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Volume Nr. 81, 7. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Aussteüungs-Nachrichten. n 
Anders freilich gestaltet sich die Sache, wenn wir den 
Tadel der Einzelnen zu einem Ganzen zusammenfassen, die 
reichlich sickernden Tröpfchen der mit Recht als unfehlbar 
gerühmten Stammtisch-Weisheit zu einem Bächlein vereini 
gen, /las, je weiter die Ausstellungsdauer vorwärts schreitet, 
nach und nach zu einem Strome anschwillt, der mit unwider 
stehlicher Gewalt alles fortreisst, was noch zum Lob des Wer 
kes gesagt w erden kann, nichts zurücklassend von dein 
Rausche der anfänglichen Begeisterung, als den schönsten 
Katzenjammer der Enttäuschung. Wir haben auf diesem 
Wege geprüft — streng geprüft, haben die vielerlei Aus 
stellungen, wie sie aus den berechtigten Interessen jedes Ein 
zelnen, sowie ganzer Vereinigungen entsprangen, in das 
grosse Schuldbuch des Arbeits - Ausschusses und dieser 
ist ja der alleinige Sündenbock — gewissenhaft eingetragen 
und sind zu dem beschämenden Endresultat gekommen: 
Es ist nichts mit unserer Ausstellung —< 
absolut nichts. 
Es würde uns zu weit führen, wollten wir die einzelnen 
Seiten dieses Schuldhuches kritisch durchblättern. Der 
„grosse Stammtisch” der breiten Masse, der anerkannter- 
maassen alles weiss, von dem aus die Welt regiert wird und 
nicht nur Bismarck und der selige Moltke, sondern auch der 
liebe Gott hätten lernen können, dieser Stammtisch, der die 
weisesten Gesetze schafft, Kriege führt und allzeit den vor- 
theilhaftesten Frieden schliesst, hat das obige vernichtende 
Urtheil gefällt und damit ist die Sache erledigt. Und sollte 
selbst das Endresultat der Ausstellung sich nach den Begrif 
fen des beschränkten Unterthanenverstandes als ein gün 
stiges herausstellen —- der Geist der Verneinung —- pardon, 
des grossen Stammtisches, wird es als ein trügerisches er 
klären, da es gegen seine unfehlbare Ueberzeugung erzielt 
wurde. 
Was bleibt uns übrig, als uns gegenüber dieser betrü 
benden Thatsache für besiegt zu erklären ? Nichts, als die 
jenigen Lehren aus unserer Niederlage zu ziehen, die ein an 
deres Mal das Gelingen verbürgen. Wir haben uns wäh 
rend der lezten Regentage in stiller Einsamkeit bemüht, dies 
schon jetzt zu thun und sind zu folgender Ansicht gekommen : 
Sollten wir jemals wieder die Kühnheit haben, eine Ausstel 
lung zu veranstalten, .so müssen wir uns vor allen Dingen 
einen Arbeits-Ausschuss wählen ,der uns permanent gutes 
Wetter verbürgt. Es hat sich herausgestellt, dass gutes 
Wetter ein Hauptfactor für das Prosperiren einer Ausstellung 
ist, verlangen wir also entschieden, dass seitens des Arbeits- 
Ausschusses für solches gesorgt wird. Er sage uns nicht: 
„Contre la force il n’y a pas de resistauce !" Wir wollen 
als gute Deutsche nichts mit französischen Sprichwörtern 
zu thun haben, wir verlangen einfach gutes Wetter. 
Nicht zu heiss, nicht zu kühl und vor allem keinen Regen. 
Der Regen muss unter allen Umständen vom Programm ge 
strichen werden. Eine weitere Pflicht des künftigen Arbeits- 
Ausschusses-ist es, jedem Aussteller den.besten'Platz an 
zuweisen. Der Aussteller hat das Recht, denselben zu ver 
langen, er muss in dieser Beziehung vor unlauterem Wett 
bewerb geschützt werden, also weise man ihm den besten 
Platz an. Die etwaige Entschuldigung, es gäbe nicht lauter 
„beste Plätze'*, nehmen wir nicht an. Wozu engagirt der 
Arbeits-Ausschuss Architekten? Macht Hoffacker die Sache 
nicht, so nehme man Müller oder Schulze. Der Name thut 
hier nichts zur Sache, wir verlangen für jeden einzelnen Aus 
steller den besten Platz und — einen besonderen Ein 
gang. Das Publikum soll nicht genöthigt sein, erst die 
Kojen und Pavillons Anderer zu passiren und so seine 
'Aufmerksamkeit zu zersplittern, es muss un 
bedingt mit der Nase direct auf die Dar 
bietung jedes Einzelnen gestossen werden. Das weitgehendste 
Zugeständnis«, das wir machen können, ist, wenigstens einen 
Separateingang für jede besondere Gruppe zu schaffen. 
Fünfundzwanzig Gruppen — fünfundzwanzig Eingänge! 
Selbstverständlich mit besonderen Kassenschaltern und künst 
lerisch geschmückten Seitenwänden versehen, die jeden Aus 
blick auf die Erzeugnisse der benachbarten Gruppen un 
möglich machen. 
