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Periodical volume Nr. 80, 6. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
11 
Wir waren alle hochbefriedigt-, nur die Kinder wünsch 
ten noch mehr Löwen und Tiger, gaben sich jedoch, als es 
hiess, nun gehen wir zu den Aeffchen. 
Neben dem Thier-Cirkus ist das Hagenbeck’sche Affen 
paradies. Zweihundert Affen in einem Käfig, wo sie Wiege 
pferde haben, russische Schaukeln und Klettergerüste, die 
Glieder geschmeidig zu halten. Und nur eine Mark vierzig 
für uns alle. Man athmete ordentlich auf, denn zuletzt! 
kommt man sich auf der Ausstellung vor wie in Umlauf ge 
setztes Baargeld. 
Die Kinder waren glücklich, und es lässt sich nicht 
läugnen, der Affe ist possierlich. An dieser alten Wahrheit 
rüttelt selbst der Ernst der Zeit vergebens. Aber er ist auch 
boshaft. Ein kleines Aeffchen war, wie man so sagt, drunter 
durch, wohin es kam, spielten die anderen Affen ihm übel 
mit, dass es gellend schrie und sich flüchtete. An die Stäbe 
des Gitters floh es, als wenn es weit, weit hinweg möchte und 
bewegte die Lippen und quäkte und schalt und zog Falten 
mit der Stir n und die blanken Augen flogen hin und her. 
Da riefen die Kinder : „Das ist Tante Lina! Das ist 
Tante Lina!” Und lachten und riefen: „Tante Lina!” 
Ich verbat ihnen die Unart. Es half nichts. „Wer 
das noch einmal sagt, kriegt ’ne Abrundung”,drohte Emmi 
mit einer entsprechenden Handbewegung. Das half etwas. 
Aber sie dachten innerlich „Tante Lina” und kicherten. 
Ich dankte meinem Schöpfer, dass die Tante nicht zu 
gegen war. Kinder wissen ja nicht, wie grausam sie in ihrer 
Einfalt sind. Ich nahm Betti abseits, gab ihr ein noch zum 
Versausen bestimmtes Zehnmarkstück und sagte: „Bleibt 
Ihr hier und amüsiert Euch, ich muss nach Hause.“ 
„Wegen Tante Lina?“ 
„Ja. Mein Gewissen ist nicht ganz frei, wenn auch das 
Donnern mehr Scherz war .... 
„Welches Donnern?” 
„Nichts ! Nichts! Ich habe Eile! Geht mit den 
Kindern in die Milchhalle, wenn sie hungrig werden, und habt 
gut Acht auf sie !” 
Tante Lina war nicht abgereist. Gottlob ! Ottilie 
hatte ihr zugeredet. Das werde ich ihr gedenken.' 
,,Mir war, mit Erlaubniss zu sagen, die Galle hochge 
kommen”, erklärte Tante Lina ihren Zorn, „und ehe ich reise, 
möchte ich, dass etwas Gewisses in die Reihe kommt.” Sie 
sah mich mit den boshaften Augen an und fragte : „Glauben 
Sie, dass Herr Kriehberg eine Frau ernähren kann? ' 
„Kriehberg ? Nein.” 
„Dann müsst Ihr noch warten, Ottilie. Er ist ein sehr 
nietter junger Mann, 'er erinnert mich etwas an Johannes 
viedt.” 
„Ottilie,” rief ich, „hinter meinem Rücken, wo ich Dich 
so gewarnt habe ?” 
„Da ist nun nicht viel mehr bei zu machen“, grinste 
Tante Lina. ,,Hätten Sie mehr Zeit bei uns übrig gehabt, 
hätte Herr Kriehberg uns nicht herumzuführen gebraucht. 
Wenn junge Leute sich lieben, soll man ihr Glück nicht 
hintertreiben. Einmal verjagt, kommt es nimmer wieder. 
'Niemals. Nie.“ 
Sie zog viele kleine Stirnfalten und ihre Augen glänzten 
bald mich an bald Ottilie. 
Ein Glück, dass die Kinder nicht da waren. 
Ganz ergebenst. 
Wilhelm ine Buchholz. 
f Vorträge in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt,] 
Unsere Heimath zur Eiszeit. 
