Path:
Volume Nr. 80, 6. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
9 
falls muigrüne, mit Goldlitze eingefasste Sammetbändchen 
ihervorlugten, so dass durch die Mitwirkung ihres rosigen 
Teints meine Tochter in dieser Zusammenstellung sich als 
sogenannte Farbensymphonie sehen lassen konnte. 
Und dies Vergnügen wollte der eigene Gatte stören, weil 
ihm die Löwen zu theuer waren. Freilich kannte er das 
Costüm noch nicht, da sie ihm wohlweislich nie mit der Klei 
derfrage kommt, bevor sie drin sitzt und er sein Wohlgefallen 
äussert. Er mag es, wenn seine Frau niedlich aussieht, und, 
wenn sie ihm vorrechnet, wie sparsam sie sich verschönert 
hat, giebt er ihr einen Kuss extra. 
Ich wollte mein Maisgelbes anziehen, Betti hatte sich 
für helles verwaschenes Blumenmuster entschieden, Ottilie, 
wie immer, Marineblau und Tante Lina Grünbräunlich-Chan 
geant. Die Kinder waren sämmtlich in Weiss gedacht, die 
Knaben mit Marinekragen, weil, wenn man zufällig jemand 
aus maassgebenden Kreisen anrennt, dieser sagt: „Sieh da, 
eine Familie, die die steigende Bedeutung des Seewesens er 
fasst hat. Wer mag das sein?“ — Und man kann nicht 
wissen, ob solcher Zufall dem Fortkommen der Enkel nicht 
von Vortheil ist? In den Schicksalen berühmter Männer 
liesst man stets, wie ähnliche Thatsachen die Wandlung zur 
Grösse verursachten. 
Und dann hatte ich Frau Butsch mit den beiden Stief- 
Kinderchen eingeladen. Sie möchte ihnen gern mehr gewäh 
ren, als das Geschäft es Herrn Butsch gestattet, und da dachte 
ich: nimm sie auf Dein Conto, Wilhelm ine, sie übertragen 
es auf die Stiefmutter, und in das Wurachen um den Erwerb 
scheint ein Tag der Liebe hinein, an dem die Herzen einander 
zublühen, wie Erika sagte, als ich ihr meine Ansicht mit 
theilte und sie fragte, ob sie und klein Wilhelmine sich an 
schlössen. 
Sie hatte Lust, aber Onkel Fritz war dagegen. 
„Mein Töchterch,en ist noch zu harmlos, die Verdienste 
des Arbeits-Ausschusses zu würdigen.“ 
„Wird auch nicht verlangt, für sie sind die übrigen 
Schaustellungen.“ 
„Zu zart.“ 
„Die wilden Thiere.“ 4 
„Zu ängstlich.“ 
„Aber die Aeffchen im Affenparadies?,“ 
„Die Affen überlässt sie ihrem Vater.“ 
„Also Du willst nicht?“ 
„Kein!“ 
„Warum nicht?“ 
„Beantworte mir: Was bleibt dem Erwachsenen, wenn 
ier als Kind schon alle Reizmittel geniesst, die zum Todt 
schlagen der Zeit geboten werden ? — Uebersättigung. Man 
badet einen Säugling in der Wanne und hält ihn nicht unter 
den Rheinfall.“ 
„Seit wann bist Du so weise.“ 
„Seit ich Vater bin.“ 
Er sprach das mit einem Ausdruck tiefinnerer Glücklrch- 
keit, der alles weitere Anpurren hinfällig machte. Seine 
Liebe ist es, die über dem Kinde schützend die starken Arme 
ausstreckt, und wenn Liebe übertreibt, wer möchte sie darum 
schelten? 
Erika heisst stillschweigend gut, was er bestimmt oder 
vielmehr, er vollführt, was ihr Denken und Sinnen ist, ohne 
dass sie deswegen eine Reichstagssitzung zum Spec- 
takel der Nachbarn abhalten. Und das Töchterchen gedeiht 
dabei, ein wahres Herzeken. — 
Mein Grundsatz ist, wenn Kinder mitgenommen werden, 
sie erst tüchtig satt zu machen und am weitesten langt man 
mit Napfkuchen. Der ist nahrhaft, stopft und hält vor. 
Es war ein liebliches Bild, als das halbe Dutzend Jugend 
mn den Tisch sass und sich letzte: Fritz und Franz, Betti’s 
Karla und Willi und Butschen’s Johann und Edmund, alle 
In Weiss. Wir Aelteren tranken Kaffee, ebenfalls mit Napf 
kuchen, von dem Tante Lina sich sogar das Recept ausbat. 
®ass sie sieh in gehobener Laune befand, betrachtete ich als 
einen Wink aus oberen Regionen und als Gutheissung mei 
ner Idee mit der verlorenen Tasche, die sich endlich reu- 
müthig angefunden hatte. Die Zahnbürste und das Gläs 
chen Kölnisches Apothekerwasser waren zum Besitzausweis 
ausreichend. 
