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Periodical volume Nr. 77, 3. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
Der Zapfenstreich. Es war gerade kein italienischer 
Himmel, der am. gestrigen Donnerstag über unserer Ausstel 
lung lachte, und von dem „heissen Julibrand“, von dem un 
sere Dichter zu sagen und zu singen wissen, war auch nichts 
zu verspüren. 0, nein' Bleigiaue Wolkenmassen trieben 
sich den Tag über am Horizont bummelnd umher, und wenn 
Frau Sonne, die uns seit einigen Tagen schon sehr entfremdet 
ist, sich in langen Zwischenpausen einmal hervorwagte und 
einen kurzen Blick auf die Illuminationsvorbereitungen nach 
unten warf. so kam gleich ein boshafter Regenschauer hin 
terher, der zu sagen schien: „Es ist doch alles umsonst.“ 
Und so trieb, „mit einem heiteren, einem nassen Auge“ der 
launische Wettergott während des ganzen Tages sein un- 
liebenswürdiges Spiel und die Fest-Commission, d. h. der Spi 
ritus rector des Ganzen, Director Mosino, sass, „hangend und 
bangend in schwebender Pein“, ob auch diesmal wieder das 
geplante Fest zu Wasser werden würde. Lange schwankte 
das Zünglein der Waage „Zapfenstreich, ob nicht ?“ Endlich 
aber musste man zu einem Entschluss kommen und so wurden 
denn die wackeren Spielleute und Trommler unserer Garde- 
Regimenter telephonisch nach dem Ausstellungsterrain be 
rufen, wo schon seit vier Uhr die Musikcorps der Garde- 
Füsiliere, des I. Garde-Regiments und des Garde Fuss-Artil- 
lerie-Regiments, das erstere, in der Wandelhalle vor dem 
Cafe Bauer, das zweite im Vergnügungspark und das letztere 
im Nassen Viereck concertirte, während strahlender Sonnen 
schein mit kurzen Regenschauern so rr gelmässig abwechselten, 
als ob Helios und Jupiter pluvius einen Compromiss abge 
schlossen hätten, sich redlich in die Arbeit des Tages zu thei 
len. Allein da zahlreich^ Fremde schon vom frühen Morgen 
an auf der Ausstellung weilten, der richtige Berliner aber, 
wenn es ein militairisches Schauspiel gilt, sich selbst von 
einem Platzregen nicht daran verhindern lässt „mitten mang 
zu sein“, so hatte sich trotzdem ein sehr grosses Publikum 
eingefunden, das dein Aufmarsch der Spielleute und Tromm 
ler im Vergnügungspark anwohnte und den Zapfenstreich 
treulich geleitete, als er sich programmmäßig durch den 
Park bewegte, wo in allen Restaurants dicht gedrängt die 
Besucher des Schauspiels harrten, das unter Trommelschlag 
und Pfeifenklang an ihnen vorüber zog. Zwischen dem links 
seitigen Rondel des Neuen Sees und dem Hauptrestsurant 
wurde ein längerer Holt gemacht, und lustig klangen die 
kriegerischen Weisen in die Nacht hinaus, während die 
prächtige elektrische Illumination ihre leuchtenden Strahlen 
blitze. weitnin sandte und die wundervollen Farbeneffecte 
sich im Wasser des Sees wiederspiegelten. Wie am Besuchs- 
äbend Li-Hung-Tsehang’s gewährte auch diesmal die ausser 
ordentlich geschmack- und effectvolle Beleuchtung des Haupt 
gebäudes und der von Herrn Regierungsbaumeister .lasse 
entworfenen und ausgeführten! chinesischen Baulichkeiten 
im Neuen See — Pagode und Dschunke — einen feenhaften 
Anblick, während als neues Moment die grossen, blumenbe 
kränzten und reich illuminirten Fanale ans den beiden See 
rondels hinzutraten und einen fesselnden Mittelpunkt des 
Ganzen bildeten. Meister Boettge concertirte mit seinem 
trefflichen Musikeorps wieder auf der Pagode und entzückte 
die Tausende von Hörern, die sich in und vor dem Haupt- 
Restaurant, sowie, an den Ufern des Sees placirt hatten, 
aber auch die übrigen Kapellen, die bis spät in die Nacht den 
musikalischen Wettstreit mit ihm ausfochten, fanden leb 
haften Beifall. So war denn der Tag, resp. Abend, trotz der 
mürrischen Laune des Wetters, dennoch kein verlorener und 
die Fest-Commission konnte mit erleichtertem Herzen sich 
sagen, dass sie der Liehe Müh’ nicht umsonst aufgeboten 
hatte. 
V 
Der Kassenabschluss an verkauften Billets pro Mo 
nat Juni ergiebt ein sehr zufriedenstellendes Resultat. Es 
sind verkauft worden: I. An den Kassen der Ausstellung, 
der Eisenbahnen und Dampfschiffe Billets für ca, 558 OOU 
Mk. (im Mai 510000 Mk.) II. An Dauerkarten Billets für 
ca. 12000 Mk. (im Mai 90 000 Mk.) in Summa ca. 570 000 M. 