Unweit von Fürstenwalde liegen zwei mächtige Stein- 
blöcke, sogenannte erratische Blöcke. Der grössere der beiden 
ist noch ganz vorhanden, den kleineren hat man gespalten 
mul aus dem einen Theile jene bekannte mächtige Schale ge 
fertigt, die den Eingang des Berliner Museums ziert. Aber 
nicht nur hei Fürstenwalde, sondern in der Mark, ja fast 
über die ganze Norddeutsche Tiefebene hin finden wir diese 
Blöcke, die entweder ein Gemisch von Granit und Porphyr 
oder ein krystallinisches Gefüge von Gneis und Schiefer 
sind. Diese riesigen Steiue stellen mit dem ursprünglichen 
geologischen Gefüge des Bodens, auf dem man sie findet, in 
genetischem Zusammenhang, und dass man sie an dieser Stelle 
entdeckt, ist ein Zeichen, dass sie auf mechanischem Wege 
dorthin gelangt sind. Man nahm früher an, dass sie durch 
vulcanischeKräfte an ihren Standpunkt geschleudert wären, 
dann glaubte man, dass fluctuirende Wasser sie von Skan 
dinavien, Ein land oder aus den Ostseeprovinzen dorthin ge 
tragen hätten. Als man aber in den letzten Jahrzehnten 
dns Wesen der Gletscher nähei kennen lernte, kam man 
zu dem untrüglichen Schluss, dass jene erratischen Blöcke 
von mächtigen Gletschern an ihren Standpunkt getragen 
wurden und infolge ihn« enormen Gewichtes dort liegen 
blieben, als die Gletscher wieder zurückgingen. Näheres 
über diese Theorie und über die Verhältnisse des nord 
deutscher, Flachlandes wie der Glacialperiode erfuhren wir 
gestern aus einem hochinteressanten Vortrag des bekannten 
Geologen Prof. Dr. Wahnschaffe über die Eis 
zeit. 
Wie die Alpen früher viel mehr Gletscher hatten als 
jetzt, so waren auch damals, das heisst vor vielen Jahrtau 
senden England und Skandinavien bedeckt mit mächtigen 
Eismassen; nur glaubte man früher, dass die norddeutsche 
Tiefebene zu dieser Zeit noch von Meer überfluthet gewesen 
sei. Neuere Forschungen haben das widerlegt. 
Steigen wir mit einem Luftballon auf, so sehen wir, dass 
die Temperatur fällt, je höher wir kommen. Selbstregistri- 
rende Thermometer, die man in kleinen Ballons bis zu 18000m 
Höhe steigen liess, zeigten dort eine Kälte von 75 Grad Cel 
sius. Dasselbe zeigt sich an den Erdpolen, wenn wir aus 
den antarktischen in die arktischen Regionen kommen. Na 
turgemäss kommen die Niederschläge dort nicht in 
Form von Regen herab, sondern als Schnee und Eiskörner. 
Aus diesen Niederschlägen bildet sich dann unter 
den Einwirkungen der Kälte eine körnige Masse — 
der Firn. Wo die Wärme der Sonnenstrahlen 
nicht ausreicht, um den Firn ganz zu schmelzen, verbleibt ein 
ständiger Rest — der ewige Schnee; den Höhen- oder den 
Breitengrad, in dem wir den ewigen Schnee finden, bezeich 
nen wir als die Schneegrenze. Dieser ewige Schnee häuft 
sich im Laufe der Zeit in den sogenannten Firnmulden an. 
und bildet, die Gletscher. Die einzelnen Theile der Gletscher 
sind nicht exhaerent,und so erhält er die Fähigkeit sich zube 
wegen — zu Hiessen, wie ein Strom, wenn auch unendlich 
viel langsamer. Die Kraft der Strömung entspricht im, 
allgemeinen der Neigung der Fläche, auf der der Gletscher 
ruht, hei zu grosser Neigung Hiesst er indessen nicht gleich 
mässig schneller, sondern er spaltet sich in mächtige Risse 
und Blöcke. 
Wir unterscheiden im allgemeinen zwischen alpinen 
Gletschern, die in Eirnmulden sich bildeten, und nordischen 
Gletschern, wie wir sie in Grönland etc. finden und die 
als mächtige Eiszapfen von der gewaltigen Eiskuppe, die 
dies Land bedeckt, radial vom Innern nach den Fjorden zu 
sich ablösen. Auf dem Rücken führen die Gletscher mäch 
tige Schuttmassen mit, die Obermoränen, oder sie reissen am, 
Boden Geröll und Gestein mit, die Grundmoränen. Stössen 
zwei Gletscher zusammen, was ziemlich häufig der Fall ist, 
so vereinigen sich die verschiedenen Moränen im Treffpunkt 
zu halbkreisförmigen Schuttmassen. Ob sieh an einer Stelle 
früher Gletscher befunden haben, kann man mit ziemlicher 
Sicherheit aus den eigenthümlichen Spuren, die sie zurück 
lassen, erkennen. Sie schleifen nämlich die Gesteine, die sie 
passiren und die sie mit sich führen, in ganz besonderer 
eckiger Form mit tiefen Schrammen ah. Solche Gletscher- 
schrammen finden wir in der Nähe von Berlin besonders bei 
Rüdersdorf, dann auf Bornholm, im Grindelwald, im 
nördlichen Sachsen, bei Osnabrück etc. Diese Schrammen 
finden sich fast nur in grösseren Steinen von sehr fester Zu 
sammensetzung, denn, wie sich denken lässt, löst ein Gletscher 
von 1000 m Dicke in Folge seines enormen Gewichtes kl inere 
und weniger feste Steine zu losem Geröll auf. Auch über die
	        
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