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Periodical volume Nr. 76, 2. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

io Officieüe ÄussteÜungs-Nachrichten. 
Verbesserung den Beutel aus Seidengaze erfanden, wie er 
Beute nocb in Gebrauch ist und von dem Redner den Hörem 
in natura vorgezeigt wurde. Wir erfuhren bei dieser Ge 
legenheit, dass es eine Berliner Finna, Langenbeck, war, die 
zuerst in ganz Deutschland sich der seidenen Beutel bediente. 
Wieder schritt die Technik ein gutes Stück vorwärts, sie 
schuf an Stelle des Mühlsteins die Walze, wie sie heute in 
allen grösseren Mühlen in Gebrauch ist und deren Erfindung 
einen vollständigen Umschwung des Mahl- und Backwesens 
bedeutet. 
Auf die Getreidesorten übergehend, die vorwiegend für 
die Brodbereitung benutzt werden, erläuterte Herr van den 
Wyngaert den Unterschied zwischen dem ungarischen und 
deutschen Weizen. Wohl haben wir es soweit gebracht, 
unser Getreide so gut und fein zu mahlen, wie unsere Nach 
barländer, aber wir konnten ihm nicht den so hochwichtigen 
Kleberstoif geben, der sich gerade im ungarischen Weizen 
in weit grösserem Procentsatz findet und sahen uns so ge- ; 
nöthigt, diesen zu importiren and mit unseren Brodfrüchten : 
zu mischen. Leider hat man auch in verschiedenen Gegen 
den, namentlich in der Provinz Sachsen und in Braunschweig 
lange Zeit englisches Gewächs eingeführt, was der Redner, in 
Anbetracht der Minderwertbigkeit dieses Prodnctes, als schä 
digend Bezeichnet. Die allmählige Entwickelung des Ge 
schmacks, herbeigeführt durch den erleichterten Verkehr, 
liess uns erkennen, wie weit uns beispielsweise die Oester 
reicher in der Herstellung der Backwaaren voraus sind. Frei 
lich lassen sie sich dieselben auch bedeutend theurer bezahlen. 
Herr v. d. Wyngaert wirft die interessante Frage auf, ob 
diese Geschmacksverfeinerung blos Luxus oder Bedürfniss 
sei und entscheidet sich für das Letztere. Es hat sich längst 
herausgestellt, dass es ein Irrthum ist, wenn man zu beweisen 
sucht, dass Millionen verloren gingen, wenn von dem Korn 
nicht alles benutzt würde und selbst die Theorie des grossen 
Forschers Liebig, dass man den Roggen mit der Schaale ver 
backen müsse, um seinen vollen Nährwerth zu erzielen, ist 
nach neueren Forschungen nicht mehr stichhaltig, da es fesr- 
steht, dass der Körper gewisse chemische Bestandtheile des 
auf diese Weise bereiteten Brodes eben garnicht aufnimmt 
und das aus vollständig kleienfreiem Mehl bereitete Gebäck, 
auch in kleineren Quantitäten genossen, weit nahrhafter ist. 
Seihst die Militärbehörde, die doch auf dem Gebiet der Brod- 
bereitung die umfassendsten Studien und Versuche machen 
liess, begnügt sich jetzt damit 82| pCt, Mehl aus dem Koni 
zu gewinnen, während früher 95 pCt. daraus erzielt wurden. 
Herr v. d. Wyngaert schloss seinen interessanten Vor 
trag mit einer kurzen Uebersicht über die Fortschritte auf 
dem Gebiet des Brodhackens, das nur in geringem Grade 
ein chemischer, hauptsächlich aber ein physikalischer Process 
sei. Die Bereitung des Teiges, die früher ausschliesslich mit 
der Hand geschah, wird jetzt vielfach durch Knetmaschinen 
besorgt und nicht lange wird es dauern, bis diese allgemein 
in allen Bäckereien eingeführt sind. Herr v. d. Wyngaert 
bricht mit Entschiedenheit eine Lanze für unser gutes, nord 
deutsches Roggenbrod und warnt unsere Bäckereien vor der 
Mischung mit Weizenmehl, wie sie beispielsweise in Süd- 
deutschland und Holland beliebt sei. Nachdem er schon 
früher constatirt hatte, dass unsere deutschen Mühleneinrich 
tungen heute zu den besten der Welt zählen und bedeutend 
höher stehen als die ungarischen und österreichischen, wie 
ihr grosser Erfolg auf der Chicagoer Weltausstellung bewie 
sen habe, erkennt Redner gerade den Berliner Etablissements 
den ersten Preis zu, da nirgends das Roggenmehl in solcher 
Vollendung hergestellt werde wie liier, wo man technisch so 
weit fortgeschritten sei, dass man, in einzelnen Betrieben 
täglich 180000 bis 200 000 Kilogramm Mehl bereite, ohne 
dass nur ein Stäubchen aufgewirbelt würde. Der Redner 
schliesst seinen, mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vor 
trag mit den Worten, dass wir auf diese Fabrikation, die an 
Erzielung des höchsten Nährwert lies sowohl wie der rein 
lichsten Behandlung der Mehlbereitung nichts zu wünschen 
übrig lasse, sehr stolz sein dürften. Fr. Br. 
