director J. Glück vorzüglich insqenirt, wieder riesig 
gefiel und letzterem, wie den humorvollem Darstellern Henri 
Bender, R. Steidl, J. Armin und Clara Antonie zahlreiche 
Hervorrufe eintrug. .Jonny Peters excellirte als brillante ,Tod- 
lerin, die drei Apollons erwiesen sich als geradezu gewaltige 
Kraftmenschen, und wenn siei mit centnerschweren Kugeln 
lächelnd Fangball spielen, oder einer ein Piano nebst dem 
Spieler spazieren trat, so ist dies für einen Kormalmenschen 
einfach unheimlich. Sehr wirksam sind die französischen 
Duettisten Del Mely, ganz vorzüglich die musikalischen 
Clowns Deltorelli, die Reckturner The Avolos, die Stürme von 
Beifall entfesselten. Auch das russische Damenquintett 
Wischinskajä, das sich namentlich auf choreographischem 
Gebiet auszeichnet, sowie der Gesangs-Komiker Georg Rösser 
gefielen recht gut. Alles in allem bedeutete der Abend einen 
schönen Erfolg, der sich jedenfalls auch nachhaltig erweisen 
dürfte. 
Bei den Pflanzenfressern. Im Vegetarianerheim 
cu Alt-Berlin finden die Fleisch Verächter eine heimische 
Stätte. Die durch keinen Fettfleck verunzirten Speisekarten 
weisen kein Fleischgericht auf, das einzige Zugeständnis?, 
das an Unbekehrte gemacht wird, ist die Verabreichung von 
Eierspeisen und von Porterbier. Das Lokal hat seine Stamm 
gäste wie jedes andere, nur scheint es, als ob manche Pflanzen 
kost ihrer Billigkeit halber vorziehen. Ein Tisch ist besetzt 
mit Bedienuugsmansehaften des Instituts für Taxameterfahr 
stühle, die Leute essen Spinat, der in der Farbe je mit ihren 
Aufschlägen und Galons harmonirt. Die in altberlinische 
Kostüme gehüllten Verkäuferinnen und Kellnerinnen, welche 
an einem andern Tische Kartoffelpuffer oder eine Mehlspeise 
mit süssem Compot verzehren, scheinen auch nicht ganz frei 
willig auf die hier verpönte Fleischkost zu verzichten. Ein 
gefleischte Vegetarianer an einem dritten Tische murren ob 
der Eierspeisen, die gegen das strenge Reglement verstossen 
und halten Gericht über einen Abtrünnigen, der gestern beim 
Genuss von Bockwurst und Kartoffelsalat im Vergnügungs 
park angetroffen wurde. Um rhört! Er wird zum sofortigen 
Genuss von 6 Glas Himbeerwasser, wovon die Hälfte ohne 
Saft, verdonnert, fleht um Gnade und verspricht Besserung. 
Umsonst! Denn er hat auch Bier getrunken dicht neben 
einer Milchhalle, so etwas fordert Sühne. Eine Familie aus 
der Provinz hat sich im Vorgarten niedergelassen und ver 
langte die Speisenkarte. Das edle Oberhaupt liest sie von 
Anfang zu Ende und der Kontrole wegen vom Ende zum An 
fang durch und fragt .schliesslich: Was giebt es denn für 
Fleisch? „Fleisch haben wir keins, Herr, aber unsere Speisen 
sind mit reiner Butter zubereitet und sehr gesundt”. Den 
Schluss dieser Rede hörte die flüchtende Familie schon nicht 
mehr. — Eine einsame Ausstellungsbesucherin rieht, doch 
kein Porter zu trinken und überhaupt geistige Getränke zu 
meiden, dann würde man sich viel wohler befinden. Eine 
halbe Stunde später sah man sie an einer verborgenen Stelle 
des Zwingers ein sehr verdächtiges Fläschchen zum Mund 
führen, es ist wohl anzunehmen, dass es kalten Thee ohne. 
Ruin enthielt und keinen Cognac, wie böswillig behauptet 
wurde. Es ist jedermann zu empfehlen, der sich für Pflan 
zenkost interessirt, ein paar Gerichte zu essen und nachher, 
um den Unterschied gewissenhaft feststellen zu können, (in 
Filetbeefsteak darauf zusetzen. 
