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Periodical volume Nr. 77, 3. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
Kunstgewerbe auf der Berliner Ausstellung. 
Von Fritz Bley. 
[Abdruck untersagt ] 
Die Abtheilung für Bronze-Industrie ist ausserordentlich 
reich beschickt. Gleich am Eingänge zu der Seitenhalle 
fesselt die Ausstellung der Firma Otto Schulz, die auch darin 
ihren guten Geschmack bewiesen hat, dass sie die einzelnen 
Richtungen ihrer vielseitigen Technik in je einem oder zwei 
vollendeten Stücken veranschaulicht hat. Die Sicherheit 
und Selbstständigkeit, mit der die Berliner Bronze-Industrie 
ihren Weg geht, wird dadurch von dieser führenden Firma 
scharf und gut gekennzeichnet. Wenn man von mancher an 
deren Gruppe mit dem Gefühl scheidet, dass man das Ge 
botene schon irgendwo einmal gesehen hat, so darf man beim, 
Scheiden von der Bronze-Ausstellung sagen: „Sie weiss, was 
sie will, una will, was sie soll!" Ihre Zeichner haben Schmiss, 
Laune und unmuthige Kraft, und aus allen ihren Darbie 
tungen lacht die Freude an dem Reize des Materials oft bis 
zum Uebermuthe heraus. Otto Schulz hat eine Distelträge 
rin ausgestellt, ganz wundervoll fein in ihrer grünen Tönung. 
Das Frauenzimmerchen lacht den Betrachter so hochmüthig 
an, als wolle sie ihm sagen: „Wie kann man denn überhaupt 
heutzutage noch anderes Licht wie elektrisches benutzen? 
Sieh doch nur, wie anmuthvoll es sich damit spielt und wie 
'ein 33 alle Tönungen der Galvanoplastik, alle Reize der Li 
nienführung umspielt!” Und den gleichen Eindruck frischer 
Sicherheit gewinnt man von allen anderen Stücken, die diese 
Firma ausgestellt hat. Das Kerzenlicht Aiä die Gasflamme 
z vangen dem Candelaber eine gewjsge Steifheit des Aufbaues 
arf, die nur bei den strengen, Stilformen, der Gothik insbe 
sondere, dem Künstle’’ zu Statten kam. Die elektrische Sei 
denschnur und Bime haben dem Künstler die volle Freiheit 
der Bewegung gegeben. Da lag die böse Gefahr nahe, dass 
der fatale Aaturalismus, der die niedere Bronze-Industrie und 
die 'Bijouterie so sehr beherrscht, sich aufdrängen würde. 
Dass das nicht geschehen ist, dass vielmehr die edele Ber 
liner Bronze auch in der freien Behandlung des Figürlichen 
ein sicheres Stilgefühl bewahrt hat, kann nicht lobend genug, 
anerkannt werden. Ottc Schulz sowohl, als die Mehrzahl der 
Aussteller dieser Gruppe zeigen die Berechtigung dieses Lo 
bes in jeder Richtung. Schulz hat namentlich japanische 
Vasen mit Seerosen und Schilfdolden ausgestellt, die das Ent 
zücken aller Betrachter bilden. Sehr fein in der Durchbil 
dung ist auch eine Bronzefigur desselben Ausstellers, den 
Sturm in nordischer Auffassung darstellend. — Arndt & 
Marcus beziehen mit Vorliebe Kacheln von der Königlichen 
Porzellan-Manufactur, die sie in ebenwerthiger Weise fassen 
und deeoriren. Sehr fein in der Wirkung ist eine in Silber 
und Goldbronze gefasste Gassette. Höchst geschmackvoll 
und vornehm ist ein im Empirestil gehaltener Spiegel nach 
dem Entwürfe des Bildhauers Eichberg, der viel für die 
Bronze-Industrie arbeitet und daher auch mit einer Statue 
seine Karte in. dieser Abtheilung abgegeben hat. Die Ac- 
tiengesellschaft vorm. H. Gladenbeck hat sehr reichhaltig 
und sehr interessant ausgestellt. Allgemein wird bei dieser 
wie bei mehreren anderen Firmen gerühmt, dass sie auch im 
Zinkguss es zu hoher Feinheit der Wirkung gebracht habe. 
Ich finde, offen gestanden, dass der Ton dieser Zinkguss 
arbeiten an Duft noch zu wünschen übrig lässt. Ganz tadel 
lose Meisterwerke in Durchbildung und Composition bietet 
dagegen die Firma in ihren Genrestücken. Es würde zu 
weit führen, diese alle aufzählen zu wollen. Kur zwei möchte 
ich hervorheben: eine kleine Gruppe, Schlitten mit im Eise 
einbrechenden Pferden und namentlich das köstliche Ka- 
binetstück „die Arbeit”, einen Meister, im Sessel über einem 
Entwürfe sinnend und von Werkzeug umgeben, darstellend. 
