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Periodical volume Nr. 82, 8. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

io Officielle Ausstellurigs- Nachrichten. 
Zeit zu Zeit einen uiiartikülirten Laut von sielt zu geben. 
Als der Sprecher mit der Versicherung- schloss, auch er sei 
einst ein so schlimmer Sünder gewesen wie wir, und noch da 
zu ein jüdischer, aber er sei jetzt bekehrt, gewannen wir die 
Ueberzeugung, dass es für die Bibelgesellschaft besser ge 
wesen wäre, wenn er in seiner Sünde verharrt hätte, er hätte 
dann wenigstens den Bestrebungen der von ihm vertretenen 
Religionsgemeinschaft nicht geschadet. Niemand glaubte 
daran, ein solches Scheusal zu sein, wie der junge Mann mit 
dem schneidenden Organ im Ausrufertone versicherte. Ich 
fürchte, dass die Infolge nicht von Bedeutung sein werden, 
die solche Volksprediger erzielen, die Seelsorge überlasse man 
berufenen Predigern. Nach einer solchen Ansprache fühlt 
man sich nicht erbaut, sondern abgeschreckt. Man scheint 
sich hier hauptsächlich mit Judenmission zu befassen, wie 
die Bücher in der Auslage zeigen. Eigenartig genug ist 
ein solcher Gottesdienst unter freiem Himmel bei drohendem 
Hegen. Der Gesang des in Aussicht gestellten -Jungsrauen- 
ehors unterblieb da sofort, nach dessen Ankündigung sich 
das Publikum en inasse erhob und den Ausgängen zueilte, 
gleichzeitig prasselte ein heftiger Regen nieder, als wolle er 
mitleidig die grässlichen Bilder verwaschen, die uns die 
beiden Sprecher da drin vor die Seele geführt hatten. Ich 
bin der Ansicht, dass die Heilsarmee, die nur wenige Schritte 
davon entfernt gleichfalls ein Lager im Ausstellimgshotel, 
umgeben von Kneipen und Singspielhallen, aufgeschlagen 
hat, noch bessere Erfolge erzielt, dort ist wenigstens die Re 
präsentation tadellos, diese hat hier nur einen Laden er- 
miethet, in dem sie ihre Schriften verkauft und Auskünfte 
ertheilt. — Man muss doch die Ausstellung für einen wahren 
Sündenpfuhl halten, wenn man sie mit solchem Geschütz 
umzingelt. — Der Gottesdienst in der Ausstellung ist him 
melweit verschieden von den Veranstaltungen da draussen, 
die Angestellten können daran leider nur in beschränkter 
Zahl theil nehmen, weil sie gerade in der Zeit von 10—11 
Uhr am Unentbehrlichsten sind, dabei finden sich aber regel 
mässig Ausstellungsbesucher ein, um hier gediegene An 
sprachen zu hören. 
Ein roher Diamant. 
(Abdruck untersagt.] 
Seit dem letzten Subscriptionsballe wiegte Nuscha ihr 
Köpfchen stets mit freudigem Aufblitzen ihrer blauen Augen, 
wenn sie dem liebsten ihrer Tänzer auf jenem Balle irgendwo 
begegnete. 
Und er grösste sie mit viel grösserer Devotion als jede 
Andere. 
Diese Aufmerksamkeit war seinen Freunden nicht ent- 
entgangeu. Als ihn Nuscha am Himmelfahrtstage an der 
St. Hedwigskirche sah, aus der sie, das Gesangbuch in der 
Hand, mit Mama und Papa züchtig herausgetreten, blieb er 
einen Moment wie festgebannt stehen, dann erst griff er nach 
lern Hute und neigte ihn tief zur Erde. 
Die beiden Freunde an seiner Seite sahen ihn fragend 
an: „Was war dass Und — wer war das? —” 
Egbert liess sich ein Geständniss nicht entlocken. Er 
kannte es am Himmelfahrtstage selbst noch nicht genau, 
wenigstens wusste er noch nicht ganz gewiss, ob das Gefühl 
„Liehe.” sei oder nicht. 
Seine Freunde hielten es für „Liebe”; Eckehard, der 
Aeltere von ihnen, für vollständig ausgebildete, Edwin für 
im Keimen begriffene. 
Mit raschem Blicke hatte Mama gesehen, dass Nuscha, 
indem sie ihr Köpfchen zum Gegengruss gesenkt, errathet 
war. 
Errathen bedeutet Interesse. Aber, welcher von den 
dreien war’s, der Nuscha interessirte ? —- 
Am Sonntag wanderte Egbert schon lange vor Schluss 
des Gottesdienstes vor der Hedwigskirche auf und ab. 
Diesmal allein. 
