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Periodical volume Nr. 76, 2. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 9 
kannte, der sieh auch als Bildnissmaler eines sehr soliden 
Könnens erfreut. Seit einer Anzahl von Jahren ist aber die 
ser Maler mit einer gesinnungsverwandten Schaar von jungen 
Künstlern in eine neue Kunstbestrebung eingetreten, in ein 
beinahe nervöses Beobachten der zartesten Landschaftsstim 
mungen und Lichtzustände. In einem grünen Bergthale bei 
Dresden, im Goppelner Grunde, haust seit einer Anzahl von 
Jahren den ganzen Sommer über die neue Malerschule, um 
im unmittelbaren Verkehr mit der Natur ihr Ideal, eine auf’s 
Aeusserste verfeinerte Luftmalerei, zu erreichen. Paul Baum 
ist neben Bantzer der talentreichste Künstler aus dieser 
Schaar, Müller-Breslau, Stagura, vor allem auch der höchst 
begabte A. Sterb ITnger u. A. bilden eine Schaar von ernst 
arbeitenden Männern, die gleich den Schulen von Antwerpen 
in einem gemeinsamen Nebeneinanderstreben und in einem 
wechselseitigen TTeberbieten ihm Anschauung künstlerich 
zu verwirklichen trachten. Was bei dieser Thätigkeit glück 
lich erreicht ward, zeigt ein Bild wie Bantzer’s Frühlingsbild. 
Man sieht unter Eschen auf grüner Wiese eine Frau im 
blauen Gewände mitten im hochgewachsenen Grase sitzen 
und, wie nun in diesem Grase der blaue Luftton, die zartesten 
lief]exe des Lichts, die ganze Poesie des athmenden, im Son 
nenglanze ausdunstenden Blumenfeldes beobachtet sind, das 
gehört gewiss zu den feinsten Meisterstücken auf der Austei 
lung. Aehnheh sehen wir Paul Baum in einer charakte 
ristischen Technik die Natur auf ihre zartesten Erscheinungs 
geheimnisse belauschen. Freilich sind die Vorzüge dieser 
Kunstrichtung nicht sehr augenfällig; mancher Beschauer 
wird achtlos an diesen Werken vorübergehen, weil sie viel 
leicht gar zu wenig aufdringlich erscheinen, alles Theatra 
lische meiden und nur in der tiefsten Innigkeit des Anschau- 
ens ihren Beiz suchen. Breiter tragen sich die Landschafts 
stücke und Thierstücke von Hcchmann vor, der mit einer 
lichten Palette grosse Energie und Körperlichkeit des Vor 
trags verbindet. Ein flotter Zeichner ist Stagura, der einen 
alten Bettler auf der Landstrasse im Abendscheine hinwanken 
lässt und volles warmes Licht, sowie eine anschauliche, cha 
rakteristische Bewegung festzuhalten weiss. Gotth. Kühl, 
seit einiger Zeit von München nach, Dresden an die Akademie 
berufen, bat mehrere flotte Stücke gesendet, die ein verwandtes 
Bestreben mit der Goppelner Schule zeigen. Unter den Bild 
nissen ragt eine Arbeit von Felix Borchardt hervor durch- die 
frappante Charakteristik und vornehme Haltung des Colorits, 
ein Portrait des Dichters Königsbrun-Schaupp, des Verfas 
sers der „Bogumilen”. In flotten Flächen ist der Kopf zu 
sammengebracht, äusserst lebhaft modellirt und mit be 
stechender Leichtigkeit gerade so weit fertig gemacht, um die 
, volle Glaubwürdigkeit des Eindrucks zu erzeugen. Sehr kräf 
tig wirkt ein Kniestück von Sievers, das Bildniss eines Herrn, 
der mit den Händen in den Hosentaschen dasteht und beinahe 
aus dem Kähmen herauszusteigen scheint, 'so kraftvoll ist die 
ganze Figur hingestellt. Weniger glücklich nimmt sich in 
dieser Umgebung ein grosses Schlacbtgemälde von Werner- 
Sehucb aus, der seit einiger Zeit von Berlin nach Dresden 
übersiedelt, ist, aber schwerlich als Reformator erscheinen 
dürfte in dieser Umgehung, die seinen trockenen, pappfarbe- 
nen Pinselstrichen weit vorangeeilt ist. — Besonders glück 
lich ist die Dresdener Bildhauerei durch eine Nymphe von 
Hans Hartmann-Macklean vertreten. Dieses nackte Wald 
weibchen, das die schönsten Menschenbeine sein eigen nennt, 
ist im Begriff, ein kleines Faunchen mit fellumhüllten Zie 
genschenkelch,en an ihrer Mutter-Brust zu tränken. Der 
kleine Kerl trinkt sich dick und voll, er ist ganz aufgeschwol 
len vor Behagen. Die Mutter aber sitzt mit äusserst weh 
leidigem Ausdruck da; man sieht, es ist ihr ausserordentlich 
fatal, dass sic ein solches kleines Monstrum zur Welt bringen, 
musste. Hätte sie sich, statt mit einem bocksfüssigen Faun, 
mit einem göttlichen Helden in der Stille des Waldes ver 
einigt, die Reue wäre nie eingetreten. Man sieht- daraus, 
dass selbst die unbescholtensten Nymphen und Frauen nicht 
vorsichtig genug sein können in der Wahl ihrer Männer, 
denn wenn das Ergehniss hinterdrein noch mit so viel un 
nachsichtiger Wahrheit modellirt und ausgestellt wird, wie es 
hier geschehen ist, so zeigt sich die Folge des Leichtsinns in 
betrübendster Weise. Dies Werk ist von entzückendem Na 
turalismus der Formenbekandlung, eines der bedeutendsten 
plastischen Kunstwerke, die Deutschland in den letzten Jah 
ren hervorgebracht hat. Auch sonst ist die Dresdener Bild 
hauerkunst sehr erfreulich vertreten. Eine Bildnissbüste 
von Richard König, das Portrait, einer Künstlersgattin ist 
von ausserordentlich frappanter Charakteristik. Eine trau 
ernde Grahgestalt von R. Fabricius, der sich in der Schule 
des Meisters Diez zu einem ausserordentlich innig schaffen 
den Künstler entwickelt hat, macht einen durchaus bedeuten 
den Eindruck in den grossen Zügen ihres plastischen Auf 
baues. — W. Kirchbach. 