Walter und Paul Gladenbeck’s Bronzegiesserei zeigt in einem 
Löwenjäger zu Ross ihre Meisterschaft im Guss. — Emil, 
Kr ob ne hat mehrere in der Haltung sehr imposante Can 
delaber, sowie Beleuchtungs-Wandarme u. dergh ausgestellt, 
die eine farbig sehr glücklich empfundene Decoration von 
mexikanischem bezw. brasilianischem Onyx mit weicher Gold 
bronze zeigen. — Gustav Grobe hat sich weniger Gegenstände 
der Beleuchtung, als des Tafelgebrauches zum Arbeitsfelde 
erkoren. Seine Bowlen mit Jagdscenen, Schmuckkästchen, 
Schalen, Schreibzeuge, Pokale und dergleichen sind mit viel 
Liebe durchgebildet und in der Compoüition frisch und maass 
voll. Sie haben ihre persönliche Kote; und deshalb hat den 
Aussteller recht gethan, die Künstler, nach deren Entwürfen 
er arbeitet, in seinem Preisverzeichnis zu nennen. Grobe 
konnte das um so eher, als er selbst unter seinen Mitarbei 
tern an erster Stelle steht; sein Weihbecken mit einer 
Schaale und einer Elfe, die eine Blume umschwebt, sind sehr 
fein empfundene Arbeiten. Das Beispiel dieses Ausstellers 
verdient entschieden Kachahmung. Die Gefahr ist ja un 
verkennbar, dass junge Künstler durch den ersten Erfolg 
sich zu thörichter Selbstüberschätzung verleiten lassen;) 
aber andererseits kann eine so aufstrebende Kunstindustrie, 
wie die hier in Rede stehende, diese Unbequemlichkeit ge 
trost in Kauf nehmen gegenüber dem starken Ansporn des 
Ehrgeizes, den die Kamennennung des Künstlers bewirkt. 
Die Entwickelung muss doch in der Richtung starker, künst 
lerischer Persönlichkeiten weiter gehen, wenn dieser In 
dustriezweig das ihm gebührende Feld voll erobern soll. —- 
Robert Bräunlich’s vortreffliche Patinirung, die idem Tone 
der japanischen Bronze mindestens sehr nahe kommt, habe 
ich bereits in dem Vorbeilohte kurz erwähnt. Sie ist, wie 
mir gesagt wurde, sein unerreichtes Geheimniss. Desto 
besser! Derselbe Aussteller zeigt übrigens in einem auf 
einer Schildkröte reitenden Faun ein .so duftig feines Gold 
der Bronze, wie es auch von den Mitbewerbern kaum erreicht 
wird; und ebenso ist der feine grünliche Ton einzelner 
Bronzestücke in hohem Grade interessant und ein Beweis von 
der zielbewussten Art, in der dieser Aussteller immer wieder 
bestrebt ist, seinem Material neue Reize abzugewinnen. — 
C. Kramme zeigt in seiner Ausstellung, namentlich in zwei! 
Vasenträgerinnen vorzüglichen Bronzeguss und duftige Be 
handlung des Goldtones, ebenso ist sein grünblauer Oxydton, 
sehr zu loben. — Ewald Schultze ist sehr leistungsfähig in 
Rahmen, die für den Export gearbeitet sind; besonders ge 
fällt darin die Patinirung in matt olivefarbenem Ton. Da 
neben zeigt der Aussteller sehr hübsche Bronzestatuetten 
nach Entwürfen aus dem Atelier des Professors Hertel imi 
Tone der russischen Bronze. Auch Hugo Spangenberg hat 
ausser seinem bereits erwähnten ,,trinkenden Knaben” von 
Tübbeke, einen „ruhenden Alexander” nach Professor Hertel 
ausgestellt, eine ganz tadellose Leistung.—Die Firma R. Bellair 
& Go. giebt selbst auf ihren Karten als i hre Specialität militairi- 
sche Abschiedsgeschenke, Renn-und Schiesspreise an. Meist sind 
es Statuetten. Sehr geschickt componirt ist ein Stück, den 
Kaiser Wilhelm auf der Commandobrücke darstellend; die 
Ausführung ist glatt, meist mit einem starken Zuge in's be- 
ouein Gefällige, wie das in der Katar dieser Geschenke liegt. 
Daneben zeigt die Firma, aber auch das unverkennbare Be 
streben nach Eigenart und schärferer Charakteristik. — Pear- 
tree & Co. haben sehr reizvolle Bauornamente aus Eisen ge 
trieben und mit Kiederschlag decorirt. Das ist eine sehr wir 
kungsvolle Technik, die freilich so fein, wie von dieser be 
währten, alten Firma behandelt werden muss. Sehr schön 
sind zwei von Peartree’s ausgestellte Trinkhörner aus Bronze 
in einem ganz eigenartigen lederfarbenem Tone. Im Stanzen 
minutiös feiner Basreliefs hat diese Firma eine erstaunliche 
Fertigkeit. Die Beleuchtungsbrauehe im engeren Sinne 
steht hier in Berlin durchweg auf der Höhe ihrer Situation, 
namentlich zeichnen sich die Arbeiten von Carl Rakenius K 
Co. durch technische Sauberkeit und Sorgfalt der Vergoldung 
aus. Diese Firma arbeitet ihres Exports wegen viel in eng 
lischem Geschmacke. In ihrer Ausstellung verdient'nament 
lich die geschickte Decorirung des Onyx mit tonverwandter 
Bronze lebhafte Beachtung. Sehr gehalten in der Form ist 
eine Sphinx, die denn auch gerechte Würdigung findet. 
Die Actien-Gesellschaft Schaffer & Welcher hat der Bedeu 
tung ihrer Firma entsprechend ausgestellt. Unter ihren 
Gussstücken imponirt namentlich 'das .Standbild Kaiser Wil 
helms I. nach Bärwald. Die Beleuchtungsgegenstände zei 
gen einen grossen Reichthum von originellen Motiven und 
reizvolle Sauberkeit der Ausführung, wie denn überhaupt
	        
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