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Periodical volume Nr. 81, 7. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

10 Officielle Aussteliungs- Nachrichten. 
Hess, hat sich englische Kunst eigentlich nur in einem 
engeren Wechsel verkehr mit Antwerpen ganz selbstständig, 
entwickelt und von Hogarth und seiner „Mariage ä la mode“ 
an über Turner, Landseer und Leigthon eine grosse Ent 
wickelung genommen, welche ganz den Ausdruck des beson 
deren Schönheitssinnes und des feingebildeten Naturge- 
fühles der angelsächsischen Rasse ist, wie wir sie auch aus 
Englands von (fenie strotzender Literatur kennen. Wie er 
staunt war man, als vor zehn Jahren die Engländer, zunächst 
als Aquarellisten, aus ihrer hundertjährigen künstlerischen 
Isolirung heraustraten und sich am europäischen Wettbe 
werb betheiligten! Und sie haben sich im Fluge die Welt 
erobert, ohne von ihrer ganz selbstständigen Art etwas ein- 
zubüsstn. Deutsche Künstler wie Herkomer, die nach Eng 
land gegangen sind, haben vielmehr, bestimmt durch Natur 
und menschliche Umgebung, auch künstlerisch ein ganz 
englisches Gepräge angenommen. 
Auf der diesjährigen Jubiläums-Ausstellung zieht uns 
ein kleines entzückendes Bild von Alma Tadenui an, antike 
Frauen, welche einen Schmuck bewundern. Eine Knieende 
hält das Geschmeide in der Hand mit habsüchtig ent 
zücktem Ausdruck. Wir schätzen dies Bild um der ganz 
besonderen Feinheit der mimischen Durchführung willen; 
das Köpfchen der Knieenden ist mit unendlicher Zartheit 
und Wahrheit der physiögnomisehen Erscheinung ausge 
führt. Und che zarte Modellirung der. Gestalten, der an- 
muthsvolle Reiz der lichten, durchaus gestaltungsvollen 
Farbe stellt das Werkehen unter die besten seines Meisters. 
J. Poynter, einer der bedeutendsten englischen Schönheits 
meister, hat ein Bild mit knöchelspielenden Griechinnen ge 
schickt. Hier entzückt die wunderbare Transparenz des 
Fleisches, die köstlich beobachteten Bewegungen der kauern 
den und würfelnden Mädchen und der Schmelz von Luft und 
Lieht, der doch nirgends die reale Bestimmtheit der Ge 
stalten beeinträchtigt. Was man in England an Malerei 
des weiblichen Akts leisten kann, zeigt eine allegorische 
Gestalt der Wahrheit von George William Joy. Ein er 
hobener Spiegel und andere Embleme kennzeichnen die alle 
gorische Bedeutung der blonden, schmalhüftigen Schönen. 
Aber diese Bedeutung ist gleichgültig gegenüber der Wahr 
heit, Schönheit und Natur, mit welcher dieser unberührte 
Frauenkörper durchgeformtj ist. Auffs Zaiitesle sind die 
Fleischtöne vermittelt und .studirt, eine tizianisehe Stim 
mung waltet in der lichten, wohlgepflegten Farbengestaltj. 
Waterlow hat eine sonnige Landschaft: „Goldener Herbst“ 
gesendet, welche alle Poesie englischer Wiesen- und Berg- 
landschaft athmet. Zart, im Golduchte verdämmernd, im 
blassen Nebelgrün verschwimmend, liegen die Kreideberge 
da, milde Wärme und meerwassergetränkte Luft waltet über 
dem Ganzen. Jeder Reisende in England kennt diese duftigen 
Stimmungen, wo alle Dinge wie im Verhauchen und doch 
klar und durchsichtig dazustehen scheinen. Vortrefflich 
sind eine Anzahl der Bildnisse von Walter Ouless in London. 
Auch liier herrscht Weiss und die lichten Töne vor, aber 
nicht wie bei unsern deutschen Plein-Airisten in tastender 
Unbestimmtheit ist die Palette aufgelichtet, nicht künstlich 
sind die Dinge und Formen unter Verhältnissen angesehen, 
unter denen die Erscheinungen sich im Licht verflüchtigen, 
sondern der helle Ton ist der Ausdruck der Rasseneigenthüm- 
lichkeit der Engländer selbst und ihrer lichten Haut. Mit 
ruhiger Würde, ganz die Haltung englischer Ladies und 
Gentlemen, ihr sicheres Selbst genügen, ihre beruhigte Indi 
vidualität malend, blicken diese Portraits uns an. Ein, 
glänzendes Bildnis« iepräsentirt die Kunst Melton Fisber’s, 
eine Dame in lichtblaugrünem Kleide. Eine feine Ab 
formung in Flächentechnik bringt das Ganze zusammen. 