(im Mai 000 000 Mk.) Die Zahl der zahlenden Besucher 
übertrifft hiernach diejenige des Monats Mai um etwa hun 
derttausend Personen. Es ergiebt sich hieraus erfreulicher 
Weise, dass der Besuch der Ausstellung trotz der im allge 
meinen wenig günstigen Witterung im Steigen begriffen ist, 
und ist für die Monate Juli, August und September, die er- 
fahrungseemäss den grössten Strom der Fremden zu uns 
führen, ein weiteres erhebliches Steigen der Besuchsziffer 
zu erhoffen. 
s 
Ein Kapitel für Damen. Wer noch der primitiven 
früheren schlichten grauen und weissen, wenn es sehr hoch 
kam, schwarzen Atlascorsets gedenkt, der muss geradezu 
staunen über den Aufschwung, den die Berliner Corsetfabri- 
kation genommen bat! Ohne mich hier in die „für“ und 
,,wider“ in Bezug auf den Nutzen und die Hygiene des Cor- 
sets einzulassen — wenn ich auch zugebe, dass weder eine 
scharfeingeschnürte Wespentaille, in der alle Rippen ü her 
einanderkrachen, mit herausgeschnürten Hüften (und wie sq 
oft sieht man das bei den eitelsten Damen) sehr unschön, 
und solch übertriebenes Schnüren überhaupt geradezu ge 
sundheitsgefährlich ist—so ist doch das Corset, vernünftig 
gearbeitet und angelegt 1 , ein wichtiges Toilettestück. Es 
giebt vielen Gestalten Halt, hübsche Form und lässt den 
Sitz der Taille, des Jacketts, des Rockes vortheilkafter wir 
ken. Und welche Dame sähe nicht gern so vortheihaft als 
möglich aus ! Vor allem lässt man wohl nicht gern in die 
Geheimnisse der Specialcorsets hineinblicken, deren künst 
licher Herstellung es gelingt, stärkere Figuren schlanker, 
überschlanke stärker erscheinen zu lassen. Genug — sie 
sind vorhanden und erfüllen den Zweck, dem sie dienen, aufs 
Beste. Dann ist noch derjenigen zu gedenken, die direete 
Mängel der Figur verdecken, verwachsene, schiefe Schul 
tern, eingebogene Rücken maskiren. Letztere Specialität 
ist hier in Berlin durch zwei Damen (Frau Schwaan geh, 
Franz und Frau Therese Franz) vertreten. An Gipsmodellen 
können wir sehen, wie hier durch sinnreiche Construction 
eine hohe Schulter vertieft, eine eingesunkene Hüfte eben- 
mässig erscheint und ein schiefgewachsener Frauenkörper 
mit Hilfe dieser Corsets eine hübsche normale Figur erhält. 
Ehe ich der Gebrauchs- und Luxus-Corsets gedenke, die in 
grosser Fülle und Mannichfaltigkeit ausgestellt sind, ver 
weilen wir einen Augenblick vor den Reform-Gesundheits- 
Corsets nach Dr. Lahmann von Max Kühl . Bei schlanken 
Persönlichkeiten ist Dr. Lahmann ein für alle Mal gegen 
das Tragen des Corsets eingenommen; hier soll der hygie 
nische, von ihm construirte Rockträger das Corset ersetzen;) 
es giebt aber auch Fälle, in denen die Damen aus Rücksich 
ten für Gesellschaft oder Toilette oder auch aus alter Ge 
wohnheit das Corset nicht entbehren wollen. Für diese 
Fälle empfiehlt sich das Refoim-Gesundheitscorset, dessen 
Tragen nicht nachtheilig auf die Gesundheit wirken kann. 
Es giebt durch die an beiden 8eiten eingesetzten Gummi - 
theile jedem Athemzug nach und übt gar keinen Druck auf 
den Körper aus. Trotzdem macht es eine vorzügliche Figur, 
sitzt tadellos und kann unter der hochelegantesten Toilette 
getragen werden. Es hat sich bei schlanken Damen ebenso, 
wie bei den corpulentesten bewährt. Aus gitterartigem 
Stoff mit den schönsten Materialien in sorgsamer gefälliger 
Ausführung hergestellt, ist auch sein Ansehen ein sehr hüb 
sches — und das Ansehen spricht selbst heim Corset ein 
Wort mit. Die von lauter renommirten Berliner Firmen 
ausgestellten Gebrauchs- und Luxus-Corsets sind vorzüglich 
gearbeitet und besonders sind letztere oft geschmackvoll und 
kostbar ausgestattet. Wo ist die Zeit geblieben, da die fin 
gerbreite Spitze oben am Rand des Corstes, durch welche ein 
buntseidenes Band gezogen war, den Gipfelpunkt derElegan? 
bildete ! Hier sieht man hübsche Corsets in weisser Seid** 
oder Atlas, mit allerliebster Seidenstickerei, Streublümchen 
und Blättchen, ferner Guirlanden und Flitter- und Perlen 
stickerei. Hier fällt besonders ein leuchtend gelbes Atlas-* 
corset in die Augen mit grellrothem Ausputz und Stickerei, 
oben am Ausschnitt begrenzt von dichten Rüschen in gel 
bem Crepe, dazwischen verstreut rothe Mohnblumen. Ein 
weisses Atlascorset mit weissem Rüschenanspntz und ge 
schmückt mit verstreuten Edelweissblüthen ist eben so
	        
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