Vorträge in der Ausstellung. 
Die Entstehung unseres täglichen Brodes. 
[Abdruck verboten.l 
Herr Director J. J. van den Wyngaert, der vor einem 
sehr zahlreichen Publikum im Hörsaal des Chemiegebäudes 
über die „Entstehung unseres täglichen Brodes“ sprach, hat 
uns gezeigt, dass die alltäglichsten Dinge denn doch nicht 
immer so einfach sind, wie es den Anschein hat. Das täg 
liche Brod! Was lässt sich über dieses! Thema viel reden? 
mag sich mancher gefragt haben. Da wird eben der Teig 
gemischt, geknetet und gebacken —- voila tont! 
An sich ist das richtig; allein bis es zum Mischen kommt 
bis der Hauptbestandtheil unseres Brodes, das Mehl, so zu 
bereitet, werden konnte, dass es alle Bedingungen des Nähr- 
wertkes, der Verdaulichkeit und unseres Gesell,mackes erfüllt, 
bis dahin war es ein weiter Weg, eine interessante Wissen 
schaft hebe Exmission, auf der wir den kundigen Redner mit 
lebhaftem Interesse begleiteten. 
Herr van den Wyngaert, der seinen Vortrag mit einer 
Anzahl belehrender Abbildungen, Präparate und Ma 
schinen zweckentsprechend erläuterte, gab in erster Reibe 
eine Geschichte der Entwickelung der Mehibereitung, resp. 
der Vervollkommnung unserer heutigen Mühlen-Industrie. 
In der Urzeit wurde das Getreide einfach auf einem Stein zer 
schlagen, später zwischen zwei Steinen zerrieben oder in einer 
Art von Mörser mittels einer Keule zerStössen. Mit der 
wachsenden Cultur entwickelte .sich auch auf diesem Gebiet 
ein namhafter Fortschritt, für den die zwischen den Ruinen 
von Pompeji aufgefundenen einfachen,, aber immerhin prak 
tischen Getreidemühlen Zeugniss ablegen. Dann kam der 
Mühlstc:"! in <' -loch, den wir ja aus unserer Jugendzeit 
her Alle kennen, und uer bitt vor etwa zwanzig Jahren die 
Alleinherrschaft auf dem Felde der Mehlbereitung führte. 
Man fertigte den Mühlstein zunächst aus Sandstein, der bei 
all' seinen Vorzügen auch den Nachtheil hatte, dass sich zahl 
reiche Sandtkeilchen absplitterten und dem Mehl bei 
mischten ; später griff man zu Granit und Lava, die aller 
dings diese üble Eigenschaft nicht entwickelten, aber mit 
der Zeit so glatt wurden, dass sie ihren Zweck, die vollstän 
dige Zermalmung der Körner, nicht mehr erfüllten. Da 
machten* die Franzosen, denen wir überhaupt in der Mühlen- 
Industrie viel verdanken, eine Erfindung, die lange Jahre das 
Feld behauptete: die Zusammensetzung der Mühlsteine aus 
Feuerstein, der durch seine Härte und Rauhheit sich als 
ausserordentlich praktisch erwies. Auch Porzeil anwalzen 
mit aufeinanderpassenden Rinnen, zwischen denen das Korn 
zerschnitten wurde, kamen in Gebrauch, ohne« sich jedoch zu 
bewähren. 
Jahrhunderte lang hatte man das Getreide mit der Hülse 
zu Mehl verarbeitet* und war der Ansicht, dass gerade die 
Kleie einen ganz besonderen Nährstoff enthalte. Mit der 
Verfeinerung unseres Geschmackes aber, die mit den 
Fortschritten der Wissenschaft Hand in Hand ging, stellte 
sich die Ueberzeugung von der Schwerverdaulichkeit der 
Kleie ein und gelangte die stetig fortschreitende Technik nun 
zu der wichtigen Erfindung des Beutelns, durch das alle 
Nebenbestandtheile abgesondert, und endlich das reine Mehl 
gewonnen wurde. Zuerst wurden die Beutel aus Wolle ge 
fertigt, bis auch hier wieder die Franzosen als wesentliche
	        
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