Es ist eine feststehende Thatsache, dass sich zu jeder Aus 
stellung Hunderte von tollkühnen Unternehmern jeglichen 
Genres herandrängen, die ä tont prix auf den Geldbeutel 
der Besucher speculiren, Dinge in’s Leben rufen, die von. 
vornherein den Keim des Misslingens in sich tragen, und 
wenn dieser Keim sich im Schatten der Ungunst des Publi 
kums ruhig entwickelt, mächtig auf die Ausstellung schim 
pfen. Dem muss vorgebeugt, diese Leute müssen dadurch 
geschützt werden, dass der Arbeits-Ausschuss, dem es auf 
einige Milliönchen nicht ankommen darf, für ihre Ver 
luste aufkommt. Die Ausstellung soll jedem Nutzen, 
aber keinem Schaden bringen, sonst ist eben die Leitung, 
eine schlechte. Und wenn beispielsweise der Pächter eines 
chinesischen Theepavillons monatlich 3000 Mark Miethe an 
den Erbauer bezahlt, und das Gros der Besucher das alte 
Berliner Wort : „Ricke, keenen Thee nich — nur heute 
keenen Thee nich!" in allen Tonarten variirt und dem Manne 
nicht auf die Beine hilft, indem es nicht so viel Thee trinkt, 
als der gute Mahn ausschenken müsste, so muss ihn eben der 
Arbeits-Ausschuss trinken, das ist seine verfluchte Pflicht und 
Schuldigkeit. 
Ueberhaupt muss dieser sein Hauptaugenmerk im Allge 
meinen auf die Verzehrs - Verhältnisse richten. 
Er muss dafür sorgen, dass alle Wirthe gleichmässig viel 
und genügend zu thun haben. Den höchsten wie den be 
scheidensten Ansprüchen muss billigst Rechnung getragen 
werden, und diejenigen Ausstellungsbesucher, die schon mit 
ihrem Fünfzig Pfennig-Entree nach ihrer Ansicht ein ge 
nügendes Opfer gebracht haben, müssen eventuell freie 
Atzung erhalten, deren Kosten die künftigen Adlons und 
Dresseis des Hauptrestaurants zu tragen haben. Ihr Gewinn 
ist, wie der grosse Stammtisch definitiv calculirt hat, trotz 
der 5— 6000 Mark täglicher Kosten, selbst an schlechten 
Tagen so gross, dass es auf das Bischen Freizeche nicht an 
kommen kann. Einem tüchtigen Arbeits-Ausschuss wird es 
nicht schwer fallen, ein diesbezügliches Arrangement zu 
treffen. Nöthigenfalls kann der Garantiefond herangezogen 
werden, dessen Zeichnung, um allen Beängstigungen vor 
zubeugen, künftig der Arbeits-Ausschuss unbedingt allein 
übernehmen muss. 
Wir kommen nun auf das Capitel der Dauerkarten 
Diese sind mit 15 Mark entschieden zu hoch bezahlt, da der 
Besitzer einer solchen Karte genöthigt ist, während der 
165 Tage der Ausstellungsdauer dreissig Mal den Treptower 
Park zu besuchen, wenn er auf seine Kosten kommen will. 
Das kann man nicht verlangen, das ist eine Beschränkung 
der persönlichen Freiheit, durch die sich der Arbeits-Aus 
schuss — er möge dies wohl bedenken — einer strafbaren 
Handlung schuldig macht. Wir halten einen Preis von 
fünf Mark pro Karte vollständig genügend, und selbst dann 
kann der Inhaber, durch Umstände aller Art, z. B. durch 
eine längere Badereise, an der Ausnutzung verhindert wer 
den. Die Karte muss daher unbedingt übertragbar sein.- 
Bei einer Ausstellung, die 7j—8 Millionen aufbringen muss, 
um ohne Deficit abzuschliessen, kann dies keine Rolle 
spielen. 
Schliesslich noch Eines. Der künftige Arbeits-Aus 
schuss muss, gleich dem jetzigen, alles aufbieten, die Frem 
den von nah und fern in die Ausstellung zu ziehen und sie 
möglichst lange darin festzuhalten. Aber er muss auch dafür 
sorgen, dass sie alle städtischen Etablissements, Theater, 
Restaurants etc. fleissig frequentiren, täglich Einkäufe in 
den Berliner Geschäften machen und nicht eher abreisen, bis 
der letzte Groschen ausgegeben ist. Wie er sie dazu zwingt, 
ist seine Sache, aber wir fordern, dass er es thue, denn jeder 
Einzelne, selbst der letzte Kleinkrämer und Destillateur kann 
verlangen, dass ihm die Ausstellung reichlichen Gewinn 
bringe, für dessen Ausfall ihn eventuell der Arbeits-Aus« 
sch.uss- schadlos zu halten hat. 
Noch viel wäre über die Pflichten desselben zu schreiben 
— allein wir wollen uns vorläufig mit dem oben Angeführten 
begnügen. Erfüllen die Leiter unserer künftigen Ausstel 
lung diese berechtigten Anforderungen und Wünsche, dann 
können sie wenigstens allabendlich ihr Haupt mit dem he-
	        
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