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In der Schwemme. Das nasse Viereck hat nun auch 
seine »Schwemme« erhalten, ein äusserst primitives, bäuerisch ein 
gerichtetes Lokal, welches an die Rückseite des Alpenpanoramas 
angebaut worden ist. An den einfachen Holztafeln, die auf unge 
schälten Holzpfählen befestigt sind, sitzen die Besucher auf breit- 
beinigen Holzschemeln bei Bier, Kas und Radi. Es wird auch 
nicht übel vermerkt, wenn man sich sein Essen mitbringt und sich 
a Bier dazu geben lässt, freilich muss man sich dabei ohne Teller 
behelfen und die Speisen mit dem Taschenmesser zerkleinern. 
So bringen es derartige volksthümliche Lokale aber mit sich. 
Auf einer Tafel ist zu lesen, dass der Gebirgsjunge zehn Glas Bier, 
elf Wachholder und einen Kas zu sich genommen, darunter ein 
Zusatz: »ist schuldig blieben!« Dies ihm nachzuthun, wäre nicht 
gerathen, denn die weibliche Bedienung ist sehr kräftig und hand 
fest, auch nicht aufs Maul gefallen, wenn Auskunft über Sachen 
begehrt wird, die ausserhalb des Geschäftskreises liegen. Eine 
weitere Notiz auf der schwarzen Tafel besagt, dass ein Zitherspieler, 
nachdem er eine ganz artige Zeche verübt hat, »in’s Gebirg’ ge 
gangen ist«, ebenfalls ohne zu zahlen. 
V 
„Haben Sie ein Taschenmesser bei sich?" 
Die Wetz- oder Sclileifsteinve'rkäufer in Alt-Berlin verstehen 
es, durch grosse Redegewandtheit Publikum an ihren Tisch 
zu locken, was. sie folgendermaassen anfangen. Ein ahnungs 
loser Besucher wird plötzlich von einem altdeutsch gekleide 
ten Manne gefragt, ob er nicht ein Taschenmesser bei sich 
habe. Meistens ist dies der Fall, nun wird der Besucher ge 
beten, das Messer zu zeigen. Die Messer sind fast immer 
stumpf, sie müssen es sein, ist eines mal nicht vorschrifts- 
massig •stumpf, so wird es mit wenigen Feilenstrichen in eine 
kleine Säge verwandelt, und das angesammelte Publikum als 
Zeuge angerufen, dass das Instrument zum Schneiden ab 
solut unbrauchbar ist. Nun aber kommt der Wetzstein, 
glänzend zur Geltung, unter fortwährendem Schwadroniren 
wird die Klinge bearbeitet, mit der man nach kurzer Zeit 
Papier schneiden kann; damit nicht genug, das Messer wird 
auch noch polirt mit demselben Steine und nach vollbrach 
ter That dem Besitzer mit einer altmodischen Verbeugung, 
überreicht, ohne dass letzterer etwa aufgefordert wird, einen 
solchen Wunderwetzstein zu kaufen. Aus Dankbarkeit aber 
wird gekauft, nicht nur von dem Messerbesitzer, sondern auch 
von den übrigen Zuschauern, denen die Brauchbarkeit eines 
solchen Wunderwetzsteines einleuchtet. Zieht der Wetz 
stein nicht, so thut es das Universal-Reinigungsmittel. Der 
Wundermann sendet sprühende Blick« in das vorüberwan 
delnde Publikum, um einen Flecken auf Rock, Weste oder 
anderem Kleidungsstück irgend eines Menschen zu entdecken. 
Plötzlich leuchtet sein Auge, er hat einen Flecken gefunden, 
geradezu einen Musterflecken auf dem Rockkragen eines 
Mannes, stürzt auf ihn zu und bittet herzbewegend, den 
scheusslichen Flecken gratis entfernen zu dürfen. Die Bitte 
wird gewährt, und die Procedur beginnt, begleitet von einem 
mächtigen Wortschwall. In unglaublich kurzer Zeit ist 
durch Wasser und das, Universalmittel der Fleck total un 
sichtbar, und das Geschäft wird gemacht. Mit. Vorliebe 
werden auch Damenglace - Handschuhe behandelt, auf 
Wumch können sie sogar dabei anbehalten werden. Bei 
diesen Arbeien sind oft mehr Zuschauer, als bei manchen 
Schaustellungen. Alles für fünfzig Pfennige, das Messer 
scharf und ein Wunderstein oder das Gewand rein und das 
Universal-Reinigungsmittel, dessen Zusammenstellung tiefes 
Geheimnis,? ist. 
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Ein Dachstuhlbrand entstand gestern (Dienstag) Nach 
mittag im Restaurant Tuchcrbräu. Durch Austritt von Funken
	        
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