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Periodical volume Nr. 75, 1. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Äusstellungs - Wachrichten. 
trefflichen Eindruck. Von Kairo begab sich Prinz Ludwig" direct 
in den Pavillon des »Berliner Lokal-Anzeiger«. Mit grösstem 
Interesse und dem scharfen Auge des Kenners besichtigte der Prinz 
die grossartige typographische Einrichtung, zunächst längere Zeit bei den 
amerikanischen Setzmaschinen verweilend. Dann wandte er seine Auf 
merksamkeit den Druckmaschinen zu, wobei er fragte, von welcher Fabrik 
sie hergestellt worden seien. Er war sichtlich erfreut, als er 
hörte, dass die gewaltigen Maschinen aus Augsburg herstammen. 
Nun begab sich der Prinz in den Depeschensaal. Die actuellen 
Bilder und Darstellungen fesselten sein Interesse in hohem Grade. 
Vor dem Bogen des Berliner Congresses von 1878 constatirte der 
Prinz, dass er die meisten Personen kenne, ebenso bei den Bildern 
anderer hervorragender Persönlichkeiten, so des chinesischen Vice- 
königs Li-hung-Tschang, den er in Moskau kennen gelernt hatte. 
Nach etwa halbstündigem Verweilen im Pavillon des 
»Berliner Lokal - Anzeiger« wandte sich der Prinz nach dem 
Hauptgebäude der Ausstellung. Nachdem er sich in das Goldene 
Buch der Stadt Berlin eingezeichnet hatte, besichtigte er verschiedene 
Gruppen, unter anderem die der Edelmetall-Industrie, der Kunst- 
schmiedereien und die historische Trachten-Ausstellung. Dann kamen 
die Marine-Schauspiele an die Reihe. Die einzelnen Manöver der 
kleinen Flotte, die ihm von Herrn Director Dieters eingehend er 
klärt wurden, nahm er sehr beifällig auf; besonders erregte es 
seine Verwunderung, dass jedes der kleinen Schiffe von einem 
Manne gelenkt werde. Nachdem sich der Prinz noch ein Glas 
Löwenbräu hatte munden lassen, sprach er zum Abschied Herrn 
Director Dietert seinen Dank aus und fuhr dann nach Berlin 
zurück. 
* 
Eine hübsche Episode spielte sich beim Besuch des Prinzen 
Ludwig von Bayern in Alt-Berlin ab. Der Prinz betrat dort die 
Hollandsche Tapperey und betrachtete das schöne alt- 
delfter Porzellan, die originelle Einrichtung und die hübschen 
Holländerinnen. Er wurde nicht erkannt und von einem 
jungen Mädchen gefragt, ob er was zu gemessen wünsche. 
Der Prinz bemerkte scherzend: »Nein, ich will mich nur hier 
umsehen!« Die kleine Holländerin sagte nun in ihrer Muttersprache 
halblaut: »Wenn uns viele solche Gäste besuchen, werden wir nicht 
sehr reich«. Ueber diese naive Bemerkung lachte der Prinz hell 
auf und kaufte einen »Halb und Halb«, grösste freundlich und 
verabschiedete sich in bester Laune. — Einer Händlerin bezahlte 
der Prinz Ludwig eine Postkarte mit einer Ansicht von Alt-Berlin 
mit einem harten Thaler. 
V 
Die feierliche Eröffnung der Gruppe XXI für 
Gau- und Xngenieurwesen erfolgte am Dienstag Nach 
mittag 4 Uhr, nachdem bis dahin noch Reissig an der Vollendung, 
Einrichtung und Ausschmückung des Freihauses und an den 
Gartenanlagen des Ehrenhofes gearbeitet worden war. Obwohl der 
Himmel nicht jenen verklärenden Sonnenschein herabsandte, der 
den prächtigen Krönungen der phantasievollen Giebel die wirk 
samsten Glanzlichter aufgesetzt hätte, versammelte sich in dem über 
raschend schönen Hofe eine zahlreiche Gesellschaft, unter 
denen man die Preisrichter, die Vorstände und viele 
Aussteller mit ihren Damen bemerkte. Mit Regierungsrath Platz 
kamen zuerst Stadtbaumeister Ivöhn, Professor E. Dietrich, Eiscn- 
bahndirector Castner, Hofsteinmetz Metzing, Oberstlieutenant 
Knaak, Architekt Albert Hoffmann und viele geladene Ehren 
gäste. Ehe das Fest begann, fand sich Müsse, durch die reiche 
Portalhalle mit der herrlichen Bekleidung aus fleischfarbenem 
Marmor in die reizvoll decorirte Säulenhalle einzutreten, die als 
ein mit vielen Bronzen und Schnitzereien ausgestattetes Heim 
eines Künstlers entworfen ist. Hier waltete noch Bildhauer 
Uechtritz seines schwierigen Amtes, bemüht, aus den vielen 
Kunstwerken, welche die Society Italienne, die Werke Lauchhammer, 
etc. zur Verfügung gestellt hatten, ein harmonisches und 
fesselndes Gesammtbild hervorzuzaubern. Aber schon die eigenen 
schönen Arbeiten des Herrn von Uechtritz, seine formvollendete Brunnen 
figur für die Gormannstrasse, seine vornehmen Standfiguren für 
elektrische Beleuchtung, italienische Proben und andere figürliche 
Dinge lohnen allein den Besuch dieses geräumigen Künstler 
ateliers. Nachdem nun der Mosaikbelag des Fussboden vollendet 
ist, wirkt besonders schön die von Odorico ausgeführte Kaiserkrone 
im ersten Felde beim Eintritt die sich in monumentaler Fassung 
dem ornamentalen Friese einfügt. 