Prinz Georg von Preussen besuchte gestern am 
Spätnachmittag die Ausstellung und verweilte längere Zeit im 
Hauptgebäude, manchen grösseren Gruppen besonderes Interesse 
widmend. 
S 
Prinz laiidwig von Bayern besuchte gestern aber 
mals die Ausstellung, für die er offenbar lebhaftes Interesse 
bekundet. Der Prinz besuchte zunächst Alt-Kairo, wo Herr 
Dir. Möller die Führung übernahm und die einzelnen Bau 
lichkeiten erklärte. Bei einer Vorstellung in der Arena ge 
fielen dem hoben Gaste ganz besonders die schönen Pferde, 
auch die grossen Umzüge, Waffenspiele und Tänze der Ara 
ber Von Kairo begab sich der Prinz nach der Kolonial- 
Ausstellung, wo Herr Georg Zimmermann, Mitglied des Vor 
standes der Deutschen Kolonial-Gesellscbaft, den Prinzen be 
gleitete. Besonderes Interesse fand der Prinz an den Massai. 
„Ein herrlicher Menschenschlag!“ meinte er und setzte hin 
zu : „Das sind ja prächtige Gardeleute!“ In der Zanzibar 
stadt besichtigte Prinz Ludwig eingebend die Kolonialballe 
und das Tropenbaus und liess sich über die ethnologischen 
Sammlungen und Modelle einige Erklärungen ertheilen. 
Nach Verlassen der Kolonial-Ausstellung begab sieb der Prinz 
in das Hauptrestaurant von Adlon und Dressei, hier mit sei 
nem Gefolge das Diner einnehmend, worauf er dann nach 
Berlin zurückfuhr. 
V 
Bas Portal VI ist nunmehr auf vielseitigen Wunsch der 
betreffenden Interessenten für den gesummten Verkehr von und 
nach der Ausstellung freigegeben worden. Bisher war der Eintritt 
durch dasselbe nur den Ausstellern, welche sich durch ihre rothe 
Dauerkarte, Angestellten, deren Legitimationskarte den Stempel 
»Das Ingenieurbureau« trug und den Bediensteten der Brauerei 
Oswald Berliner gestattet. Eintrittskarten sind gegenwärtig aller 
dings an dem Portal noch nicht zu haben, jedoch steht die Ein 
richtung einer Kasse bevor. 
V 
Eine Ehrengabe für den Vorsitzenden det 
Gruppe III, Regierungsrath Platz, ist namens der Ausstelle 1 
unter einer längeren Ansprache durch den Baumeister Richari 
Otto überreicht worden. Die Gabe bestand in einer äusserst lebens 
wahr modellirten Büste des Gefeierten, einem liebenswürdigen Werl e 
des Bildhauers von Ueclrtritz, der an der Einrichtung des 
Freihauses den verdienstvollsten Antheil genommen hat. Die 
Büste war in dem Festsaal des Marine-Restaurants auf der »Hohen- 
zollem« aufgestellt und zwar auf einem Sockel, den geflügelte 
Genien schmückten. 
V 
Bei dem heute stattfindenden Monstre-Zapfen- 
streich wirken die Trommler und Spielleute des II., III. und. 
IV. Garde-Regiments zu Fuss, des Gurde-Füsilier-Regiments 
und des I., II. und III. Eisenbahn-Regiments mit. Von. 
4 Uhr ab concertiren gleichzeitig vor dem Cafe Bauer, mit 
der Front gegen das Hauptgebäude, die beliebte Kapelle der 
Garde-Füsiliere unter Frese, im Nassen Viereck vor dem 
Alpen-Panorama das Musikcoips des Garde-Fuss-Artillerie- 
Regiments und im Vergnügungspark vor dem Etablisse 
ment Hagenbeek die Kapelle des I. Garde-Regiments zu 
Fuss aus Potsdam. Seit dem Tode des General-Musikdirec- 
tors Wieprecht ist es das erste Mal, dass ein derartiger 
Monstre-Zapfenstreich zu Privatzwecken stattfindet, da der 
Kaiser, kraft seines Reservatrechts, bisher einen solchen nur 
bei der Anwesenheit hoher fürstlicher Persönlich 
keiten befahl. Dass die Ausstellungsbesucher nun das 
interessante militauische Schauspiel auch im Treptower Park 
gemessen können, ist ein Verdienst der Fest-Commission 
und des Commandeurs des Garde - Corps Generals von
	        
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