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Periodical volume Nr. 79, 5. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellung-Nachrichten. 11 
ledigte. "Wir waren überrascht von dem Klangreize des in 
strumentalen Körpers — das Posaunen- und Ciarinettenma- 
terial verdient jede Beachtung — und bewunderten die Rein 
heit der Stimmung, welche unter der fast herbstlichen Kühle 
des Abends nicht im mindesten litt. Ueberaus vortheilhaft 
präsentirte sich die Tonschönheit der Instrumente im Hän 
del'sehen „Largo“ und in der von Baumann selbst sehr gut 
besorgten Instfumentirung des „Largo“ aus der Es-dur So 
nate, op. 7 von Beethoven. Die „Akademische Fest-Ouver- 
ture“ von Brahms vervollständigte das vornehm ausgewählte 
Programm. 
Auf einen empfindlichen Uebelstand möchten wir übri 
gens an dieser Stelle aufmerksam machen, es ist die zu ge 
ringe Distanz zwischen den Musikpavillons vor dem Haupt 
gebäude und denen bei Adlon u. Dressei. Wir erachten es 
als ein musikalisches Aei gerniss, wenn wie am Freitag der 
aufmerksame Hörer dicht am Pavillon des Philharmonischen 
Blasorchesters mitten in die weihevollen, transcendenten 
Klänge des Trauermarsches aus der „Götterdämmerung“ 
die profanen Klänge eines gewöhnlichen Walzers von Blon, 
noch dazu von Cavalleriemusik gespielt, hineinplatzen kört. 
Herr Baumann ist jetzt etwa 41 Jahre alt; trotzdem hat er 
eine bewegte musikalische Vergangenheit hinter sich. Mit 
15 Jahren war er Mitglied des Friedrich-Wilhelmstädtischen 
Theaters, ging dann zu Gungl und Bilse und begründete 
später mit Otto Schneider das vortreffliche Philharmonische 
(Symphonie-) Orchester, dessen zehn Concerte in jedem Win 
ter einen Haupt-Anziehungspunkt aller musikalischen Kreise 
bilden. Dann wurde er Mitglied der Königlichen Kapelle, 
aus der er schied, um 1894 das von uns besprochene Bias- 
Orchester zu begründen. Seine theoretischen Studien 
machte er bei dem ausgezeichneten Meister Friedrich Kiel. 
Eine vielen Erfolg versprechende künstlerische Laufbahn 
steht dem vortrefflichen Dirigenten in Bälde bevor; wie 
wir hören, hat er unter glänzenden Bedingungen ein Engage 
ment nach den Vereinigten Staaten von Kord-Amerika er 
halten. Ehe er aber Deutschland verlässt, mag er sein 
Orchester in der Gewerbe-Ausstellung zu immer neuen Siegen 
führen, Paul ErteL 
Seidene Unterröcke. 
[Abdruck untersagt.] 
Seit einiger Zeit schon bevorzugt die Göttin Mode — der 
trotz allen Leugnens doch oft blind gehuldigt wird, ohne 
Rücksicht auf individuelle Kleidsamkeit oder Sparsamkeit 
— zur eleganten Toilette seidene Unterkleider. Der viel 
belobte oft schön gestickte, sorgsam gehütete, steif gestärkte 
„weisse ’ Unterrock ist nicht mehr zeitgemäss. Sein Rau 
schen hat jedenfalls einmal das Ohr irgend einer nervösen 
Modedame belästigt, oder er liess sich sonst etwas zu Schul 
den kommen, kurz, man fand das Rauschen lind Knistern 
der Seide schöner und lieblicher und den Schmuck feiner 
Spitzen sinniger und zarter — der seidene Unterrock war da! 
Jedenfalls ist diese moderne Unterkleidung noch immer 
praktischer als das seidene Kleiderfutter, das noch im letzten 
Jahre selbst für schlichte, glatte Wollenkleider beliebt war. 
Dieses seidene Futter hatte eine fatale Kehrseite. Es wurde 
aus Sparsamkeits-Rücksichten oft schlechtere, billigere, fast 
verschlissene Seide genommen, denn Madame war 
etwas eitel und wollte sich gerne rühmen, auch ein „auf Seide 
gearbeitetes” Kleid zu tragen, wenn’s auch die Kasse nicht 
vertrug. Ueberdauerte nun, was sehr oft vorkam, der Ober 
stoff den Futterstoff lange, so war man genöthigt, den Rock 
neu füttern zu lassen, eine langweilige, schwierige und theu 
ere Sache. 
Die heurige Mode liebt ein ,,sehr viel”, fast ,,zu viel” an 
Putz und Schmuck. Eine Ausnahme hiervon bilden bis 
jetzt nur die Kleiderröcke, die bis auf einige wenige, die 
meist Stickerei zeigen, alle schlicht und ohne Garnirung sind. 
Diese concentrirt sich in geradezu üppigster Fülle auf die 
Taillen und auch auf die Unterröcke, 
Die Zahl der ausgestellten, meist sehr fein componirten. 