Wie von selbst führt uns die elegante Treppe in den oberen 
Raum, der nunmehr ausserordentlich freundlich wirkt und in der 
von Professor Messel entworfenen »Diele« an der Ostseite einen 
allerliebsten Schmuck erhalten hat. Von dem offenen Balcon hat 
man einen schönen Blick in den Ehrenhof, dessen Giebel, Portale 
und Arkaden trefflich Zusammenflüssen. 
Punkt 4'/z Uhr ergriff Herr Regierungsrath Platz das Wort, 
um in kräftigen, markigen Worten die Ausstellung des Bauhofes 
mit dem Freihauso für eröffnet zu erklären. Er begrüsste 
die Vertreter des geschäftsführenden Ausschusses, des Gesammt- 
vorstandes, der Gruppenvorstände und der Aussteller und wies 
darauf hin, dass die Baugruppe gerade einen sehr schweren Stand 
punkt gehabt habe. Noch vor kurzem habe man nicht geglaubt, 
dass alles zu dieser Frist noch fertig sein werde. Aber in drei 
Monaten sei dies Werk entstanden, das dort, wo vor wenigen 
Tagen noch Haufen von Klamotten und Gipsstücken umherlagen, 
nunmehr ein neues Schmuckstück der ganzen Ausstellung einfüge. 
Das alles sei dem einmüthigen Zusammenstehen der Aussteller und 
der opferwilligen Mitarbeit aller Betheiligten zu danken. Fester Wille 
und fester Muth, das sei es gewesen, was es ermöglicht habe, zuletzt 
dennoch mit Ehren aus diesem Kampfe mit allerlei Schwierigkeiten 
hervorzugehen. Die von herzlicher Wärme durchströmte und mit 
lebhaftem Beifall aufgenommene Rede schloss mit dem Wunsche, 
dass der verdiente Lohn nun auch nicht ausbleiben und dass die 
Baugruppe die richtige Würdigung bei den Besuchern der Aus 
stellung finden möge. 
Unter Vorantritt der Herren Freese und Schuppmann, die 
als Ordner hei dem Feste mit fungirten, zog dann die ganze 
Gesellschaft, die auf etwa 1.50 Theilnehmer angewachsen war, 
paarweise um die in der Mitte aufgestellten Brunnen mit dem 
kecken italienischen Wassermann, um dann zuerst der Eintritts 
halle, dann der Längshalle, dann der Querhalle, der Ofen 
halle u. s. w. einen Besuch abzustatten und zuletzt von der 
Baugasse aus Mark's Pavillon zu passiren und mit der elek 
trischen Rundbahn eine gemeinsame Fahrt durch die Ausstellung 
zu unternehmen. Während des Festaktes, und während des instrue- 
tiven Rundganges concertirte auf dem Balcon des Freihauses die 
Kapelle des Badischen Leibgrenadier-Regiments Nr. 9 aus Karls 
ruhe. Um 6 Uhr vereinigte man sich zu einem solennen Festmahl 
im Restaurant der Marine-Schauspiele, dem sich bei einem späteren 
nochmaligen Besuch des festlich erleuchteten Freihauses ein 
Ball mit Tombola und mancherlei Ueberraschungen anschloss. 
Das Festmahl, an dem in dem reich geschmückten Raume 
etwa 300 Damen und Herren theilnahmen, verlief in der schönsten 
Weise, nachdem Herr Baumeister Esmann das Hoch auf den 
Kaiser in begeisterten Worten ausgebracht hatte. Baumeister Otto 
pries alsdann in gesetzter Rede den Vorsitzenden der Gruppe III, 
Regierungsrath Platz, der seinerseits auf das Wohl der Aussteller 
sein Glas leerte. Zuletzt sprachen noch der Landtagsabgeordnete 
Feilsch und Rathsmeister Otto, die dem vollendeten Werke alle 
Gerechtigkeit angedeihen liessen. — 
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Der Niederösterreichische Gewerbe-Verein in 
der Ausstellung. (Zweiter Tag.) Der Verein, dei 
gestern (Dienstag) Morgen zunächst die Eisengiesserei von Borsig. 
hierauf die Allgemeinen Elektricitüts-Werke in der Mauerstrasse 
besucht hatte, trat um 12 1 / 2 Uhr mittels Extradampfer die Fahrt 
nach der Ausstellung an, wo um l'/ 2 Uhr im Riesenzelt ein 
gemeinschaftliches Frühstück eingenommen wurde. In Ver 
tretung des erkrankten Vereinspräsidenten Herrn Harpke war der 
Vicepräsident Ritter von Matscheko aus Ischl hier eingetroffen, 
der von der Versammlung lebhaft begrüsst wurde und dem heute 
Abend stattfindenden Festbankett präsidiren wird. Nach dem 
Frühstück fand eine Besichtigung des Pavillons des »Berliner 
Lokal-Anzeiger« statt. Die Mitglieder des Gewerbe-Vereins, zun» 
grössten Theile Fabrikbesitzer und Techniker, zeigten ein ungemein 
lebhaftes Interesse für die Setzmaschinen und für die übrigen Ein 
richtungen unseres Pavillons. Sowohl die Arbeiten der Setz 
maschinen, wie auch die Functionen der Druckerpressen liessen 1 
sie sich genau erklären und sprachen als Sachverständige ihr? 
höchste Bewunderung über den grossartigen Betrieb aus.
	        
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