Auch Nuscha kam allein aus dem Gotteshause. Schon 
auf der Treppe hatte sie ihn erkannt. Das war nicht schwer. 
Denn Egbert ragte um Vieles über andere Sterbliche hinaus. 
Eine, schöne, stolze Gestalt. Ein Blick genügte Nuscha, 
um sich zu überzeugen, dass er Jemand suche. 
Sein Auge ruhte forschend auf dem Portal, aus dem die 
Andächtigen heraus strömten. Endlich entdeckte er die Ge 
suchte. Ein Kranz reizender Mädchenknospen umgab sie 
jetzt. 
„Fatal!” murmelte er. 
Nuscha huschte in den Pferdebahnwagen und war seinen 
Blicken entschwunden. 
„Warten wir geduldig !" sagte er, „sie kommt Pfingsten 
wieder”. 
Er hatte Recht. Am Pfingstsonntage erschien sie mit 
Vater und Mutter auf den Stufen zum Portal der Hedwigs 
kirche. 
„Was machen Sie Nachmittag?” meinte ein jovial 
dreinschauender Herr zu Nuscha’s Vater, als die Andäch 
tigen sich nach dem Gottesdienste zerstreuten. 
„Ich denke, nach Treptow”, sagte er. 
„Mit der Stadtbahn?” meinte der joviale Herr. 
„Nein, mit der Elektrischen”, gab Nuscha zur Antwort, 
ehe Papa drein reden konnte. 
„Lützowplatz”, hörte Egbert den Vater zum Schaffner 
sagen, als das Kleeblatt eingestiegen war. 
„Punkt 4 Uhr!” i-ief Nuschas Vater seinem Freunde zü, 
der nicht nach Hause fuhr. 
Egbert wusste genug. Punkt Vier stand er in der 
Nähe der Brücke, die vom Haupt-Portal nach dem Aus- 
stellungs-G ehäude führt. 
Endlich kamen sie ; doch nur zu dreien. 
Er schlängelte sich an sie heran. „Sie gestatten gü 
tigst?” bat er. 
Papa und Mama sagten: „Angenehm” und er gesellte 
sich ihnen zu. 
Seltsam! Vorher war Nuscha den Eltern in der Mitte 
gegangen, nach wenigen Minuten sahen sich die Eltern 
ohne sie. Gleich und Gleich gesellt sich gern; sie ging 
hinter ihnen neben Egbert her. Das hatte sich in dem 
Gedränge ganz von seihst gemacht. 
Sie sprachen kein Wort, nämlich die Eltern. Hm so 
eifriger war das Töchterlein mit seinem Begleiter beschäftigt. 
Die vorn bestaunten Alles und wunderten sich über das 
Geschaffene, die jungen Leutchen hatten nur Augen für 
sich, von all’ dem, was um sie her, sahen sie nichts. 
Im Eifer des Gespräches hatte Nuscha ihren Arm in 
Egberts Arm geschoben. Bei einer Biegung des Weges 
entdeckte Mama das Unheil. „Unerhört!” stiess sie ihren 
Gatten an : „Arm in Arm !” 
Papa drehte sich nach den Uebelthätern um. „Ein 
reizendes Paar,” tröstete er seine Gattin. „Wie für ein 
ander geschaffen”. „Hin!” machte Mama. „Ihr Männer 
bleibt immer und ewig leichtsinnig. Weisst Du denn, 
ob der „junge Mann” die Absicht hat, das Kind zu hei- 
rathen? Und wenn das, ob er im Stande ist, eine Familie 
zu erhalten?” 
„Gott! Wie prosaisch!” nahm Papa seine Partei. 
„Sieht der junge Mann aus, wie ein Leichtfuss?” — — 
Mama war müde geworden. Und Papa durstig. Aber, 
wo ein Plätzchen finden, um aus zu ruhen und sich gleich 
zeitig zu laben? 
„Ganz gleich”, meinte Nuscha. „Wo ich vier leere 
Stühle sehe, lassen wir uns häuslich nieder”. 
Erst nach langem Suchen sahen sie vier Stühle, die 
so eben ihre Besitzer verloren hatten. 
„Meine Gnädige”, stellte sich Egbert vor. „Berg- 
Assessor von M. . . /’ /Papa warf einen triumphirenden 
Blick auf seine Gattin. Dann stärkten sie sich. 
„Wenn mich nicht Alles täuscht, sitzt dort unser guter 
Egbert”, meinte Eckehard, zu seinem Freunde Edwin. 
„Wahrhaftig!” bestätigte Edwin. „Mit der jungen 
Dame aus .der Hedwigskirche/’ 
„Ganz recht!” meinte Eckehard. „Deshalb hat er uns 
sich abgeschüttelt?,” Na, warte! alter FreundI”
	        
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