Unterkleider ist sehr gross. Fast in jedem Pavillon gros 
ser Berliner Firmen der Confections- und Weisswaaren- 
branche sehen wir reizende Unterkleider. Wenn ich neu 
lich (im Lokal-Anzeiger) las, dass man von einem Hut der 
heutigen Mode sagen könnte, er sei „wie ein Gedicht”, so 
finde ich genau denselben Vergleich anwendbar auf verschie 
dene der ausgestellten Untergewänder. Dies gilt nicht nur 
von den sehr phantastisch ausgestatteten Sachen, es gilt auch 
von jenen einfach soliden Kleidern, die trotz ihrer Einfach 
heit der kundigen Beschauerin sofort ihre enorme Kostbar 
keit verrathen. — 
Wo soll man beginnen, aus der Fülle des Gebotenen be 
sonders schöne Stücke herauszugreifen ? Da sehen wir im 
Pavillon Heese ein sehr reizendes Unterkleid von schwerer 
weissgrauer Chineseide mit Ausputz von grauen Seidenband 
schleifen, die die bogenförmig aufgesetzten Volants begren 
zen, welche in überreicher Fülle von weissen tadellosen. 
Pointspitzen in reizvollem Blattmuster gebildet werden, und. 
der mit seiner schlichten Kostbarkeit den geläutertsten Ge 
schmack verbindet. Dicht daneben bewundern wir die 
leuchtende Pracht eines Unterkleides, welches auf goldgelb 
seidenem Grunde grosse, tiefrothe.eingewirkte Mohnblumen 
zeigt. Den Besatz bilden gelbe Atlasrüschen, graue und 
Application weisser Spitzen. Als drittes sei ein Unterkleid 
aus rosa, gelb damassirter Seide genannt, besetzt mit zar 
testen, weiss und rosa gemusterten Spitzenvolants. 
Im Pavillon Hertzog fällt, ein Unterrock von Chine 
seide als besonders apart und duftig auf, welcher auf rosa 
Grund rosa und lila Blumen zeigt. Eine kleine rosa Rüsche 
bildet den Abschluss des reichen Besatzes von vier rosa Crepe- 
Volants, über welche wiederum sehr reizvolle gelbliche 
Spitzenvolants fallen, die ein sehr schönes Blumenmuster zei 
gen. Hier ist auch ein hellgrüner Damastrock zu sehen, ge 
ziert mit Kräusschen von grünem Atlas und in Bogen auf 
gesetzten Volants von schwarzen Spitzen. Auch die Chan 
geantseide erfreut sich zu Unterkleidern wachsender Beliebt 
heit. Ein rosa Changeantrock mit Volants aus demselben 
Stoff macht in seiner Einfachheit einen sehr vornehmen 
Eindruck. 
Ferner gefiel noch ein Rock sehr in lila Chineseide, 
schwarz gemustert, dessen Volants schwarze Klöppelspitzen 
bildeten. 
Im Pavillon Jordan gefiel mir besonders ein Unterrock 
von schwerer schwarzer Seide, welcher der so sehr beliebten 
Mode schwarz-weiss eine sehr nachahmungswerthe. Conces 
sion machte. Er war zweimal rundherum mit handbreiter 
schwarzer Spitze besetzt, auf welche weisse Points künstle 
risch schön applicirt waren, und unten herum bildete ein 
gleiches Volant den wirkungsvollen Abschnitt. Ein zweiter 
Rock ist von dunkelgrün-schwarz ehinirter Seide mit Besatz 
von schmaler Goldperlen- und Flitterstickerei, ein dritter 
prangt in den jetzt schon als sehr modern geltenden Regen 
bogenfarben, ausgeschmückt nur mit breiten, ausgezackten 
Volants desselben Stoffes. 
Die. Weisswaaren-Finna Hahn stellt einen Unterrock in 
lila-grün ehinirter Seide und einen zweiten von gelb-blau 
ehinirter aus mit Garnitur schöner gelblicher Spitzen. 
Im Pavillon Gerson sind zwei ,,Braut-Unterröcke” zu 
sehen, denn auch unter dem Brautgewand ist der weisse, 
waschbare gestickte Rock verbannt ; der eine von weissem 
Atlas, bestickt in Seide und 'Flittern mit reizenden kleinen 
Myrtenblüthen und -Blättern, und überrieselt von schönen 
breiten weissen Spitzen; der zweite zeigt immer abwechselnd 
einen weissen Moiree- und einen glatten Atlasstreifen und ist 
ebenfalls mit weissen Spitzen und Schleifen von weissem At 
lasband geschmückt. Sehr eigenartig ist ein Rock von 
weisser Seide mit rosa chinirten Blumen und mit Garnirung 
von gelben Spitzen, der am Rande durch mehrere dicht über 
einander fallende, bunte, verschiedenfarbige Volants be 
grenzt wird, und ferner einer, der von gelbem Atlas gefertigt 
ist, der immer fächerartig der Länge nach in ganz kleine 
Fälschen plissirt ist und zweimal herum am unteren Rondo
	        
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