Körperlichkeit und Erscheinungsglanz hei trefflicher 
Charakteristik vereinigen sich zu einem wahrhaft sprechenden 
Eindrücke. Nicht unwürdig neben Lawrence Alma Ta- 
dema, dem Altmeister, steht die jüngere Meisterin Laura 
Theresa Alma Tadema. Das Bild „Zufriedengestellt”, 
eine Dame, die sich im Spiegel betrachtet und vom Eindruck 
ihrer Person auf sich seihst angenehm zufriedengestellt ist, 
erreicht eine sehr zarte Charakterisirungskirast und eine j 
naehahmungswertho Technik. James Linton, der etwas 
flach und mehr coloristisch als gestaltend die Aqua 
rell-Farbe aufträgt, weiss zu entzücken durch die liebliche 
seelische Schilderung einer Mädchengestalt; er hat die 
„Celia” ans Shakespeares „Was Ihr wollt” gemalt und die 
Dichtergestalt wirklich getroffen, als oh sie leibte und lebte. 
William Yeames in London schildert uns eine „Berathung 
vor der Gerichtsverhandlung“ mit jungen englischen Rich 
tern in Perrücken und Talaren. Es ist ein sehr starkes und 
ehrliches Leben in diesen Köpfen, auch die Frauengestalt, 
welche augenscheinlich der Anlass zur Gerichtsverhandlung 
ist, erzählt durch Mienen und Haltung sehr deutlich die 
Empfindungen, welche sie bewegen. Frank Brnngwyn, der 
es liebt, seine Figuren in grossen Flächenstücken zusammen 
zusetzen und durch eine gewisse flache Durchsichtigkeit, re 
liefartige Unplastik interessant zu erscheinen, hat einen 
„Fischzug“ gesendet, der gut als Verdämmern leibhaftiger 
Gestalten in dem Mittel des Meerdunst-Hintergrundes ver 
gegenwärtigt und viele Vorzüge der Zeichnung und Bewe 
gung aufweist. Ziemlich, absurd muthet auch diesmal eine 
heraldisch gehaltene Malerei von Walter Grane an, der einen. 
Wappenritter auf einenWappenlindwurm hetzt und durch ge 
künstelte Naivetät der Zeichnung und einen romantischen. 
Farbenauftrag, der von der Natur absieht, originell zu er 
scheinen strebt. Derartige Selbstkasteiungen des Auges und 
der gestaltenden Phantasie sind wohl mehr Symptome eines 
gelangweilten Kunstbewusstseins von anempfindender Natur, 
als frische, ehrliche Bekenntnisse wirklicher Anschauung der 
schönen realen Welt und ihrer inneren und äusseren Wahr 
heit. Sehr bedeutend erscheinen auch diesmal wieder die 
schottischen Maler und Aquarellisten wie Nisbeth, Brown und 
John Terris. Wie Reinbrandt und die grossen Niederländer 
sehen sie in ihre schottische Natur mit den Hochmooren, den 
dunklen Berghöhen und den schweren Wolken hinein. Alles 
in allem bietet der englische Saal einen Hochgenuss, denn es 
sind fast nur gute und erquickliche Bilder ausgestellt, von 
bedeutendem, fertigem, gereiftem Können, und selbst etwas 
gewagte Sachen, wie das Genrebild aus einem Damencon- 
fectionsgeschäft von Fisher, wo wir die Ladies Stoffe wählen 
und darum feilschen sehen, ist doch eminent charakteristisch 
und in seiner flächenhaften Behandlung sehr aus den Ein 
drücken eines solchen Milieu herausgewachsen. Dieser 
Saal giebt von neuem die Lehre, dass wir gut thun, mit; 
unseren englischen Vettern treue Verwandtschaft zu halten. 
Wir können von ihnen gerade so rief lernen, wie sie von uns 
lernen können. Wolfg. Kirchbach. 
Vorträge in der Ausstellung. 
Der künftige Arbeits-Ausschuss. 
Nicht im Hörsaal des Chemiegebäudes, sondern von der 
Galerie des grossen Wasserthurmes im Hauptrestaurant, 
herab, hielt gestern Herr Dr. Nörgler vor ganz Berlin einen 
Vortrag „Der künftige, Arbeits-Ausschuss”. Mit einer durch 
keinerlei Sachkenntnis getrübten Gründlichkeit erörterte der 
geistvolle Redner sein interessantes Thema, das er«Mgender- 
maassen ausführte: 
Mehr als zwei Monate sind verflossen, seit unsere Aus- 
stellun imBeisein unseres Kaiserpaan« unter brausenden 
Orgelklängen eröffnet und von „guten Reden begleitet” den 
Allgemeinheit übergeben wurde. Es ist wohl an der Zeit, 
die Frage auszuwerfen, oh das Werk ein gelungenes ist und 
ob die grossen Hoffnungen, die man an dasselbe knüpfte, 
auch mir einigermaassen in Erfüllung gingen. Wenn wir 
die Einzel-Urtheile prüfen, die über die Ausstellung gefällt 
werden, d. h. wenn wir denjenigen Recht geben, die unter 
vier Augen über das grosse Unternehmen mit uns sprechen, 
so werden wir zu der Ansicht gelangen, dass dieses ein schönes 
und hochbedeutendes ist, dessen Gelingen nicht in Frage ge 
stellt werden kann. Was der Einzelne an dem Werk aus 
zusetzen hat, verschwindet vollständig gegenüber den von 
ihm gerühmten Vorzügen desselben.
	        
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