Path:
Periodical volume Nr. 79, 5. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
übrigens in unserer Ausstellung auch vielfach Gebrauch ge 
macht wurde. Schliesslich verdient auch die sehr inter 
essante Holz-Färberei von W. Auffennann Erwähnung, die 
uns die fertig vorgefärbten Zierhölzer zu Intarsien zeigt ; 
ebenso die Firma C. R. Meyer mit ihren Natur-Farbhölzern, 
wie der Intarsiator sie braucht. 
Last not least sei einer Besonderheit gedacht in dem 
Prunkschreibzeug des Deutschen Beichstags, einer sehr fein 
aderigen Schnitzerei mit zweiseitig angebrachtem Reichs 
adler in echter Holz-Intarsia — ausgestellt- von Max Schulz. 
Ohne Zweifel sind noch mancherlei werthvolle, kunst 
reiche und fein ausgeführte Intarsien - Arbeiten auf der 
Ausstellung vorhanden, die nicht namentlich angeführt 
wurden. Wer aber kann in all’ den. vorhandenen, erdrückend 
reich beschickten Möbel-Kojen alles Vorhandene aufspüren! 
Friedrich Stein. 
Oie Berliner Wäsche-Industrie und ihre Gehilfin. 
[Abdruck untersagt ] 
Wie sie da so sauber und appetitlich vor uns liegen in 
ihrer schimmernden Weisse, ihren chiken Formen und ihrer 
eleganten Verpackung, die Kragen und Manschetten, die Ober 
hemden und Serviteurs und was der Verein der Berliner 
Wäschefabrikanten sonst noch ausgestellt hat; eine junge 
Mode und eine noch jüngere Industrie! 
Kann man von einer Wäschefabrikation, der gewerbs 
mässigen Herstellung und Feilhaltung von Wäschestücken, 
als da sind Hemden, Unterhosen, Nachtjacken und derglei 
chen mehr in Berlin schon seit der Mitte des Jahrhunderts 
reden, so ist die Wäschefabrikation, d. h. die Verfertigung 
von Kragen, Manschetten etc., d. h. überhaupt von gestärk 
ter Wäsche, ganz jung. 
Noch bis 1869 versorgte sich Berlin und ganz Deutschland 
in diesen Artikeln ausschliesslich aus England und Frank 
reich ; erst in den 70er Jahren begann es, sich von diesen 
Lieferanten freizumachen. Und nun geht es mit Biesen 
schritten vorwärts. Fabriken auf Fabriken entstehen, 
manche gehen zu Grunde, die meisten wachsen und gedeihen. 
1874 sind erst 1350 
„ 1887 schon 4200 
1890 4800 
1894 5500 
Arbeiter und Arbeiterinnen in der Wäschefabrikation allein 
innerhalb der Fabrikräume beschäftigt, zu diesen kommen 
noch rund 6000 Arbeiterinnen, die ausserhalb derselben 
thätig sind, also 12 000 Arbeitskräfte allein in der Wäsche- 
Fabrikation und mindestens noch halb soviel in der Wäsche- 
Confection! 
Die Fabrikation allein erreicht nach und nach einen Um 
satz von jährlich mindestens 15 Millionen. Damit ist Berlin 
nicht nur der erste Platz Deutschlands, sondern der erste 
Platz der Welt in der Wäsche-Industrie und diese im wahr 
sten Sinne des Wortes eine Welt-Industrie geworden. 
1886 hatten wir in Deutschland noch eine Einfuhr von 
Wäsche-Artikeln von 93 000 kg, 1890 nur noch 40000 kg, 
1894 ist sie auf 19 000 kg gesunken. 
Die Ausfuhr aus Deutschland allein an Wäsche-Artikeln 
dagegen wuchs von 
812 000 kg im Jahre 1880 
auf 
1100000 kg,, „ 1885 
1230000 kg ,. ., 1890 
1500 000 kg,, „ 1894, 
d. h. sie hat sich in 14 Jahren annähernd verdoppelt, und 
der Löwenantheil davon entfällt auf Berlin. 
Aber Berlin producirt nicht alles selbst, was es vertreibt. 
In Potsdam, Brandenburg und Spandau, im Voigtlande und 
im Erzgebirge beschäftigen die Berliner Wäschefabrikanten 
'Näherinnen und Stickerinnen, in Posen und im Eisass lassen 
sie nähen, Strafanstalten in aller Theilen des Reichs, die 
Klöster des Eisass haben sie in' ihren Dienst gezogen, nach 
der Schweiz, ja nach Madeira senden sie Wäschetheile, um 
sie besticken zu lassen. Und wie so die Herstellung ihre 
Arme weit über Berlin hinaus gestreckt hat, so hat der 
Absatz sich die ganze Welt erobert. Da ist kein euro 
päischer Staat, in dem nicht deutsche Wäsche getragen 
würde: Oesterrech und die Schweiz, Russland und Frank 
reich, Belgien und die Niederlande, Dänemark, Schweden, 
Norwegen, Grossbritannien, Portugal, Italien und Rumänien 
sind Abnehmer für Berliner Fabrikat. Dazu Indien und 
Australien, Mexico und Gentral-Amerika, Argentinien, Bra 
silien, Chile, Venezuela und Uruguay, nicht zu vergessen auch 
die Vereinigten Staaten. 