Tante Lina ahnte nicht, dass ihr sehnlich vermisstes 
Handgepäck im Nebenzimmer auf das Wiedersehen harrte 
und erst als abgegessen und ausgetrunken war, nahm ich 
Fritzchen nebenan, gab ihm die Tasche und sprach: 
Wenn ich Dich rufe, kommst Du und überreichst sie Tante 
Lina mit einem höflichen Diener und sagst: „Liebe Tante.“ 
„Ich hab’ ihr garnicht lieb.“ 
„Doch mein Fritzchen. Tante Lina wir einst edel an 
Dir handeln.“ 
„Wir wollen bei die Löwen.“ 
„Erst giebst Du Tante Lina das Täschchen und sagst: 
„Liehe Tante, dies hab’ ich gefunden, nimm es freundlich 
hin. Dann umarmt sie Dich und küsst Dich.“ 
,,Will ich nicht.“ 
,,Doch Fritzchen. Nun sei artig; gleich rufe ich Dich.“ 
Tante Lina erzählte der Butschen gerade eine Geschichte 
von Viedt’s. „Viedt’s haben die schönen Ländereien und 
könnten viel mehr daraus machen, aber sie sind mit Erlaub- 
niss zu sagen für reichlicher Dung und nicht für das Aus 
powern der Aecker und sind so thätig im Geschäft, indem sie 
jede Kleinigkeit mitnehmen und dadurch das Ihrige er 
reichten. Sie sagen nicht, wie viel sie haben, aber man weiss 
es doch so ziemlich.“ 
„Rechnen Sie gern in Anderleuten Portemonnaies 
herum?“ fragte die Butschen. 
Tante Lina wurde spitznäsig und zuckte mit 
den Mundwinkeln, es war höchste Zeit sie zu besänftigen. 
„LiebeTante“, rief ich rasch. „Bevor wir aufbrechen, wünscht! 
Fritzchen ihnen einen kleinen Beweis seiner Verehrung dar 
zubringen.“ Es war dies zwar wesentlich unrichtig, aber in 
der Eile entwegen die Sätze leicht. ,,Komm Fritzchen.“ 
Er kam nicht. Die Kröte streikt, dachte ich und öffnete 
die Thür. 
Da kam er. Aber wie! 
Ihm war wohl die Zeit lang geworden und neugierig wie 
Kinder sind, hatte er in Tante Lina’s Tasche gekramt. 
Ihre Morgenlocken hatte er sieb über die Ohren gehängt 
und ihr neues Gebiss trug er in der flachen Hand wie ein 
Vogelnest, die geöffnete Tasche über dem Arm. Und so 
schritt er seelenvergnügt auf Tante Lina zu. 
,,Meine Tasche!“ rief sie und aufgesprungen und die 
Söhönbeitsrequisiten an sich gerissen und weggestochen. Sie 
zitterte vor Aufregung und rang nach Worten. Mir war der 
Vorfall mehr als peinlich. „Liehe Tante!“ begann ich. 
„Schon gut! Schon gut!“ stiess sie hervor. „Das hätte 
ich nicht erwartet. Sie haben wohl nichts dagegen, wenn ich 
noch heute abreise?“ 
„Aber nein . . .“ 
„Aber ja, und dabei bleibt’s.“ Und mir einen furcht- 
hären Blick zuwerfend, fügte sie hinzu: „Wir sind für ewig 
geschieden — Mein bischen Hab und Gut vermach’ ich dem 
Waisenhause, da sind artige Knaben drin und, mif 
Erlaubnis« zu sagen, keine ungezogenen Rangen.“ 
Emmi wollte Petroleum in’s Feuer giessen, weil sie doch 
die Range nicht auf Fritzen sitzen lassen konnte, aber ich 
rief: „Wenn Jemand Schuld hat, bin ich es“, und entfernte 
mich mit Tante Lina. Es half jedoch kein Bitten und 
Beten, sie war zu aufgebracht und liess keine Entschul 
digung gelten. 
Auf ihren Wunsch blieb Ottilie hei ihr, packen zu hel 
fen, und wir karawanten nach Treptow. 
Unterwegs machten mir Emmi und Betti Beide Ver 
würfe : Was der Sanitätsrath sagen würde, wo ich doch hätte 
wissen müssen, dass die Tante den Knaben unbedingt etwas 
ausgesetzt hätte und sie deshalb ganz anders zu behandeln 
gewesen wäre. Die Butschen meinte, selbst im Schauspiel- 
hause fielen Stücke durch, ich hätte mir es wohl anders ge 
dacht, wie es hinterher kam. 
„Sie verstehen mich, Frau Butsch,“- entgegnete ich, 
„Meine Absichten waren lauter und rein.“ 
„\Vieviel hat die Olle denn P“ fragte sie. 
Ich war zu geknickt, um sie ziirecbtz\is f ossen, >
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.