Es ist etwas Imposantes um eine solche Entwickelung, 
nur die der Kleiderconfection und allenfalls die Eisen- und 
Chemische Industrie lassen sich mit ihr vergleichen. Und ihre 1 
Eigenart, ist, sie ist die Industrie der Frauenarbeit. Unter 
den 5500 innerhalb der Fabrikräume Beschäftigten sind nur 
870 Männer und unter den Aussenarbeitem ist der Procent 
satz noch geringer. 
Dabei ist sie eine stille Industrie. Sie hat nicht impo 
niern de kasernenartige Fabrikgebäude mit Hunderten von 
Fenstern, nicht rasselnde Maschinen und bis in die Wolken 
ragende Schlote. 
Im Cent rum der Stadt, besonders in der Gegend der Span 
dauerstrasse, liegen die Engrosgeschäfte, bescheidene Räume, 
nur aus Comptoir, Lager und Abfertigungsraum bestehend, 
sehen sic Einkäufer aus aller Herren Ländern in sich, lassen 
sie Waaren nach allen Enden der Welt gehen. In dieser be 
scheidenen Umgebung werden Hunderttausende umgesetzt. 
Hier wird in dem Ausgleich von Angebot und Nachfrage das 
Schicksal, das Wohl- oder Uebelergehen der Tausende be 
stimmt, die dieser Industrie ihr tägliches Brod verdanken. 
Mehr nach der Peripherie der Stadt zu, wo die Miethen 
billiger werden, die Arbeiterwohnungen näher sind, liegen 
die Wäschefabriken. 
Ueber die ganze Stadt verstreut, sich, mehrend nach dem 
Rande derselben und bis über diesen in die billigen Vororte 
sich hineinziehend, nach Norden zum Gesundbrunnen, nach 
Süden nach Rixdorf, finden wir die Nähstuben und Einzel- 
arbeiteri’ffnen, die von den Fabriken und Geschäften mit Ar 
beit versorgt werden. So ist ganz Berlin von dieser Industrie 
wie von einem Netze durchzogen und überspannt. 
Und fragen wir nun, was denn diese Industrie — nicht 
hervorgerufen — wohl aber zu einem so starken, so überwälti 
gendem Aufschwung gebracht hat, so ist es neben der kauf 
männischen Umsicht und Energie ihrer Leiter die Erfindung, 
die in der gesummten Bekleidungsindustrie die grösste Re 
volution hervorgerufen hat, die diese je erlebt hat: die Er 
findung der Nähmaschine. Auf sie wollen wir noch einer 
Blick werfen. Nie hat eine technische Erfindung einen Sie 
geslauf von gleichem Umfang und von gleicher Schnelligkeit 
zu verzeichnen gehabt. 
Schon Jahrzehnte lang hatten Erfinder aller Nationen 
sich bemüht, diese so häufig und mit solcher Gleichmässig 
keit sich vollziehende Verrichtung der menschlichen Hand 
durch maschinelle Vorrichtungen besorgen zu lassen. Keiner 
war zu einem brauchbaren Resultat gekommen. Erst Elias 
Howe sollte den Traum der Verwirklichung näher bringen. 
Ihm gebührt das Verdienst, das man oft ihm streitig zu 
machen versucht hat. Ende der 30er Jahre construiite er 
seine Nähmaschine. 1841 erhielt er sein Patent. Im ersten 
Jahrzehnt geht es nur langsam mit der Verbreitung. Aber 
1851 auf der Londoner Weltausstellung sind doch schon drei 
Maschinen ausgestellt; 1856 in Paris schon 15 und 1861 stel 
len in Paris schon 33 Nähmaschiuemfabrikanten aus. In den 
Vereinigten Staaten sind in demselben Jahr bereits 300000 
Nähmaschinen in Gebrauch 
In Deutschland finden wir die erste Nähmaschine im. 
Jahre 1854, sie wird für Geld gezeigt. Ein intelligenter 
Leipziger Mechaniker baut sie nach und verkauft die ersten 
Maschinen mit 350 Thaler per Stück. Nun entstehen in ra 
scher Aufeinanderfolge die deutschen Fabriken. 
Und was hatte diese Erfindung für die Wäsche-Industrie 
auf sich?
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.